
Der Leitartikel

September 2008
Ein Ratgeber für Autoren und solche, die es werden wollen
von Alfred Wallon

Wer hat nicht schon einmal davon geträumt, sein eigenes Buch zu veröffentlichen? Möglichst so, wie man es selbst gerne hätte und natürlich in der Ausstattung und Layout, die man selbst für optimal hält.
Das ist aber leichter gesagt als getan. Bis zur Veröffentlichung eines Buches kann es eine lange Durststrecke sein, die viele Autoren nicht aushalten und deshalb einen Weg gehen, den sie für einfacher halten und bei dem sie letztendlich viel Geld zahlen. Deshalb möchte ich an dieser Stelle ein paar einfache und eigentlich sehr nachvollziehbare Regeln nennen, nach denen ein Autor handeln sollte, wenn er ernsthaft an eine Veröffentlichung denkt – natürlich auch in einem seriösen Verlag, der einen nicht über den Tisch zieht.
Sie haben bereits ein Buch geschrieben und ihre Freunde und Bekannte haben es gelesen? Die fanden es ganz toll und haben Sie natürlich auch ermutigt, das unbedingt zu publizieren? Nun kommt gleich der erste Dämpfer: vergessen Sie genau diese Ratschläge, denn genau dieser Personenkreis hat meistens nicht viel Hintergrundwissen über den Buchmarkt und Verlagsrichtlinien und wird Ihnen im Zweifelsfalle nicht viel helfen können. Es nützt auch nichts, wenn Ihnen Ihre Freunde und Bekannte sagen, wie toll das Buch war. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Lektor diese Beurteilung sehr schnell zunichte macht. Indem er den Text auf Stil und Rechtschreibung prüft und dabei noch gravierende Mängel feststellt. Und es wäre auf jeden Fall besser, auf den Rat eines solchen Experten zu hören als sich womöglich mit ihm darüber noch zu streiten, dass die von ihm im Text vorgenommenen Änderungen nun gar nicht mehr das widerspiegeln, was Sie eigentlich literarisch beabsichtigt hatten. Wenn ein Verlag ein professionelles Lektorat hat – und das ist Grundvoraussetzung für ein seriöses Arbeiten – dann sollte man diese gut gemeinten Ratschläge auch beherzigen.
Nun kommen wir zu dem Fall, dass ein großer Publikumsverlag Ihr Manuskript ablehnt. Dafür gibt es viele Begründungen (passt nicht ins Programm, zurzeit kein Bedarf an diesen Themen usw.). Es gibt nun nur noch zwei Möglichkeiten: entweder Sie verzichten auf den Wunsch einer literarischen Selbstverwirklichung und schreiben stattdessen das, was gerade angesagt ist und sich im Programm vieler Verlage wiederfindet ( im Moment wäre das z.B. Fantasy ). Oder Sie gehen einen riskanteren Weg, indem Sie Ihr Buch selbst drucken und es verkaufen. Das mag zwar eine gewisse Befriedigung der eigenen Träume sein, aber daraus kann sehr schnell ein Albtraum werden. Warum das so ist, erfahren Sie jetzt im nächsten Absatz.
Sie sind traurig und entsetzt darüber, dass die großen Verlage ausgerechnet Ihr epochales und bahnbrechendes Werk abgelehnt haben? Wie können die denn nur so blind und stur sein? Zum Glück gibt es noch eine Rettung – und zwar die kleinen und unscheinbaren Anzeigen wie „Verlag sucht Autoren“ oder „Wir suchen ständig Manuskripte“. Das klingt für einen gerade abgelehnten Autor sehr verlockend – aber halt: es droht Gefahr! Denn hinter diesen Anzeigen verbergen sich meist sogenannte Druckkostenzuschussverlage.
