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Der Leitartikel

Mai 2010

Presse und Wirtschaft – von eigenen und fremden Interessen

Die Beziehung besteht wahrscheinlich, seit die erste Zeitung gedruckt wurde. Kaum erblickte die Presse das Licht der Welt, da wurde sie auch schon von der Wirtschaft entdeckt. Marketing, Anzeigen und vorteilhafte oder unvorteilhafte Berichterstattung waren plötzlich ein Thema in den Chefetagen.
Daran hat sich bis heute nicht sonderlich viel geändert. Noch immer spielen sich Presse und Wirtschaft in die Hände oder bekriegen sich – je nachdem, wie es gebraucht wird. Und doch, trotz der scheinbaren Macht der Presse, ist sie doch in Wahrheit eher ein Sklave der Unternehmen.
Als Beispiel möge mir hier die PC Powerplay dienen, eine Zeitschrift für Computerspiele, die für ihre unabhängige, teils sehr kritische Berichterstattung bekannt war. Höhepunkt einer Auseinandersetzung mit JooWooD, dem Publizier des schrecklich verbuchten Spiels »Gothic 3« war die Androhung, künftig keine Werbung mehr in der PC Powerplay zu schalten, sollte die Berichterstattung nicht in deren Sinne sein.
Sie war es nicht – JooWooD gibt es noch, die PC Powerplay nicht.
Die Abhängigkeit der Presse von der Wirtschaft ist so groß, dass man kaum auf ernsthaft kritische Artikel hoffen kann. Schließlich ist jeder Verlag auf das Wohlwollen der Marketingabteilungen angewiesen. Anzeigen bringen Geld in die Kasse, allein durch den Verkauf lässt sich kaum ein Magazin finanzieren.

Aber wie sieht es im Kleinen aus?
Verlassen wir den professionellen Bereich und schauen wir auf semi-professionelle oder rein aus Hobby betriebene Onlinemagazine.
Hier, so sollte man meinen, ist die Welt noch in Ordnung. Hier geht es nicht um Auflage, Anzeigenverkauf und Marketing, sondern um ernsthafte Informationen. Die Basis, die Menschen, die täglich Nachrichten und Tests bringen und von der großen Presse gefürchtet werden wie das Weihwasser vom Teufel, könnten im 21. Jahrhundert das Pressewesen revolutionieren. Schnelle News, fundiert und unabhängig präsentiert, schlagen jede Zeitung um Längen.
Ja, wir könnten einem schönen Zeitalter entgegenblicken.
Wenn …
Wenn sich nicht manche Magazine dazu herabließen, sich freiwillig in die Hände der Wirtschaft zu begeben.
Es ist noch lange her, da meldete Lübbe das Aus für drei Hörspielserien. Grund dafür seien die illegalen Downloads im Web, so hieß es als offizielle Begründung.
Statt diese Angaben kritisch zu hinterfragen und als das zu entlarven, was sie sind – eine dreiste Lüge, um die tatsächlichen Ursachen zu verschleiern und Stimmung für schärfere Gesetze zu machen – entblödeten sich manche nicht, in dieses Wimmern einzufallen. Ja, sie hätten es mal wieder geschafft, stand dort zu lesen.
Die Gründe für ein solches Verhalten liegen dabei klar auf der Hand. Die Redakteure genießen den Komfort, kostenfreie Rezensionsexemplare zu erhalten. Wirft ihnen die Presseabteilung zudem hin und wieder einen Brocken hin, dann schnappen sie begierig danach und fühlen sich, als habe sie die Hand Gottes gestreichelt.
Solche vermeintlichen Privilegien setzt man nicht freiwillig aufs Spiel. Wessen Brot ich fress, dessen Lied ich sing. Oder anders: Wessen Rezi-Exemplare ich lese oder höre, dessen Botschaft verbreite ich auch. Niemals darf man kritisch berichten, niemals eine schlechte Rezension verfassen. Der Quell kostenloser Produkte könnte versiegen, ebenso der Informationsfluss.
Eigene Interessen und jene der Wirtschaft verschmelzen so zu einem Brei, der für unbedarfte Leser unbekömmlich ist. Dabei sind gerade sie es, die Leser und Besucher, denen man als Betreiber eines solchen Magazins verpflichtet ist. Nicht der Wirtschaft, nur weil sie einem Futter vor die Füße wirft. Nicht jenen, die Pressemitteilungen schicken, die man ungeprüft, unlektoriert und unverändert auf seine Seite stellt; Tippfehler inklusive.
Nein, es sind die Besucher, denen das Augenmerk gelten muss. Denn sie sind es, die ein bisschen von ihrer Zeit opfern, um die Artikel zu lesen, sich eine Meinung aus dem zu bilden, was ihnen präsentiert wird. Leser, die einem Magazin die Treue halten, sich umschauen und wiederkehren. Leser, ohne die ein Magazin jedweder Art zum Scheitern verurteilt ist.
Es nicht die Aufgabe der Presse, die Meinung der Leser in die der Wirtschaft genehmen Richtung zu lenken. Es ist die Aufgabe der Presse, Fakten zu präsentieren und Meldungen zu hinterfragen, ehe man sie veröffentlicht.
Ich für meinen Teil kaufe mir lieber ein Buch, das mich interessiert, bei Amazon, statt mich für ein Rezi-Exemplar zur Schlampe der Wirtschaft zu machen.
Jene Kollegen, die das anders sehen, können sich schon einmal tief bücken. Aber Achtung – die Wirtschaft benutzt nicht einmal Gleitgel!

Bildquelle: www.preussen-chronik.de

Copyright © 2010 by Gunter Arentzen

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