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Filmwelten

Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten


Abb. 1

Einleitung:
Vorurteile und Stereotypen sind von jeher nicht nur unschöne Begleiterscheinungen des menschlichen Miteinanders gewesen, sie dienten auch immer wieder den Komikern als Transportmittel für ihre auf humoristische Art und Weise begründeten Weltansichten.
Jener Film, den ich mir diesmal für meine ganz persönliche Betrachtung ausgesucht habe, ist ein Musterbeispiel dafür, wie man nationale Vorurteile nicht nur überzeichnen kann, um andere zu verletzen, sondern dies lediglich ganz liebevoll vorzuführen, um somit zu einem gegenseitig unverkrampfteren Verständnis zu gelangen.
»Those magnificiant men in their flying machines« lautet der englische Originaltitel jenes Films, der weite Teile meiner Kindheit begleitet und geprägt hat. Sein deutscher Titel klingt nicht weniger pompös: »Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten«
Bereits als kleiner Junge, zu einer Zeit, da ich bei weitem noch nicht die Tragweite dessen, was hierin porträtiert wurde erfassen konnte, faszinierte mich dieser Film, einerseits dank seiner wohldosierten Slapstickeinlagen, andererseits wegen seiner liebevollen Darstellung menschlichen Konkurrenzdenkens- und kampfes.

Die Story:
Im Jahr 1910 beschließt der etwas britisch überkandidelte und steife Lord Rawnsley; gespielt von dem unverwechselbar karikativen Robert Morley, dass seine Zeitung ein Wettrennen der Flieger der Welt von London nach Paris veranstalten sollte, um der Welt endlich zu beweisen, dass Britannien nicht nur zu Wasser die Welt beherrschen könne; »rule Britannia Britannia rule the waves«; sondern auch zur Luft. Der angenehme Nebeneffekt dieses marktwirtschaftlichen Geniestreichs soll eine Auflagensteigerung seiner Tageszeitung sein.
So lädt er Piloten aus aller Welt zu sich ein, nicht ohne zu bemerken, dass das schreckliche an diesen internationalen Veranstaltungen die Präsenz von so vielen Ausländern sei und setzt gleichzeitig sein vollstes chauvinistisches Vertrauen in den auserkorenen Schwiegersohn und seines Zeichens Offizier Seiner Majestät; Richard Mays (James Fox); dass dieser selbstredend den Titel für sein Vaterland nach Hause bringen wird.
Um das Kräftemessen interessanter zu gestalten, wird ein hohes Preisgeld ausgelobt, welches unter anderem auch den vollkommen abgewrackten und in seiner burschikosen Art derart ungentlemanlike wirkenden Cowboy, Orvil Newton, anlockt, was für einige Probleme sorgen soll und dies nicht nur im sportlichen Sinne. So wirkt Newton, gespielt von Stuart Whitman, nicht nur durch seine wohlig amerikanische Lässigkeit wie ein Dorn im Fleische des britischen Lords und der sprichwörtlichen »stiff upperlip«, sondern dessen ganzes Gehabe gemahnt den britischen Imperialismus sein Scheitern in seiner ureigensten und wichtigsten Kolonie niemals zu verdrängen.
Doch nicht nur die Vertreter der angelsächsischen Welt dürfen ihre kleinen und großen Ressentiments gegenüber ihren »Brüdervölkern« austragen; denn nicht allein Yankee und Tommi stehen sich gegenüber, sondern auch Paddy und der gute alte Schottenrock tummeln sich auf dem Felde der gegenseitigen Bezichtigungsklagen nationalistischer Überheblichkeit. Selbstredend darf bei einem solchen Film, der von Vorurteilen und nationalen Ressentiments lebt, demnach nicht der Bruderkonflikt zwischen Deutschen und Franzosen fehlen.
Während unsere Nachbarn im Westen, verkörpert durch den unverwechselbar französischen Jean-Pierre Cassel in der Rolle des Piloten, Claude Dubois, sich stets durch ihr savoir vivre und ihre unaufhaltsame Triebhaftigkeit hervortun, stolziert die deutsche Delegation im Stechschritt und unter den Klängen scheppernder Marschmusik, Paragraphen-&Vorschriftenverliebt über das Flugfeld. Gert Fröbes Darstellung des pickelhaubenbewehrten Oberst Manfred von Holstein, der sich auch nicht ziert in schwarz-weiß-rot gestreiftem Badeanzug vom französischen Humor vorführen zu lassen, ringt nicht nur einmal dem aufmerksamen Betrachter ein selbstironisches Lächeln ab, im Gegenteil, es kann sich durchaus zu einem herzhaften Lachanfall auswachsen. Vor allem dann, wenn man Zeuge eines ungewöhnlichen Duells mit Vorderladern und Ballons über den Rieselfeldern des Veranstaltungsortes wird. Da bleibt kein Auge trocken.
Doch spart der Film auch nicht an dem notwendigen Bösewicht, der den Nationenkonflikt, der bereits sehr herzhaft auf die Lachmuskeln wirkt und zusätzlich würzt Sir Percy Ware-Armitage, gespielt von Terry Thomas, der einmal mehr sein komödiantisches Talent hat unter Beweis stellen können, versucht dem eigenen Glück auf die Sprünge zu helfen, indem er mit Hilfe seines erzwungen treuen Dieners, Courtney, gespielt von Eric Sykes, die Bemühungen seiner Kontrahenten systematisch sabotiert. So werden die Drahtseile am Flugzeug des Japaners Yamamoto derart angesägt, dass sie beim ersten Start reißen, so dass sich das Flugzeug spatengleich in den Boden rammt.
Doch dies rächt sich am Ende, schließlich will der Film nicht den Anspruch ernüchternder Realitätstreue erheben, sondern gute Unterhaltung bieten, ergo wird das Böse bestraft und das Gute und Ritterliche siegt am Ende.
Bei meiner Betrachtung sollte aber auch nicht der italienische Kinderreichtum und die Liebe zur operettenhaften Theatralik fehlen, die so unvergleichlich in der Figur des Emilio Ponticelli (Alberto Sordi) verkörpert wird. Selten hat die Filmgeschichte einen derartig glücklosen Antihelden zu Gesichte bekommen, der am Ende gerade wegen seiner komisch-tragischen Funktion in gewisser Weise das Rennen macht.
Das Rennen beginnt in London, führt die Kontrahenten nach Dover und von dort wird dann der große Sprung über den Kanal nach Calais gewagt; heute eine unvorstellbar kurze Distanz, doch zu jener Zeit, da der Film spielt, war dies eine beachtliche Leistung, auch wenn Sir Percy meint, auch hierbei nicht den Kräften der Aerodynamik vertrauen zu müssen, sondern es vorzieht, gegen die Spielregeln zu verstoßen, ein Boot zu mieten und bei »Nacht-und Siehmichnicht« sein Fluggerät übersetzen zu lassen.
Auch wenn ihm, im Gegensatz zu seinem deutschen Gegenspieler, dem der Überflug dank der Konfrontation mit einer Gans misslingt und das, obwohl es nach eigenem Bekunden des preußischen Vorzeigeoffiziers, es nichts gäbe, was ein deutscher Offizier nicht kann, die Überquerung geglückt ist, hält die Freude über diesen Erfolg nicht lange vor.