Was das bedeutet? Nun, diese „Verlage“ sind Dienstleister, nichts anderes. Sie drucken Ihr Buch, geben ihm eine ISBN und lassen es auch in den gängigen Onlinebuchhandlungen listen. Aber Werbung oder das Organisieren von Lesungen usw. – das müssen Sie alles selbst in die Hand nehmen. Und das für einen horrenden Preis! Zugegeben, es ist schon eine sehr große Bestätigung des Egos, wenn man sein gedrucktes Buch in der Hand hält – aber was nützt es, wenn das dann auch schon alles ist und dieser besagte Dienstleister Sie mit dem Rest allein lässt? Ein Beispiel hierfür ist ein solches Unternehmen, dem ich auf der Leipziger Buchmesse begegnete. Man warb mit dem besagten Spruch „Wir suchen Autoren“. Diese Zauberformel ist nach wie vor immer noch wirksam, und viele fallen darauf herein. Zudem warb dieser „Verlag“ noch mit Niederlassungen in Berlin, Paris, London und New York. Allein das wirkt auf einen ahnungslosen Autor sehr beeindruckend.
Und das am Stand anwesende und sehr geschulte Personal tat sein Bestes, um weitere Autoren unter Vertrag zu nehmen ( oder zu knebeln, das ist zutreffender ).
Ich war sehr neugierig und erkundigte mich bei einem Autor, der dort publiziert hat. Er war ganz stolz darauf, für sein Buch 10.000 Euro bezahlt zu haben – in einer Qualität, die ich vorsichtig ausgedrückt, mittelmäßig nennen möchte. Und er fiel aus allen Wolken, als ich ihm sagte, dass ich noch niemals für ein Buch irgendetwas bezahlt habe.
Zudem veranstalten solche Druckkostenzuschussverlage meist Lesungen der Autoren am Stand. Aufgrund des großen Publikumsandrangs ist das natürlich alles andere als eine optimale Kulisse. Das war Fließbandlesen par excellence. Jeder hat das gemerkt, nur die Autoren nicht, und ich musste mich immer wieder darüber wundern, wie leichtgläubig man doch sein kann. Und was den Inhalt der dort veröffentlichten Bücher angeht, so will ich mich vorsichtig ausdrücken: bei gut 80 % fehlt dem geneigten Interessenten manchmal der intellektuelle Zugang. Das weiß wahrscheinlich nur der betreffende Autor, aber manche von ihnen schaffen es eben nicht, sich so zu artikulieren, dass es jemand anderes versteht. Das Geschäft mit der Eitelkeit boomt – und zwar gewaltig!
Zusammenfassend ein paar goldenen Regeln, die Sie als Autor unbedingt berücksichtigen sollten:
- nicht der Autor bezahlt den Verlag, sondern umgekehrt.
- Wenn ein Lektor im Vorfeld Geld von Ihnen haben will, dann meiden Sie ihn
- Jeder Autor bekommt mindestens 10 Freiexemplare. Falls er weitere benötigt und welche kaufen möchte, sind 50 % Rabatt in der Branche üblich.
- Ordnungsgemäße Honorarabrechnungen sind Voraussetzung für eine gute Zusammenarbeit. Und zwar regelmäßige!
- Werbung, Lesungen usw. organisiert der Verlag, nicht Sie. Natürlich können Sie gerne ausgewählte Buchhandlungen in Ihrem persönlichen Umfeld ansprechen, aber hüten Sie sich davor, von Buchhandlung zu Buchhandlung zu pilgern und als Bittsteller aufzutreten. Das wirkt nicht sehr professionell.
- Und was am wichtigsten ist: sollten Sie einmal auf einen dieser Druckkostenzuschussverlage hereingefallen sein, dann ist es für Ihre weitere Karriere nicht unbedingt werbewirksam, wenn sowas in Ihrem Autorenlebenslauf steht.
- Basis für jede Zusammenarbeit ist ein ordnungsgemäßer Verlagsvertrag. Hüten Sie sich aber davor, sich auf immer und ewig an einen Verlag zu binden. Vereinbaren sie eine Rechtedauer von maximal 6 Jahren. In dieser Zeit sollte es ein Verlag eigentlich geschafft haben, ein Buch so zu vermarkten, dass Sie auch etwas daran verdienen. Und wenn nicht, dann suchen Sie sich einen anderen Verlag und kündigen Sie!
