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Der Leitartikel

Heftromane und ihre Probleme…

von Martin Palm

Juli 2007

Langsam wird es eng für die Heftromane: Nicht nur, dass etliche neue Projekte der Vergangenheit nach nicht allzu langer Zeit gnadenlos gescheitert sind, selbst den alteingesessenen Serien/Reihen geht es langsam aber sicher an den Kragen. Und um es von vornherein klarzustellen: Dieser Artikel dient nicht dazu, zum tausendsten Mal verbal auf Romanhefte einzudreschen, sondern das Ganze mal objektiv zu betrachten.

Es geht an die Substanz

Sogar Dauerbrenner und Auflagenmilliardär „Perry Rhodan“ wird in Kürze um eine Auflage ärmer sein – denn am 13. Juli 2007 erscheint mit dem Doppelband 1798/1799 die letzte 3. Auflage der erfolgreichsten Science-Fiction-Serie der Welt. Somit erscheint selbst der „Erbe des Universums“ nur noch in Erst- und Fünftauflage.

Das Programm der Verlage schrumpft weiter zusammen – das Romanheftprogramm der Verlagsunion Pabel/Moewig besteht inzwischen nur noch aus dem „Landser“ samt Neuauflagen und „Perry Rhodan“ in Erst- und Neuauflage, nachdem man „Atlan“ vor einiger Zeit beendet hatte.

Während der Martin-Kelter-Verlag aus Hamburg nach der Einstellung der langlebigen Kelter-Wildwest-Reihe „Die großen Western“ im Anschluss weitere Western-Reihen in demselben Design auf den Markt warf – etwa der „Wild West Roman“ und „Kentucky“ –, herrscht auch dort an neuen Reihen Sendepause. Nur noch zwei Western Einzelromanhefte erscheinen bei Kelter – „Edition Top Western“ und „Wyatt Earp“ – sowie zwei Sammelbandreihen. Auch ansonsten ist der Restbestand an Spannungs-Serien beim Martin-Kelter-Verlag – dessen Fokus ja nie großartig bei Spannungsromanen lag – inzwischen auf ein absolutes Minimum gesenkt worden.

Flops ohne Ende

Die Neuauflage der in den 1960ern und 70ern erschienen Krimiserie „Mr. Chicago“ erwies sich als Total-Flop. Nach nur 16 Bänden wurde der Nachdruck, der unter dem Titel „Al Capone“ lief, eingestellt. Ähnlich lief es mit einem lieblosen Ausflug in den Bereich der Gruselromane mit der Reihe „Geisterfänger“, die ebenfalls nach 24 Bänden aus dem Programm genommen wurde.

Einzig und allein im Bereich der Romantic Thriller gab es ein paar kleinere Erweiterungen beim Kelter-Verlag – die Reihen „Irrlicht“ und „Gaslicht“ bekamen nacheinander zwei gleichnamige Taschenheft-Reihen hinzu. Hier zeigt sich ebenso der traurige Trend: Taschenheft-Reihen scheinen in diesem Fall beliebter zu sein, denn die dritte Frauengrusel-Reihe im Heftformat, „Mitternacht“, floppte. Ansonsten setzt man bei Kelter inzwischen scheinbar nur noch auf Liebesromanserien und Rätselhefte.

Beim Bastei-Verlag aus Bergisch-Gladbach sieht es natürlich besser aus, aber auch hier hat die Unternehmungslust in Bezug auf neue Serien und Reihen in letzter Zeit herbe Dämpfer erhalten. Reihen wie „Special Force One“ oder „Schattenreich“ verschwanden nach je 24 bzw. 26 Ausgaben gnadenlos in der Versenkung. Der Versuch, den Krimi-Bereich um eine neue Serie zu erweitern, scheiterte ebenfalls: „Chicago“ gab man nicht einmal die Zeit, die Serie zu einem sinnvollen Ende zu führen – stattdessen wurde in der letzten Ausgabe ein nie veröffentlichter Band 26 beworben.
Nach der Einstellung von „Chicago“ ist im Krimi-Sektor wieder alles beim Alten – nur „Jerry Cotton“ kann sich hier wie gehabt in drei verschiedenen Auflagen – Erst-, Zweit- und Classic-Auflage – behaupten. Doch selbst die erfolgreichste Krimiserie der Welt musste Rückschläge erleiden – mit der Einstellung der 3. Auflage im November 2005 –, überwand diese allerdings mit der Ende 2005 eingeführten Classic-Auflage ganz gut.

