Terry Gilliams Filmprojekte sind berüchtig für Termin-, Budget- und sonstige Schwierigkeiten. Irgendwie schien das Gründungsmitglied und einziger Amerikaner der britischen Komikertruppe Monty Python vom Pech verfolgt zu sein. Da gab es zum Beispiel kurz vor Drehbeginn zu »Brothers Grimm« einen handfesten Streit um eine Nasenverlängerung für Matt Damon mit den Weinstein-Brüdern Bob und Harvey, den Oberbossen der Miramax-Studios. Die Dreharbeiten zu »The Man Who Killed Don Quixote« mussten abgebrochen werden, weil Kampfjets einer nahegelegenen NATO-Basis ständig während des Drehs starteten, ein unerwarteter Sturm die Wüstenlandschaft ungeeignet für den Dreh machte und schließlich der Hauptdarsteller Jean Rochefort wegen gesundheitlicher Probleme nicht mehr reiten konnte. Und bei »The Imaginarium of Doctor Parnassus« starb Hauptdarsteller Heath Ledger.
Doch so leicht lässt sich ein Terry Gilliams nicht aus der Bahn werfen. In einem Interview mit dem Bayerischen Fernsehen antwortete er auf die Frage »Sind Sie vom Unglück verfolgt? …« Folgendes:
»Ich bin keiner, der in Selbstmitleid versinkt. Aber das Geld aufzutreiben ist immer der deprimierendste Teil des Filmemachens. Selbst bei diesem Film mit Heath Ledger kriegten wir kein Geld aus Amerika. Da sitzen nur noch Erbsenzähler am Ruder, die nichts von Film verstehen. Obgleich 2008 ›Dark Knight‹ mit Heaths Namen ganz groß auf dem Plakat startete, stießen wir, als wir unser Projekt auf den Tisch legten, auf eine Mauer der Ablehnung. Es geht nur noch um Zahlen. Die Entscheider können sich überhaupt nicht vorstellen, wie ein Drehbuch auf der Leinwand aussieht. Ich glaube, ich trete in Werner Herzogs Fußstapfen, der musste auch immer kämpfen. Bei Schwierigkeiten entwickle ich plötzlich einen Riesenehrgeiz. Den ›Don Quixote‹ werde ich jetzt doch drehen. An den Tod von Heath darf ich gar nicht denken, der hat uns alle total fertig gemacht.«
Erinnern wir uns: Am 19. Januar 2008 begab sich Heath Ledger zu einem Kurzurlaub nach New York, um sich von den Dreharbeiten ein wenig zu erholen. Der größte Teil der Filmsequenzen seiner Rolle als Tony in der realen Welt waren abgeschlossen, es standen nur noch die Sequenzen in den Fantasiewelten an. Doch kehrte Heath Ledger nicht mehr von seinem New York-Trip zurück, er starb am 22. Januar 2008 an einer Überdosis Tabletten.
Das plötzliche Ableben von Heath Ledger brachte die Produktion zunächst vollkommen zum Erliegen - Fassungslosigkeit, Trauer und Ratlosigkeit machten sich unter der Crew breit. Terry Gilliam rang mit dem Gedanken, den Film jetzt einfach bleiben zu lassen. Alternativen wie der Neudreh aller Szenen mit einem anderen Schauspieler oder digitale Projektion von Ledgers Gesicht auf jemand anderen schienen im Voraus ausischtslos. Der Drehstab um Terry Gilliam entschloss sich zu einem ganz anderen Schritt: Wie im Dylan-Biopic »I’m not there« wurde die Rolle des Tony nun - Heath Ledger eingeschlossen - von vier verschiedenen Schauspielern interpretiert. Johnny Depp, Collin Farrel und Jude Law teilten sich die noch fehlenden Szenen unter sich auf. Da »Das Kabinett des Doktor Parnassus« ein Fantasy-Film ist, findet sich für diesen Kunstgriff eine plausible Erklärung. Der Held fällt durch einen magischen Zauberspiegel in eine andere Welt und verändert dabei dann auch gleich sein Aussehen.
Worum geht es in »Das Kabinett des Doktor Parnassus«?
Die vorherrschenden Themen sind ein Theater, welches nach London kam, und die Unfähigkeit der modernen Menschen, die Wirklichkeit zu sehen. Sie sind zu beschäftigt, sich zu amüsieren, und hören nicht mehr auf ihre innere Stimme. Terry Gilliam wollte dem Zuschauer mit dem Film die Chance geben, etwas Wunderbares zu sehen und zu erleben, sich der Fantasie hinzugeben. Es geht um Imagination und nicht um Logik.