All dies sollten Sie berücksichtigen, b e v o r Sie eine einzige Zeile schreiben. Wie schon gesagt: es ist sinnvoll, sich zunächst einmal über die Marktsituation zu informieren, bevor Sie voller Engagement ein Thema realisieren, das dann letztendlich niemand haben will und es keinen Markt dafür gibt. Schauen Sie sich um, gehen Sie auf Buchmessen, informieren Sie sich, welche Verlage für Ihr Thema geeignet sind. Denn dadurch vermeiden Sie, dass Ihr Manuskript ungelesen im Müll landet – weil der Verlag, den Sie voller Hoffnung wegen eines Fantasyromans angeschrieben haben, nichts anderes als wissenschaftliche Sachbücher publiziert.
Wenn jetzt diese Dinge im Vorfeld geklärt und ausgeräumt sind und das Thema Druckkostenzuschuss für Sie – hoffentlich – erledigt ist, wenden wir uns jetzt sinnvolleren Dingen zu. Nämlich den Verlagen, die offen für neue Autoren sind. Es gibt mehr davon, als Sie denken – man muss sie eben nur zu finden wissen. Gerade im phantastischen Bereich gibt es doch eine ordentliche Anzahl von Kleinverlagen, die erstens offen für neue Themen sind und sich auch entsprechend engagieren. Aber auch hier gilt es, die Spreu vom Weizen zu trennen und sich über den Verlag im Voraus zu informieren.
Sollten im Internet eventuell bedenkliche Angaben zu finden sein, was die Zuverlässigkeit, die Druckqualität und das Einhalten von Lieferterminen des einen oder anderen Verlages betrifft, würde ich zur Vorsicht raten. Versprechungen mancher Verlage sind noch nicht einmal das Papier wert, auf dem sie stehen. Aber das findet man heraus, wenn man sich näher damit beschäftigt.
Speziell im Bereich der kleineren Verlage gibt es große Unterschiede, was die Qualität der einzelnen Bücher betrifft. Sowohl vom Inhalt als auch von der Druckqualität. Es könnte nicht schaden, sich im Vorfeld mal das eine oder andere Buch zu besorgen, es zu prüfen und dann die entscheidende Frage zu stellen: „Möchte ich dort wirklich publizieren?“
Es ist außerdem sehr hilfreich zu wissen, was man für sein Engagement als Autor bekommt. Manche Kleinverlage sagen von Anfang an, dass sie kein Honorar zahlen können ( weil es eben wirklich nur Kleinstmengen sind ). Wenn man das als Autor akzeptiert und es nur darum geht, endlich mal sein Werk in gedruckter Form zu sehen, dann will ich das nicht verurteilen. Es ist auch schon vorgekommen, dass sich im Nachhinein der Erfolg eingestellt hat und der Autor an diesem Erfolg partizipieren konnte. Das kann also ein richtiger Weg für den Autor sein – entscheiden muss es aber derjenige ganz allein.
Es gibt Kleinverlage, die wirklich in gediegener Ausstattung produzieren – teilweise sogar im Hardcover - und auch ansonsten all das tun, was ein großer Verlag macht (Listung im Barsortiment + VLB, amazon, Auftritt auf Buchmesse usw.). Ideal, oder? Und warum schießen sich manche Autoren dann noch selbst ein Eigentor? Anstatt dass sie dankbar sein sollten, solche Voraussetzungen zu finden, senden sie handgeschriebene Manuskripte an den Verlag und gehen davon aus, dass der Verlag einfach mal so diese Arbeiten auch übernimmt. Oder ein Autor besteht unbedingt darauf, dass er in seinem Buch noch 20 Innenillustrationen haben möchte, weil das halt besser aussieht. Und wer bezahlt diese Zusatzleistung? Ich kann die Verlage verstehen, wenn sie sagen, dass der Autor sich dann in irgendeiner Art und Weise an den Kosten beteiligen sollte. Das hat aber nichts mit Druckkostenzuschussverlagen zu tun, sondern einzig und allein mit der teilweise sehr überzogenen Erwartungshaltung eines Autors an den Verlag. Nicht alles ist selbstverständlich – das gebe ich zu bedenken.
