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Filmwelten

Teil 6

Der traditionelle Western verblasst

In den 60er Jahren schien es, dass die Filmstudios einiges von den Lehren Manns und Boettichers über die Bedeutung und den Umfang des Western vergessen hatten. Als Ergebnis dessen offerieren sie uns Filme wie »The Alamo« (1960), »How the West Was Won« (1962) und »The Magnificent Seven« (1960), die recht übertrieben wirken. Mit den alternden Stars und Regiesseuren fing der Western als wichtiges amerikanisches Genre an, im Filmgeschäft blasser zu werden. Nach »The Man Who Shot Liberty Valance« (1962) produzierte John Ford nur noch den Film »Cheyenne Autumn« (1964). Hawks schien nur noch daran interessiert zu sein, Variationen der Rio-Bravo-Story in »El Dorado« (1966) und »Rio Lobo« (1970) abzudrehen. Delmer Daves, welcher mehrere gute Western produzierte, entschied sich für Seifenopern. Boetticher richtete seinen Blick nach Mexiko. Mann verließ den historisch-epischen Western. Stars wie Wayne, Fonda und Stewart sah man ihr Alter an, dem Western fehlte frisches Blut.

Zur gleichen Zeit erschienen solche Western mit fraglicher Aufrichtigkeit und Offenheit wie zum Beispiel »The Misfits« (1961) und »Lonely Are the Brave« (1962), die mit dem gewohnten Bild des amerikanischen Cowboys brechen. Die Zahl der produzierten Western war gegenüber der vorangegangenen Dekade so niedrig wie nie. Wurden im Jahr 1953 noch 90 Filme produziert, waren es 1963 gerade mal 11. Der Hollywood-Western wurde verwundbar.

Die entscheidende neue Entwicklung des Genre Western fand nicht in den USA, sondern in Italien statt, wo Sergio Leone und Clint Eastwood die Legende des MAN-WITH-NO-NAME in einer Reihe von stilisierten Western wie »A Fistful of Dollars« (1964), »For a Few Dollars More« (1965) und »The Good, the Ugly, the Bad« (1966) schufen. Charakteristisch für solche Filme sind Sets in gottverlassenen, trockenen und schmutzigen mexikanischen Dörfern. In Leones Filmen dominieren ungewaschene, unrasierte Outlaws, welche wie Herkules durch die Straßen der Stadt stolzieren. Clint Eastwood spielt zu dieser Zeit seine Rollen wie ein lakonischer Engel des Todes: Er schiebt seinen Umhang zurück, unter welchem sein Holster zum Vorschein kommt, saugt an einem schwarzen Stumpen, schielt unter seinem Hut hervor, während Ennio Morricones Musik wie eine Peitsche knallt.

Mit den Bestandteilen des Western wie eine Katze mit der Maus spielend dehnte Sergio Leone die Filmdauer auf ein absurdes Maß aus. Der Vorspann von »Once Upon a Time in the West« (1968) zum Beispiel ist fast 15 Minuten lang. Er zeigt nicht mehr als drei Revolverhelden, die auf einen Zug warten. Dies ist jedoch eine der großen Sequenzen, die in die Westernfilmgeschichte eingingen.

Auf der Grundlage amerikanischer Western wie »Vera Cruz« (1954) - Robert Aldrichs Geschichte über Gier und das Vermögen, allen anderen stets eine Nasenlänge voraus zu sein -, »40 Guns« (1957) - Samuel Fullers Drama stilistischer Hysterie mit Barbara Stanwyck als Führerin einer Armee von Revolverhelden - oder »The Magnificent Seven« (1960) - ein Remake von Akira Kurosawas »Die Sieben Samurai« (1954) als Ausgangspunkt begegneten die europäischen Filmemacher den Westernbräuchen mit einer absurden Übertreibung, in der traditioneller Idealismus durch Zynismus, Materialismus und Realitätsfremde weitab menschlicher Fähigkeiten ersetzt wurde. Die Italo-Western trieben diese Absurdität auf die Spitze. Da kann schon mal Henry Fonda in »My Name is Nobody« (1973) eine ganze Armee auslöschen.

