
Filmwelten

Sasori - Zwischen Kunst und Provokation
Eine Filmbetrachtung von Max Pechmann
Die Protestbewegungen der 1970er Jahre machten auch nicht vor Japan halt. Ähnlich wie in den USA und Europa gründeten sich in dem Inselstaat Studentenbewegungen, die gegen Vietnam, gegen die Regierung und gegen sexuelle Ungleichheit demonstrierten. Besonders der letztgenannte Punkt führte Anfang der 70er Jahre zur sogenannten »Lib-Bewegung«, einer Gruppe von Frauen, die für Gleichberechtigung kämpften. Zwar gab es seit 1947 ein Gesetz, das die Gleichstellung zwischen Mann und Frau regelte, doch in der Realität sah dies nun einmal anders aus. Frauen erhielten schlecht bezahlte Jobs, wurden aus nichtigen Gründen gefeuert und mussten sich dem in Japan herrschenden Patriarchat unterordnen. Die sozialen Bewegungen aus den westlichen Ländern lieferten sozusagen die Initialzündung, um auf diese Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen.
Bei den Begriffen Protest und Kritik wird besonders ein Genre schnell hellhörig: das des Trashs. Darunter versteht man in der Regel Filme mit niedrigem Budget und äußerst skurriler Handlung. Trash ist eigentlich ein Genre übergreifender Begriff. Er betrifft sämtliche Bereiche, vom phantastischen bis zum erotischen Film. Besonders Horrorfilme werden gerne als Trash bezeichnet. Erst seit wenigen Jahren beginnen sich Kritiker ernsthafter mit diesem Thema auseinanderzusetzen und finden - was Trash-Fans längst wissen - plötzlich Aspekte der Kunst in vielen dieser Filme.
Doch zurück zu den 70er Jahren. Es waren Horrorfilme, welche die Gesellschaftskritik aufnahmen und auf überzogene Weise wiedergaben. Nacht der lebenden Toten, Last House on the Left oder auch Texas Chainsaw Massacre zeigten die USA nicht mehr durch eine rosarote Brille, sondern lieferten das Bild einer völlig degenerierten Gesellschaft. Sie machten darauf aufmerksam, dass etwas nicht stimmt und dass dieses Etwas nicht von den Sowjets verursacht wurde (wie in den 50ern noch auf paranoide Weise angenommen), sondern durch die Gesellschaft selbst.
Kehren wir zurück nach Japan. Anfang der 70er Jahre. Ein Blick ins damalige Kinoprogramm gibt Aufschluss darüber, dass etwas Ähnliches auch dort geschah. Das Trash-Genre nahm die Kritik der Protestbewegungen in seine Filme auf. Das Ergebnis ist etwas anders als in den westlichen Ländern und doch wieder ähnlich. Man stelle sich eine Frau als Hauptfigur eines japanischen Filmes zu Beginn der 70er Jahre vor. Thomas Venker schreibt in seinem Booklet zu Lady Snowblood, dass diese Idee genauso viel Aufsehen erregte wie 1969 Romeros Night of the Living Dead, in dem ein schwarzer Schauspieler die Hauptrolle übernahm. Es galt bis dahin als ein Ding der Unmöglichkeit und wurde schlicht und ergreifend als Provokation betrachtet. Nun, in Japan übernahm sozusagen die Frau die Rolle des Schwarzen.
Damit war Sasori - Der Skorpion geboren. Sasori bedeutet in der Tat Skorpion. Der Name passt, denn die Frau, um die es geht und die in Gefängniszelle 701 auf Rache sinnt, ist alles andere als eine feine Dame. Sie wurde von ihrem Freund, einem Drogenfahnder, hintergangen und ins Gefängnis geworfen, in den, wie es heißt, »härtesten Knast Japans«. Dort muss sie die schlimmsten Demütigungen über sich ergehen lassen, bis sie endlich die Möglichkeit zur Rache bekommt. Regisseur Shun’ya Ito griff somit die Kritik der Protestbewegungen auf. In Sasori rächt sich eine Frau an der Männerwelt. Das Patriarchat wird infrage gestellt und ordentlich durchgeschüttelt, bis auch der letzte Peiniger seine Strafe erhalten hat. Als schwarz gekleidete Siegerin schreitet Sasori (mit »bürgerlichem Namen« Nami Mitsushima) von dannen, aber nicht ohne vor dem Fade Out einen ironischen Blick zurück in die Kamera bzw. auf den Zuschauer zu werfen.
