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Der Leitartikel

Juli 2010

Früher war alles besser

Da ich diesen Leitartikel mit den Worten Früher war alles besser beginnen werde, wird jetzt garantiert der eine oder andere zusammenzucken, die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und denken: »HdF« (Halt die Fresse).

Fernsehen heißt heute nämlich das Thema; Verantwortung, Qualität und Respekt vor dem Zuschauer die daraus folgernden Begriffe.
Und da sehne ich mich wirklich wieder in jene gute alte Zeit zurück, in der noch Daktari, Bonanza, EWG (Einer wird Gewinnen), Dalli Dalli oder Dallas über die Mattscheibe flimmerten.
Fast alles davon ist heute Kult und das nicht ohne Grund.
Denn wenn wir ehrlich sind, so schlecht wie heute war das Fernsehen noch nie.
Früher war tatsächlich so einiges besser, jedenfalls was diese Thematik betrifft.
Okay, wenn damals in einer Quizsendung ein gestandener Mann, der auf den Kosenamen Hänschen hörte, durchschnittlich 5-mal pro Folge in die Luft sprang und ausrief: »Das war Spitze!«, war das zugegebener Maßen auch nicht unbedingt ein wertvoller Beitrag zur Erhaltung der Kultur des Abendlandes. Ein schielender Löwe, eine Männer-WG in Nevada nebst einem lispelndem Koch aus China oder ein Fiesling aus Texas machten das Ganze zwar auch nicht besser, aber man merkte, das man sich damals wenigstens Mühe bei der Fernsehunterhaltung gab.

Ich bekomme heute noch feuchte Augen, wenn ich an Simon Templer, Graf Yoster gibt sich die Ehre oder an die Show Am laufenden Band denke.
Und jetzt? Was erwartet uns heute, wenn wir bei unserer Fernbedienung auf on drücken?
Beginnen wir doch einmal mit der Beschreibung eines ganz normalen Fernsehtages.
Der Papa sitzt nach der Nachtschicht mit einer Tasse Kaffee im Wohnzimmer, seine Frau bügelt, nicht ihn, sondern die Hemden desselben, und was sehen die beiden?
C, D oder F-Promis, die trotz Bla-bla und ständigem Event-Posing keine Sau mehr vermisst. Kein Wunder bei einem IQ von 10. Kartoffelsalat hat einen von 9 und ein Schwein grunzt schon bei einem IQ von 12.
Also, was machen diese Leute, um wieder begafft oder angegrapscht zu werden? Man stellt sich dem Frühstücksfernsehen und gibt Geschichten aus seiner Unterhose zum Besten.
Begleitet wird das Ganze mit Kochrezepten von Pangasiusfilet an Erdbeerkotze und Dokumentationen über Küchenmesser, mit denen man Eisenbahnschwellen zersägen kann, um danach sogar noch gefahrlos eine tibetanische Zwergstrauchtomate zu filetieren.
Es wimmelt überall von vibrierenden Bauchtrainern, Schmuck, den die Welt nicht braucht, und Wäsche für Leute mit Inkontinenz.
Eine halbe Stunde vor dem Mittagessen, also kurz bevor der Nachwuchs aus der Schule kommt oder auch von der Bahnhofsmeile oder aus dem Internetcafe, das ist heutzutage eine Sache der Erziehung, ändert sich dann das Programm radikal.
Plötzlich beherrschen so genannte Reality-Shows oder stümperhaft inszenierte Doku-Dramen den Bildschirm.
Schließlich ist die Welt ganz wild darauf zu erfahren, ob die Alesia Cheyenne Koslowski ihre Tage hat, Sarah Ikea mit 16 das zweite Kind bekommt oder ihr Freund Ali Yüksel gerade am überlegen ist, ob er erst der Sarah Ikea oder deren Mutter eine aufs Maul geben soll.
Da tummeln sich Auszubildende aus der Berufsgruppe des talentfreien Nichtschauspielers mit irgendwelchen Dampfplauderern mit überproportionaler Geltungssucht.
Es folgen so genannte Richter, Detektive und Pseudopolizisten, bei deren Anblick sich die Macher von Stahlnetz, Kojak und Co wohl im Grabe umdrehen würden. Danach erscheinen faszinierende Einblicke in die Welt von Häusermaklern und ihren überteuerten Bruchbuden, die sie ansonsten nicht an den Mann bzw. die Frau bekommen, sowie Bilder aus Wohnungen von Hobbyköchen oder Keller und Garagen von Leuten, die aufgrund ihrer Fernsehgeilheit auch nicht davor zurückschrecken, Omas Schlüpfer auf dem hiesigen Flohmarkt medienwirksam zu verhökern. Getoppt wird das Ganze anschließend zu bester Sendezeit mit unvergesslichen Filmmomenten aus Schaf sucht Ziege, Mädchen, Möpse und Moneten oder der 348ten Wiederholung eines Herz-Schmerz-Filmchens aus dem Jahre 1954.
Dazu kommt, dass diese künstlerisch ach so wertvollen Streifen stets von sinnentleerter Werbung unterbrochen werden.

