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Der Leitartikel

24. August 2010

Es begann – und war auch schon zu Ende

Ein subjektiver Artikel zum Stopp der neuen Serien bei Kelter

Die Aufregung bei einigen Medien war groß, als Kelter den Start mehrere neuer Serien ankündigte. Neben Mythenland, einer Fantasy-Serie, gingen auch zwei Abenteuerserien im Stil von Tomb Raider und Indiana Jones an den Start; Roberta Lee und David Johnson.
Um ehrlich zu sein – so ganz konnte ich den Hype, der plötzlich in manchen Online-Magazinen ausbrach, nie verstehen. Da gab es Berichte und Meinungen, in Kommentaren redeten sich die Teilnehmer die Köpfe heiß. Die Qualität sei schlecht, hieß es, zu schablonenhaft die Figuren und zu vorhersehbar die Handlung.
Vor allem Earl Warren als Autor von Roberta Lee geriet rasch ins Visier selbst ernannter Kenner, musste Spott, Häme und auch Beleidigungen über sich ergehen lassen, dargeboten auf der dankbaren Bühne eines Online-Magazins.
Ich selbst holte mir die ersten Bände der Abenteuer-Serie; allein schon aus Interesse an der Thematik. Schließlich läuft »Die Schatzjägerin« schon einige Jahre und ging so eben in die dritte Staffel.
Eines wurde mir sehr schnell klar – wer auch immer den Mund auftat, um Earl Warren in den Schmutz zu ziehen, hatte von der Thematik ungefähr so viel Ahnung wie die Kuh vom Fliegen, denn auch wenn Roberta Lee sicherlich keine Weltliteratur ist, so bot sie doch genau das, was man von solch einem Medium erwarten darf. Eine junge, hübsche Heldin, die ähnlich einer Lara Croft jede Situation meistert. Dazu Schurken, Artefakte und Action, ironisch dargeboten von einem Autor, der in seinem Leben viele Romane geschrieben hat.
David Johnson konnte mich hingegen nicht fesseln, was wohl daran lag, dass er zu zahm daher kam und wohl eher auf Schmachten denn auf Kämpfe ausgerichtet war; ein anderes Publikum bei gleicher Thematik wie Roberta Lee.
Mythenland, das nach einer Pause fortgesetzt werden soll, landete nicht in meinem Einkaufswagen; Fantasy ist generell nicht mein Thema, ich fühle mich darin nicht so gut aufgehoben. Dies zeigt sich auch in meinen eigenen Versuchen, in diesem Genre heimisch zu werden.
Das Ende der Abenteuerserien wird nun nicht minder lautstark in die Welt posaunt, wie der Beginn; zumindest ist man konsequent. Und auch hier muss ich sagen, dass mich der Stopp der Serien nicht sonderlich überrascht.
Zum einen ging Kelter einen recht eigenwilligen Weg, was den Vertrieb betraf – das allein dürfte bereits Leser gekostet haben, denn wenn ein Kunde mit dem Geld in der Hand klimpert und dann vor einem leeren Regal steht, ist das schlecht für den Umsatz. Mehr aber als das dürfte die Art der Romane für das mangelnde Interesse der Leser verantwortlich sein. Denn auch wenn Roberta Lee spannend und ironisch daher kam, wirkte sie doch wie ein Produkt der Achtziger. Die Leser – und Zuschauer – heute bevorzugen Personen mit Profil, mit Ecken und Kanten. Keine glatten Helden, die am Ende als strahlende Sieger hervorgehen und alles zwischen Prolog und Epilog nur Geplänkel mit bekanntem Ausgang ist.
Ich möchte dazu ein wenig in meiner eignen Vergangenheit wühlen und zu den Anfängen der Schatzjägerin zurückgehen. Als Joachim Otto an mich herantrat mit der Idee, eine Abenteuerserie mit Jaqueline Berger zu entwerfen, überlegte ich sehr genau, wie diese Person ist. Obwohl ich natürlich ein Bild von jener Jack Berger hatte, die bereits in der Horror-Serie als Protagonistin fungierte, musste ich die Heldin dennoch »neu« erfinden, da »Die Schatzjägerin« in der ersten Staffel ein Prequel zur Horror-Serie darstellte.
Nach einigen versuchen und einem Testroman, der am Ende nicht als Pilot diente, wurde mir eines klar – ich will keine deutsche Lara Croft. Obwohl ich ein Fan von Tomb Raider bin und Lara über den Bildschirm jagte, die Romane las und die Filme einmal im Quartal schaue, wollte ich doch eine andere Person, eine andere Geschichte und einen anderen Realismus.
