
Der Leitartikel

von G. Arentzen / September 2007 Überkommenes Fandom –
Der Mief des Alters umweht die Fans
In einem von mir frequentierten Forum wurde es bejubelt – die Geburt eines neues Fanzines zum Thema Perry Rhodan und SF. Man überschlug sich förmlich vor Begeisterung, klopfte dem Macher virtuell auf die Schulter und versprach, das Magazin zu kaufen. Inzwischen ist Band 1 erschienen und an Band 2 wird gearbeitet. Offenbar gab es also genug Käufer. Im Zuge der dabei entstehenden Debatte um das Fandom prallten jedoch verschiedene Meinungen aufeinander. Während das Gros in seliger Fandom-Trunkenheit die Idee samt Herausgeber bejubelten, gab es vereinzelt Stimmen, die nach dem Sinn eines solch gedruckten Magazins fragten. Nicht nur, dass es bereits etablierte Fanzines gibt, die alle mehr oder weniger den gleichen Inhalt bieten – Reviews, Artikel, Kurzgeschichten – die Zeiten sind denkbar ungünstig für ein Printmagazin dieser Art. Zum einen müssen Käufer aktiviert werden. Wie schrieb der Macher in einem Thread: Es sei schade, wenn das Projekt nur an mangelndem Interesse scheitern würde. Ja, schade wäre das sicher – für ihn, da ihm dann der Spaß entgehen würde. Wobei es eine gute Idee ist, sich das Hobby von anderen bezahlen zu lassen. Doch für all jene, die eben kein Interesse an dem Magazin haben, wäre es wohl nicht schade.
Schlimm an dieser Debatte waren manche Aussagen, dass es solche Projekte bräuchte und jeder nur noch nach Internet und kostenlosen PDFs fragen würde. In den Postings der Befürworter schwang eines mit – die Sehnsucht nach der guten, alten Zeit. Damals, als noch alles besser und vor allem einfacher war. Man las SF und stellte im Schweiße seines Angesichts ein Fanzine her. Mühsam auf der Maschine getippt und anschließend auf die eine oder andere Weise vervielfältigt und verschickt. Austausch fand am Stammtisch einmal im Monat oder bei den gut besuchten Cons statt. Alte Freunde wurden getroffen, Autoren wurde gehuldigt und der neue Klatsch verbreitet. Das Fandom folgte festen Regeln und niemand fürchtete, dass es jemals anders sein könnte.
Heute ist alles anders.
Die Fanzines werden noch produziert, haben aber nur wenige Leser. Die Cons werden von den Alt-Eingesessenen besucht, Nachwuchs fehlt. Man ist unter sich, es kommen vermeintlich keine frischen Impulse mehr hinzu. Aber warum? Was ist geschehen?
Die Antwort ist leicht – das Internet trat seinen Siegeszug an und machte Fanzines, Treffen und Cons nahezu überflüssig. Es ist nicht mehr notwendig, dass man seine Texte zu Papier bringt und per Brief verschickt. Es ist nicht wichtig, dass man sich auf Cons mit anderen austauscht, zu denen man sonst kaum Kontakt hat. Das Internet macht eine Kommunikation über alle Grenzen hinweg in Sekunden möglich. Neuigkeiten sind nicht mehr darauf angewiesen, dass sie von einer Fangemeinde auf dem Printweg verteilt werden. Sie jagen durch das Web und erreichen jeden, den es interessiert. Cons, um dort das Angebot von Kleinverlagen zu sichten oder Lesungen zu lauschen sind im Zeitalter von Podcast und Webauftritten eben jener Verlage nutzlos für jene, die ohnehin online leben. Und das werden stets mehr. Wozu auf einen Con fahren, Eintritt zahlen und nach Büchern schauen, wenn man bequem aus dem Sessel heraus mit den Autoren Kontakt aufnehmen, die Werke ordern oder einer Lesung lauschen kann? Wozu ein Fanzine kaufen, wenn die Informationen frei verfügbar im Netz zu haben sind, Kurzgeschichten an jeder Ecke lauern und man es dank UMTS, GPRS und WLAN mobil genießen kann? Sicher, die eingefleischten Fans sagen, dass sie Papier zwischen den Fingern brauchen. Das Gefühl, ein Buch zu lesen. Wird in Star Trek ein Roman auf einem Digi-Pad gelesen, ist das normal. Aber der SF-Fan nutzt keine eBooks. SF ist gut, so lange hier, im richtigen Leben, alles beim Alten bleibt. So kommt es, dass ein Hauch von Geriatrie durch das Fandom weht, ein Hauch von Überkommenheit. Das Fandom in seiner alten Struktur verfault von innen heraus, geht zugrunde an der Altersschwäche, die jedes Phänomen früher oder später befällt. Noch ein paar Jahre, dann werden die Fanzines verschwunden und Cons Vergangenheit sein. Schade? Eher nicht, denn etwas anderes ist an deren Stelle getreten, und es ist schneller, aktueller, internationaler.
Um so erstaunlicher, dass die Debatte um die Überalterung des Fandoms im Internet stattfindet; jenes Medium, dass dem klassischen Fandom das Wasser abgräbt.
Das Fandom, wie es viele kennen und lieben, hat seine Existenzberechtigung verloren. Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit. Das gilt für Fanzines und all jene, die sich den neuen Medien verschließen. Die Fans an sich sind nicht weniger geworden, das Interesse an SF, Horror etc. nicht kleiner. Nur spielt sich heute alles in den Weiten des Internet ab. Vielleicht muss man ja noch eine Generation warten, bis das überall angekommen ist.
ga
|