
Der Leitartikel

August 2011
Manchmal frage ich mich ...
Es ist schon ein Graus mit der neuen deutschen Rechtschreibung. Als Ausgangspunkt meiner Reise in die Wirren der Rechtschreibproblematik möchte ich ein Zitat von Konrad Duden anführen: »Die Schrift ist nicht für die Gelehrten, sondern für das ganze Volk da..., und dieses verlangt nichts weiter von der Schrift, als daß sie genau, und daß sie leicht zu handhaben sei.«
Wer nun die Stirn runzelt und anmerken möchte, dass bereits in diesem Zitat mindestens zwei Fehler vorhanden sind, dem muss ich entgegenhalten, dass dieses Zitat aus dem Jahr 1872 stammt und es zu dieser Zeit unsere neue deutsche Rechtschreibung noch nicht gab.
Doch der Reihe nach. Alles begann damit, dass sich im Jahre 1522 Martin Luther als Junker Jörg daran machte, die Heilige Schrift ins Deutsche zu übersetzen. Lange Zeit davor interessierten sich die Deutschen nicht sonderlich für ihre Rechtschreibung. Auch Martin Luther setzte die Buchstaben noch willkürlich in Beziehung zu den Lauten. So existieren 15 Varianten der Schreibweise seiner Heimatstadt Wittenberg.
Fast sein ganzes Leben lang widmete sich der Sprachforscher und Dichter Justus Georg Schottelius (1612 – 1676) der Ausbildung und Regelung seiner Muttersprache und der deutschen Dichtkunst. Mit einer Vielzahl weitverbreiteter und wirkungsvoller Einzelschriften bereitete er sein wichtigstes und umfangreichstes Werk Ausführliche Arbeit Von der Teutschen HaubtSprache (1663) vor, welches ihm einen bedeutenden Platz in der Geschichte der deutschen Sprachforschung sicherte. Vielleicht ist es in der Tatsache, dass er mit Fürst Ludwig I. von Anhalt-Köthen im ständigen Disput stand, begründet, dass ihn dieser gerade deswegen am 25. September 1642 in die Fruchtbringende Gesellschaft aufnahm. Die Gesellschaft, welche von Fürst Ludwig von Anhalt-Köthen nach dem Vorbild der italienischen Accademia della Crusca 1617 in Weimar ins Leben gerufen wurde, verfolgt unter anderem das Ziel, Deutsch sowohl als Sprache von Gelehrten als auch von Dichtern zu propagieren.
Und der Reigen deutscher Gelehrsamkeit inpuncto Rechtschreibung geht weiter.
Ende des 18. Jahrhunderts brachte der Sprachforscher und Lexikograph Johann Christoph Adelung (1732 – 1806) ein Regelbuch zur deutschen Rechtschreibung, das später dem Duden gleichkam. Im Jahr 1804 schrieb Friedrich Schiller an Johann Wolfgang von Goethe in diesem Zusammenhang: »Den Adelung erbitte ich mir, wenn Sie ihn nicht mehr brauchen; ich habe allerlei Fragen an dieses Orakel zu tun.« Selbst Heinrich Heine gab 1826 seinen Standpunkt zum Adelung'schen Regelbuch kund: »Wir haben uns den Adelung aufgesackt.«
Das mit einem Umfang von rund 60.000 Artikeln von Johann Christoph Adelung verfasste Grammatisch-kritisches Wörterbuch der hochdeutschen Mundart beschreibt beeindruckend die Herkunft, Bedeutung und Verwendung des deutschen Wortschatzes bis Ende des 18. Jahrhunderts in einzigartiger Weise und setzte der bisher eher rationalistisch und universell orientierten Sprachwissenschaft eine konkrete und empiristische Sprachbeschreibung entgegen.
Für eine tiefgründige Sprachforschung wurden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erneut Reformbestrebungen aufgenommen sowie Überlegungen angestellt, welche Rechtschreibung am geeignetsten sei. Jakob Grimm, Begründer der wissenschaftlichen Germanistik, vertrat die Ansicht, dass die Rechtschreibung seiner Zeit keinen einheitlichen Kriterien folgte und in vielen Punkten unzweckmäßig war. Er schlug deshalb vor, sie konsequent gemäß dem historischen Prinzip nach dem Mittelhochdeutschen umzugestalten. Dem gegenüber stand die Auffassung, das Deutsche konsequent phonologisch zu schreiben. Zu einer Einigung kam es nicht. Verlage und Druckereien schrieben weiterhin vollkommen unterschiedlich, je nachdem, welcher Richtung sie folgten. Auch an den Schulen gab es keine einheitliche Richtlinie für die richtige Schreibweise.
