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FLASH FORWARD – Das vorprogrammierte Desaster einer genialen Serie
Eines gleich vorweg.
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Flash Forward basiert auf dem gleichnamigen Roman des Autors Robert J. Sawyer (auf Deutsch bei Heyne unter dem Titel »Flash« erschienen, ISBN 9783453523708)
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Die Serie hat mit dem Buch, abgesehen von der Ausgangssituation, nur marginal bis eigentlich gar nichts zu tun.
Das Grundkonzept verspricht eine spannende, abwechslungsreiche und zum Mitdenken anregende Serie. Aufgrund eines zu Beginn mysteriösen Phänomens fallen am 6. Oktober 2009 weltweit alle Menschen gleichzeitig für genau 137 Sekunden in Ohnmacht. Während der 137 Sekunden erlebt jeder Mensch eine Vision, die ihm einen Blick in seine Zukunft gewährt. Wie sich bald herausstellt, handelt es sich dabei um den 29. April 2010 um exakt 22 Uhr. Nach Ende des Blackouts bricht das Chaos aus. Aufgrund von Unfällen sind in diesen 137 Sekunden mehr als 20 Millionen Menschen gestorben. Für weitere Unsicherheit sorgt, dass niemand weiß, ob es sich bei den Visionen um unabänderliche Ereignisse handelt oder nur um Phantasien.

So weit, so gut. Bis hierhin wandeln Buch und Serie auf gleichen Pfaden, auch wenn sich die genauen Datumsangaben ein wenig unterscheiden. Danach bewegt sich die Serie in eine völlig andere Richtung, was grundsätzlich auch gut so ist, denn der Roman hätte, bei all seinen Qualitäten, niemals ausreichend Stoff für eine länger andauernde Serie hergegeben. So behandelt der Roman im Weiteren, anhand einiger weniger Hauptcharaktere, wie sich die Visionen auf das Leben der einzelnen Menschen auswirkt und macht im letzten Abschnitt einen katastrophal peinlichen Schwenk in Richtung einer unsäglich schmalzigen und inspirationslosen 0815 Science Fiction Story.
Die Serie hingegen versucht sich an einer Mischung aus Thriller, Mystery und ein wenig Science Fiction. Eine gute Prämisse, die eine spannende und abwechslungsreiche Serie verspricht, von den Produzenten aber dermaßen konsequent und professionell in den Sand gesetzt wird, dass es sich dabei nur um Absicht handeln kann. Denn so viele Ausrutscher können nicht durch Zufall passieren.
Als erste Hauptcharaktere werden die FBI Agenten Mark Benford (Joseph Fiennes) und Demetri Noh (John Cho) eingeführt. Während Benford in seiner Vision erlebt, wie er versucht, die Rätsel des Blackouts zu lösen und dabei von maskierten Unbekannten in seinem Büro angegriffen wird, sieht sein Partner gar nichts. Schnell stellt sich heraus, dass es weltweit Menschen gibt, die keine Visionen hatten, da sie zum Zeitpunkt der Vision tot sein werden. Was Noh auch kurze Zeit später bestätigt bekommt, als eine unbekannte Frau ihn anruft und ihm mitteilt, dass sie in ihrer Vision Informationen über seinen Tod gelesen hat.
Um Informationen aus aller Welt zu sammeln, richtet das FBI eine Webseite (die Mosaik Seite) ein, in der jeder seine persönliche Vision eintragen kann. Die Agenten hoffen, damit ein komplettes Bild dessen zu bekommen, was am 29. April 2010 geschehen wird. Ziel der Ermittlungen ist es herauszufinden, wie es zu dem Blackout kommen konnte.

