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Der Leitartikel

Mai 2009

FUBAR
Sprache - ein zivilisatorisches Auslaufmodell?

von Florian Kayser


Brueghel: Tower of Babel

Der englische Dichter und Literaturkritiker Samuel Johnson soll einmal gesagt haben, dass die Sprache die Kleidung der Gedanken sei. Ein schönes Bild für jene Form der Kommunikation, die man allgemein als verbal bezeichnet, im Gegensatz zu der ebenso weit verbreiteten Form der Artikulation, die sich des gesamten Körpers bedient, um bestimmte Reaktionen bei anderen zu bedingen oder die eigenen zu erklären und als nonverbale Kommunikation bezeichnet wird - die Körpersprache.
Derzeit werden auf der Welt circa 6912 Sprachen aktiv gesprochen, wobei diverse lokale Dialekte, sogenannte nationale Einzelsprachen, wohl noch nicht eingerechnet sind. Somit ist die Welt der Sprachen eine der komplexesten und ebenso auch eine der faszinierendsten, die dem menschlich-zivilisatorischen Entwicklungsprozess zu verdanken ist.
Sprachen sind aber nicht nur vielfältig und facettenreich, sie sind auch einer anhaltenden Dynamik unterworfen, sie kommen und sie gehen, sie entwickeln sich weiter, sie sterben aus, werden wiedergeboren. Sprache ist ein Faszinosum allein schon wegen ihres Wesens, aber vor allem wegen ihrer Funktion und Bedeutung für die Menschheit.
Ohne Sprache wäre vieles von dem, was den Menschen von anderen Lebewesen unterscheidet, schlichtweg nicht möglich. Zwar kann man durch reine Gesten Menschen kommandieren, sie zum Jagen schicken, ihnen in ihrem Tun Einhalt gebieten oder darin bestärken, auch manche Emotion, Freude, Trauer, Liebe und Hass, lassen sich durch einen Blick oder eine Geste kommunizieren, doch die innigsten Gedanken und Gefühle eines Menschen, die lassen sich nur durch die Sprache weitergeben, wenn denn nicht ein Medium wie die Kunst (Malerei, Musik, etc.) als alternativer Gedankenträger verwendet wird. Somit ist Sprache etwas sehr Wichtiges und neben dem gesprochenen Wort ist gerade jenes, welches auf Papier gebannt ist, nicht allein für jene von Bedeutung, die Gegenwart konservieren wollen von enormer Bedeutung, sondern auch vor allem für jene, die das geschriebene Wort nutzen wollen, um Kritik oder Lob an den Dingen des täglichen Lebens u.a. anbringen zu können. Hierbei bedienen sich die Autoren oder auch Schriftsteller, wie man sie nennt, oftmals einer subtil indirekten Kommunikation, die sich zwar der Symbole der geschriebenen Sprache bedient, also der Buchstaben und der daraus resultierenden Wörter, doch gerade die Regelhaftigkeit, mit der diese Wörter aneinandergereiht werden, ist es zu verdanken, dass das, was zum Ausdruck gebracht werden soll, zwischen den Zeilen zu lesen ist und nicht allzu plump den Leser des Geschriebenen anspringt. Demnach ist ein Verständnis der Gegenwartssprache unter Berücksichtigung ihrer ursprünglichen Wurzeln unabdingbar, um die künstlerische Eleganz würdigen zu können, die vielen Texten innewohnt bzw. um ganz schlicht und einfach den Inhalt verstehen zu können.
Mit großer Sorge wird vor diesem Hintergrund immer wieder in deutschen Schulen beobachtet, dass das Lesevermögen deutscher Schüler in einer bedrohlichen Art und Weise den Bach hinuntergeht, was u.a. darauf zurückgeführt wird, dass die Jungen und Mädchen nicht dazu animiert werden zu lesen, sondern in einer Gesellschaft von Dauerfernsehsendungen und Internetkommunikation viel lieber ihre Zeit vor dem einen oder anderen Flimmerkasten verbringen. Lesen gehört zu den Dingen, die man für die Schule machen muss, jedoch nicht für sich selbst. Der gute alte Leitspruch »Non scholae sed vitae discimus« (Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir) gerät immer mehr aus der Mode und entsprechend verarmt die Sprachkultur der jungen Generation.
Längst hat man sich damit abgefunden, dass durch den Vormarsch der britisch-amerikanischen Kultivierung das Englische nicht nur durch sogenannte Anglizismen Einzug in die heiligen Hallen einer vergleichsweise natürlichen Muttersprache (und damit meine ich nicht nur der Deutschen) genommen haben, sondern auch das »Denglische«, also eine Form von Sprachvergewaltigung oberster Güte zum Kommunikationsalltag und damit auch zum Alptraum manches Deutschlehrers geworden ist. So haben die sogenannten Youngsters unserer Gesellschaft schon lange keinen Grund mehr zum Ausspannen, sondern wenn überhaupt dann nur noch zum chillen , was sie am coolsten tun, wenn sie downgeloadete Musik aus dem Internet hören und dabei abhotten, wobei so manches der angegebenen Wörter bereits total out ist, was wiederum lebendiges Zeugnis darüber ablegt, wie wenig up-to-date man heutzutage sein kann, wenn man versucht, mit einer Sprache mithalten zu wollen.
Doch sind diese Ausdrücke einer sich immer mehr der Bequemlichkeit - um nicht zu sagen kommunikative Faulheit - anbiedernden Sprachvergewaltigungskultur nicht die Besorgnis erregende Krönung, sondern lediglich die Spitze eines Eisberges, der längst zum Fanal der Sprachkultur geworden zu sein scheint.
Wäre allein eine Durchmischung der Sprache mit Begriffen aus anderen Sprachen Ausdruck der neuen Sprachveränderungsprozesse, so könnte man hiergegen nichts einwenden, denn jede Sprache ist durchsetzt von Lehnwörtern aus anderen Sprachen und das ist auch gut so, denn dadurch kommt auch die kulturelle Offenheit einer Gesellschaft zutage und bereichert die Menschen, die in dieser Gesellschaft leben und wirken. Jedoch ist dem allein leider nicht so.
Das Herz einer jeden Sprache, die Grammatik, wird bereits befallen und droht dem Organismus Sprachkultur den Garaus zu machen. So waren kleinere Verstöße gegen das Regelwerk der Wortkomposition bereits seit Langem auf der Agenda, beispielsweise die falsche Verwendung des Wörtchens »wie« statt »als« nach dem Komparativ, doch unterdessen ist die allgemeine Ignoranz der Sprechenden und Schreibenden derart ausgeartet, dass bereits die elementarsten Grundregeln des Satzbaus selbst gewiefteste Gymnasiasten vor größte Schwierigkeiten stellen.
Doch auch hiermit ist nicht das Ende der Fahnenstange erreicht, im Gegenteil, hierbei handelt es sich noch um Spitzfindigkeiten eines antiquiert wirkenden Korinthenkackers, wie ich es zu sein scheine. Richtig auf meine Kosten, bei meiner hier ansatzweise geäußerten Kritik, komme ich allerdings erst jetzt, wenn ich mich dem Bereich der sprachlichen Subkultur zuwende und hierbei besonders die SMS-und Chatsprache ins Visier nehme.

