
Filmwelten - Westernfilme


The Great Train Robbery
Wenn man in der Geschichte des Films zu den Anfängen und Besonderheiten amerikanischer Filmproduktionen vorstoßen möchte, kommt man nicht umhin, Firmen wie Edison Co., Biograph und Vitagraph zu erwähnen. In den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts waren die Inbesitznahme von Indianerland, die Goldsucherzeiten, die Bandenkriminalität auf dem Lande noch blutige Realität. Dem amerikanischen Volk wurden mithilfe der Kinematographen Moral und Werte, Heimatverbundenheit und Männlichkeit suggeriert. Streifen wie Buffalo Bill and Escort (1897) oder Buffalo Bill´s Wild West Parade (1901) entwickelten sich zum Konsumgut pragmatischer amerikanischer Denk- und Handlungsweisen.
Einen Meilensteine in der Filmgeschichte stellt der narrative Film Der große Eisenbahnraub dar, produziert und gedreht von Edwin S. Porter, einem ehemaligen Kameramann Thomas Edisons. Der Streifen mit 14 Szenen ist circa 12 Minuten lang. Gedreht wurde im November 1903 an verschiedenen Schauplätzen: in Edisons Studio in New York, im Essex County Park in New Jersey und entlang der Lackawanna Railroad. Am 1. Dezember 1903 erlebte der Film in den USA seine Uraufführung.
Der Vorläufer für das Westernfilmgenre basiert auf einer gleichnamigen Geschichte von Scott Marble aus dem Jahr 1896. Der Titel des Films ist identisch mit einem populären zeitgenössischen Bühnenmelodrama, welches der Journalist A. H. Woods 1879 nach einem tatsächlich stattgefundenen Überfall auf die Eisenbahn der Union Pacific am 19. September 1877 bei Big Strings, Texas, verübt durch die Sam-Bass-Bande, verfasste. Unter den Zuschauern befand sich Thomas Alva Edison, welcher in seiner Jugendzeit zwischen 1859 und 1862 auf der Grand Trunk Railway zwischen Fort Gratiot (Heutiges Port Huron) und Detroit Zeitungen, Obst und Süßigkeiten verkaufte.
Den Film Der große Eisenbahnraub kann man als populärsten und kommerziell erfolgreichsten Film der Pre-Nickelodeon-Ära ansehen. Er etablierte die Vorstellung, dass der Film sich als ein kommerziell tragfähiges Medium entwickeln könnte.
Mit einer Handvoll Outlaws, einem gekaperten Zug, Waffen und Blei und einer Prise Wilder Westen wagte sich Edwin S. Porter an ein bis dahin unbekanntes Genre, genau 10 Jahre, nachdem der Historiker Frederick J. Turner in einem für Aufsehen erregenden Vortrag die Frontier für geschlossen und die amerikanische Nation stolz für endgültig etabliert erklärte: »What the Mediterranean Sea was to the Greeks, breaking the bond of custom, offering new experiences, calling out new institutions and activities, that, and more, the ever retreating frontier has been to the United States directly, and to the nations of Europe more remotely. And now, four centuries from the discovery of America, at the end of a hundred years of life under the Constitution, the frontier has gone, and with its going has closed the first period of American history.«
Porter ließ sich für den Plot von einer wahren Begebenheit inspirieren, die am 29. August 1900 stattfand, als vier Mitglieder der berüchtigten Hole in the Wall-Bande von George Leroy Parker (Butch Cassidy) den Zug Nr. 3 der Union Pacific Railroad am Table Rock in Wyoming stoppten. Die Banditen zwangen den Lokführer, die Personenwagen vom Rest des Zuges abzukoppeln. Sie sprengten den Safe im Postwagen und entkamen mit ungefähr 5.000 Dollar.
Die Filmemacher verwendeten eine Reihe von innovativen Techniken, von denen viele zum ersten Mal zum Einsatz kamen. Die Kamera bewegte sich, wagte schon einen Schwenk, zwei Handlungen liefen parallel, am Schluss eine Totale. Es war der erste Film, in welchem durch Schüsse jemand zum Tanzen gezwungen wurde - eine oft wiederholte, klischeehafte Handlung in vielen Western. Auch das Herunterwerfen des Heizers vom fahrenden Zug (ersetzt durch einen Dummy, mit einem Jump-Cut in Szene 4) war ein Novum in der Filmgeschichte.
In 14 Szenen wird die Geschichte in mehreren Handlungssträngen erzählt, mit Elementen, die immer wieder in vielen nachfolgenden Western kopiert wurden: ein Zugüberfall, ein kühner Raub mit Gewalt und Tod, begleitet von einer eilig zusammengesetzten Posse und die Ergreifung der Banditen nach einem Showdown in den Wäldern. Als erster Cowboystar des Westernfilms spielte Gilbert M. Broncho Billy Anderson in Der große Eisenbahnraub mehrere Rollen: ein Bandit, ein Passagier, der in den Rücken geschossen wurde, und einen Tänzer. Der außergewöhnliche Film wurde mit der gleichen Art von Fanfare eröffnet, welche Sam Peckinpahs The Wild Bunch viele Jahre später ebenfalls enthielt.
Am Ende eine schockierende Sequenz: Der den Bandenführer spielende Georges Barnes feuert aus seinem Revolver in die Kamera, damit direkt in das Publikum. Gerade diese Szene brachte vielleicht einen besonderen Kick bei den Zuschauern hervor, wie man sich unmittelbar davor fühlt, erschossen zu werden. Es war sicherlich dieser Szene zu verdanken, dass die Kinokassen klingelten.
Im gleichen Jahr verwendete Edwin S. Porter in The Gay Shoe Clerk diese Nahaufnahme in einer Schuhverkaufsszene.
Quellen:
- Lutz Haucke: Film – Künste – TV-SHOWS, RHOMBOS Verlag, Berlin 2005
- Frederick Jackson Turner: The Frontier In American History, März 1920
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