
Der Leitartikel

Ist er zu hart, bist du zu schwach?
Weichgespültes an Deutschen Kiosken
Der Geisterfänger wurde eingestellt. Es war ein Experiment, das misslang. Die Gründe für das Versagen speziell dieses Titels zu suchen, wäre sicherlich müßig. Man könnte anführen, dass es an den unzusammenhängenden Einzelromanen lag, an dem Titel oder an zu wenig Marketing. Auch wurden im Vorfeld bereits Stimmen laut, die der Serie eine nur kurze Lebensdauer beschieden. Er wurde schon vor seiner Geburt totgesagt. Jene, die dies taten, sehen sich nun bestätigt. Andere, die an einen Erfolg glaubten, einmal mehr enttäuscht. Denn Serien, die keine zwei Jahre laufen – manche kaum eines – sind leider keine Seltenheit mehr.
Dennoch hat mich das Ende des Geisterfängers überrascht; umso mehr nach dem Ergebnis der Umfrage hier im Geisterspiegel, wie dem Gruselroman zu helfen sei. Eine Mehrheit sprach sich für eine Rückbesinnung auf alte Werte aus. Also auf das, was den Gruselroman einst stark gemacht hat und ihm traumhafte Auflagen bescherte. Da waren sie nun, die alten Werte. Romane aus der guten, alten Zeit. Geschrieben von Profis, deren Namen jedem Leser dieser Hefte vertraut sind. Hätten also die Kunden nicht in Scharen zu den Kiosken strömen und den Geisterfänger aus den Ständern reißen müssen? Hätte es nicht all überall Lobgesänge geben müssen ob der guten, alten Zeit?
Wo blieb der Jubel, wo die Begeisterung und – wohl noch wichtiger – wo blieben die Käufer? Wo waren Sie, als der Geisterfänger in den Regalen lag? Hand aufs Herz – haben Sie, oder haben Sie nicht?
Eine Rückbesinnung auf alte Werte kann es also nicht sein, was dem Gruselroman aus dem Tief helfen könnte. Abgesehen davon, dass von den einstigen Reihen nur noch wenige übrig sind und diese sich kaum entwickeln, ihre Auflagen sinken und vielerorts bereits der Abgesang auf den Gruselroman generell angestimmt wird, sollten wir doch einige Gedankenspiele wagen. Denn tot ist er erst, wenn er völlig von der Bildfläche verschwunden ist.
Werfen wir einen Blick über den großen Teich. Das tun wir ohnehin gerne, auch in anderen Belangen. USA, das ist großes Kino, das sind große Autoren, das ist Fast Food und Glimmer. Und wirklich stellen wir fest, dass die Amerikaner lesen. Gerne und viel, vor allem günstige Taschenbücher. Sie lesen auch Horror-Romane. Brian Keene, Laurell K. Hamilton und Edward Lee. Autoren, die zu fesseln verstehen und ihre Leser an die menschlichen und dämonischen Abgründe führen können.
Doch es ist nicht der Stil, der diese Autoren auszeichnet oder deren Können. Es ist vielmehr der Mut, den sie in ihren Werken beweisen. Das Fehlen von Tabus, das absichtliche Übertreten von Grenzen. Das Grauen, gepaart mit Erotik oder unverblümtem Sex. Blut und Innereien nach einer Tat und dann, wenn der Leser eigentlich schon genug hat, noch einen abgeschlagenen Kopf. Horror bedeutet schließlich, über das erträgliche Maß hinaus zu gehen.
Etwas, das man in deutschen Romanheften nicht findet. Dort stoppt der Autor, sobald der Gedanke an solche Dinge aufkommen könnte. Die Beschreibungen bleiben hygienisch einwandfrei. Erotik, sofern vorhanden, kommt derart verklemmt daher, dass es unfreiwillig komisch klingt und die Leichen näher zu beschreiben ist ohnehin tabu. Schon vor vielen Jahren schrieb Jason Dark, dass sich seine Romane nicht in manche Länder verkaufen lassen, weil sie zu wenig Sex und Gewalt enthielten. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Im Gegensatz zu anderen Staaten wirken unsere Romane, als hätte sich die Welt seit dem Erscheinen von Sinclair und Co. zu Beginn der Siebziger nicht geändert. Damals war Doktor Mabuse grauenvoll und Christopher Lee als Dracula im Zweiten die Krönung des Horrors. Ein wöchentlich erscheinender Roman, der Vampire und Werwölfe in die Schlafzimmer der Leser brachte, eine Sensation.
Heute haben wir DVD und Pay-TV. Der Horror-Film war nie wirklich tot, erlebt aber seit den späten Neunzigern eine Renaissance, die unvermindert anhält. Titel wie The Hills Have Eys, Saw oder Resident Evil zeigen Horror in völlig neuen Dimensionen. Selbst Buffy und X-Files waren atmosphärischer, härter und gruseliger als das Romanheft. Sinclair, der noch einen Vampir, noch eine Hexe oder noch einen Zombie tötet, lockt angesichts dieser Konkurrenz niemandem mehr hinter dem Ofen hervor. Versuche, das Genre mit Pepp zu würzen, wurden mit einer unbeholfen jugendlich wirkenden Sprache versehen, die sich kein erwachsener Leser antun wollte. Als Beispiel sei hier Vampire genannt.
Der Trend zu härterem, deutlicherem Horror, teils abseits des Bekannten, haben amerikanische Autoren längst erkannt. So wie sie auch erkannt haben, dass der Roman mit modernen Medien um die Gunst des Kunden konkurriert. Für Käufer stellt sich die Frage, ob sie sich einen Film für 1,50 ausleihen oder ein Romanheft zum gleichen Preis kaufen. Aufregende Szenen, Spannung und Erotik gegen Sinclair, der den x-ten Vampir mit seinem Kreuz tötet. Was glauben Sie, wer da gewinnt?
Manchmal schafft man es, einen verpassten Trend einzuholen. Doch ist der Heftroman erst einmal wirklich tot, ist es dafür zu spät. Denn der nächste Teil von Resident Evil ist schon gedreht ...
ga
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