Februar 2011
Hobbyautoren, Anspruch und Gefahren im Online-Journalismus
Häufig kommt es vor, dass die Herausgeber des Geisterspiegels oder auch ich als Chefredakteur Material zur Veröffentlichung erhalten.
Sind es Artikel, so müssen sie einer gewissen Form und einem gewissen Anspruch genügen.
Oft sind es Kurzgeschichten, die uns erreichen. Nun, auch diese müssen unseren Anforderungen entsprechen.
Hierzu zählen Aufbau, Spannung und Handlung, aber auch Zeichensetzung und Rechtschreibung. Es ist erstaunlich – und manchmal traurig – welche Machwerke in unserer Mailbox landen.
»Schreiben ist leicht«, scheinen sich da manche zu sagen. »Ich schreibe einfach, wie ich spreche oder denke!«
So klingt es dann auch. Sinnlose Sätze, willkürlich gesetzte Kommas, mehrere Ausrufezeichen – so, als ob der Autor einen Foreneintrag hinschnuddeln würde, werden die Texte verfasst. Die Zeit ist unwichtig – im ersten Satz noch Vergangenheit, dann Gegenwart; wen kümmert es schon?
Nun, es kümmert uns, und darum haben solche Geschichten keine Chance, auf dem Geisterspiegel veröffentlicht zu werden. Wir sagen dem Autor in der Regel, warum wir von einer Veröffentlichung absehen, wo seine Schwächen liegen – und hören meist niemals wieder von ihm. Denn jeder, der eine Geschichte einreicht, glaubt, er sei gut. Es bedarf vieler Absagen und harscher Kritik, bis man erkennt, dass dem doch nicht so ist.
Einen Vorwurf kann man den angehenden – oder auch verhinderten – Autoren nicht machen. Sie schreiben selig ihre Geschichten und tragen sie im Familien- oder Freundeskreis vor. Das ihnen wohlgesinnte Publikum jubelt ihnen zu und Tante Martha bekennt, sehr stolz zu sein und niemals so etwas zu Papier zu bringen.
Kritik darf man von seinen Lieben nicht erwarten.
Und genau hier schnappt die Falle auch schon zu.
Derart mit Lob überhäuft und im Glauben bestärkt, ein guter Autor zu sein, schickt man seine Geschichte ein.
Mit etwas Glück, und ja – es ist Glück – erhält man eine fundierte Absage. Eine, die einem auf dem weiteren Weg hilft.
Mit etwas Pech erntet man Spott und Hohn.
Nun ist das weitere Vorgehen des Autors klar – die Absage wird abgetan. Schließlich finden einen Onkel Theo und Tante Martha, Mama Hilde und Papa Bernd ganz toll. Was also soll es schon bedeuten, wenn irgendein Fremder irgendwo in Deutschland schreibt, man solle den Text kräftig überarbeiten? Vor allem, wenn Mama Hilde den Autor tröstet und ihm versichert, ein ganz, ganz toller Autor zu sein!
Ich spreche hier aus Erfahrung.
Auch ich tappte in diese Falle. Meine Mutter war begeistert, wenn sie meine Geschichten las, und auch meine Kollegen jubelten mir zu. Aber all dieses Lob brachte mich nicht weiter, es ließ mich verharren.
Erst die Literaturforen von AOL halfen mir auf die Sprünge. Denn dort wurden meine Texte zerpflückt, ich bekam sie rechts und links um die Ohren gehauen und durfte bei null anfangen.
Das war der Beginn meiner Entwicklung.
Ohne diese Kritik hätte ich niemals derart viele Romane veröffentlicht. Und ein Ende ist nicht abzusehen.
Als Magazin hilft man einem angehenden Autor also, wenn man ihm deutlich aufzeigt, wo seine Schwächen liegen. Man hilft ihm nicht damit, jeden noch so schlechten Text zu veröffentlichen und ihn dann der Kritik der Besucher auszusetzen. Und man hilft ihm nicht durch Lob, wo keines angebracht ist.
Warum dieser Leitartikel zu dieser Zeit, warum die Ausführlichkeit?
Werfen wir einen Blick auf den Zauberspiegel.