Das wurde den Lesern spätestens in der dritten Folge klar, als Jaqueline gefoltert und vergewaltigt wird, zusammenbricht und weinend ihre Mutter anruft, um Trost zu suchen.
Etwas, das bei Tomb Raider völlig undenkbar wäre.
Und auch in der zweiten Staffel war Jaqueline nicht jene Heldin, die der Titel vielleicht hätte vermuten lassen; wieder geht sie über ihre Grenzen hinaus und muss dafür den Preis zahlen.
Es sind menschliche Momente, es sind Schwächen und Schmerzen, die Jaqueline Berger deutlich von Lara Croft unterscheiden. Und auch von Roberta Lee, die von Earl Warren ersonnen eine perfekte Heldin darstellte.
Die Frage, die ich mir bei der Lektüre der Roberta Lee-Bände stellte, war, ob die Taschenheft-Leser genau diese Oberflächlichkeit wollen. Sind es diese seichten Texte, die man in der Straßenbahn oder auf dem Lokus, im Bett oder in der Kantine liest, oder will der Leser mehr?
Ich ahnte, dass dieser Stil weder junge Leser fesselt, noch die älteren Käufer befriedigt. Denn auch deren Geschmack hat sich gewandelt, wie Filme, Serien und Romane zeigen.
Dass sich mein Verdacht so rasch bestätigte, tut mir vor allem für Earl Warren leid. Ihm hätte ich einen Erfolg mit Roberta Lee gewünscht.
Was hätte Kelter anders machen sollen? Die Schatzjägerin lizenzieren?
Nein, eher nicht. Denn auch wenn ich die Serie sehr mag, glaube ich nicht, dass sie in der jetzigen Form Heftroman-kompatibel ist. Die Bände sind sehr eng verzahnt mit den Personen, es finden sich immer wieder Verknüpfungen mit meinen anderen Serien, etwa mit Christoph Schwarz oder der Horror-Serie.
Es wäre sicherlich geschickt gewesen, die Figur anders aufzubauen. Ihr einen anderen Background zu geben, ein anderes Alter und Schwächen, die nachvollziehbar sind. Persönliche Niederlagen innerhalb der Serie, eine gewisse Portion Erotik … Dinge, die Jung und Alt ansprechen, die den Roman interessant machen.
Als Beispiel möchte ich an dieser Stelle mal auf ein ganz anderes Genre verweisen – den sonntäglichen Tatort. Schaut man sich die Protagonisten dort an, findet man all das. Wir haben die menschlichen Dramen ebenso wie die Spannung, den »Helden«, der seinen Job auch dann tut, wenn es ihm gerade beschissen geht, und wir haben eine Spur von Ironie; mal mehr, mal weniger.
Die Story eines Tatorts funktioniert; wer jenen am vergangenen Sonntag gesehen hat, der weiß exakt, was ich meine. Eine lesbische Kommissarin, ein Assistent, der sich verliebt – und bei all den Nebenhandlungen und Figuren auch noch eine Story, die funktioniert.
Ich bin überzeugt, dass dies auch bei Romanheften klappen würde. So wie sich der Zeitungsleser verändert hat, verändert sich auch der Konsument leichter Unterhaltung. Man muss ihn nicht zum Essen überreden, man muss ihm nur die richtige Kost vorsetzen.
Und genau das hat Kelter nicht getan, darum kam das Ende und es war nicht überraschend. Ohne dass ich dabei auf das Lektorat verweisen möchte, auf einen Autor oder den Vertrieb. Vielleicht hatte jeder diese Punkte einen kleinen Anteil am Scheitern, der wirklich große Brocken aber war meiner Meinung nach, dass man den Leser nicht erreicht hat. Dass man ihm kein Produkt anbot, welches seinem Geschmack entsprach. Hier wurde das Potential verschenkt, einen Markt völlig neu zu beleben, der daniederliegt. Statt neue Impulse zu setzen, versuchte man es mit Alt-Hergebrachtem und scheiterte; mit Ansage.
Natürlich erheben sich nun die Geier und plärren ihr vermeintliches Wissen in die Welt, natürlich melden sich nun genau die gleichen Leute wieder zu Wort, die jede Ausgabe der Serien mit ihren Kommentaren begleiteten. Am Ende sind es die Aasfresser, die sich auf jedes gescheiterte Produkt stürzen. So, wie sie sich zu Beginn auf die frischen Happen stürzten. Der letzte Akt in einem Trauerstück, das auf verschiedenen Bühnen zum Besten gegeben wurde und dessen Vorhang nun gefallen ist. Bald kehrt Ruhe ein, das Thema wird nur dann aufgetischt, wenn es ein ähnlicher Anlass erfordert.
Mir bleibt nur eines zu sagen – schade, und das in vielerlei Hinsicht.

Copyright © 2010 by Gunter Arentzen

 

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