Wo auch immer Dr. Parnassus mit seiner Wandertheatertruppe in seinem klapprigen Varieté-Vehikel für einen Auftritt anhält, sind die Zuschauer alles andere als interessiert am gebotenen Programm. Ganz im Gegenteil: In letzter Zeit werden die Auftritte immer mühsamer und Geldsorgen plagen die Truppe. Das große Publikum bleibt aus. Obwohl das Imaginarium doch mit einer wunderbaren Attraktion aufwartet: Das Wunder-Kabinett bietet die einmalige Chance, die alltägliche Wirklichkeit zu verlassen und in die eigenen Wünsche einzutauchen. Man muss nur durch Dr. Parnassus' Spiegel treten – und schon befindet man sich in einem fantastischen Parallel-Universum unbegrenzter Vorstellungswelten.
Dr. Parnassus hat zwar die außergewöhnliche Gabe, die Vorstellungskraft anderer Menschen anregen und steuern zu können, doch gleichzeitig lastet auch ein dunkler Fluch auf ihm. Als eingefleischter Spieler schloss er vor Tausenden von Jahren einmal eine Wette mit Mr. Nick ab, dem Teufel höchstpersönlich. Da damals das Glück auf Dr. Parnassus‘ Seite stand und er die Wette gewann, machte ihn der Teufel unsterblich. Jahrhunderte später dann, als Parnassus seine wahre Liebe gefunden hatte, schloss er ein neues Abkommen mit dem Teufel, und tauschte seine Unsterblichkeit gegen Jugend ein – unter der Bedingung, dass an dem Tag, an dem Parnassus’ Tochter Valentina 16 Jahre alt würde, sie in den Besitz von Mr. Nick übergehen sollte.
Die Zeit verging. Valentinas schicksalhafter Geburtstag steht nun kurz bevor und Dr. Parnassus versucht verzweifelt, seine geliebte Tochter vor diesem schrecklichen Schicksal zu bewahren. Kurz vor Ablauf der Frist taucht Mr. Nick tatsächlich auf, um Parnassus’ Schuld einzutreiben. Über den fortwährenden Spieltrieb von Parnassus sichtlich erfreut, lässt Mr. Nick neu mit sich verhandeln bietet dem Greis eine neue Wette an: Jetzt wird Valentina demjenigen gehören, der binnen drei Tagen als erster fünf Seelen verführt und sie in die Parallelwelt hinter den Spiegel locken kann. In seiner Verzweiflung schlägt Dr. Parnassus ein. Zusammen mit seinen treuen Gefährten Anton und Percy will er den Teufel dieses Mal bezwingen. Das ist jedoch leichter gesagt als getan …
Als die Truppe mit ihrem Wandertheater durch das nächtliche London fährt, sehen sie einen jungen Mann, der an einem Seil von einer Brücke baumelt. Schnell ist er befreit und ins Leben zurückgebracht. Der junge Mann entpuppt sich als der ebenso mysteriöse wie charismatische Tony. Obwohl dieser offensichtlich einen ganz anderen Plan hat, schließt sich Tony dem Wandertheater an und bringt bald neue Hoffnung auf eine Lösung von Parnassus' Problem. Es dauert nicht lange, da hat sich Valentina Hals über Kopf in den geheimnisvollen Fremden verliebt. Gemeinsam versucht man nun, dem Teufel die fünf Seelen abspenstig zu machen. Und Dr. Parnassus verspricht sogar die Hand seiner Tochter dem Mann, der ihm dabei hilft, diese neue Wette zu gewinnen.
Das ist der Auftakt eines packenden, explosiven und wunderbar fantasievollen Wettrennens gegen die Zeit – inmitten einer nicht enden wollenden Landschaft voller surrealer Hindernisse, atemberaubender Hirngespinste, Albträume und Phantasmagorien.
Der Drehstab
Regie: Terry Gilliam
Drehbuch: Charles McKeown, Terry Gilliam
Produktion: William Vince, Amy Gilliam, Samuel Hadida, Terry Gilliam
Ausführende Produktion: Victor Hadida, Dave Valleau
Kamera: Nicola Pecorini
Originaldesign & Art Direction: Dave Warren, Terry Gilliam
Produktionsdesign: Anastasia Masaro
Schnitt: Mick Audsley
Kostümdesign: Monique Prudhomme
Hair & Makeup Designer: Sarah Monzani
Casting Director: Irene Lamb
Casting Kanada: Maureen Webb
Visual Effects Supervisor: Richard Bain, John Paul Docherty
Die Darsteller
Tony: Heath Ledger
Imaginarium Tony 1: Johnny Depp
Imaginarium Tony 2: Jude Law
Imaginarium Tony 3: Colin Farrell
Dr. Parnassus: Christopher Plummer
Anton: Andrew Garfield
Percy: Verne J. Troyer
Valentina: Lily Cole
Mr. Nick: Tom Waits
Dad: Mark Benton
Inspector: Simon Day
Polizist: Johnny Harris
Filmdaten:
Deutscher Titel: Das Kabinett des Doktor Parnassus
Originaltitel: The Imaginarium of Doctor Parnassus