Abb. 2

Denn wenn moderne Navigationshilfsmittel nicht zur Hand sind und man sich deshalb auf den Gleisstreckenverlauf konzentrieren muss, kann es zu so manch unangenehmen Überraschungen kommen.
Nachdem sich nach der Überquerung die Reihen sichtlich gelichtet haben und nur noch ein harter Kern übriggeblieben ist, rückt auch mehr der Konflikt zwischen den USA und England in Form des Kampfes der beiden Männer, um die Tochter Patricia des konservativ-steifen Veranstalters, Lord Rawnsley, in den Vordergrund und überschatten das faire sportliche Kräftemessen, was jedoch für den Zuschauer zusätzliche Lachmuskelreizungen bereithält.
Am Ende kommt der große Showdown über Paris, bei dem der selbstlose Amerikaner, in der, seiner Mutternation ureigensten weltretterischen Art, den sichergeglaubten Sieg zugunsten der Rettung seines italienischen Gegenspielers opfert, was den britischen Sieg zur Folge hat. Damit ist Albions Ehre wiederhergestellt und dennoch verzichtet der Sieger, Richard Mays, großmütig auf die alleinige Anerkennung und teilt sich den Sieg, wie auch die Frau, mit seinem amerikanischen »Bruder«. Happy End also und alle sind glücklich und der Zuschauer kann sich beruhigt zurücklehnen, denn Vorurteile haben dann doch scheinbar auch einen wahren Kern und vor allem müssen sie nicht immer zu einem kriegerischen Kräftemessen führen, sondern sind durchaus auch dazu geeignet, das Miteinander durch das Medium des Lachens zu fördern.