Mit dieser Prämisse beendet Flash Forward den Pilotfilm und steigt direkt in die Serienhandlung und damit das programmierte Desaster ein. Schon zu Beginn verzettelt sich die Serie in unnötigen Nebenhandlungen. Neben den erkennbaren Hauptcharakteren werden auch die Erlebnisse einiger anderer Personen genauer beleuchtet. So begleitet die Serie einen krebskranken Arzt, der in seiner Vision gesehen hat, wie er eine ihm bis dato unbekannte Frau in einem Lokal trifft. Über 22 Episoden werden die Handlungsstränge der Haupthandlung immer wieder unterbrochen, um zu zeigen, wie er bzw. die Frau aus seiner Vision sich beinahe treffen, durch irgendeinen dummen Zufall aber immer knapp aneinander vorbei laufen. Um dem Ganzen noch die Würze der kompletten Unnötigkeit zu geben, wird das noch mit einer aufblühenden Liebesgeschichte zu einer anderen Frau garniert. Die Erklärung, warum und wieso der Zuseher mit diesem Handlungsstrang gequält wird, bleibt die Serie bis zum Ende schuldig. Denn mit der Haupthandlung hat das alles gar nichts zu tun. Aber vermutlich wurde Füllmaterial benötigt, um die 22 Episoden voll zu bekommen.
Könnte man damit noch leben, begeht die Serie aber noch viel unverzeihlichere Fehler. Zu allererst sind da die Hauptcharaktere. Zugegeben, viele Bücher, Filme, Serien und Spiele warten mit Antihelden auf. Aber abgesehen von Demitri Noh gehen dem Zuseher alle anderen Charaktere eigentlich nur auf die Nerven. Mark Benford, der Hauptcharakter überhaupt, ist ein aufbrausender, unsympathischer, egozentrischer Alkoholiker. Aaron Stark, Benfords bester Freund, ist Ex-Alkoholiker und seit dem Tod seiner Tochter in Afghanistan nur mehr damit beschäftigt, sich in seinem Selbstmitleid zu wälzen. Stanford Wedeck, Benfords Vorgesetzter beim FBI, steht diesem in Punkte cholerischer Anfälle in nichts nach, scheint gleichzeitig aber auch unter schwerer Schizophrenie zu leiden. Anders ist nicht erklärbar, warum er im einen Moment hinter seinen Leuten steht und alles für sie gibt, im nächsten Moment zusieht, wie sie gegen die Wand rennen, sie dann zur Sau macht, rauswirft und eine Episode später wieder reumütig zurückholt. Auf diesem Wege wird Mark Benford im Laufe der Serie dreimal vom FBI entlassen bzw. suspendiert und wieder zurückgeholt. Das muss man in 22 Episoden erstmal zustande bringen.

Wenig besser sieht es bei den anderen Charakteren aus. Konfliktpotential gut und schön, aber man kann es auch übertreiben. Hat man sich damit einmal abgefunden und einfach akzeptiert, dass beim FBI offensichtlich zu 99,9% geistig Instabile beschäftigt werden (was eventuell einiges über den Zustand des amerikanischen Rechtssystems erklären würde), kann man sich an die Handlung machen. Und da sieht es kaum besser aus.
In der ersten regulären Episode erhalten die Ermittler die Information, dass in Deutschland ein inhaftierter Nazi versucht seine Freiheit zu erkaufen indem er dem FBI Informationen über den Flash Forward geben will. Abgesehen davon, dass mit dem 1925 geborenen Curt Lowens ein Schauspieler gewählt wurde, dem man ansieht, dass er für einen Alt-Nazi wohl doch etwas zu jung ist, hat diese Episode keinerlei Zweck, außer alle amerikanischen Klischees über Deutschland und Nazis auszupacken. Um die Spannung zu heben folgen nun einige Episoden im Senat, bei denen es darum geht, wie die Ermittlungen überhaupt finanziert werden. Natürlich genau das, was man in einer Mystery Serie sehen will. Mit Episode 10 kommt dann erstmals richtig Spannung auf. Mark und Demitri erhalten einen Hinweis, dass sie in Hong Kong weitere Informationen über Demitris potentiellen Mörder erhalten können und reisen dorthin. Gleichzeitig geben zwei Wissenschaftler in einer Pressekonferenz bekannt, dass vermutlich ihr Experiment an dem Flash Forward schuld war. Endlich kommt Bewegung in die Sache. Die folgenden Episoden befassen sich mit dem Hintergrund der Wissenschaftler, den Ereignissen am Tag des Blackouts und mit Benfors Vision. Bieten dabei spannende Mystery Thriller Unterhaltung, gibt die Serie das Gefühl, endlich Ihr Tempo gefunden zu haben.
