Juli 2009
Fanzines & eZines
Neulich blätterte ich in einigen älteren Printausgaben des MHC-Magazins, die mir Martin Dembowsky zur Sichtung geschickt hatte. Wirklich irre, wie sich damals Fans des Genre Horror in die Materie reingekniet hatten, um anderen Fans im Fandome etwas aus ihrer Sicht bieten zu können.
Es war schon eine tolle Zeit damals: Man tauschte Briefe aus, organisierte sich in Fanclubs, brachte sein eigenes Fan-Magazin heraus, das auf einem Spiritusdrucker erstellt wurde und eine Auflage zwischen 30 und 200 erreichte, veröffentlichte selbst geschriebene Geschichten mit den Helden seiner Lieblingsserie. Man traf sich an festgelegten Terminen zum regelmäßigen Talk in der Kneipe um die Ecke, und alle paar Wochen - vorzugsweise in der warmen Jahreszeit, weil das Übernachten im Schlafsack und Zelt billiger war - wurden »Cons« abgehalten, zu denen die Fans zum Teil aus dem ganzen Land anreisten. Die Fans waren unter sich, frönten ihrem gemeinsamen Hobby.
Und wie ist es heute? Eigentlich nicht anders, es ist einfach nur moderner geworden. Die Spiritusdrucker gehören der Vergangenheit an, sind vielleicht hier und dort in Museen zu bewundern. Sie haben Platz gemacht für Digital- und Offsetdrucker. Hinzu kommt noch das World Wide Web, wodurch mehr Leser erreicht werden können als Printauflagen; es gibt keine Grenze nach oben.
Kennzeichnend für das moderne Fanwesen unserer Zeit ist, dass seine Mitglieder geographisch weit voneinander entfernt leben, zum größten Teil nur schriftlich miteinander kommunizieren und damit auch eine gewisse Anonymität wahren. Und auf Cons unterschiedlichster Art ist man erstaunt darüber, wer sich in natura hinter dem Nickname verbirgt. Hat man sich doch eventuell beim Lesen der E-Mails, PNs, Kommentare, Blogeinträge … sein eigenes Bild über die entsprechende Persönlichkeit gemacht. Auch aus diesem Grund nehme ich - wenn es meine Zeit erlaubt - an Cons teil.
Auch die Kulturindustrie hat die Zeit nicht verschlafen: Indem sie Bestseller, Film- und Musikhits … produziert, schafft sie Voraussetzungen für die Entstehung neuer großer Fangemeinden, eine spannungsvolle Symbiose zwischen Kulturindustrie und Fanwesen, die sich bei genauer Beleuchtung darstellt. Das Fanwesen wehrt sich zwar dagegen - wenn auch vielleicht halbherzig -, ist aber gegen die Vereinnahmung durch die Kulturindustrie nicht immun. Nicht zuletzt trägt das Merchandising dazu bei. Es wird einem das »Ich gehöre dazu«-Gefühl suggeriert.
Eigentlich ist die Geschichte von Fanzines noch nicht so richtig erforscht. Aber als historisches Phänomen wird es seit der Existenz der ersten Fanzines, die eine Gemeinschaft über die lokalen Grenzen hinaus herstellen, beobachtet. Die Wandlung der Science Fiction von detailgetreuer Liebhaberei zu einem massenkulturelle Phänomen infolge äußerst populärer Filme und Fernsehserien der 60er Jahre gab dem Fanwesen und seinen Fanzines Auftrieb und veränderte zugleich deren Charaktere. Als Beispiel sei hierzu »Star Trek« zu nennen. Eins muss ich eingestehen: Ich habe alle Folgen gesehen, besitze ein umfangreiches Archiv von »TOS« bis »Voyager«, welches sich in 20 Ordnern befindet, und bin dennoch kein Hardcorefan. Ich laufe auf Star Trek Cons nicht als Vulkanier, Feregi oder Romulaner herum, wie es derer vieler tun. Ich mache mir darüber Gedanken, wer sich hinter dem Kostüm verbirgt, komme mit ihnen ins Gespräch und stelle fest, dass es ganz normale Menschen wie du und ich sind. Diese als fanatisch oder gar als dumm zu bezeichnen, ist fehl am Platz. Sie sind Hardcorefans, sie identifizieren sich mit ihrer Kultfigur und schlüpfen in deren Rolle. Es ist ihr Hobby, sei es ihnen gegönnt.
