
Der Leitartikel

Februar 2009
Und aus dem Tale erklingt die Klage ...
von Gunter Arentzen
Ich möchte in diesem Leitartikel fortsetzen, was unser geschätzter Herausgeber im Oktober ausführte – Privatkopie und Raubkopie.
Während Wolfgang die rechtliche Seite beleuchtete und erklärte, welches Recht dem Verbraucher trotz gegenteiliger Meinung der Industrie zusteht, möchte ich mich lediglich mit einem Aspekt beschäftigen – der Raubkopie.
Stellt man Tonträger her, werden sie kopiert und im Internet verteilt. Das ist ein Fakt, an dem auch strengere Gesetze – Hardliner wollen gar, dass Internetprovider illegalen Downloadern das Web sperren – und teure Werbekampagnen nichts ändern können. Produziere einen Tonträger, und er landet im Internet.
Gleiches gilt freilich auch für Filme und Spiele, Bücher und Software allgemein. Alles, was irgendwie über das Web verteilt werden kann, wird auch über das Web verteilt. Nennen wir dies ruhig das Web’sche Gesetz.
Während es sich bei der Musikindustrie um ein Jammern auf hoher Ebene handelt, denn hier sind keine Existenzen bedroht, sieht es bei kleinen Labels und auch in der Hörspielbranche vermeintlich anders aus.
So wimmerte ein deutscher Labelbetreiber, dass er eine Serie wahrscheinlich einstellen müsse – und dies, obwohl x böse Menschen seinen Titel von einer bekannten Downloadseite heruntergeladen hätten. Nun möchte er mit Anwälten und Softwareexperten gegen dieses unheilvolle Treiben vorgehen.
Das Gros der Forumsbeteiligten stimmte mit ihm in das Klagelied ein, wer anderer Meinung war, geriet rasch in den Geruch, selbst ein Download-Schlingel zu sein.
Damit mich nun niemand falsch versteht – sicher sind illegale Downloads nicht in Ordnung und natürlich schmerzt es, wenn eine Produktion im Web die Runde macht.
Aber weder hilft das Wimmern der Produzenten, noch das Vorgehen der Industrie. Nicht das unselige Digital Rights Management (kurz DRM) noch scharfe Gesetze können helfen, dem illegalen Treiben ein Ende zu bereiten.
Die Industrie muss einen anderen Weg gehen, muss völlig neue Konzepte ersinnen, um mit dem Problem fertig zu werden.
So es denn überhaupt ein Problem ist.
Zum einen verzeichnet die Musikindustrie wachsende Gewinne, und das trotz der Downloadszene, YouTube etc. Zum anderen muss keine einzige Serie eingestellt werden, nur weil die Titel über Webportale verteilt werden. Zwar mag dies eine bequeme Sichtweise des Produzenten sein, weil er sich nicht selbst die Schuld am Scheitern der Serie geben muss, wahr wird die These darum aber nicht. Selbst wenn ein Titel 2000 Mal über eine Webseite heruntergeladen, aber nur zehnmal gekauft wird, scheitert die Serie nicht an den illegalen Downloads. In Deutschland leben zurzeit rund 82 Millionen Menschen. Zieht man die Alten und Kranken ab, die keine Käufe tätigen, dann noch die unmündigen Kleinkinder, bleibt noch immer eine große Summe übrig. Wie verschwindend gering sind da x tausend Downloader? Muss eine Serie eingestellt werden, dann aus dem einfachen Grund – man konnte aus dem großen Potenzial der Käufer nicht in dem Umfange schöpfen, wie es notwendig gewesen wäre. Wobei die meisten dieser Menschen den Titel nicht deswegen nicht gekauft haben, weil er ihnen nicht gefiele. Sie haben deswegen nicht gekauft, weil sie noch nie in ihrem Leben davon gehört haben.
Der beschriebene Labelbetreiber täte also gut daran, nicht in Anwälte und Softwareexperten zu investieren, sondern in Marketing. Denn dann können ihm die Downloader egal sein.
Interessant in diesem Zusammenhang ist übrigens, dass Ubi zwei seiner Top-Titel ohne jeden Kopierschutz auf den Markt bringt. Was auf den ersten Blick erstaunt, ist letztlich jedoch schlicht logisch. Denn zwei Fakten sind auch den Managern von Ubi klar – der Kopierschutz wird geknackt und es fallen Lizenzgebühren für einen wirkungslosen Schutz an. Der Aufwand, den Softwarehersteller betreiben, um Downloads aus dem Web zu unterbieten, hat in den letzten Jahren groteske Züge angenommen. Online-Aktivierung, immer schärfere Software, die sogar Windows beeinträchtigt ... Wie hoch mag der Gewinn gewesen sein, der durch ein paar Downloads weniger eingefahren wurde, im Vergleich zu den immensen Kosten für den Kopierschutz? Oder besser – wie hoch waren die Verluste?
Kopierschutz trifft in erster Linie den ehrlichen Kunden, denn er gibt Zahlenkolonnen ein, registriert sich, legt artig die DVD ins Laufwerk und erträgt alles, was ihm die Industrie aufbürdet.
Jener, der illegale Software benutzt, hat es da bedeutend einfacher, denn die Images aus dem Web kommen ohne all diese Schikanen aus.
Von der unausgesprochenen Botschaft, welche die Industrie dem Käufer mit all dem Mumpitz entgegenschleudert, ganz zu schweigen. Kunde, ich traue dir nicht!
Wer kauft schon gerne von jemandem, der einem nicht über den Weg traut? Ich jedenfalls nichts.
Von dem Debakel abgeschalteter Lizenzserver wollen wir dabei gar nicht sprechen. Denn ohne Server kann das DRM die Rechte nicht prüfen, der Kunde kann seine Stücke nicht mehr hören – Pech gehabt, dumm gelaufen.
Fazit: Illegale Downloads sind ärgerlich. Aber die Labelbetreiber haben den falschen Weg gewählt, damit umzugehen. Neue Konzepte müssen her, neue Ideen angedacht werden. Ein radikaler Schritt ist notwendig, zu dem man eine große Portion Vertrauen in die Kunden braucht.
ga
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