August 2009
Politische und religiöse Korrektheit in der Literatur oder: Heute schon zensiert?
Da draußen tobt ein Krieg!
Nein, ich meine nicht den im Irak, in Afghanistan, in Gegenden Afrikas und Asiens oder gar hier in Europa. Ich meine nicht den Krieg mit Waffen und toten Menschen.
Der Krieg, von dem ich spreche, ist ein leiser Krieg ohne Tote und ohne Waffen, nur mit Worten, dem Schreiben und Gesetzen. Aber dieser Krieg ist genauso brutal wie der andere Krieg. Ein Krieg, der weit weg ist von dem mündigen Bürger in den deutschsprachigen, aber auch anderen Ländern. Auch wenn es durchaus einige Staaten gibt, die diesen Krieg schon etwas öffentlicher führen, wie die USA, wie die Türkei…
Welchen Krieg meine ich? Ich meine den Krieg gegen die Zensur in neuen Büchern und gegen die Säuberung der Klassiker. Harte Worte, harte Fakten.
Um zu verdeutlichen, worum es geht, ein kurzer Blick auf den Begriff Zensur:
Die Zensur, lateinisch censura, ist ein beliebtes Werkzeug der Politik, um unerwünschte Inhalte oder den Gesetzen zuwiderlaufende Inhalte zu verbieten und zu unterdrücken.
Besonders Künstler sehen sich immer wieder mit den Sittenwächtern eines Landes konfrontiert, wenn die Inhalte eines Textes oder eines Films verboten werden.
Zumindest hier in Deutschland wird stets das Jugendschutzgesetz vorgeschoben. In unserem Heimatland werden Texte, Musikstücke und Filme auch nicht zensiert, sondern sie landen auf dem Index. Ein sehr schönes Wort für Zensurliste.
Denken wir an Zensur, denken wir automatisch an Diktaturen und an Staaten im Vorderen, Mittleren und Östlichen Asien und Afrika. Aber auch in den westlichen Demokratien, die ja die Menschenrechte gerade so erfolgreich mit Folter verteidigen, kommt die Zensur im neuen Gewandt daher: politische und religiöse Korrektheit.
In der Türkei ist vor einigen Wochen ein großer Streit entbrannt, der öffentlich in den Zeitungen ausgetragen wird. Es geht dabei um ein junges Mädchen aus der Schweiz, die jeder von uns kennt oder von der jeder schon einmal gehört hat: »Heidi« von Johanna Spyri. Das Buch - und übrigens noch so einige andere Kinderbücher, wie zum Beispiel »Pippi Langstrumpf« von Astrid Lindgren - wurden von einem türkischen Verlag, nun sagen wir es ruhig, religiös und ideologisch angepasst: mit Kopftuch, Burka und langem Mantel, wie fromme Muslimas in der Türkei sich kleiden. Als dieser Verlag das Buch mit diesen Illustrationen rausbrachte, schlug es hohe Wellen in den laizistischen und liberalen Kreisen der Türkei. Die Zeitungen dieser Kreise beschuldigten den Verlag und auch die Regierung der Türkei, das Land heimlich still und leise islamisieren zu wollen. Diese Version des Buches würde den Kindern suggerieren, dass nur der Islam wahre Werte vermittle, andere Religionen und Menschen mit anderer Ansicht würden als minderwertig dargestellt werden. Das Kultusministerium in der Türkei konterte, dass man ja nicht dieser Version kaufen müsse und außerdem sei die Autorin ja seit 70 Jahren tot und somit das Urheberrecht verfallen. Man könnte die Geschichte also durchaus anpassen. Der Streit in der Türkei dauert noch an und noch ist nichts entschieden.
Was ich mich hier gerade frage: Gab es eigentlich nach Veröffentlichung der Illustrationen in der Schweiz wütende Massendemonstrationen, bei der Türkeiflaggen verbrannt und Morddrohungen gegen den Verleger ausgesprochen wurden?
Und auch bei unserem großen Bruder, den USA, ist der Streit über die Zensur - hier Säuberung von diskriminierenden Wörtern - seit Januar dieses Jahres eskaliert. Dort werden nämlich jetzt die Klassiker umgeschrieben.
Da Europa, und hier allen voran Deutschland, den USA gern alles nachmachen, denke ich, dass dieser Brandherd bei Weitem wichtiger ist und somit die Auswirkungen der Säuberungen etwas mehr beleuchtet werden sollte.
Schon seit Jahrzehnten herrscht dort ein Streit, wie mit Begriffen wie Nigger in den Klassikern umgegangen werden sollte. Besonders die Autoren Mark Twain und Harriet Beecher-Stowe sind Zankäpfel der Parteien.
Mark Twain, würde er heute noch leben, würde über den Vorwurf ein Rassist zu sein, wohl nur den Kopf schütteln und die Welt nicht mehr verstehen. Denn zu Lebzeiten wurde ihm von konservativen Kreisen vorgeworfen ein »Niggerfreund« zu sein und heute ist er ein Rassist. Fakt ist, dass Mark Twain in seinen Tom Sawyer Büchern das Wort »Nigger« benutzt. Fakt ist aber auch, dass es zu seiner Zeit der gängige Begriff war und man die Afroamerikaner so oder halt als »Neger« bezeichnete. Für seine Zeit war Mark Twain extrem liberal und hat, wenn man sich die Bücher genau durchliest, kritische Untertöne was die Rassenprobleme in den USA SEINER Zeit betrifft.