Fazit:
Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten ist ein Komikklassiker, der nicht zuletzt Dank seiner absoluten Starbesetzung, die bis in die kleinste Nebenrolle reicht (Red Skelton als Neandertaler, Benny Hill als Feuerwehrmann), ein Muss für jeden Freund ausgefeilter Satire, schwarzen Humors und urkomischer Slapstick sein sollte.

Technische Daten zum Film:

  • Deutscher Titel: Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten oder wie ich in 25 Stunden und 11 Minuten von London nach Paris flog
  • Originaltitel: Those Magnificent Men in their Flying Machines or How I Flew from London to Paris in 25 Hours 11 Minutes
  • Produktionsland: UK
  • Erscheinungsjahr: 1965
  • Länge: 138 Minuten
  • Originalsprache: Englisch
  • Altersfreigabe: FSK 6
  • Regie: Ken Annakin
  • Drehbuch: Ken Annakin, Jack Davies
  • Produktion: 20th Century Fox
  • Musik: Ron Goodwin
  • Kamera: Christopher Challis
  • Schnitt: Anne V. Coates, Gordon Stone

Darsteller:


Lord Rawsnley
(Brite, Veranstalter)

Robert Morley wurde am 26 Mai 1908 in Semley Wiltshire geboren. Seine Schulzeit verbrachte er in England, Deutschland, Frankreich und Italien. Dank seiner polyglotten Erziehung sahen seine Eltern eine diplomatische Laufbahn für ihn vor, jedoch wollte Robert lieber den Weg eines Schauspielers einschlagen. So besuchte er mit Erfolg die Royal Academy of Dramatic Art und war von 1929 - 1938 vornehmlich auf den Bühnen Londons zu sehen. Nachdem er 1938 erstmals im Fernsehen aufgetreten war (in der Rolle Ludwig XVI.) folgte eine ganze Serie von Filmengagements, die ihn für dieses Medium »gefangenhielten«. Morley heiratet 1940 Joan Buckmaster, die Tochert von Gladys Cooper und hatte drei Kinder mit ihr.
Am 03. Juni 1992 starb Robert Morley an den Folgen eines Schlaganfalls.

Patricia Rawnsley
(Tochter des Veranstalters und Objekt der Begierde)
Sarah Miles wurde am 31. Dezember 1941 in Ingatestone Essex geboren. Ihr Bruder ist der Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Christopher Miles. Sarah machte ihren Abschluss an der Royal Academy of Dramatic Art.
In den 60er Jahren war sie mit dem Schauspieler James Fox liiert.
Sarah Miles. war zweimal mit dem Autor Robert Bolt verheiratet, zuletzt bis zu seinem Tod 1995.
Sarah leidet unter Lese-Rechtschreibschwäche.

Richard Mays
(Brite, Pilot, auserkorener Ehemann für Patricia)
James Fox wurde als zweiter von drei Söhnen am 19 Mai 1939 in London geboren. Sein Vater war der Theateragent Robin Fox und seine Mutter die Schauspielerin Angela Worthington bekannt als Angela Fox. James begann bereits als kleiner Junge auf der Bühne Karriere zu machen. Er ist verheiratet und hat vier Kinder.

Orvil Newton
(Amerikaner, Vorzeigecowboy)

Stuart Whitman wurde am 01. Februar 1928 in San Francisco, California als Sohn eines Immobilienmaklers geboren. Er studierte an der Los Angeles Academy of Dramatic Art und begann zunächst seine Karriere mit kleineren Fernsehrollen. Dank seiner Sportlichkeit und seines Aussehens wurde er bald entdeckt und zu einem richtigen Hollywood-Star gemacht. Er war zweimal verheiratet und hat fünf Kinder.

Sir Percy Ware-Armitage
(Brite, Musterbösewicht)
Terry Thomas wurde am 14. Juli 1911 in Finchley London geboren. Seinen Künstlernamen, der meist mit Bindestrich geschrieben wird, führt sich auf sein Markenzeichen, eine ausgeprägte Zahnlücke, zurück. Oftmals trat Thomas als Bösewicht auf den Leinwänden und Bildschirmen der Welt in Erscheinung, jedoch konnte er auch seiner ausgeprägt humoristischen Ader nachkommen, indem er in Filmen wie »Die große Sause« an die Lachmuskulatur seines Publikums appellierte.
Terry Thomas starb am 08. Januar 1990 in Surrey in Folgen der Parkinson-Krankheit.

