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Der Leitartikel

November 2010

Gedanken zur Rolle von Kleinverlagen in der Literaturlandschaft

14.20 Uhr. Der RE 38212 fährt am Gleis 1 des Hauptbahnhofes der Hansestadt Wismar ein. Wie komme ich vom Bahnhof in die Innenstadt? Stadtplan? Fehlanzeige. Die Adresse habe ich im Kopf. Orientiere mich am Turm der Nikolaikirche, überquere die Bahnhofstraße und biege in die Mühlengrube ein. Durch das Rattern meines Trolleys auf dem Kopfsteinpflaster verursacht richten sich neugiere Blicke von Passanten auf mich. Wieder ein Touri mehr in der Stadt. Einen Wimpernschlag später muss ich mich entscheiden: Rechts oder links, so stellt sich für mich die Frage. Da, ein Straßenschild! Schweinsbrücke steht darauf. Über diese muss ich gehen, um in die Innenstadt zu gelangen. Nach 2 Minuten Fußweg stehe ich vor einem unscheinbar wirkenden Mietshaus an der Ecke Schweinsbrücke/Krönkenhagen. Büchern in den Schaufenstern widme ich meine Aufmerksamkeit, erblicke In Blut geschrieben und Fast tot, darüber ein liebevoll gemaltes Bild, auf welchem beim genauen Hinsehen die Apokalyptischen Schreiber zu erkennen sind. Ich stehe vor den Geschäftsräumen des Persimplex Verlages, dem eigentlichen Ziel meiner Reise.
Vom Verleger herzlich begrüßt stehe ich mitten im Verkaufsraum. In den Regalen sehe ich Bücher, viele Bücher, ein gut sortierter Buchladen, der mit viel Herzblut und Engagement innerhalb eines halben Jahres errichtet wurde. Doch das ist noch nicht alles. Verleger Peter Göring setzt auf Transparenz für seine Kundschaft, lädt sie zum Verweilen in den Verlagsräumen ein. Eine kleine Galerie und eine gemütliche Leseecke mit indianischem Ambiente wurden extra dafür eingerichtet. Später soll noch eine Horrorabteilung dazukommen, so der Verleger.

 

Persimplex ist einer von vielen Kleinverlagen in den Weiten des Buchmarktes, die tagtäglich um das nackte Überleben kämpfen. Doch wer sich mit ihnen beschäftigt, findet bei ihnen eine Welt von Nischen und Seltenheiten. Wer sind sie? Es sind Kleinverlage, welche uns mit ihren Verlagsprogrammen Lesespaß pur bieten.
Was für eine Hitliste:

  • Platz 1 - Jens Lossau: NORDSEEBLUT
  • Platz 2 - Ralph Haselberger: FAST TOT
  • Platz 3 -Ju Honisch: SALZTRÄUME 1
  • Platz 4 - Jörg Olbrich: DAS ERBE DES ANTIPATROS
  • Platz 5 - Andrea Tillmanns: TALIVAN

Diese fünf Titel sind nicht der Spiegel-Bestseller-Liste entnommen. Die Liste wurde von mir frei erfunden, doch haben alle Werke Gemeinsamkeiten: Es gibt sie tatsächlich, sind allesamt in Kleinverlagen erschienen. Ihre Verleger haben ein ambitioniertes Programm, spezialisieren sich auf Debütanten oder Popkulturelles, auf Entlegenes oder einfach auf das, was ihrer Meinung nach eine Nische im Buchmarkt verdient. Kleinverlage haben in der Literaturlandschaft eine wichtige Funktion. Sie entdecken und fördern Autoren, die sich außerhalb des Trends großer Verlage bewegen. Sie haben den Mut, deren Werke zu veröffentlichen, auch wenn sie schon im Voraus wissen, dass es zu keiner großen Auflage kommen wird. Gerade ihre Unabhängigkeit in der Verlagsprogrammgestaltung macht sie zu kleinen und feinen Verlagen. Sie sind schlicht und einfach wichtigen Alternativen, die wir nicht missen möchten. Sie gehen inhaltlich und formal weitaus mehr Risiken ein als Großverlage. Manches ist für die Riesen zu speziell, zu dürftig. Und an diesem Punkt treten Kleinverlage auf die Tagesordnung, analysieren eingereichte Manuskripte, bearbeiten und drucken diese und erfreuen uns Leser mit durchaus interessanter Lektüre.
So wie es bereits im Wortstamm enhalten ist, ist ein Kleinverlag klein: geringe Auflage, eine überschaubare Anzahl von Novitäten im Jahr, das Budget für Marketing tendierend gegen null, schwache Präsenz in Buchhandlungen, da relativ unbekannt und meist der Zentraleinkauf das Sagen hat. Autoren, deren Manuskripte bei Publikumsverlagen abgeschmettert wurden, da uninteressant und nicht den Geschmack der breiten Masse entspricht, suchen ihr Glück der Veröffentlichung ihrer Werke in der Kleinverlagsszene als Sprungbrett.

