November 2009
Vom Dürfen und Sollen, von schamhafter Verschwiegenheit
und der Angst vor Reaktionen
von Gunter Arentzen
Es ist noch nicht allzu lange her, da wurde uns der Entwurf eines Leitartikels vorgelegt, verfasst von einem aufstrebenden Autor und mit Herzblut geschrieben. In diesem Artikel schrieb er all das nieder, was ihn in gewissen Bereichen seines Tuns bewegt.
Erschienen ist dieser Artikel nie; trotz Zuspruch unsererseits. Im letzten Moment verließ den Autor der Mut, er zog den Artikel zurück – aus Angst vor negativen Konsequenzen. Schließlich könnten Verlage, Leser oder auch andere Online-Magazine beleidigt reagieren. Also verschwand der Artikel, ohne je das Licht der Welt zu erblicken, einer Abtreibung im achten Monat gleich.
Einen Vorwurf kann ich meinem Kollegen daraus nicht machen, trägt er doch lediglich der momentanen Lebensart in Deutschland Rechnung. Denn hier, wo die Meinungsfreiheit garantiert ist, hat man sich schon lange die Freiheit genommen, seine Meinung nicht zu sagen. Aus Angst davor, andere zu beleidigen. Aus Scham, seine Meinung könnte nicht jene der Masse sein, man würde damit aus dem auf Konformität bedachten Kollektiv geistiger Zombies hervorstechen.
Es lebt sich ja auch recht bequem mit dieser Einstellung. Schließlich bietet ihm die Stille der eigenen Meinung die Möglichkeit, nach Belieben empört zu sein, sollte doch einer aufbegehren und den längst geschlossenen Pakt zwischen Minderheiten, Mehrheiten und den Medien brechen.
Es lebt sich einfach in einem Ozean, in dem man mit dem Strom schwimmt, strikt zwischen dem echten Leben und seichter Unterhaltung trennt und somit die kleinen und großen Haie oder Wale in Frieden an einem vorbeiziehen lässt. Ohne gebissen zu werden, ohne an scharfen Klippen anzustoßen. Ein politisches und gesellschaftliches Neutron, höchstens dort mit dem Zeigefinger, dem Zaunpfahl oder der groben Keule zuschlagend, wo es alle tun. Umweltschutz geht immer; vor allem dann, wenn man die Weltbevölkerung oder die Gesamtheit aller Unternehmen für Klimawandel, Meeresverschmutzung und Waldsterben verantwortlich macht. Niemand fühlt sich persönlich angegriffen, keiner muss beleidigt sein oder abwehrend die Hände heben; man ergeht sich stattdessen in kollektiver Betroffenheit, und die ist gut für das eigene Gewissen, gut für den Umsatz, gut für die nächste Wohltätigkeitsveranstaltung.
Der Autor behält seine weiße Weste; so wie der Schütze eines Erschießungskommandos seine weiße Weste behält, denn jeder glaubt von sich, die Platzpatrone in den Lauf seines Gewehrs geschoben zu haben. Seltsam, dass der Delinquent am Ende doch tot ist ...
Seit einigen Jahren scheint es unter den Schriftstellern ausgemacht, dass Romane mit Platzpatronen geladen werden. Die Zeiten, in denen sich Literaten öffentlich äußerten, für Parteien auf Tour gingen und den Lesern wie den Kritikern deutlich sagten, was in diesem Lande ihrer Meinung nach falsch läuft, sind vorbei. Autoren heute haben keine eigene Meinung und – was der Agent oder Verlag verhindern möge – falls doch, dann sagen sie sie nicht. Sie legen sie nicht ihren Protagonisten in den Mund, äußern sich ausweichend bei Interviews und sind stets bemüht, immer und überall ungeschoren davonzukommen. Sie winden sich wie Schlangen, um alles Scharfkantige, um keine Leser oder Verleger zu verschrecken. Sie opfern ihre Position auf dem Altar der Konformität, denn diese neue Religion verspricht Erlösung zu Lebzeiten.
Dabei sind es gerade die Künstler, die durch ihre exponierte Stellung innerhalb der Gesellschaft das Privileg der Meinungsäußerung genießen und nutzen sollten. Autoren werden gelesen, Autoren werden gehört. Sie sind jene, die über den Zwängen stehen, denen sich Politiker und Wirtschaftsfunktionäre täglich ausgesetzt sehen. Sie können mit wachem Blick und klarem Verstand urteilen, vergleichen und Schlüsse ziehen. Ob dies im Kleinen ist oder im Großen spielt dabei keine Rolle.
Eine beliebte weil bequeme Ausrede ist es auch, sich hinter dem Label Unterhaltung zu verstecken. Mit der Aussage, der Leser möchte bei der Lektüre eines Unterhaltungsromans nicht mit den Problemen des täglichen Lebens konfrontiert werden, lehnen sie jede Stellungnahme ab, bleiben biegsam und wachsweich. Dabei ist es gerade die U-Literatur, welche politische Themen transportieren kann. Dies bewiesen Autoren in unfreien Staaten wieder und wieder.
Was wir in Deutschland brauchen, ist eine Revolte der Autoren. Ein Aufbegehren jener, deren Stimme gehört wird; sowohl vom einfachen Arbeiter auf der Baustelle, der sich mit einem Gruselroman die Pause versüßt, wie von jenen, die nach einem harten Tag im Vorstand eines Unternehmens Entspannung bei einem guten Buch suchen. Wir brauchen ein Ende der Sprachlosigkeit, ein Zu-Wort-Melden der Schreiberlinge groß und klein. Wir brauchen den Mut, Dinge beim Namen zu nennen; ungeachtet der Möglichkeit, damit einen Leser oder Verleger zu erschrecken. Wahrheit ist nicht immer bequem, sie auszusprechen, den Menschen vor Augen zu führen aber immer wichtig.
Verlassen wir also das weiche Bett der Konformität, in dem wir über den Strom des Lebens treiben, und wagen wir uns in die wogende See der Meinungsfreiheit. Sind wir frei darin, unsere Meinung zu sagen – nicht frei darin, sie zu verschweigen, um allen zu gefallen.
Wer weiß; am Ende wirkt es ansteckend und plötzlich erwachen die Menschen aus ihrer Starre. Nicht auszudenken, wenn plötzlich alle ihre Meinung sagen ...
© Gunter Arentzen
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