Die einzigen amerikanischen Filmemacher, die mit den Europäern in dieser Zeit im Wettbewerb standen, waren Monte Hellman und Sam Peckinpah. Hellmann, der mit Jack Nicholson zusammenarbeitete, produzierte zwei große existenzielle Western: »The Shooting« (1967) und »Ride in the Whirlwind« (1965). Peckinpah brillierte mit »Major Dundee« (1965), »The Wild Bunch« (1969), »The Ballad of Cable Hogue« (1970) und »Pat Garrett and Billy the Kid« (1973). Sam Peckinpahs »The Wild Bunch« verkörpert den klassischen amerikanischen Western der späten 60er Jahre. Obwohl einerseits aufgrund extremer Slow-Motion-Szenen von Gewalt, in denen sehr viel Blut spritzt, kritisiert und andererseits gelobt, zog »The Wild Bunch« gleichermaßen die Aufmerksamkeit der Kritiker und des Publikums auf sich.

»Ich wollte zeigen, was zum Teufel passiert, wenn man erschossen wird«, erinnerte sich Sam Peckinpah. Die Helden von »The Wild Bunch« sind alternde Outlaws, die sich weigern, die Chance eines Neuanfangs zu nutzen, selbst dann, wenn dies das Überleben bedeutet.
Einige gute Western wurden nach »The Wild Bunch« noch gedreht, doch vom alten Geist war kaum noch etwas vorhanden. Und die neuen Western erreichten nicht das Publikum - mit einer bemerkenswerten Ausnahme, die Filme mit Clint Eastwood.
Nach seinen Spaghetti-Western wirkte Eastwood in zwei weiteren Filmen der MAN-WITH-NO-NAME-Reihe als Marshal Jed Cooper in »Hang 'em High« (1968) und als The Stranger in »High Plains Drifter« (1973) mit. Diese Filme waren Kassenschlager, aber der stärkste Hinweis auf die Zukunft des Westernfilms kam in »Coogan's Bluff« (1968), wo Clint Eastwood als Arizona-Deputy nach New York beordert wird, um den entflohenen Killer James Ringerman zurückzuholen. Bei der Umsetzung der MAN-WITH-NO-NAME-Filme bis in die Neuzeit hinein ergaben sich für ihn einige Möglichkeiten, doch mit »Dirty Harry« (1971) war für Eastwood als Police Inspector Harry Callahan ein Ende in Sicht. Nach »High Plains Drifter« sieht man Clint Eastwood in den nächsten zwanzig Jahren nur noch zwei Western.

In den 70er Jahren kamen eine Reihe revisionistischer Western auf, welche den Mythos des realistischen Lebens der Frontier zum Inhalt hatten. Solche Filme sind unter anderem »The Culpepper Cattle Co.« (1972), »The Great Northfield Minnesota Raid« (1972) und »The Long Riders« (1980).
Überall war das Ende des klassischen Western spürbar, nicht nur auf der Leinwand, sondern auch im realen Leben. Viele der bekannten Filmemacher und Westernstars starben, so John Ford, Howard Hawks, Henry Hathaway, Henry King, Jacques Tourneur, Raoul Walsh, Delmer Daves und King Vidor. John Wayne starb im Jahr 1979 und mit ihm ein großer Teil des amerikanischen Glaubens an den Western. Ohne die Beteiligung dieser alten Meister hat man das Gefühl, neue Filme im Genre Western aus zweiter Hand angeboten zu bekommen.

Im siebten Teil von Mythos Western gibt es etwas über das Überleben des Western.

Text- und Bildquellen:

Copyright © 2010 by Wolfgang Brandt

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