Courtney
(Brite, willfähriges Werkzeug)
Eric Sykes wurde am 04. Mai 1923 in Oldhalm Lancashire geboren. Eric begann seine Karriere als Schreiber von Radio Sendungen. Trotzdem er darunter leidet, sehr schlecht hören zu können, hat er ein natürliches Gespür für sein komödiantisches Timing. Er trägt immer eine Brille, die jedoch keine Gläser haben, sondern lediglich seine Hörgeräte verbergen. 2002 erlitt Eric einen Hirnschlag und musste sich einer Bypass-Operation unterziehen.

Count Emilio Ponticelli
(Italiener, Vorzeigekatholik)
Alberto Sordi wurde am 15 Juni 1920 in Rom geboren. Sein Vater war Tuba-Spieler am Opernhaus von Rom. Alberto selbst war als kleiner Junge Sänger am Chor der Sixtinischen Kapelle, ging aber schon bald an das Theater von Mailand um dort seine Schauspielerausbildung zu beginnen. Seine Rollen waren vielschichtig, aber besonders sein komödiantisches Talent wurde immer wieder hervorgehoben.
Sordi hat nie geheiratet und wurde von jenen, die ihn kannten, auch als eher introvertierter, zurückgezogener und ruhiger Mensch beschrieben. 2002 zog er sich nach 190 Filmrollen aus dem Geschäft zurück und erlag nur ein Jahr später einem Herzinfarkt.

Pierre Dubois
(Franzose und Filou)
Jean-Pierre Cassel wurde 27. Oktober 1932 als Sohn eines Arztes und einer Opernsängerin in Paris geboren. 1957 wurde Cassel von Gene Kelly entdeckt und erstmals für einen Film gecastet. Hiernach begann seine steile Karriere als Schauspieler, die ihn an die Seite von namhaften Darstellerinnen wie Brigitte Bardot, Catherine Deneuve und anderen brachte. Cassel war zweimal verheiratet, hatte vier Kinder von denen zwei in die Fußstapfen des Vaters traten.
Am 19. April 2007 starb Cassel in seiner Heimatstadt Paris an Krebs.

Oberst Manfred von Holstein
(Deutscher und Vorschriftenreiter)
Gert Fröbe wurde am 25. Februar 1912 in Oberplanitz, dem heutigen Zwickau, geboren. Schön früh begann Fröbe, der nicht nur ein außergewöhnlicher Schauspieler, sondern auch ein überaus talentierter Violinist war, sein Können als Komiker unter Beweis zu stellen. Wirklich bekannt würde Fröbe allerdings durch seine Rolle als Bösewicht in dem James Bond Film »Goldfinger«. In Deutschland war Fröbe vor allem wegen seiner Verkörperungen »deutscher Urgesteine« bekannt und beliebt. Fröbe starb am 05. September 1988 in München an einem Herzinfarkt.

Hauptmann Rumpelstoss
(Deutscher und Klohocker)
Karl Michael Vogler wurde am 28. August 1928 in Remscheid als Sohn eines Schmiedes geboren. Nach dem Abitur begann er seine Ausbildung am Theater. In den 50er Jahren verdingte sich Vogler vor allem als Bühnenschauspieler, u.a. an den Münchner Kammerspielen. Anfang der 60er Jahre entdeckte er das Fernsehen für sich und nahm vor allem in den 70er Jahren verstärkt an internationalen Kinoproduktionen teil. Im Laufe der Jahre wurde er zu einem der beliebtesten deutschen Schauspieler und wirkte in mehr als 300 Fernsehrollen.
Karl Michael Vogler starb am 09. Juni 2009 in seinem Haus am Staffelsee.

Brigitte, Ingrid, Marlene, Francoise, Yvette, Betty
(Multinational und Frankreichs Liebling)
Irina Demick wurde am 16. Oktober 1936 in Pommeuse (Frankreich) geboren. Demick hatte ihre schauspielerische Blütezeit in den 60er Jahren. Anfang der siebziger wurde sie immer mehr in seichten Rollen unter anderem »Die Weibchen« einer deutschen »Sexkomödie« verheizt. 1972 spielte sie ihre letzte Fernsehrolle in einem Horrorfilm. Irina Demick starb am 08. Oktober 2004 in Indianapolis.
und viele andere  

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Quellen:

Bildnachweis:

© Florian Kayser

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