Aber die Kritiker Mark Twains machen den Fehler, den viele Menschen machen: Sie betrachten ein historisches Ereignis oder Erzeugnis, wie eben dieses Buch, mit den Augen und dem Wissen von heute.
Ähnlich bei »Onkel Toms Hütte« von Harriet Beecher-Stowe. Hier kommt noch erschwerend hinzu, dass bei vielen Afroamerikanern der Titel des Buches als ein einziger Begriff genutzt wird und als Beleidigung gilt. Viele US-Amerikaner sind erstaunt darüber, dass dieses Buch in Europa so positiv angenommen wird. Was die Kritiker, die dieses Buch am liebsten ganz verbieten würden, stört, ist die Tatsache, dass der Sklave Tom seinen Tod mit quasi stoischer Ruhe entgegensieht. Aber wie gesagt, auch dies ist ein Buch seiner Zeit und muss mit den Augen dieser Zeit gesehen werden. Zudem beruht die Geschichte »Onkel Toms Hütte« auf eine wahre Begebenheit.
Es gibt aber auch moderne Bücher, die auf der Säuberungsliste stehen und wo eine Säuberung der bösen Wörter den Sinn des Buches gar entstellen würde. Ein sehr gutes Beispiel ist hier »Wer die Nachtigall stört …« von Harper Lee. Die Autorin erhielt 1961 für dieses Buch den Pulitzerpreis, zu einer Zeit also, als in den USA der Rassenkonflikt mal wieder extrem schwelte. Für diejenigen, die diesen Roman nicht kennen - was man übrigens dringend ändern sollte, zur Not tut es auch der erstklassige Film - eine kurze Inhaltsangabe:
»In den Südstaaten übernimmt ein weißer Anwalt die Verteidigung eins Afroamerikaners, der eine weiße Frau vergewaltigt haben soll. Dem Anwalt und seiner Familie wird gedroht, aber er lässt sich nicht abbringen, diesen Mann zu verteidigen. Auch seinen Kindern erklärt er immer wieder, dass alle Menschen gleich sind. Der Anwalt beweist im Prozess, dass die junge Frau aus Angst vor ihrem Vater gelogen hat und somit gute Aussichten, den Prozess zu gewinnen. Der Afroamerikaner verliert dennoch die Nerven, flieht aus dem Gefängnis und wird auf der Flucht erschossen. Die Geschichte ist aus der Sicht eines Kindes geschrieben.«
Würde man in diesem Buch also den Begriff »Nigger« durch den Begriff »Afroamerikaner« ersetzen, geht der ganze Lerneffekt dieses Buches den Bach runter. Ich möchte es an einem Beispiel aus dem Buch verdeutlichen:
»[…] Cecil Jacobs zum Beispiel ließ es mich vergessen. Tags zuvor hatte er auf dem Schulhof verkündet, der Vater von Scout Fink verteidige Nigger. Ich bestritt das und erkundigte mich später bei Jem, was Cecil damit gemeint habe.
›Nichts‹, sagte Jem. ›Frag Atticus, der wird’s dir schon sagen.‹
Ich wartete bis zum Abend und befolgte dann Jems Rat.
›Du, Atticus, verteidigst du Nigger?‹
›Natürlich. Aber sage nicht Nigger, Scout. Das ist hässlich.‹ […]«
(Seite 113, Wer die Nachtigall stört…, Harper Lee, Rowohlt September 2003)
Das ist das Original, nun zum Vergleich die selbe Stelle nach der Säuberung:
»[…] Cecil Jacobs zum Beispiel ließ es mich vergessen. Tags zuvor hatte er auf dem Schulhof verkündet, der Vater von Scout Fink verteidige Afroamerikaner. Ich bestritt das und erkundigte mich später bei Jem, was Cecil damit gemeint habe.
›Nichts‹, sagte Jem. ›Frag Atticus, der wird’s dir schon sagen.‹
Ich wartete bis zum Abend und befolgte dann Jems Rat.
›Du, Atticus, verteidigst du Afroamerikaner?‹
›Natürlich. Aber sage nicht Afroamerikaner, Scout. Das ist hässlich.‹ […]«
Wie man sehen kann, ist die Änderung der Begriffe ein extremer Einschnitt in den Sinn der gesamten Geschichte. Es würde immer noch ein spannender Gerichtsfall sein, aber die Lehre, die man aus diesem Buch ziehen kann und soll, wäre dann nicht mehr vorhanden.
Man kann über Sinn oder Unsinn dieser im Mantel der politischen Korrektheit versteckten Säuberung/Zensur streiten. Als (angehende) Historikerin sehe ich in der Verfälschung von Büchern auch eine Verfälschung der Geschichte. Die Erzeugnisse einer Epoche oder einer Zeit, besonders die schriftlichen Erzeugnisse, sind eine Quelle, ein Zeugnis ihrer Zeit und spiegelt den Stand der Gesellschaft wieder, in der dieses Erzeugnis das Licht der Welt erblickte.
Ein Blick in das Buch eines Mark Twains oder einer Harriet Beecher-Stowe oder einer Harper Lee ist nicht nur der Blick in EINE Geschichte, sondern ein Blick in DIE Sozial- und Gesellschaftsgeschichte eines Landes, eines Staates, eines Volkes. Verfälschen wir also schriftliche Erzeugnisse, verfälschen wir auch die Geschichte unserer Kultur und Gesellschaft.
Copyright © 2009 by Cornelia Sibilitz
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