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Der Leitartikel

August 2010

Objektives und Subjektives in Rezensionen

»… ich forderte einen Maßstab des Urteils und glaubte gewahr zu werden, daß ihn gar niemand besitze: denn keiner war mit dem andern einig, selbst wenn sie Beispiele vorbrachten …«
(Johann Wolfgang von Goethe: Aus meinem Leben. Wahrheit und Dichtung, Seite 231)

In jeder Zeitepoche gab und gibt es unterschiedliche Auffassungen darüber, wie ein literarisches Werk zu werten sei. Bis heute wird darüber gestritten, welche Kriterien bei der literarischen Wertung berücksichtigt werden sollten und ob es allgemeingültige Kriterien gibt. Meinungen prallten aufeinander. Auf Biegen und Brechen versucht man, seinen Standpunkt als das Nonplusultra anzupreisen. Doch auf einen gemeinsamen Nenner kommt man nicht.
Sicherlich fällt die Interpretation des Gelesenen/Gehörten/Gesehenen unterschiedlich aus, es kommt dabei darauf an, aus welchem Blickwinkel man dies sieht.
Auf verschiedenen Internet-/Rezensionsportalen findet man eine schier unendliche Zahl an Rezensionen, die sich in der Qualität voneinander sehr unterscheiden. Oft habe ich den Verdacht, dass es sich bei einigen um sogenannte Gefälligkeitsrezensionen handelt, da man ja mit dem jeweiligen Autor befreundet ist oder aus der Verteilerliste der Verlage nicht fallen möchte.
Bei der Vielzahl der Titel, die jährlich veröffentlicht werden, ist es aus meiner Sicht aus Zeitgründen kaum möglich, alle phantastischen Romane als Einzelperson zu lesen. Jedes Mal, wenn ich die Buchmessen in Frankfurt am Main und Leipzig besuche, nehme ich mir vor, keine Rezensionsexemplare zu ordern, sondern vielmehr in aller Ruhe die Kataloge der Frühjahrs- und Herbstkollektion zu durchforsten. Doch stets bleibt der Wunsch der Vater des Gedanken.
Ob eine Rezension aufgenommen wird und das Kaufinteresse des Lesers weckt, hängt zuallererst von dessen Interessenlage ab. Auch die Platzierung und letzendlich die Qualität einer Rezension tragen dazu bei, ob sie wahrgenommen, überlesen oder als Zitat in einem anderen Medium genutzt wird. Dazu soll an dieser Stelle eine Begebenheit genannt werden, wo die Kernaussage meiner Rezension zu »Nacht der Hexen« von Kelley Armstrong für die 2. Auflage als Pressestimme genutzt wurde und unter dem Klappentext auf der Rückseite des Taschenbuches zu lesen ist.

Immer wieder werde ich damit konfrontiert, ob man Rezensionen, welche bereits auf anderen Portalen erschienen sind, auch hier auf dem Geisterspiegel unbedingt veröffentlichen muss. Ein User schlug vor, dass es doch ausreiche, wenn wir einen Link zur entsprechenden Rezension setzen. Es ist und bleibt meine Entscheidung, wie der Geisterspiegel damit umgeht. Das wäre das Gleiche, wenn in der Bild anstelle des aktuellen Fernsehprogramms der lapidare Satz Wenn Sie sich für das heutige Fernsehprogramm interessieren, kaufen Sie bitte die Frankfurter Rundschau stehen würde. Oder auf dem Onlineportal von dpa der Link zu Reuters. Ich bin der Auffassung, dass gerade das Netzwerk mehr genutzt werden sollte, um auf interessante Titel aufmerksam zu machen; denn die Klientel ist genauso differenziert wie die Portale und Neuerscheinungen im Phantastikbereich.
Schmunzeln musste ich über eine Diskussion in einem Forum, in welcher ein sich selbst gekrönter Literaturkritiker die Meinung vertritt, dass es schon mal vorkommt, zwei Meinungen (Rezensionen) zu ein und demselben Werk zu verfassen. Hab ich da was verpasst? Ich glaube nicht - entweder habe ich eine Meinung oder keine. Oder sind wir wieder bei Gefälligkeitsrezensionen angelangt?

Inwieweit kann man von Objektivität und Subjektivität bei literarischen Werturteilen sprechen? Erklären wir an dieser Stelle einige Begriffe:

  • Objektivität ist eine Eigenschaft, die der Haltung eines Beobachters oder der Beschreibung einer Sache oder eines Ereignisses zugeschrieben werden kann. Im Fall der Beschreibung bezeichnet Objektivität die Übereinstimmung mit der Sache oder dem Ereignis ohne eine Wertung oder subjektive Verzerrung.
  • Unter Subjektivität versteht man die subjektive, d. h. individuelle Wahrnehmung eines Individuums. Subjektivität wird oft mit Unsachlichkeit gleichgesetzt, mit Voreingenommenheit und mit der Beeinflussung durch persönliche Gefühle, Interessen oder Vorurteilen, aber auch mit Geschmack, Individualität und Sensibilität.
  • Eine Rezension (von lateinisch recensio: Musterung) oder auch Besprechung ist die schriftlich niedergelegte und veröffentlichte Form einer Kritik, die einen bestimmten Gegenstand eines abgegrenzten Themenfeldes behandelt. Es werden in ihr Inhalte wissenschaftlicher Erkenntnisse oder kultureller Schöpfungen wie Bücher, Filme, Kunstwerke, Konzerte, Bild- und Tonträger sowie mittlerweile auch Computerspiele oder Software ihrer Entwicklung nach beschrieben, analysiert und bewertet. Rezensionen sind häufig mit bis zu drei Seiten eher knapp gehalten, können aber in der literarischen Form eines Essays auch weit mehr Seiten bis zum Umfang eines eigenständigen Buches einnehmen.

Wo findet man Objektives und Subjektives in Rezensionen?
Objektiv vorhanden sind der Gesamttext als Mittel der Kommunikation zwischen Autor und Leser, darin enthalten die Protagonisten und deren Charakterisierung durch den Autor, die Erscheinungsart … eben alles, was im Kopfteil einer Rezension vorhanden sein sollte.
Subjektiv hingegen ist das Werturteil, welches der Rezensent niederschreibt. Ob er das Gelesenen als Hymne oder Veriss sieht, ist seine Sache. Doch sollten dabei mit Verlagen und Autoren in Freundschaft verbundene Gefälligkeiten oder persönliche Rachsucht keinen Platz einnehmen. Der Leser von Rezensionen erkennt beide Extreme und wird Kompetenz und Glaubwürdigkeit des Rezensenten infrage stellen. Auch verallgemeinernde Formulierungen sind kein Beweis für ein individuelles Werturteil des Rezensenten und gehören in keine Rezension.

»Der Scharfsinn des Kritikers erweist sich besonders an neuen Schriften, die noch nicht durch das Publikum erprobt sind. Erraten, vorauseilen, auf den ersten Blick beurteilen, das ist die Gabe des Kritikers. Wie wenige besitzen sie!«
Charles-Augustin Sainte-Beuve (aus: Chateaubriand)

In diesem Sinne, liebe Kritiker: Bleibt in eurem Werturteil schön subjektiv!

Copyright © 2010 by Wolfgang Brandt

 

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