Die (letzte?) Hoffnung auf historisch fundierte Wildwest-Romane im Heftformat wurde kürzlich mit einer Meldung des Bastei-Verlags zunichte gemacht. Die bei vielen Kennern des Western-Romans so beliebte Reihe „Western-Legenden“ hielt sich zwar etwa zwei Jahre am Markt, wird allerdings auch bald mit dem Band Nr. 100 eingestellt. Nachdem man hier versucht hat, eine Reihe, basierend auf sorgfältig recherchierte Wildwest-Stories, zu etablieren, macht man in Zukunft einen Rückzieher: Verlagsangaben zufolge will man das Herz des Lesers künftig mit einer „eher klassisch ausgerichtete Western-Reihe“ erobern. Was man sich davon wohl verspricht (mehr dazu siehe unten) …?

Ansonsten hat sich im Bereich Western nicht viel Neues getan – der „Texas-Marshal“ erscheint weiterhin (allerdings mit Unterstützung durch Co-Autoren, die inzwischen auch im Heft genannt werden und nicht alle unter dem Pseudonym des Hauptautors, William Scott, laufen), genauso die Unger-Nachdrucke und die Reihen „Jack Slade“ und „Lassiter“ scheinen sich nach wie vor in Erst- und Neuauflagen großer Beliebtheit zu erfreuen.

Auch im Bereich „Grusel/Horror“ musste man eine herbe Schlappe hinnehmen – zwar betraf dies nur den Taschenbuch-Bereich – und die Heftserie der Gruselserie sowie „Professor Zamorra“ laufen nach wie vor –, aber dennoch kommt langsam selbst der ewige Geisterjäger „John Sinclair“ in die Bredouille: Die Taschenbuch-Serie wurde im April 2007 eingestellt.

Und was meinen die Leute, die hinter den Heftromanen stehen?

Selbst das Urteil von Erfinder und Autor der „John Sinclair“-Serie, Helmut Rellergerd alias Jason Dark, klingt nicht mehr wirklich optimistisch. Im Interview mit im März 2007 kommentierte er die Entwicklung der Romanhefte:

„Das ist traurig, dass sich die Entwicklung so fortgefressen hat, sag ich mal. Aber durch die neuen Medien ist so viel hinzugekommen, dass viele junge Leser gar nicht mehr wissen, dass es diese Romane am Kiosk gibt. Hinzu kommt noch eine Konsolidierung der Firmen. Da sagt man einfach: Die Serie bringt nicht mehr genug Gewinn, die Rendite taugt nicht viel. Auch wenn sie vielleicht 2 – 3 Tausend Euro bringt. Zack, wir setzen sie ab. Das lohnt sich nicht mehr.“

Noch präziser verdeutlicht Rellergerd das Problem des Heftsterbens und die Zukunftschancen der Romanhefte:

„Es werden einige überleben. Aber dass es die Heftromane in 10 Jahren noch gibt, glaub ich auch nicht. Das wird sich auf andere Medien ausweiten.“

Unkenrufer hat es immer gegeben – wenn man es drauf anlegt, wird man in jedem Bereich (und mag er noch so erfolgreich sein) jemanden finden, der ein Ende prophezeit –, aber dass sich selbst bekannte Romanheftautoren derart pessimistisch über die Zukunft der Heftromane äußern, war bislang nicht an der Tagesordnung. Die jüngste Einstellung der Rhodan-Neuauflage unterstützt diese Prophezeiung nur.

Alles in allem lässt sich sagen, dass sich der Negativtrend der letzten Jahre nicht nennenswert zum Positiven verändert sondern – im Gegenteil – nur noch verschlimmert hat. Denn: Wirkliche Erfolge hat man (bei Bastei) nur im Bereich Science Fiction/Fantasy erzielt – „Maddrax“ steuert auf Band 200 zu und das Anfang 2005 gestartete Projekt „Sternenfaust“ läuft nach wie vor.