Und jetzt reden wir über die Marktsituation. Ich habe oft gesagt, dass Kleinverlage neue Ideen anpacken und dies zu großen Teilen auch sehr gut und engagiert umsetzen. Etliche Impulse gehen mittlerweile von kleinen Verlagen aus, während größere Verlage ihre Politik einfach fortsetzen und auf Massenimporte setzen. Quantität ist bekanntlich nicht Qualität, und Beispiele gibt es dafür zur Genüge. Ich will sie jetzt nicht alle aufzählen.
Selbstverständlich gibt es auch entsprechende Internet-Informationsportale, wo speziell Publikationen von kleineren Verlagen regelmäßig besprochen werden. Das ist sehr hilfreich, weil diese Portale sehr häufig frequentiert werden und den Lesern als Orientierung dienen. Wenn da nur nicht diese Krankheit wäre, die einfach nicht heilen will! Damit meine ich, dass gewisse Onlineportale mit offensichtlicher Vorliebe nur bestimmte Publikationen von bestimmten Kleinverlagen besprechen und andere mit auffälliger Regelmäßigkeit ignorieren oder sogar boykottieren. Vetternwirtschaft möchte ich das nicht nennen, aber es fällt schon auf, wenn der Verlag A seine Publikationen immer vollständig an die „Rezensionsabteilung“ sendet, aber niemals Antwort bzw. eine Buchbesprechung bekommt.
Ich habe schon vor Jahren gesagt, dass es sehr hilfreich wäre, wenn einige Kleinverlage sich zusammentun und eine gemeinsame Marktstrategie fahren. Dass dies möglich ist, zeigen Beispiele aus der Praxis. Aber es gibt auch solche, die dann sagen „...mit dem Verlag A oder B will ich nichts zu tun haben, aber mit C schon. Und eventuell noch D oder E. Aber niemals F. Nur das nicht...“ Der Neid untereinander ist riesengroß, und manchmal gönnt der eine dem anderen noch nicht mal die Butter auf dem Brot. Das Ganze erinnert - aus der Distanz gesehen – an Sandkastenspiele. Wahrscheinlich mit der Absicht, möglichst viele Leser aus dem sogenannten „Fandom“ zu gewinnen und für sich zu mobilisieren. Das „Fandom“ ist jedoch nur ein überschaubarer Kreis von Fans des phantastischen Genres. Nicht mehr und nicht weniger. Wenn man auf Dauer von diesen Strömungen unabhängig sein will, dann gilt es, die Leser außerhalb dieses Bereichs zu finden. Leute, die sich einzig und allein für die Bücher interessieren und nicht dafür, ob der Verleger A den Rezensenten B irgendwann mal auf einem Con unwissentlich beleidigt oder schief angesehen hat. Verbannen wir solche Argumente am besten dahin, wo sie auch hingehören – nämlich in den Kindergarten! Es geht um Bücher, liebe Leute – und um das, was drin steht. Ich gehöre nämlich auch zu der Sorte Leser, die das Buch als solches und deren Inhalt interessiert.
Wie wird es weiter gehen? Einige Kleinverlage habe ich schon kommen und gehen sehen. Einige von ihnen haben nicht verstanden, welche Politik sinnvoll und zukunftsweisend ist und andere werden es vermutlich nie verstehen, dass sich jenseits des „Fandoms“ noch eine normale Welt mit interessierten Käuferschichten befindet. Man muss sie nur zu erreichen verstehen. Einige Verlage tun es und haben Erfolg damit. Das sollte motivierend für andere sein, denke ich.
© Alfred Wallon
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