Muss das eigentlich auch noch sein?
Gerade die Öffentlich-Rechtlichen sollten doch aufgrund ihres regelmäßigen Euronenregens seitens der GEZ nicht von der geldgeilen Schweinebande der Werbeindustrie abhängig sein.
Es gab tatsächlich mal eine Zeit, auch wenn manche behaupten, das war kurz nach dem Urknall, da fand Werbung lediglich zwischen 18 und 20 Uhr statt und auch das nur, nachdem der ausgestrahlte Beitrag zu Ende war.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt müsste eigentlich jedem normalen Menschen klar geworden sein, dass das innovative Fernsehen gestorben ist.
Dennoch scheint ein Großteil des Publikums dies noch nicht mitbekommen zu haben. Beinahe gierig stürzt man sich auf ständig neue Programmformate. Da aber nicht nur die Privaten momentan ziemlich klamm sind, ob dies jetzt durch überzogene Gehälter, einem Wasserkopf an Verwaltung oder Größenwahn geschah sei dahingestellt, bestehen jene nur noch aus geistigem Dünnschiss.
Die Sender versuchen sich gegenseitig damit zu übertreffen, wer wohl den größten Vollpfosten präsentieren kann. Die Messlatte dazu liegt nicht gerade hoch. Die Mädchen sollten jung, geil und blöd sein, die Jungs entweder kiffende Ex-Knackis oder irgendwelche Pseudoeuropäer mit Migrationshintergrund und schwerer Kindheit. Das alles garniert mit ihren Erzeugern, die in einem Dunstkreis von Hartz 4 und Kaiserpils leben und Schwierigkeiten bekommen, wenn sie einen Nebensatz bilden sollen.

Wenn man sich aber so die Einschaltquoten ansieht, ist diese Zielgruppe anscheinend in Deutschland klar auf dem Vormarsch. Deshalb wundert es mich auch nicht, dass der Zuschauer durch die Programmgewaltigen schon längst offiziell für doof erklärt worden ist. Anders kann ich mir die derzeitigen Fernsehformate nicht erklären.
Zwar gab es noch hin und wieder Spartenkanäle, auf die man ausweichen konnte, aber auch hier haben sich die Bequemlichkeit, die Geldgier und das Desinteresse der Programmverantwortlichen bereits ausgebreitet. Auch hier hat man sich die tägliche Zuschauerverarschung schon auf die Fahne geschrieben.
Bei gewissen Privaten laufen jetzt anstelle vollmundig angekündigter Filmperlen Astro-Shows, Tittenclips und Teleshopping und das sogar zur Primetime. Selbst bei den Dritten geht der Trend immer mehr weg von einem innovativem Fernsehen, das für Gesprächsstoff sorgen könnte oder irgendwelchen geistvollen Berichten und Dokumentationen. Stattdessen präsentiert man Moderatoren, die im Oberlehreroutfit mit Kassenbrillengestell und selbst gestrickten Pullovern dem Zuschauer die Region nahe bringen wollen. Logisch, mit der Kamera in Oberursel rumlaufen, die Scheune von Bauer Karl filmen und ein paar Gräser von der nächsten Wiese zupfen, um im Studio aufzuzeigen, dass man damit Schweißfüße oder Sackratten behandeln kann, kostet ja nicht viel.
Also, ich weiß, wo mein Haus wohnt, mir muss keiner erklären, wie hässlich, schön oder faszinierend meine Umgebung ist. Bei einem Bericht über die Antarktis, der Wüste Gobi oder Kopfjäger in Papua sieht das aber schon anders aus. Aber das kostet Geld, was bedeuten würde, dass sich so mancher Intendant sein Büro nicht mehr mit einer Sitzgruppe aus Büffelleder oder Mahagonieinbauschränken ausstatten könnte.
Deshalb lasst uns diese Verarschung nicht mehr hinnehmen.
Es wäre schön, wenn der mündige Bürger nicht nur weiß, dass es auf der Fernbedienung die Taste off gibt, sondern diese auch des Öfteren benutzen würde.
Anders wird es wahrscheinlich kein Umdenken mehr bei den Fernsehverantwortlichen geben. Und da nehme ich die Privaten ebenso wenig davon aus wie jene eier- und hirnlose Vereinigung, die sich die Öffentlich-Rechtlichen nennen.

So, jetzt könnt ihr anfangen abzulästern. Meine E-Mail Adresse dürfte wohl bekannt sein.
Gruß
Slaterman

Quellenhinweise:

  • Oliver Kalkofes Mattscheibe
  • Programmzeitschrift TV Spielfilm
  • Umfragebogen von HörZu
  • dazu, so weit noch vorhanden, Slatermans graue Zellen

Copyright © 2010 by Slaterman

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