Dort läuft seit einiger Zeit ein Experiment mit dem Namen Kuhjunge. Zwei Teile sind erschienen und die Kritiken sind … geteilt …, um es vorsichtig auszudrücken.
Schon der erste Teil erschien ohne Lektorat und strotzte nur so vor Fehlern. Zwar schüttete sich der Herausgeber des Zauberspiegels Asche auf sein Haupt und ließ die Geschichte korrigieren – besser wurde sie dadurch aber nicht.
Der zweite Teil war angeblich korrigiert, dennoch kann man viele Fehler zählen.
Ein verantwortungsvoller Chefredakteur hätte das Experiment eingestellt und dem Autor, der von sich selbst sagt, dass er bislang nur als Poetry-Slammer unterwegs war und nicht geschrieben hat, die Chance gegeben, an seinem Text zu arbeiten.
Stattdessen verteidigt der Herausgeber jedoch die Geschichten, der Jungautor erklärt lapidar alle Fehler zu Stilmittel und die Kommentare überschlagen sich. Jene, die auf die deutsche Sprache achten, winden sich in Krämpfen. Andere User mit deutlich weniger Anspruch jubeln dem Autor zu und lassen ihn damit in oben beschriebener Falle zappeln.
Ein User schrieb gar, dass es sich eben um eine FANgeschichte in einem FANmagazin handelt. Offenbar sind dort Fehler vernachlässigbar.
Fakt ist, dass der Autor nicht schreiben kann und mit Kuhjunge ziemlich zähflüssigen Bullshit abliefert, um es einmal hart zu sagen. Dies hätte ihm Herr von Allwörden sagen und seine Texte streichen müssen. Würde dieser Mann seiner Verantwortung nachkommen …
Und damit sind wir nun beim dritten Teil des Leitartikels, der – man liest es vielleicht aus den Zeilen heraus – von mir recht emotional verfasst wurde.
Der Grund hierfür ist, dass Online-Journalismus im Moment einen schweren Stand hat. Die gestandenen Verlage, vor allem im Printbereich tätig, machen mobil gegen Blogs und Magazine im Web. So erschien unlängst in Bayern eine Broschüre für Kinder, die Wege einer Nachricht aufzeigte – einmal jenen zur Zeitung, dann jenen ins Web über einen Blog.
Die Botschaft dabei ist klar – nur die Nachricht, welche von einem echten Journalisten erstellt wurde, ist zu trauen. Was im Internet steht, ist hingegen nicht vertrauenswürdig.
Ganz abgesehen davon, dass sich recht viele Gruppen und Personen gegen diese Broschüre, die an Schulen als Unterrichtsmaterial eingesetzt wird, wenden, zeigt sie aber deutlich, wie momentan die Denkweise ist. Eine Denkweise, die von etablierten Verlagen natürlich gestützt wird, denn das Internet ist eine enorme Bedrohung für Zeitungen und Magazine. Das Web ist aktueller, schneller und multimedial. Was ich morgen im Focus lese, habe ich schon gestern im Web gelesen. Wer gibt noch Geld für Nachrichten aus, die er kostenfrei finden kann?
Entsprechend schwer haben wir Betreiber von Online-Magazinen es. Inhalte müssen gepflegt werden, Themen aufbereitet. Das ist der normale Alltag. Doch nun kommt hinzu, dass man sich mit Vorurteilen auseinandersetzen muss, geschürt durch Interessengruppen, die jedes freie Online-Magazin und jeden Blog am liebsten am Boden sehen würden.
Entsprechend zornig machen mich darum Magazine wie der Zauberspiegel. Würden sie lediglich ihre schlechten Geschichten veröffentlichen, wäre mir dies egal. Aber sie gerieren sich auch als Journalisten. Sie lassen sich Rezensionsexemplare schicken, führen Interviews und sind in Presseverteilern drin. Sie veröffentlichen Meldungen, machen Termine auf Buchmessen … Kurz, sie geben sich als Journalisten aus.
Schauen die Verlage dann aber auf die entsprechende Seite, finden sie vor Fehler strotzende Beiträge, Geschichten, die nie das Licht der Welt hätten erblicken dürfen und unbearbeitete Pressemeldungen, in denen noch die Fehler des eigentlichen Redakteurs enthalten sind.