Woran es liegt, hat Jason Dark in dem Interview schon ganz gut auf den Punkt gebracht.
Ein Problem der Hefte dürfte die wirklich mangelhafte Auslieferung an Zeitschriftenhändler etc. sein. Des Öfteren beschweren sich Leser im Verlagsforum (http://www.bastei.de/forum) über mangelnde Lieferung an Heften. Das daraus resultierende Problem: Die Heftserien verschwinden mehr und mehr – und das im wahrsten Sinne des Wortes.
Die Zeitschriftenhändler – die ja sowieso häufig mit der Freundlichkeit von King Kong auf Ecstasy gesegnet sind – stopfen allerlei mehr oder weniger brauchbaren Kram in die Heftroman-Ständer, die immer öfter im hinterletzten Winkel eines Ladengeschäfts abtauchen. Laufkundschaft dürfte man so – jedenfalls an kleineren Zeitschriftenläden – kaum erreichen. Schließlich verdient ein Zeitschriftenhändler nicht wirklich viel an ein paar verkauften Heftromanen für 1,50 …

Das Internet – einer der wohl größten Feind des Printmediums

Doch nicht nur die Auslieferung der Hefte ist ein Problem. Allgemein der gesamte Print-Bereich musste in den letzten Jahren enorme Einbußen machen – nicht nur die Romanhefte.
Wozu noch eine Tageszeitung kaufen, wenn man per Internet sowieso alle relevanten Informationen des Tages in gut organisierten Medienmagazinen serviert bekommt – und das auch noch kostenlos? Schließlich ist ein Online-Magazin immer schneller als eine Print-Version – es ist also unnötig, sich die Finger mit Druckerschwärze zu verschmieren, um die veralteten Nachrichten von gestern zu lesen, wenn man das Ganze viel aktueller bequem per Internet abrufen kann – noch dazu kostenfrei.
Warum noch eine Fernsehzeitung kaufen – in der ohnehin in der Regel viel zu viel überflüssiger Kram steht –, wenn man im Web kostenlose Online-Programmzeitschriften bekommt? Wieso Leserbriefe an Printmedien versenden, wenn man seine eigene Meinung in Weblogs viel schneller darbieten kann, ohne Gefahr zu laufen, dass ein Brief nicht abgedruckt wird?

Dieser Trend ist nicht mehr zu stoppen. Hobby-Autoren haben im Web eine riesige Plattform und können ihre Geschichten einem unbegrenzten Publikum zur Verfügung stellen – auf eine Veröffentlichung in Print-Magazinen braucht da niemand zu hoffen und wer sich über schwankende Qualität bei Romanen ärgert, wird sogar hier bei fündig – denn hier wird der Bereich „Stories“ immer mehr ausgeweitet.

TV-Serien aus den USA haben Hochkonjunktur

Ein besonderes Problem der Heftromane ist natürlich auch, dass die jüngeren Leser praktisch kaum wissen, dass es so etwas überhaupt noch gibt – und das Interesse gnadenlos gering ist. Das gilt übrigens nicht nur für Hefte sondern auch ganz allgemein für Bücher und Romane. Die Begeisterung der jüngeren Leserschaft – also die Personen zwischen 10 und 25 Jahren – sinkt immer mehr.

Neben Internet und Spielekonsolen dürfte das Fernsehen die wohl stärkste Konkurrenz des Hefts sein. Import-Ware aus den USA macht im heimischen Fernseh-Markt gerne selbst den nationalen Produktionen Feuer unterm Hintern – US-Serien haben Hochkonjunktur und Quotenstars wie „CSI“ oder „Dr. House“ sind wahre Straßenfeger.

Apropos „Dr. House“ – die Heftroman-Halbgötter in Weiß sind auch so ein Punkt. Wie viele Personen unter dreißig tun sich wohl heute noch die rührseligen Liebesgeschichten von Dr. Frank und Co. an? Stattdessen sind heute eher Doktoren im Stil von Dr. Frankenstein gefragt – der derzeit wohl beliebteste TV-Arzt ist nämlich das genaue Gegenteil des lieben Onkel Doktor, der stets alle Liebespärchen am Schluss passend zusammenführt: Dr. Gregory House ist ein zynischer Arzt und Menschenfeind. Eine solche Serie hätte es zum Beispiel im Romanheft nie gegeben – dafür ist man dort schlicht und ergreifend zu experimentierunfreudig. Man könnte ja das restliche verbliebene Publikum vertreiben – das ist die eine Seite. Dass man aber auch etwas dabei gewinnen könnte, bedenkt anscheinend niemand …

