
Bilderwelten

Ollie Johnston
Ein Nachruf
von Wolfgang Brandt
Am Montag, den 14. April starb mit 95 Jahren Oliver Martin Johnston Jr. in einem Pflegeheim in Seqim, US-Staat Washington, an Altersschwäche.
Ollie Johnston war das letzte noch lebende Mitglied der berühmten »Nine Old Men«, einer Gruppe von neun Chef-Zeichnern, die gemeinsam mit Walt Disney dessen erfolgreichste Filme entwarfen und diese maßgeblich prägten. Diesen Spitznamen gab Disney ihnen nach einem legendären Zitat des US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt, der den Obersten Gerichtshof von Amerika als »die neun alten Männer« abkanzelte.
Am 31. Oktober 1912 erblickte Oliver Martin Johnston in Palo Alto das Licht der Welt.
Bereits 1935 begann Johnston, Sohn eines Romanistikprofessors an der Stanford Universität, für die Walt Disneys-Studios zu arbeiten. Sein damaliger Wochenlohn betrug sage und schreibe 17 Dollar. In den Studios wirkte er zunächst an Kurzfilmen, dann an abendfüllenden Zeichentrickfilmen mit. Es folgten zahlreiche Klassiker wie »Schneewittchen und die sieben Zwerge« (1937), »Pinocchio, das hölzerne Bengele« (1940), »Fantasia« (1940), »Bambi« (1942), »Onkel Remus' Wunderland« (1946), »Cinderella« (1950) und »Alice im Wunderland« (1951). Weitere Zeichentrickfilme, an denen Olli Johnston mitwirkte, waren »Peter Pan« (1953), »Susi und Strolch« (1955), »101 Dalmatiner« (1961), »Mary Poppins« (1964), »Das Dschungelbuch« (1967), »AristoCats« (1970) und »Robin Hood« (1973). Zu seinen letzten Filmen gehörten »Bernard und Bianca« (1977) und »Cap und Capper« (1981).
Ollie Johnston wurde 2005 von US-Präsident George W. Bush mit der »National Medal of Arts« ausgezeichnet.
Johnston galt unter den Zeichnern in den Disney-Studios als der Experte für gefühlvolle Momente. »In Ollies Szenen ist die Bandbreite der Emotionen durch ganz feine Veränderungen in den Augen, Mündern und den Händen seiner Figuren zu sehen«, würdigte Glen Keane die kreative Arbeit seines Kollegen. »Ollie fühlte mit seinen Charakteren regelrecht mit. Seine Animation war kein intellektueller Vorgang, sondern es kam aus seinem Innersten heraus«, so Keane zur »Los Angeles Times«.
Der deutsche Disney-Animator Andreas Deja beschreibt das künstlerische Schaffen von Johnston am Beispiel des Trickfilms »Bambi«, als das Rehkitz zum ersten Mal seinem Vater begegnet: »Auf der Weide sieht Bambi den Großen Prinzen des Waldes und lächelt ihn strahlend an. Der Große Prinz geht sehr ernst und unnahbar vorbei, und ganz langsam verändert sich Bambis Ausdruck: Er senkt seine Ohren ein bisschen und wirkt leicht verängstigt. Diese Szene ist so subtil - man kann kaum glauben, das so etwas im Animationsfilm möglich ist. Wenn man eine Veränderung zeichnen will, muss man es grafisch machen - und Bambi durchlebt einen so zarten Stimmungswechsel. Aber Ollie behandelte das mit äußerstem Takt und Sensibilität.«
Zu Frank Thomas, der bereits 2004 verstarb, hatte Ollie Johnston ein sehr gutes Verhältnis. Beide lernten sich in Stanford kennen und fingen fast gleichzeitig an, für Walt Disney zu zeichnen. Die Freunschaft ging so weit, dass sie Nachbarn wurden und ihre Söhne in der gleichen Woche zur Welt kamen. 1981 schrieben beide »Disney Animation. Illusion of Life«, die Bibel der Animation. Darin hinterließen sie all ihre Erfahrungen, auf die noch heute viele Trickfilmkünstler zurückgreifen.
Mit Johnsons Tod geht eine Ära des klassischen handanimierten Zeichentrickstils zu Ende. Aber die »Nine Old Men« Milt Kahl, Ward Kimball, John Lounsbery, Frank Thomas, Ollie Johnston, Eric Larson, Wolfgang Reithermann, Mark Davis sowie Les Clark sind als die besten Zeichner der Walt Disney-Studios in die Geschichte eingegangen.
Quellen: Los Angeles Times, dpa
© Wolfgang Brandt
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