
Bilderwelten

Die franko-belgische Schule
Frankreich und Belgien spielen in der europäischen Comicgeschichte eine dominierende Rolle. Seit 1825 verbreiteten sich hier die Bildergeschichten. In der 1889 von Armand Colin gegründeten Zeitschrift „Le Petit Illustre Francais“ veröffentlichte Georges Colomb wöchentlich eine Bildergeschichte.
Einen echten Durchbruch erzielte aber Jean-Pierre Pinchon 1905 mit „Becassin“, einer Bildergeschichte, in der die Erlebnisse einer jungen Bäuerin realistisch gezeichnet dargestellt wurden. Becassin“ erschien in der Zeitschrift „Seminare de Suette“, war in der französischen Bevölkerung sehr beliebt und wurde bis zum Tode des Zeichners 1957 publiziert.
Am 3. Mai 1925 erschien der erste, von Alain-Saint-Ogan mit Sprechblasen gezeichnete Comic „Zig er puce“.
Mit der Gründung der Agentur Opera Mundi im Jahre 1929 und der Vertretung des King Feature Syndicate durch sie kamen aus Übersee auch solche Comics wie „Tarzan“, „Dick Tracy“ oder “Buck Rogers“ nach Frankreich. Diese wurden aber nicht so von den Lesern angenommen, wie es sich das KFS vorstellte. Mit der Zeit entstanden viele Zeitschriften, in denen immer mehr auf landestypische Bildergeschichten und Comics zurückgegriffen wurde.
Parallel dazu übten in Belgien katholische Jugend- und Pfadfinder-Zeitschriften einen bedeutenden Einfluss auf die Entwicklung des Comics in Europa aus. In der dieser Zeitung „ Le XXe Siècle“ veröffentlichte Hergé (George Remi) 1926 „Totor. CP des Hannetons“, die erste belgische Comic-Serie. Totor galt als Vorandeutung der Comicfigur Tim. Nach seinem Wehrdienst kehrt Hergé 1927 zum „ Le XXe Siècle“ zurück und liefert auf verschiedenste Weise Illustrationen und Abbildungen. Nach einer Bitte vom Priester Wallez übernimmt er 1928 die Leitung vom „Le Petit XXe“, eine Kinderbeilage zum „ Le XXe Siècle“. Dort erschienen die Abenteuer um Totor parallel zu einer neuen Serie: Hergé ließ am 10. Januar 1929 als erstes belgisches Comicalbum die Tim und Struppi-Ära mit „Tim im Lande der Sowjets“ beginnen. Auf diesen Comic folgten noch weitere 23 Bände. In dieser Zeit reisten der ewig junge Reporter Tim mit seinem Hund Struppi in viele Länder, besuchte den Mond, erlebte spannende Abenteuer und fand unzählige Leser in aller Welt.
Die Besetzung Frankreichs führte auch zur Auflösung des „Le XXe Siècle“ und des Le Petit XXe. Hergés Einberufung zum Kriegsdienst bedingte eine Unterbrechung seine Arbeiten an der Geschichte „ Im Reiche des schwarzen Goldes“. Er brachte zunächst „ Die Krabbe mit den goldenen Scheren“ bei der Tageszeitung „ Le Soir“ heraus.
Umdenken erforderte die Begrenzung der Seitenzahl für Comic-Alben von 100 auf 64 im Jahre 1942, allerdings durfte Hergé nun eine Farbüberarbeitung seiner Comics vorantreiben. Der Papiermangel der Kriegsjahre führte auch zur Umstellung von der wöchentlichen Doppelseite auf die täglichen Comic-Stripes. Hergé reagierte darauf, in dem er mehr Witz und Action in die Handlung brachte. Die Nebenfiguren Haddock und Bienlien stießen hinzu und mischten die Serie gehörig auf. Die Auflösung von „Le Soir“ durch die Alliierten traf die Serie kurz vor Ende von „ Die sieben Kristallkugeln“.
Ein weiterer Meilenstein in der französischen Comic-Geschichte wurde am 21. April 1938 gelegt. Der Drucker und Zeitschriftenverleger Jean Dupuis veröffentlichte ein Comic-Magazin mit dem Namen „Spirou“. Die Titelserie „Spirou“, in der es um die Abenteuer eines Hotelpagen geht, wurde zu Beginn noch von Rob Vel (Robert Velter) gezeichnet. Im 2. Weltkrieg riss der Kontakt zu ihm aber ab, Jije (Joseph Gillain) übernahm die Serie. Nach dem Krieg wechselte „Spirou“ nochmals den Zeichner. 1946 übernahm André Franquin, neben Hergé der wichtigste stilprägende Comic-Zeichner Europas die Fortsetzung. Die Story um den Hotelpagen zeigte schon Ansätze von humoristischem Zeichenstil. Aus dem Zeichenstil von Hergé entwickelte sich eine gewisse Schule der „ligne claire“. Dieser Zeichenstil war typisches Merkmal für das Magazin „Titin“. Von den „ligne claire“ wurden eine Vielzahl von Zeichner beeinflusst.