Damit spielen Leute wie Herr von Allwörden all jenen Kritikern in die Hände, die Online-Journalismus als minderwertig verdammen.
Was soll man auch davon halten, wenn ein Mitarbeiter des Zauberspiegels öffentlich in einem Artikel bekennt, dass er zu faul ist, Quellenangaben einzufügen? Oder wenn sich Mitarbeiter des Magazins in den Kommentaren zum Kuhjungen eine Schlacht liefern?
Ohne uns selbst loben zu wollen, kann ich doch sagen, dass wir hier beim Geisterspiegel einen gewissen Anspruch an uns und an unsere Artikel haben. Schon früh, gleich nach dem Weggang von Herrn von Allwörden und mit meiner Berufung zum Chefredakteur, stellten wir klare Regeln auf, wie Artikel, Rezensionen und Geschichten zu sein haben. Wir verbannten »Fanfiction« von unserer Seite und vereinbarten, wie genau eine Rezension auszusehen habe – und wie nicht. Auch hörten wir zu diesem Zeitpunkt auf, jede Geschichte und jeden Artikel zu nehmen. Wir wählten aus, besannen uns auf Qualität und Sorgfalt. Etwas, womit ich damals bei den Herausgebern Anke und Wolfgang Brandt übrigens offene Türen einrannte, denn auch sie sahen das Potenzial des Geisterspiegels und wussten, wie man an diese Sache herangehen muss.
Schade – auf den zweiten Blick jedoch positiv – war, dass wir dadurch einige Mitarbeiter verloren, denn sie sahen nicht ein, dass sie ihre Arbeit – schließlich nur ein Hobby – in der von uns vorgegebenen Weise zu erledigen hätten.
Nun, ein Hobby führt man in der Regel akribisch aus. Ob man Sport treibt, Flaschenschiffe bastelt, schreibt oder malt. Man hält sich an die Regeln, ist sorgfältig und stolz auf seine Arbeit.
Es ist übrigens kein Wunder, dass einige dieser Mitarbeiter heute beim Zauberspiegel sind. Darum ist ihr Weggang positiv, denn wer unsauber arbeitet, den brauchen wir nicht – eine einfache Regel.
Wir beim Geisterspiegel wollen bei den Verlagen und Filmverleihern, bei den Autoren, Regisseuren und Grafikern als seriös wahrgenommen werden; auch, um das Vorurteil, Online-Journalismus sei unzuverlässig, auszuräumen. Darum treten unsere Herausgeber auf der Messe mit Kragen und Schlips bzw. schicken Kleidern zu Interviews an, darum wird eine Form gewahrt; im persönlichen Kontakt ebenso wie in den Artikeln. Es gibt keine Tiraden gegen unliebsame Zeitgenossen und Kommentare. Die darauf abzielen, haben keine Chance. Kurz – wir wollen genau das sein, was man dem Online-Journalismus abspricht: zuverlässig, seriös, vertrauenswürdig und korrekt.
Das und nichts anderes ist unser Anspruch. Wäre dem nicht so, hätte ich den Geisterspiegel längst verlassen.
Darum ist es für uns und für jeden Blogger bzw. jedes andere Magazin ein Schlag ins Gesicht, was der Zauberspiegel tut. Das hat beileibe nichts mit Neid zu tun oder mit persönlichem Zorn.
Nein, es ist professioneller Zorn im Angesicht dieses als Online-Journalismus getarnten Dilettantismus.
Wir, die wir im Online-Bereich tätig sind, haben es schwer genug. Braucht es da Leute, die sich hinter Worten wie »Hobby« und »Fan« verstecken, um schlechte Arbeit zu leisten und all den Kritikern Recht zu geben? Ich denke, dass es das wirklich nicht braucht.
In diesem Sinne
ga
Quellen & Ressourcen:
- Das neue Scheunentor: Persiflage auf »Der Schrei« von Munch. Mit Dank an Andreas Neumann-Nochten (www.home.arcor-online.de)
- Artikel zur genannten Broschüre aus Bayern: www.welt.de
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