Gerne wird Sasori schlicht zu den »Frauengefängnisfilmen« gezählt. Doch wird dies meiner Meinung nach diesem Film nicht gerecht. In der Regel sind die sogenannten »Knastjulenfilme« eher den reinen Erotikfilmen zuzurechnen. Auch die Machart dieser Filme ist im Vergleich zu Sasori einfach und teils amateurhaft. Sasori hingegen weist einen sehr hohen Kunstgehalt auf. Teilweise dem Expressionismus verschrieben, reicht die Produktion ins Surreale und überschreitet damit die Grenzen zwischen Thriller und Horror. Lässt man sich auf diesen Film ein, so wird man von einem vortrefflichen Spiel origineller Kameraperspektiven überrascht. Die Farbgebung erinnert teilweise an die Filme Mario Bavas. Die für die Rückblenden arrangierten Kulissen funktionieren wie auf einer Theaterbühne. Natürlich steht die Gewalt im Vordergrund und wird teils bis an die Grenze des Erträglichen gesteigert. Das muss sein, da nur so die pervertierten Gefängniswärter charakterisiert werden können und somit die Männlichkeit infrage gestellt wird. Genau hier kommen die Aspekte der Frauenbewegung zum Tragen. Es ist also eine Mischung aus Kunst oder auch Arthouse und Exploitation, was sich hier dem Zuschauer bietet. Klaumeister Quentin Tarantino bediente sich von diesem Film unerbittlich für Kill Bill. Man muss ihm allerdings zugutehalten, dass er auf die Originalfilme hinwies.
  
Sasori - The Scorpion folgten drei weitere Produktionen: Sasori - Jailhouse 41, der sich auf einen ins Surreale und Groteske gesteigerten Fluchtversuch bezieht, Sasori - Den of the Beast, in dem Sasori zum ersten Mal in Freiheit lebt, und Sasori - Grudge Song, der Sasoris Rache vollendet. Bezeichnend für Nami Mitsushima ist, dass sie so gut wie nichts spricht. Die Qualen lässt sie wortlos über sich ergehen. Die Rache vollzieht sie beinahe in einem ebensolchen Schweigen. Nur im letzten Teil spricht sie: »Nicht ich habe dich getötet, sondern die Sasori, die dich geliebt hat.« Ein wunderbares Paradoxon, das sie dem Zuschauer mit auf den Weg gibt.
Die japanische Schlagersängerin Meiko Kaji passte mit ihrem melancholischen Gesichtsausdruck und ihren stechenden Augen hervorragend in diese Rolle. Sie zählt zu den bekanntesten Exploitation-Darstellerinnen der 70er Jahre. 1973 spielte sie Lady Snowblood in dem gleichnamigen Film, in dem es ebenfalls um eine Frau geht, die rächend durch die Lande zieht, allerdings hundert Jahre vor Sasori. Auch dieser Film steht im Zeichen der Frauenbewegungen der 70er Jahre.
Heutige Filmfrauen morden sich als gruselige Gespenster durch die japanische Gesellschaft des Trash-Genres. Auch wenn die Machart eine völlig andere ist, so ist die Ambition dieselbe wie damals: die Forderung nach mehr Gleichberechtigung. Solange diese nicht erreicht ist, werden die Nachfolgerinnen von Sasori noch viel zu tun haben.
Die Filme:
- Sasori - Scorpion (1972)
- Sasori - Jailhouse 41 (1972)
- Sasori - Den of the Beast (1973)
- Sasori - Grudge Song (1973)
(Hinweis: Mitte der 70er Jahre wurden zwei weitere Filme produziert, allerdings ohne Meiko Kaji; 2008 folgte ein Remake mit dem Titel Sasori, der jedoch dem Original in keiner Weise gerecht wird. Die Originalfilme sind in Deutschland mit FSK 18 freigegeben)
Quellen:
- Pechmann, Max (2010). Schrecken als Sozialkritik. Der postmoderne Horrorfilm am Anfang der 70er Jahre. In: Phantastisch!, 2/2009.
- Venker, Thomas (2009). A Fantastic Samurai Revenge Movie. Booklet zur DVD Lady Snowblood, erschienen bei rapid eye movies.
Internetquellen:
Bild-Quellen:
Copyright © 2011 by Max Pechmann
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