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Der Leitartikel

Mai 2008

Der Serienkiller in Tat und Wort – Eine Männerdomäne?

von Cornelia Sibilitz

Serienkiller sind in! Sie morden in diversen Gattungen vergnügt vor sich hin, in Krimi, Thriller, Serien, Filmen und Dokumentationen. Ihre Morde werden erzählt oder sie erzählen sie selber. Manchmal müssen sie sich gegen einen Nachahmer zur Wehr setzen, meistens jedoch gegen den Held des Buches oder des Films. 90% von ihnen töten Frauen, ein Großteil hatte dabei leider das Pech die Ehefrau, Freundin, Schwester, Mutter oder Tochter des Protagonisten zu töten. Rund die Hälfte von ihnen werden von Frauen gejagt und liefern sich mit dem anderen Geschlecht eine Katz- und Mausjagd, wobei oft nicht gewiss ist, wer nun die Katze und wer die Maus ist. Die meisten von ihnen sterben, einige bleiben verschollen um irgendwann wieder aufzutauchen und andere wiederum gehen ins Gefängnis um von da aus ihrem einstigen Gegner zu helfen oder auszubrechen und sich dann an den Helden der Story zu rächen. 98% aller literarischen Serienkiller sind Männer, nur 2 % Frauen. Woran liegt das?

Frauen wird oft – und am liebsten vom deutschen Autoren - nicht zugetraut zu töten. Schon gar nicht in Serie. Dass sie es doch können, beweisen leider die Säuglingsmorde der letzten Monate. Und hier haben wir schon das nächste Problem: Frauen morden nicht interessant genug! Natürlich ist das Ermorden von Kindern schlimm, aber diese Morde eignen nicht als Stoff für einen Thriller oder einen Film, wie das Serienkiller-Publikum ihn liebt. Und auch die anderen Serienmorde, die Frauen zugetraut werden – ich spreche hier von der „Schwarzen Witwe“ oder dem „Engel der Kranken“ - scheinen nicht gerade ein spannendes Katz- und Mausspiel abzugeben und die Gier nach Blut wird hier schon gar nicht befriedigt.

So bleiben den Frauen in dem Spannungsgenre scheinbar nur die üblichen Rollen. Entweder ist sie totes Opfer oder ein Opfer, das gerettet werden muss und sich dann dem Helden – manchmal sogar der Heldin – hingibt. Seit einigen Jahren ist sie sogar die Jägerin. Entweder die, die sowas von kaputt ist, dass keine Beziehung hält und sie mehr Kerl als Frau ist oder die, die Hilfe beim Mann sucht und gar nicht weiß wie sie ohne seine Hilfe den Killer fangen soll. Natürlich gibt es auch immer noch die Assistentin des Protagonisten. Hysterisch schreiend und in den Armen des Chefs liegend oder immer dagegen haltend und natürlich dementsprechend die graue Maus, die nicht beachtet wird. Seit neuestem gibt es auch die Lesbe, die dann aber quasi all das nur mit einer Frau durchlebt anstatt nem Mann. Oft sogar noch mit nem scharfen Lesbenporno für Männer, die lesen können.

Geschichten mit Frauen auf der anderen Seite des Gesetzes kann man an zwei Händen abzählen. Witzigerweise ist gerade hier in dem deutschsprachigen Sektor die Heftserie „Jerry Cotton“ die Serie, mit den meisten weiblichen Serien- und Profikillern. Allerdings in der Zeit zwischen Band 2000 und 2500. Und auch die US-Serie „Criminal Minds“ hat einige weibliche Serienkiller im Angebot. Die Beste in der Folge „Jones“. Sowieso sind die Angelsachsen schon etwas moderner in dieser Beziehung. Zwar haben auch sie recht wenige Serienmörderinnen, aber dafür mehr Profikillerinnen in Buch und Film als wir.

Dabei zeigt die Geschichte, dass wir durchaus viele weibliche Serienmörder hatten. Die Bekannteste brutale Serienkillerin der Geschichte ist wohl ohne Zweifel Elisabeth Báthory, eine der Unbekanntesten der dynastischen Morde Kleopatra VII. Und es ist schon fast ein Hohn, dass der derzeit am meisten gesuchte Profikiller in Deutschland und Europa eine Frau ist.
Stoffe sind genügend da, man(n) muss sich nur trauen, diese auch zu nutzen.

***

„[...]verglichen mit den abartigen Vergewaltigungs- und Mordszenen aus Karin Slaughters Erfolgsroman "Belladonna" oder Tess Gerritsens "Chirurgin", in dem ein Unbekannter nachts in die Wohnungen von allein stehenden Frauen eindringt, sie einem gynäkologischem Eingriff unterzieht und dann tötet. Gemeinsam mit Mo Hayder ("Der Vogelmann") bilden ausgerechnet drei Frauen das zur Zeit härteste Dreigestirn der Brutalo-Szene.“ (Kester Schlenz, Brutalität in Krimis)

Dieses Zitat aus Kester Schlenz' Artikel „Brutalität in Krimis“ beweist, dass weibliche Serientäter nicht nur in Buch und Film für manche Männer ein Problem sind, sondern auch als Autoren. Natürlich, Frauen schreiben Krimi und Thriller und sind anerkannt. Haben eine große Fangemeinde, zu denen besonders viele Männer gehören. So weit so gut, solange sie sich an die Regeln halten: Frauen morden nicht bestialisch. Auch nicht auf dem Papier!

Über Tess Gerritsens kann ich nichts sagen, ich habe ihre Bücher bis dato nicht gelesen. Mo Hayder ist tatsächlich eine Klasse für sich. Die perfekte Autorin für eine Bátory-Biographie. Und Karin Slaughter, nun, da musste ich lange grübeln, warum gerade sie als äußerst brutal gilt. Ich kam lange nicht drauf, denn ihre Morde sind weder neu noch besonders brutal. Ein befreundeter Polizist brachte mich drauf: Karin Slaughter gibt den Opfern eine Stimme. In keiner anderen Krimi/Thriller-Serie wird das Leben eines Opfers nach so einem brutalen Überfall mit solcher Intensität erzählt, wie das der Polizisten Lena Adams. Das ist erschreckend, aber die Realität sieht nun mal so aus und nicht wie oft in dem Genre gelesen, dass das Opfer sich kurz nach seiner Befreiung dem Helden oder der Heldin hingibt.

Aber eigentlich können wir Frauen noch froh sein. Immerhin sind wir als Bösewichte noch gut dabei. Eigentlich hätte die Überschrift lauten müssen: Serienkiller in Tat und Wort – eine Domäne der weißen, männlichen Christen bzw. Atheisten?

© by Cornelia Sibilitz

Link zu dem Artikel von Kester Schlenz:
http://www.stern.de/unterhaltung/buecher/:Brutalit%E4t-Krimis-Sterben/596426.html

 

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