Die Helden moderner TV-Krimiserien sind inzwischen keine farblosen, einseitigen Schwarz-Weiß-Typen wie Jerry Cotton mehr, die möglichst gering beschrieben sind, um dem deutschen Leser – der ja nur davon träumen kann, wie es drüben aussieht – eine möglichst hohe Identifikation zu bieten. Hier haben die Figuren Ecken und Kanten, hier fliegen so manches Mal verbal die Fetzen, hier wird harter Polizeialltag gezeigt; denn das ist kein Freizeitspektakel für gelangweilte Mittdreißiger. Allerdings auch nicht nur der trockene Alltag – flotte Sprüche bleiben dabei niemals auf der Strecke, genauso wenig rote Fäden, die solche Serien zusammenhalten. Außerdem entwickeln sich die Charaktere allgemein wesentlich mehr als in Romanheftserien. In welcher Heftserie findet denn eine große Weiterentwicklung bei den Hauptfiguren statt? Die Charaktereigenschaften von Jerry Cotton und John Sinclair dürften sich in den letzten 30 bis 50 Jahren nur unwesentlich geändert haben …

Warum also Geld für Romanhefte ausgeben, die unter Umständen von schlechterer Qualität sind als die Drehbücher hochwertiger US-Action- und Krimiserien, wird sich da so mancher denken – vorausgesetzt natürlich, dass derjenige überhaupt weiß, dass es Heftromane (noch) gibt. Kürzlich schrieb mir z. B. ein Leser auf die Meldung in meinem Blog (http://krimi-kritiker.blog.de) über die Verfilmung von „Jerry Cotton“, dass er gar nicht gewusst habe, dass es den überhaupt noch gibt …

Magere Aussichten für die Zukunft

Wenn man dann liest, dass eine neue Western-Reihe des Bastei-Verlags eher klassisch ausgerichtet sein wird, bleibt einem nichts anderes übrig, als sich zu fragen: Was glaubt man damit wohl zu erreichen? Selbst im Verlagsforum stellt sich die Mehrheit der Leser entschieden auf die Seite innovativer Serien-Ideen – aber natürlich ist nie wirklich von Interesse, was in Foren geredet wird.

Warum nicht mal was Neues ausprobieren? Glaubt man denn im Ernst, dass man mit einer weiteren Reihe im Stil von „Western-Express“ und Co. noch jemanden hinterm Ofen hervorlocken wird? (Ob es sich dabei tatsächlich um so etwas handeln wird, wurde uns andererseits noch nicht mitgeteilt und basiert nur auf den mageren bisherigen Informationen. Das ist auch so eine Sache – Kontakte zur Online-Presse, und sei es nur die unkommerzielle, scheinen nicht von Interesse zu sein; eine Anfrage über den Presse-Bereich der Bastei-Website bezüglich der Western-Nachfolge-Reihe wurde uns vorsichtshalber gar nicht erst beantwortet – nicht mal mit der Standard-Antwort, dass noch nichts Genaues dazu feststehe …

Warum immer an diesen alten Vorstellungen festhalten? Hätte man sich in den 1970ern nicht getraut, mit „Lassiter“ mal eine Serie auf den Markt zu werfen, die vom Schema der historisch fundierten Western abweicht, würde der Wildwest-Sektor jetzt vermutlich ähnlich aussehen wie beim Kelter-Verlag. Umdenken ist gefragt! Warum es nicht mal mit einer Western-Serie mit außergewöhnlicheren Charakteren (glaubt man im Ernst, dass man die ohnehin extrem übersättigte jüngere Leserschaft noch mit einem 08/15-Cowboy, der sich nur seinem Gewissen und dem Gesetz verpflichtet fühlt, hinterm Ofen hervorlocken kann?) und einem roten Faden, der ausnahmsweise mal zum Weiterlesen anregt?

Aber die Tatsache, dass man sich offenbar nicht traut, mal was Neues auszuprobieren und lieber an den eingefahrenen Linien festhält, zeugt davon, dass man wohl selbst nicht mehr so richtig daran glaubt, dass der Heftroman noch die nächsten Jahrzehnte überstehen wird. Sonst hätte man schon längst die bestehenden Grundlagen überarbeitet. Mit einem blassen Romanhelden holt man heutzutage genauso wenig noch jemanden vorm Ofen hervor wie mit einem klappernden Skelett in einem Gruselroman. Wie schon oben gesagt: Natürlich riskiert man mit einem gewagten Versuch, dass das Experiment scheitert – aber man könnte auch Leser hinzugewinnen. Zumal: Wie viele neue Serien oder Reihen im Spannungsromanheft-Bereich der letzten fünf Jahre haben überlebt?

Mal schauen, wie lange das Ganze noch gut gehen wird. Wie schon Jason Dark sagte: Ein paar Reihen und Serien werden sicherlich überleben – welche, ist die Frage …

Martin Palm

 

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