Verleger von Kleinverlagen vereinen in sich alle Funktionen, welche innerhalb der großen Verlage durch verschiedene Abteilungen bewerkstelligt werden. Sie wählen Manuskripte aus, die veröffentlichungswürdig erscheinen, korrespondieren und kommunizieren mit Autoren und Vertragspartnern, entwickeln Marketingstartegien, um auf sich aufmerksam zu machen, schreiben Rechnungen, verpacken die bestellten Bücher, bringen diese zur Post und halten hin und wieder das zuständige Finanzamt und Gläubiger bei Laune. Sie sind eben Mädchen für alles, oft auf die Hilfe von Verwandten und Bekannten angewiesen, um all das Tagespensum erfüllen zu können. Eben ein Full-Time-Job.
Kleinverlage haben es gegenüber Buchhändlern relativ schwer. Auslieferungstechnisch und abrechnungsmäßig nicht in den gängigen Verbänden organisiert, gibt es für die Buchhändler Mehrarbeit bei Bestellungen, Zahlungen und Remittenden, die sie gern umgehen. Eine gewichtige Rolle spielt dabei auch eine gewisse Scheu, Nischenprodukte in die Buchhandlungen zu bringen. Da bleiben dem Kleinverleger nur Amazon, Libri und/oder Umbreit, was wiederum mit Kosten verbunden ist. Zum Glück gibt es ja das Internet.
Eine Möglichkeit, die sich mir erschließt, ist die gemeinsame Präsentation der Verlagsprogramme auf der Leipziger Buchmesse. Warum gerade Leipzig? Dieser Standort ist gegenüber Frankfurt am Main während der gesamten Zeit publikumsorientiert. Lesungen unter dem Motto Leipzig liest werden an den verschiedensten Orten durchgeführt: ob auf dem Hauptbahnhof, im Wasserwerk oder sogar auf dem Friedhof. Es sollte doch möglich sein, sich untereinander abzusprechen, die Kosten zu teilen und Wettbewerbsallüren außer Acht zu lassen. Ich könnte mir schon vorstellen, dass Kleinverlage, deren Programme ähnlich gelagert sind, sich für vier Tage im Jahr zusammenraufen, eine Lanze für die Kleinverlagsszene brechen und sich nicht in ihren 4 Quadratmetern Standfläche verkriechen, um darauf zu warten, dass das Publikum den Verlagsstand aufsucht.

Fazit:
Der Kleinverleger muss einen langen Atem haben, muss Flexibilität an den Tag legen, um erfolgreich zu sein. In Zeiten von Stapelware, wie man sie in den großen Buchhandelsketten vorfindet, ist es gerade den Kleinverlegern zu verdanken, dass es auf dem Markt ein vielfältiges, differenziertes, für das Special-Interest-Publikum befriedigendes Bücherangebot gibt. Die Kleinverlage besetzen nicht nur Nischen, sondern schaffen ständig neue. Hier erscheinen Publikationen, die lesenswert sind.

Good luck, small publishers!

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