In ähnlicher Weise verstärkte der Fantasyboom, welcher zum Beispiel durch »Herr der Ringe« oder »Harry Potter« ausgelöst wurde, das Fanwesen, ohne sich dabei vom Außenseiterbewusstsein zu lösen, welches wohl seine eigene Antriebskraft entwickelte.
Die erste Erwähnung einer Printausgabe als Fanzine findet man in der Science-Fiction-Szene der Vereinigten Staaten, die ihre Magazine aus dem Fandome schon in den 30er Jahren Fanzines nannte. Mit der Gründung von Fanclubs der ersten großen Rock'n'Roll Bands kamen die ersten Musikfanzines auf. Die von den Clubs zusammengestellten Zeitschriften sind im Grunde die ersten wirklichen Musik-Fanzines. Unabhängig wurden solche Hefte von Fans sogenannter Kult-Bands einige Jahre später produziert. Massen von »verrückten« Fans folgten ihren Stars zu jedem Konzert, lebten mit und für die Band. Star anfassen können, sich gemeinsam mit ihm fotografieren lassen, jedes noch so winzige Bild an den Zimmerwänden … es war schon verrückt. Eine Wand meines Zimmers schmückte ein Bild der Band »The Who«, welches ich von einem Plattencover abzeichnete und mit Aquarellfarben kolorierte. Was waren meine Eltern darüber erfreut … Doch ist es heute anders? Irgendwie scheint die Zeit still zu stehen, irgendwie geben wir das persönlich Erlebte an unsere Kinder und Kindeskinder weiter.
In den späten 60er Jahre wurden mit der sich entwickelnden Studentenbewegung die Nutzungsmöglichkeiten von Fanzines erweitert, um sie als Träger für politische Informationen nutzen zu können. Im Kielwasser derer schossen Literatur-Fanzines wie Pilze aus dem Boden, in denen Hobby- und Jungautoren, deren Manuskripte für große Verlage nicht akzeptabel waren, ihre Storys zu Papier brachten und der geneigten Leserschaft anboten, in der Hoffnung, doch noch durch einen Verlag entdeckt zu werden. Diese waren in ihrem Grundmuster den heutigen Heften sehr ähnlich. Aus der musikalischen Explosion der Punkbewegung heraus entwickelte sich in rasantem Tempo eine nicht enden wollende Flut von Zines zu jedem nur erdenklichen Thema und Bereich der Jugendsubkultur. Ich kann mich noch genau daran erinnern, als im ehemaligen Sinclairforum die Idee reifte, ein Magazin auf die Beine zu stellen. Da hieß es: »Jeder kann was, mach was dir liegt, aber mach es!«
Heute bieten sich mithilfe des Internets weitaus größere Möglichkeiten als anno dazumal. Was damals für Papier, Druckkosten, Porto für den Schriftverkehr … ausgegeben wurde, steckt man heutzutage in Providerkosten und geeignete Software, um sein eZine veröffentlichen zu können.
Das lieb gewordene Kind - die eigene Homepage oder die des Vereins, der Blog oder die Community - ist nun für die breite Öffentlichkeit erreichbar. Themen und Bereiche, in denen man sich austoben kann, gibt es in Hülle und Fülle. Die Kulturindustrie gibt ja genügend Impulse und lebt zu einem Teil davon.
Man ist aktueller denn je, hat den Finger fast immer am Puls der Zeit und ist bestrebt, auf Grundlage intensiver Recherche und eigenen Beiträgen den Konsumenten/User zu unterhalten. Und ein Vorteil liegt klar auf der Hand: Texte, Skripte oder andere Dinge lassen sich mühelos in pdf-Dateien umwandeln und können als Download bereitgestellt werden. So, wie wir es hier im Geisterspiegel handhaben.
© Wolfgang Brandt
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