In dieser Situation trat der erfahrene Deutschlehrer und Gymnasialdirektor Konrad Duden (1829 – 1911) auf die Tagesordnung und ergriff die Initiative.
»Nicht zwei Lehrer derselben Schule und nicht zwei Korrektoren derselben Offizin waren in allen Stücken über die Rechtschreibung einig, und eine Autorität die man hätte anrufen können, gab es nicht.« Mit diesen Worten beschrieb Konrad Duden die Missstände bezüglich der uneinheitlichen deutschen Orthographie, die sowohl an Schulen als auch im Druckgewerbe bestand und zu einer großen Verunsicherung der Menschen geführt hatten. Er verfolgte von Anfang an die Vereinheitlichung und Vereinfachung der deutschen Othographie.
Aufgrund Dudens Engagement kam es 1876 zur 1. Orthographischen Konferenz in Dresden, auf der maßgebliche Veränderungen für die deutsche Orthographie beschlossen wurden. Diese stießen bei einigen konservativen Leuten auf Ablehnung, viele Schriftsteller protestierten. Selbst die preußische Schulverwaltung wies vor allem auf Betreiben Bismarcks den Reformentwurf zurück. 1880 legte Konrad Duden sein Vollständiges Orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache vor, den ersten DUDEN.
Auf der 2. Orthographischen Konferenz 1901 in Berlin wurde dann die DUDEN-Orthographie mit geringen Verbesserungen für das gesamte deutsche Sprachgebiet als verbindlich erklärt.
Es vergingen Jahre, ja Jahrzehnte, bis im März 2006 der Rat für deutsche Rechtschreibung der Kultusministerkonferenz einige Änderungen der Reform vorschlug, denen die Minister zustimmten. Zwischenzeitlich galt an deutschen Schulen noch eine Übergangszeit, in der sowohl die alte als auch die neue Rechtschreibung galt. Doch seit dem 1. August 2007 gilt nur noch die neue. Und was hat es gebracht? Mehr Unsinn als Sinn!
Manchmal frage ich mich,
was für mich als Leser von Beiträgen und Artikeln in Zeitungen, Zeitschriften, auf Internetseiten und Romanen unterschiedlicher Art wichtiger ist: Rechtschreibung oder Inhalt? Beides ist für mich wichtig. Ein Text mit vielen Rechtschreibfehlern und miesem Satzbau ist einfach anstrengend zu lesen. Ich erwische mich manchmal dabei, dass ich gerade aus diesem Grund Angefangenes aus den Händen lege. Auch wenn mich die Thematik interessiert und anspricht.
Ich unterscheide zwischen Rechtschreibfehlern, bei denen zu erkennen ist, ob dem Verfasser das nötige Wissen in puncto Rechtschreibung fehlt oder der Artikel/Beitrag einfach nur hingeknallt wurde und es dabei an Lust und Zeit fehlte, um ja schnell fertig zu werden. Ich vertrete die Auffassung, dass man sich die Zeit nehmen sollte, einen Text nochmals zu überprüfen und gegebenenfalls zu korrigieren. Auch wenn es sich bei dem Geisterspiegel um eine private Website handelt, ist es für mich als Betreiber einer solchen wichtig, Qualität an den Tag zu legen. Und dazu gehört auch das Endkorrektorat.
Sicherlich ist es ein Vorteil, wenn viele Mitarbeiter/Autoren freien Zugang zum Einpflegen von Beiträgen/Artikeln eingeräumt bekommen. Doch sollte vorher eine Art Endkontrolle gemacht werden.
Denn wenn Rechtschreibung und Grammatik so katastrophal sind, dass der Text unlesbar oder sogar verfremdet erscheint und einem permanent Fehler aufdringlich ins Auge springen, überlege ich mir, ob es Sinn macht, eine solche Seite weiterhin zu besuchen.
Wenn man sich die Mühe macht, qualitativ gute Texte zu erarbeiten, dann sollte es auch nicht am Korrekturlesen und an der Anwendung der Rechtschreibregeln scheitern.
Copyright © 2011 by Wolfgang Brandt
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