Morris (so der Künstlername des Belgiers Maurice de Bévère) erfand 1946 den Mann, der schneller als sein Schatten schießt: „Lucky Luke“. In der Weihnachtsausgabe des Almanach Spirou 1946/47 erschien die erste Lucky Luke Geschichte. Der große Blonde galoppierte los und kann bei seinen Erfolgsritt heute alleine in Deutschland stolz auf rund 34 Millionen verkaufte Alben zurückblicken.
Nach einem Zerwürfnis mit Dupuis 1955, der damit verbundene Wechsel zum Magazin „Titin“ sowie die Versöhnung mit dem Verleger Anfang 1957 kreierte André Franquin am 28. Februar 1957 „Gaston“, den kleinen Redaktionsboten eines nicht näher bekannten Comic-Verlages (in der deutschen Übersetzung heißt der Verlag sinnigerweise Carlsen Verlag). Anfangs nur als Lückenfüller im „Spirou“ dienend zeigte sich immer mehr, dass die Leser den erfindungsreichen wie tollpatschigen Gaston Lagaffe in ihr Herz geschlossen hatten. Er bekam seine eigene Strip-Serie, die allerdings niemals über kurze Einzeiler oder One-Pager hinausging.
Zu dieser Zeit entstanden viele erfolgreiche Comic-Serien mit klarer Linienführung, die an „Titin“ erinnerten, als auch humoristische wie im „Spirou“. 1952 erschien die Serie „Johan et Pirlouit“ von Peyo (Pierre Culliford). Aus dieser Serie gingen 1958 die „Les Schtroumpf“ hervor.
In den fünfziger Jahren griffen die Comic-Magazine „Titin“ und „Spirou“ nochmals auf amerikanische Abenteuerserien zurück. Doch kaum waren dieser erschienen, machte sich in der Öffentlichkeit erneut lautstarker Protest breit. Propaganda und Gewalt in den Comics aus Übersee wurden kritisiert. Den Verlagen war es auf der Grundlage des Comic Codes schier unmöglich, diese Comics zu vermarkten. Es wurde in dieser Zeit die weitere Produktion eigener Comics angeregt.
1958 tauchte zum ersten Mal das Autoren-Duo Albert Uderzo und René Goscinny mit den Geschichten der Rothaut „Oumpa-Pah“, die anfangs in der Comiczeitschrift „Titin“ publiziert wurden, später jedoch als eigene Comichefte erschienen.
Zwischen den beiden Künstlern entwickelte sich eine dauerhafte Freundschaft, die am 29. Oktober 1959 schließlich in die Gründung der Jugendzeitschrift „Pilote“ unter der Ägide des französischen Verlegers Dargaud mündete. In diesem Magazin erschien bereits im Heft 1 neben „Barbe Rouge“ und anderen Serien zum ersten Mal „Asterix“. Der kleine gallische Held wurde ein Welterfolg. 1961 erschien „Asterix“ als eigenständiges Comic-Heft mit dem Titel „Asterix le Gaulois.
1962 wurde „Izngoud“, getextet von René Goscinny, gezeichnet von Jean Tabary in der Zeitschrift „Record“ publiziert.
Die Comiczeitschrift „Pilote“ drängte die typischen klassischen Abenteuer mehr in den Hintergrund. Sie publizierte Comics mit engagierteren Themen, welche eine andere Zielgruppe ansprachen: Die Erwachsenen. Mit den Studentenunruhen eroberten auch politische Themen die Zeitschrift.
Bis heute sind fast alle Comiczeitschriften verschwunden, da die meisten Comicgeschichten ihr eigenes Heft haben.
Im Umfeld der belgischen Comic-Zeitschrift „Spirou“ entstand vor allem durch das erzählerische Talent und den dynamischen Zeichenstil von André Franquin eine eigene Stilrichtung, die als „Marcinelle-Schule“ in die Annalen der Comic-Geschichte einging. Der neue Stil zeichnete sich durch Gags und Slapstick-Comics, sogenannte Funnys, aus. Seinen Namen erhielt er vom Standort des Verlages „Spirou“ im Stadtteil Marcinelle von Charleroi. Künstler wie Philippe Liegeois (Turk), Pierre Culliford (Peyo), Maurice de Bévère (Morris), Joseph Gillain, Maurice Tillieux, Yves Chaland, Raymond Macherot sowie Jean Roba sind typische Vertreter dieses Comic-Stils.
Text- und Bildquellen:
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www.welt.de
Das kleine Comic-Lexikon, Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf;
Auflage: 2., Aufl. (September 2005)
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