Was dann mit vier absolut belanglosen Episoden wieder zunichte gemacht wird. Den Höhepunkt der Tiefpunkte ;-) erreicht die Serie mit Episode 17. Anstatt endlich ein wenig Licht in das Flash Forward Mysterium zu bringen, schlägt nun das Akte X Phänomen zu. Anstatt Klartext zu reden, jagt ein Informant Benford quer durch die Wüste und faselt dann, von Sekunde zu Sekunde panischer werdend, irgendetwas über Verschwörungen. Genial der Moment, in dem er Benford anschreit und ihm erklärt, dass er die Zusammenhänge einfach nicht verstehen würde. Na klar, wenn er die ganze Zeit nur Schwachsinn faselt. Als Zuschauer wünscht man sich, der FBI-Agent würde dem Informanten endlich eine in die Fresse hauen und ihm sagen »Jetzt red doch mal Klartext, du Hirni!« Aber nein, um die Spannung zu steigern, wird der Informant natürlich umgebracht, gerade in dem Moment, als er eine wichtige Information geben will. Mulder und Skully lassen grüßen. Da wartet man nur noch, dass ein UFO aus dem Canyon aufsteigt, während Benford bewusstlos am Boden liegt … aber das bleibt uns zum Glück erspart.

Die folgenden Episoden werden damit verbracht aufzudecken, dass eine der FBI-Ermittlerinnen Doppelagentin ist und für die Bösen spioniert. In Wirklichkeit aber eigentlich nicht, weil sie ja doch auch vom CIA beauftragt wurde, im FBI zu spionieren um rauszufinden, wer dort für die Bösen spioniert. Gleichzeitig hatte sie auch die Aufgabe, die Bösen zu infiltrieren, für diese zu spionieren und Aufträge zu erfüllen, um dann dem CIA, oder doch dem FBI oder gleich der Putzkolonne, was weiß ich, Bericht zu erstatten. Langsam wünscht man sich doch wieder die UFOs aus Akte X zurück.
Dazwischen gibt es einen Handlungsstrang über einen FBI Agenten, der versucht, seine Zukunft zu ändern, indem er sich selbst umbringt. Was funktioniert. Aber ohne jegliche Auswirkung auf die Serie bleibt. Genauso wie die Nebenhandlung über Terroristen, eine Expedition nach Somalia, die Erkenntnis, dass es schon früher Blackouts gegeben hat und, und, und … Irgendwie werden immer wieder neue Ideen aufgebracht, die dann einfach links liegen gelassen werden, als hätte sich niemand mehr dafür interessiert. So hinterlässt die Serie den Eindruck, dass Produzenten und Drehbuchautoren von einer Episode zur nächsten immer wieder etwas Neues ausprobiert hätten, um zu sehen, ob irgendetwas dazu führt, dass mehr Leute zusehen.
Das Schlimmste jedoch ist, dass Flash Forward mit den letzten 3 Episoden wieder zu der Stärke zurück findet, die im Pilotfilm gezeigt wurde. Die Serie endet mit einem grenzgenialen, spannenden und nervenaufreibenden Cliffhanger, wofür man am liebsten die Produzenten verprügeln möchte, weil sie die Serie dermaßen konsequent an die Wand gefahren haben.
Fazit:
Mit Flash Forward wurde eine Serie geschaffen, in der die Chance steckte, zu einer der besten und erinnerungswürdigsten der neueren Fernsehgeschichte zu werden. Heraus gekommen ist ein Produkt, das in wenigen Momenten grenzgenial ist, im Großteil der Serie unterdurchschnittliche Massenware und in einigen Momenten zum schlimmsten Zeitdieb des Jahrzehntes wird. Aber eines muss man den Produzenten lassen. So konsequent in den Sand gesetzt wurde schon lange keine Serie mehr.
Quellen:
Copyright © 2010 by Michael Hirtzy
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