
Bilderwelten

Karl Bodmer, der Indianermaler

Karl Bodmer gilt als einer der besten Zeichner und Maler der indianischen Kultur. Jedes seiner Bilder ist mit größter Sorgfalt und Präzision gemalt. Für die Wissenschaft sind seine Werke von unschätzbarem Wert und begeistern nicht nur Indianerfreunde. In einigen Büchern wird als Geburtsort Esslingen bei Stuttgart erwähnt, oder dass er seine Ausbildung beim Maler George Catlin erhalten habe – beide Angaben entsprechen nicht der Richtigkeit.
Leider wurde ihm zu Lebzeiten nicht die Würdigung zuteil, die er verdient hätte. Er durchlebte viele Höhen und Tiefen, die hier nicht alle erwähnt werden können.
Johann Karl Bodmer wurde am 11. Februar 1809 in Zürich geboren, als Sohn des Baumwollhändlers Heinrich Bodmer und seiner zweiten Frau Elisabeth. Seine Kindheit bestimmten Hunger und wirtschaftliche Sorgen der Eltern. In der Schule lernte er wie damals üblich, Buchstabieren, Lesen, Beten, Schreiben, Singen und Rechnen. Wie sein älterer Bruder Rudolf begann Karl im Alter von 13 Jahren eine Ausbildung zum Radierer, Lithografen und Kupferstecher bei seinem Patenonkel Johann Meier. Dieser war ein angesehener und weitgereister Landschaftsmaler und Kupferstecher.
Schweizer Kleinmeister wurden die Maler genannt, die ihre Motive vor Ort in Skizzenbüchern festhielten und sie später in ihrer Werkstatt radierten und ihre Veduten (wirklichkeitsgetreue Darstellungen) auf Leinwand malten und an wohlhabende Touristen verkauften. Ebenso stellten die Kleinmeister auch Zeichnungen und Aquarelle her. Lehrlinge und Gesellen fertigten nach Vorlagen Stiche oder Aquatinta (Tiefdrucktechnik) an, die ausgedruckt, koloriert und an Sammler verkauft wurden.
Nach ihrer Lehre gingen die beiden Brüder auf Wanderschaft und verdienten sich ihren Lebensunterhalt durch Gravieren von Veduten und Vignetten für den Verlag F. S. Füssli in Zürich. 1828 ließ sich Karl in Koblenz nieder, fertigte für Touristen Radierungen und Ölgemälde an und arbeitete für den Verleger Jakob Hölscher. In der Koblenzer »Rein- und Moselzeitung« der Jahre 1831 und 1832 findet man Inserate, in denen der Verlag Hölscher die Werke der Bodmer Brüder anpreist.
Der deutsche Naturforscher Prinz Maximilian zu Wied-Neuwied wurde auf Karl Bodmer aufmerksam. 1832 nahm er ihn als wissenschaftlichen Zeichner auf seine Reise nach Nordamerika mit. Bodmer sollte Land und Leute, sowie Flora und Fauna mit größtmöglicher Genauigkeit bildlich dokumentieren. Der Prinz verlangte die Besitzrechte der Werke, bis auf zwölf Exemplare, die in Bodmers Besitz übergehen sollten. Bodmer wurden für Fahrt und Logis 45 Taler im Monat zugesprochen.
 
Am 7. Mai 1832 reiste die kleine Reisegesellschaft von Koblenz ab, zwei Monate später gingen sie in Boston an Land. Mit dem Postwagen fuhren sie weiter nach Providence.
Bodmer war fasziniert von den Eindrücken des fremden Landes, der Pflanzen- und Tierwelt und den Indianern, die er auf seiner zweijährigen Reise durch das Landesinnere kennenlernte. Mehr als 400 Skizzen und Aquarelle von Indianern, Tieren, Pflanzen und Landschaften erstellte er in dieser Zeit. Er freundete sich mit Indianern an und wollte für immer in Amerika bleiben, doch auf Wunsch des Prinzen kehrte er nach Europa zurück. Er wollte zurückkehren, doch 1838 erreichte ihn die Nachricht, dass das Volk der Mandan, bei denen er gelebt hatte, durch eine Pockenepidemie dahin gerafft worden war. Aufgrund dieses Ereignisses, das ihn schwer erschütterte, beschloss er niemals mehr amerikanischen Boden zu betreten.
  
