
Der Leitartikel

Juli 2008
Fantasy - ein vom Aussterben bedrohtes Genre?
von Anke Brandt
Jetzt weiß es die ganze Welt: Harry Potter hat auch den 7. und sehr wahrscheinlich letzten Band überlebt. Doch um welchen Preis?
Muss deshalb das Genre Fantasyliteratur sterben?
Blicken wir einmal zurück. Im Jahr 1998 erschien »Harry Potter und der Stein der Weisen«, ein Jugendbuch von einer bis dahin unbekannten englischen Autorin. Joanne Rowling, diesen Namen kennt heute jedes Kind. Zuerst war es ein Buch, wie jedes andere neue Buch wohl auch. Es war präsent in allen Buchhandlungen, die sich dafür entschieden hatten, es ins Sortiment zu nehmen, und dann geschah es. Fast über Nacht wurde der damals 10-jährige Harry Potter ein Superstar. Er begeisterte nicht nur die jungen Leser, nein, auch deren Eltern und Großeltern ließen sich von dem Jungen mit der gezackten Narbe auf der Stirn verzaubern.
Was daraus geworden ist, wissen wir alle. Harry Potter erreichte Auflagen, von denen so manche Autoren und Verleger nicht zu träumen wagen. Und die Leser hatten ein Idol.
Die Sache um Harry hatte nur einen Haken. Was macht man, wenn man ein bis zwei Jahre auf eine Fortsetzung der Abenteuer warten muss?
Da hat der Buchmarkt ganz schnell Abhilfe geschaffen und ein »Potter-Aufguss« nach dem anderen überflutete die Buchläden. Natürlich auch die virtuellen. Plötzlich gab es im Bereich Jugendbuch nur noch Bestseller mit sehr jungen Protagonisten, die alle irgendwie etwas mit Magie zu tun hatten, die in Parallelwelten gelangten und am Ende alle ihre Feinde besiegten und so in irgendeiner Form zu Errettern wurden. Es gab sogar ein paar sehr gute Bücher dabei, die Harry Potter durchaus ebenbürtig sind. Und das Wichtigste: sie haben fast alle etwas mit Harry Potter gemeinsam. Denn fast alle Serien, die im Hype um Potter erschienen sind, haben ebenso ihr Ende gefunden wie die um den kleinen Zauberlehrling. Mit »Tintentod« hat Cornelia Funke 2007 ihre Serie abgeschlossen, Kay Mayer stellte seine Trilogien »Merle« und »Wellenläufer« fertig. Im »Bernsteinteleskop« kommt das Abenteuer von Lyra zu einem guten Ende und »Bartimäus« ist auch schon wieder Geschichte. Und da gäbe es noch einige aufzuführen. Serien wie »Gregor«, »Artemis Fowl« oder »Laura« dümpeln noch ein wenig weiter vor sich hin. Aber gerade die Letztgenannten konnten mit den Verkaufszahlen eines Harry Potter längst nicht mithalten. Schade drum, denn gerade »Laura« hätte für meinen Geschmack eine Menge mehr Aufmerksamkeit verdient.
Ein letzter Abschluss einer bekannten (und ich frage mich: warum auch immer beliebten) Fantasytrilogie fehlt noch. Der 3. Teil von »Eragon« war für Herbst 2007 schon mal angekündigt, wurde aber verschoben und soll nun im September dieses Jahres erscheinen.
Wollte man damit das Ende einer Fantasy-Ära nur ein wenig hinauszögern?
Eine ähnliche Entwicklung auf dem Fantasybuchmarkt brachte die brillante Verfilmung von »Der Herr der Ringe« mit sich. Natürlich erlebte Tolkiens Buch dadurch ein Riesen-Come-back, was ich ihm gewünscht hätte, miterleben zu können. Und das geweckte Interesse durch diesen Klassiker an Fantasyliteratur wurde natürlich umgehend genutzt und Bestseller wie vom Fließband geschrieben. Ein Australier namens Stan Nicholls landete mit seinem Roman »Die Orks« einen Volltreffer und danach waren die deutschen Autoren und Verlage nicht mehr zu bremsen. In atemraubendem Tempo erschienen Romane um Tolkiens Geschöpfe, dass man fast gar nicht mit dem Lesen hinterherkam. Und es wurde nichts ausgelassen, Zwerge, Elfen, Trolle, Drachen, Kobolde, ja sogar die Orks wurden nochmals vermarktet. Danach musste man sich schon wieder bei den Engländern bedienen, die auch noch über Goblins und Halblinge zu erzählen wussten. Da sind noch ein paar Fortsetzungen geplant, doch was dann?
Geht es mit der klassischen Fantasy dann auch zu Ende, weil es keine Geschöpfe mehr gibt, über die man ganze Romane schreiben kann?
Ich sage nein!
Alle Leser, die über Harry Potter oder die »Herr der Ringe«-Filme Zugang zur Fantasyliteratur bekommen haben, können, wenn sie es wollen, sich noch eines ganz wunderbaren und wirklich herausragenden Fundus an Büchern bedienen. Bücher, die leider in der heutigen Zeit kaum in Buchhandlungen zu finden sind, weil sie bei der Fülle an Bestsellern in den letzten Jahren ein wenig in Vergessenheit gerieten. Selbst Buchhändler schauen verdutzt drein, wenn man beispielsweise nach »Midkemia«, »Shannara« oder »Drizzt Do Urden« fragt. Serien, die seit Jahrzehnten eine treue Leserschaft haben und sich über all die Jahre langsam aber stetig entwickeln konnten.
An dieser Stelle danke ich einfach mal den Verlagen, insbesondere geht der Dank wegen der genannten Serien an Random House, für die vielen Wiederauflagen dieser Bücher. Damit wurde ein wirklich gutes Stück Fantasygeschichte am Leben erhalten und ich hoffe und wünsche, dass sich die Qualität weiterhin durchsetzt und auch diese Helden die Herzen aller Potter-Fans erobern werden.
Liebe Buchhändler, nun seid ihr an der Reihe ...
© Anke Brandt
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