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Der Leitartikel

März 2010

Zombies - sie sind nicht totzukriegen

von Gunter Arentzen

Zombies sind die ältesten Horrorgestalten der Menschheitsgeschichte. Keine andere Grusel-Figur kann auf eine derart lange Tradition zurückblicken wie der Untote, der aus seinem Grab steigt und nach frischem, lebendem Menschenfleisch giert.
Nur eine Annahme?
Nein, ein Fakt, denn mit dem Zombie werden wir bereits im Gilgamesch-Epos konfrontiert, und dieser gilt als älteste bekannte literarische Dichtung. Auf der sechsten Tafel heißt es:

Ischtar tat zum Reden den Mund auf
Und sprach zu Anu, ihrem Vater:
»Mein Vater! Schaff mir den Himmelsstier,
Dass er Gilgamesch töte in seinem Hause!
Schaffst du mir aber den Himmelsstier nicht,
So zerschlag ich die Türen der Unterwelt,
Zerschmeiß ich die Pfosten, lass die Tore weit offenstehn,
Lass ich auferstehn die Toten, dass sie fressen die Lebenden,
Der Toten werden mehr sein denn der Lebendigen!«

Da haben wir sie also, die Zombies, die auferstandenen Toten, die sich auf die Lebenden stürzen und diese fressen sollen. Genau, wie sie es seit vielen Jahrzehnten immer wieder tun; in Romanen und vor allem in Filmen sowie – in jüngerer Zeit – in Computer- und Videospielen.
Nachdem es lange ruhig war um diese Schaudergestalt, Vampire, Frankensteins Monster und Mumien waren wichtiger, begann der große Zombie-Boom Ende der Sechziger des letzten Jahrhunderts und er dauerte bis weit in die Achtziger hinein an. Den größten Anteil an diesem Trend dürfte sicherlich George A. Romero haben, denn schon einer seiner ersten Spielfilme, eine Low-Budget-Produktion, behandelte genau dieses Thema. »Nacht der lebenden Toten« ist inzwischen ein Klassiker und kann zudem legal und frei aus dem Netz heruntergeladen werden; zumindest in der englischen Originalversion.
In Europa waren es Dario Argento und vor allem Fulci, die den Zombie für sich entdeckten und zum Erfolg führten.
Es ist daher kaum erstaunlich, dass auch ich dank Fulci den Zombie für mich entdeckte; seinen Klassiker Ein Zombie hing am Glockenseil schaute ich lange vor meinem 18. Geburtstag und dies in der ungeschnittenen Version, die meinen Onkel, der mir dies ermöglichte, würgen ließ. Inzwischen hat sich der deutsche Jugendschutz wegen dieses Films dreimal ins Höschen gemacht, sodass man ihn, wenn überhaupt, in einer verstümmelten Version bekommt. Unsere Nachbarn aus Austria haben es da besser ...
In den Neunzigern wurde es, abgesehen von Low-Budget-Produktionen, die direkt auf VHS und DVD erschienen, eher ruhig um den Zombie. Doch dies gilt nicht nur für diese Figur; Horror generell war in dieser Zeit nicht allzu gefragt. Literarisch verarbeitet wurde er höchstens in den Schundheften von Bastei und Kelter. Ich darf diesen Ausdruck – Schundhefte – übrigens verwenden, da ich selbst eben solche schreibe.
Die Lust am Zombie kehrte jedoch zurück, wenn auch über Umwege. Denn diesmal war es nicht ein großartiger Regisseur, der den Zombie auf die Leinwand zurückbrachte, sondern ein Videospiel. Im Original Biohazard genannt, eroberte das Game bei uns unter dem deutlich bekannteren Namen Resident Evil die Herzen der Spieler und mit etwas Verzögerung auch jene der Cineasten. Kein Zombiekiller war jemals so sexy wie Milla in ihrem kurzen, roten Kleid.
Der Erfolg von Spiel und Film beflügelte das Genre in einem größeren Maße, als es Romero einst mit Night of the living Dead schaffte. Plötzlich schossen Filme und Romane wie Pilze aus dem Boden. Brian Keene ging das Thema erst von einer neuen, spannenden Seite an, um sich schließlich dem klassischen Zombie zu widmen, wie er uns seit Dawn vertraut ist. Und auch Moody erschuf mit seiner Herbst-Serie ein Epos; der erste Teil wurde zwischenzeitlich verfilmt.
Romane, Filme, Spiele – man kann keine tote Ratte um sich schleudern, ohne auf einen Zombie zu treffen. Und auch ich widme mich liebend gerne diesem Thema, habe es jüngst in Chris Schwarz 2/2010 verarbeitet.
Was aber ist es, das uns immer wieder nach dieser Figur greifen lässt?
Die Umkehr einer frohen Botschaft? Dass es zwar ein Leben nach dem Tode gibt, dieses aber alles andere als angenehm und erstrebenswert ist? Zeigt uns der Zombie eine Aufhebung der Auferstehung, wie sie die großen Religionen lehren?
Oder ist es die Angst, mit den eigenen Verwandten, den eigenen Verstorbenen konfrontiert zu werden? »Oh, Tante Edna – du hast auch schon besser ausgesehen ...«
Ein Vampir weckt in uns die düstere Lust, lässt Begierde über Moral triumphieren und hebt die Beschränkungen, denen wir ob unserer Erziehung unterworfen sind, scheinbar auf.
Ein Zombie tut dies nicht. Der Leser identifiziert sich nicht mit ihm sondern mit dem Helden, der ihm das Hirn aus dem Schädel pustet.
Haben wir es also mit einer Heldengeschichte zu tun? Ist der Zombie nur das Vehikel? Oder geht es noch profaner, und wir lieben den Gore, das Gemetzel, Blut und Gekröse?
Ich weiß es nicht. Ich weiß aber, dass sich mit einem Zombie wunderbar arbeiten lässt. Sowohl mit der klassischen Form, geboren aus dunklen Voodoo-Ritualen, wie auch mit den modernen, schnellen und boshaften Zombies, geschaffen von einer Seuche oder – wie in meinem Fall – von Naniten.
Der Zombie hat Potential, auch wenn viele stöhnen, dass das Genre ausgelutscht ist wie ein Kaugummi nach dreitägigem Dauerkauen. Allein die Tatsache, dass dieses Jahr Resident Evil 4 ins Kino kommt und ständig neue Direct-To-DVD-Filme erscheinen, die eben den Zombie zum Thema haben und ihre Käufer finden, beweisen das Gegenteil. Denn tatsächlich gibt es kaum etwas Neues zu vermelden. Zombies fallen über Menschen her und hübsche Helden und Heldinnen machen ihnen gekonnt den Garaus. Erotik und Gore, mehr braucht es oftmals nicht. Darum prophezeie ich, dass die Untoten tatsächlich nicht so schnell totzukriegen sind. Nicht in einer Zeit, in der man sich seiner Leidenschaft für eben genau diese beiden Zutaten stellen darf und mediale Unterstützung findet.
Der Zombie ist nicht tot. Aber untot, und das ist auch gut so!

Bildquelle: www.cinema.de

Copyright © 2010 by Gunter Arentzen

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