In den Monaten nach seiner Heimkehr führte er ein unstetes Leben. Die Sehnsucht nach Amerika und der indianischen Welt ließ ihn nicht mehr los. Durch Aufträge von Hölscher und Zahlungen des Prinzen musste er sich um seinen Lebensunterhalt keine Sorgen machen. Einige Jahre weilte er in Deutschland als Landschaftsmaler. Leider fand seine künstlerische Arbeit in Deutschland keine große Anerkennung. Seine Werken wurden weder auf Ausstellungen gezeigt, noch von Museen angekauft. Seine Aquarelle über Amerika gehören zu den besten Aquarellen des 19. Jahrhunderts und wurden in Deutschland nie veröffentlicht. Die Geringschätzigkeit, der Bodmer ausgesetzt war, beruhte darauf, dass er keine anerkannte Kunstausbildung besaß. Zu dieser Zeit war die Kunstanschauung des Düsseldorfers Akademiedirektors Wilhelm Schadow maßgebend. Landschafts-, Menschen- und Tiermotive waren außerhalb seiner Akzeptanz.
Im Herbst 1835 wanderte Bodmer nach Paris aus, lernte berühmte Künstler kennen und wurde von König Louis-Philippe empfangen. Er stellte im Louvre zahlreiche Aquarelle aus, die jedoch vernichtende Kritiken erhielten. Daraufhin gab Prinz Maximillian den Auftrag, die Werke dem Zeitgeschmack anzupassen, um die Verkäuflichkeit zu sichern. Erst neun Jahre später stellte Bodmer erneut amerikanische Landschaftsaquarelle aus. Heute gelten diese als Höhepunkte seines Lebenswerkes. Die wirtschaftliche Situation dämpfte den Verkauf der zwei Bildbände mit Illustrationen und Texten der Amerikareise.
Die Ölgemälde mit Landschaften, die Bodmer in der Künstlerkolonie Barbizon malte, fanden dagegen große Anerkennung. Er bekam zahlreiche Aufträge als Maler von Wald- und Tierbildern, präsentierte seine Werke in Ausstellungen und nahm an den Weltausstellungen in Paris und Wien teil. Er arbeitete auch als Illustrator für deutsche, französische und amerikanische Zeitschriften und illustrierte Bücher bekannter Schriftsteller wie Gautie, Fontaine, Victor Hugo und Hachette.
1876 wurde er in die Ehrenlegion aufgenommen, als Verdienst für zwanzig Jahre erbrachte besondere Leistungen. Mit dieser Ernennung war eine jährliche Rente von 250 Francs verbunden, die im Todesfall an die Witwe ausbezahlt wurden. Vermutlich war dies mitunter ein Grund, seine Lebensgefährtin Anna Maria zu ehelichen.
Trotz seiner künstlerischen Erfolge musste er 1884 sein Haus in Barbizon aus finanziellen Gründen verkaufen. In seinem einstigen Haus befindet sich heute das Hotel Les Charmettes. Die Verleger wollten die Veröffentlichungen seiner Werke bis zu seinem Tod hinauszögern, um höhere Verkaufspreise zu erzielen. Seine letzten Lebensjahre bestimmten Krankheit und Geldnot. Der Züricher E. Müller konnte die »Züricher Künstlergesellschaft« dazu bewegen, zwei Kreidezeichnungen des Malers anzukaufen, um dessen Not ein wenig zu lindern.
Bodmer starb am 30. Oktober 1893 in Paris, vereinsamt, blind und taub, von Rheuma und Arthritis gequält. Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof von Chailly-en-Bière bei Barbizon in der Nähe der Gräber seiner Malerfreunde Théodore Rousseau und Jean-Francois Millet. In seinem Nachlass fanden sich keine schriftlichen Reiseberichte. Es ist jedoch möglich, dass es ein Tagebuch mit Zeichnungen gibt. 1947 bat eine Frau in der Bibliothek in Montclair, New Jersey um Auskunft über einen gewissen Karl Bodmer, da sie Aufzeichnungen von ihm besitzt. Dem anwesenden Beamten war dieser Name unbekannt. Später erinnerte er sich an diese Begegnung, doch trotz vieler Aufrufe über Radio, Fernsehen und Presse konnte die Frau nicht ausfindig gemacht werden. Es bleibt zu hoffen, dass das Tagebuch nicht vernichtet wurde, sondern irgendwo im Verborgenen schlummert.
 
Bodmers Werke befinden sich in Museen und privaten Sammlungen. Seine Indianerbilder sind in zahlreichen Büchern abgebildet.
Das Bildwerk »Reise in das innere Nord-Amerika in den Jahren 1832 bis 1834« erlebte zahlreiche Nachdrucke.
Karl Bodmers Geburtsstadt Zürich ehrte ihn 2009 mit einer erfolgreichen Ausstellung im NONAM, Nordamerika Native Museum.
Quelle:
- Hans Läng: Indianer waren meine Freunde. Leben und Werk Karl Bodmers 1809 - 1893, Verlag Hallwag, Ostfildern, Dezember 1984
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