AAMOF tht 1 can find many probs with lang on net. BTW if u not understnd it ur prob. Y? RFTM or JFGI 2 get info. AFAIC IL it dont u?SMS maks life easy or Im 2f4u? FYI this sucks!

Haben Sie alles verstanden? Gut, freut mich, ich nicht. Aber vielleicht muss man zur Generation der zu Kurzgeratenen, oder auch liebevoll Halbwüchsigen genannt, zählen, die sich im Dschungel der Smileys, Emoticons und sprachlichen »Shortcuts« derart zuhause fühlen, dass sie nicht mehr anders kommunizieren können, um obigen Satz vollauf goutieren zu können. Wen wundert es da, dass Deutschaufsätze zur Farce werden und den Lehrern geisteswissenschaftlicher Fächer die Haare zu Berge stehen, wenn die Schüler teilweise einerseits die Allgemeinbildung von Pavianen haben und andererseits ihr Halbwissen nicht nur wie eine Monstranz mit stolz geschwellter Brust vor sich hertragen, sondern darüber hinaus auch noch das Wenige, was sie denn dann doch wissen, in derartig unzulänglicher Art und Weise kommunizieren, dass man selbst bei größtem Wohlwollen keine andere, denn eine ungenügende Zensur für den »Stuss« vergeben kann, der dort zu Papier »gerotzt« worden ist.
Die schiere Not, einer auf 160 Zeichen begrenzten Medienform des schriftlichen Verkehrs miteinander, hat dazu beigetragen, dass man sich nicht nur des für Verkürzungen besser geeigneten Englischs bedient und dieses teilweise mit der jeweiligen Muttersprache vermischt, sondern es hat vor allem dazu beigetragen, dass ganze Wortfamilien ausgestorben sind und so manche grammatikalische Konstruktion, die vor etwa zehn Jahren noch zur Grundausstattung jedweden Schülertyps, egal welcher Schulform er /sie sich zurechnen konnte, zählte, nicht mehr verstanden werden. Wen mag es da noch verwundern, dass die Klassiker der Weltliteratur schon längst nicht mehr verstanden werden können, wenn nicht einmal mehr die Gegenwartsliteratur von der heranwachsenden Generation gelesen und verstanden werden kann.
Analphabetismus äußert sich demnach nicht nur in dem Unvermögen Zeichen bzw. Symbole, die man allgemein als Buchstaben bezeichnen würde, zu interpretieren, sondern unterdessen ist Analphabetismus fortgeschritten und umfasst jedwedes Unvermögen, Schrift- wie auch gesprochene Gegenwartssprache sinngemäß zu erfassen und inhaltlich zu verarbeiten.
Sprache ist stets einem Wandel unterworfen, keine Frage, das ist auch gut so, doch wenn dieser Wandel derart fundamental ist, dass eine Kommunikation derart nihilistisch, minimalistisch und einfach dumm ist, dann jedoch handelt es sich bei diesem Wandel nicht mehr um eine Bereicherung, sondern nur noch um den Ausverkauf zivilisatorischer Errungenschaften, bzw. einfach gesagt, einer Negation von Kultur.
In diesem Sinne sei an dieser Stelle einmal mehr Erich Kästner zitiert, der einst schrieb:

»Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt«

Wohlan, weit ist unsere Jugend von diesem Zustand wohl nicht mehr entfernt. In diesem Sinne, alles FUBAR!

(FUBAR: fucked up beyond all recognition)

© Florian Kayser

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