Februar 2011
Trivial- und Schundliteratur
Wie gehe ich damit um?
»Haltet euch fern von jener Lektüre, die nur den Verstand verwirrt. Sucht nicht in den Lügen der Vergangenheit Trost, sondern erforscht die Wahrheit auf den Pfaden der Zukunft!«
Was steckt eigentlich in dem Wort Literatur? Verwandt ist es mit la lettre und the letter, was übersetzt Brief oder Buchstabe bedeutet. Im weitesten Sinn kann man alles Geschriebene als Literatur ansehen - eine Gebrauchsanweisung, ein Liebesbrief, ein Bastelbuch oder ein historischer Roman. Gewiss liest sich ein spannender Krimi besser als ein Telefonbuch, obwohl letzgenanntes keine Handlung aufzuweisen hat, dafür jedoch eine Unmenge an Pro- und Antagonisten. Deshalb versteht man unter Literatur wohl eher Lyrik und Belletristik: Gedichte, Schauspiele, Märchen, Sagen, Fabeln, Novellen und Romane.
Ich möchte mich nicht mit der Begriffsbestimmung zu Trivialliteratur auseinandersetzen. Dazu gibt es im World Wide Web genügend Seiten, die sich dieser Thematik annehmen. Die Meinungen dazu sind so differenziert und unüberschaubar. Jahrzehntelang diskutierten Literaturwissenschaftler darüber, wie man die Qualität von literarischen Werken beurteilen und sie den Kategorien wertvoll und wertlos möglichst objektiv zuordnen sollte. Zum Glück werden in den Literaturkritiken unserer Zeit kaum noch solche banalen Wertungen vorgenommen. Vielmehr rücken Kategorien wie historische und soziokulturelle Differenziertheit der Erzählform, Ethik, Ästhetik, Ideologie und Interpretation in den Vordergrund.
Ich bin denjenigen Autoren sehr dankbar, die jahrelang mit ihren missachteten und doch geliebten geistigen Kindern ihr bescheidenes Einkommen verdienen. Fast ein ganzes Leben haben mich einige ihrer Werke begleitet. Noch heute erinnere ich mich an so manche Begebenheiten, die Aufschluss darüber geben, welche Anstrengungen wir in der Zone unternahmen, um an die begehrten Groschenhefte heranzukommen. Waren sie doch ein Teil der Trivialliteratur, die zu jener Zeit als »ästhetisch wertlose, epigonale und schematisierte Literatur galt und in der Ausbeutergesellschaft den Profitinteressen und ideologischen Zielen der herrschenden Klasse diente«. Allein diese Auffassung veranlasste mich damals, Wege zu suchen, um einen kleinen bescheidenen Einblick in die ach so verrufene Literatur zu bekommen. Wie heißt es doch im Volksmund so treffend: Verbotene Früchte schmecken am besten. Mal waren es Grenzer, die unter der Hand konfiszierte Groschenhefte verhökerten. Ein anderes Mal durchstöberte ich die Aschenkuhle unweit meines Heimatortes und fand zwischen dem Müll, der dort legal, aber auch illegal abgekippt wurde, so manches Schätzchen. Zu meinem ersten Gespenster-Krimi aus der Feder von Jason Dark – Die Nacht des Hexers – kam ich während eines Aufenthaltes in Hermstedt bei Apolda. Es war der einzigartige Geruch der Schundhefte, der mich damals faszinierte.
Mittlerweile ist viel Zeit ins Land gegangen. Vieles an der sogenannten Trivialliteratur habe ich regelrecht verschlungen. Fehlt mir deswegen das Interesse an schöngeistiger Literatur? Sicherlich nicht. Lese ich mich dadurch nach unten anstatt nach oben? Sicherlich auch nicht. Es liegt am Leser/Konsumenten selbst, welche Art von Literatur er für sich in Anspruch nimmt, und Klassenunterschiede oder sogar Bildungsniveau sollten daraus erst recht nicht abgeleitet werden. Einigen Menschen bin ich begegnet und wurde von ihnen abwertend gefragt, warum ich so einen Schund lese (hatte einen Sinclairroman in der Hand). Es gibt sehr viele Menschen, welche ihr ganzes Leben lang kein Buch in den Händen halten würden, gäbe es solche Romane nicht, war meine Antwort.
Es macht für mich keinen Unterschied, ob eine einfache Bürofachfrau oder ein Top-Manager Trivialliteratur liest. Es ist umso erfreulicher, dass die Leserschaft solcher Literatur aus allen Schichten der Bevölkerung stammt. Es ist angenehm zu beobachten, wie sie sich für einen Moment dem stupiden Alltag mit all der Hektik und dem Stress entziehen, und ihre Mimik Bände erzählt. Sie befinden sich in ihrer Welt.
Nach einem langen Arbeitstag mit sehr anspruchsvollen Aufgaben möchte ich mich einfach mal zurücklegen können, um etwas zum Entspannen zu lesen, ohne dabei großartig nachdenken zu müssen. Doch bei vielen Romanen, die ich lese, stellt sich für mich die Frage, welche Botschaft oder Hinweis zur realen Welt mir der Autor vermitteln möchte. Ist dies verwerflich? Keineswegs. Doch meide ich solche Romane, bei denen schon vom Cover und Titel her das Schmalz regelrecht aus den Seiten tropft. Ist nicht mein Ding. Solche Bücher finden garantiert nicht den Weg in mein Bücherregal.
Fakt ist, dass ich mich beim Lesen vom Hintergrundgehalt des Plots inspirieren lasse, seien es zum Beispiel historische, mythische oder technische Hintergründe. Das regt den Geist an, und viel bleibt nach den Recherchen hängen, um in irgendeiner Form verarbeitet zu werden. Um es auf den Punkt zu bringen: Lesen bildet! Es muss nicht immer Weltliteratur sein.
Im Übrigen gefällt mir noch etwas besser als Trivialliteratur – phantastische Literatur.
In diesem Sinne, Don Quichote, ich halte mich nicht fern von jener Lektüre, die nur den Verstand verwirrt. Ich blicke in die Zukunft, in der die Phantastik auch weiterhin einen festen Platz in der Welt der Bücher innehat.
Copyright © 2011 by Wolfgang Brandt
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