
Das -Archiv - Unsere Bibliothek


Was erlauben Google...
Von W. Brandt
April 2007

Fiktion oder Wirklichkeit?
Alles fließt, alles ist in Bewegung.
Wir schreiben das Jahr 2030. Vergeblich suche ich bei meinem Bummel durch die Stadt eine Buchhandlung. Wo einst ein gut sortiertes Angebot an Literatur zu finden war, gibt es heute Internetläden und –cafes. Sie sprießen wie Pilze aus dem Boden. In den großen Innenräumen reihen sich Terminal an Terminal wie Automaten in den Spielhöllen von Las Vegas. Auch am Kiosk um die Ecke hat sich einiges geändert. Anstatt der Tageszeitung, welche noch nach frischer Druckerschwärze riecht, bekomme ich einen kleinen Chip. Da stehe ich nun etwas irritiert am Lesegerät mit großem Bildschirm, studiere die neuesten Nachrichten und genieße dabei meinen Kaffee. Er schmeckt wie immer. Zum Glück.
Zurück in mein derzeitiges Umfeld. Vor kurzem las ich in den „BusinessNews“ folgenden Artikel:
“Google rückt seinem Traum von der digitalen Internet-Bibliothek näher. Bis 2015 will das kalifornische Unternehmen über 15 Millionen Bücher einscannen und kostenlos im Internet verfügbar machen. Als erste in Deutschland wird die Bayerische Staatsbibliothek an Googles umstrittenem Buchprojekt teilnehmen...
Mit ihren neun Millionen Bänden und mittelalterlichen Handschriften zählt die Bayerische Staatsbibliothek zu jenen Archiven, die das schriftliche Kulturerbe Deutschlands bewahren. Mehr als eine Million dieser Werke scannt Google demnächst ein, darunter eine Vielzahl wertvoller Raritäten. Die Kosten für das Unterfangen trägt Google nach eigenen Angaben größtenteils selbst.
‘Durch die Kooperation mit Google nimmt die Staatsbibliothek eine Pionierrolle in Deutschland in Wissenschaft und Forschung ein’, sagte der Bayerische Wirtschaftsminister Thomas Goppel (CSU). Die Bibliothek besitzt bereits die bundesweit größte Sammlung digitalisierter Schriftstücke. Durch die beschlossene Zusammenarbeit steigt der Anteil deutschsprachiger Literatur in Googles Buchprojekt stark an. Bisher hat Google vor allem englischsprachige Literatur aus den Beständen von Eliteuniversitäten wie Havard, Stanford und Oxford digitalisiert. Darunter sind auch urheberrechtlich geschützte Bücher, die aber nur in Auszügen online lesbar sind. Copyright-Probleme soll es bei den deutschen Texten nicht geben – die Werke von Goethe oder den Gebrüder Grimm sind längst nicht mehr geschützt.
Den Großteil seines Umsatzes von 10,6 Milliarden Dollar erwirtschaftet Google mit Internet-Werbung. Von der Zusammenarbeit mit der Bayerischen Staatsbibliothek profitiert das Unternehmen aber nicht durch einen weiteren Verkauf von Anzeigen, sondern durch den exklusiven Zugang zu den Büchern. Denn die gescannten Texte lassen sich nur bei Google und auf der Internetseite der Bayerischen Staatsbibliothek durchsuchen. Auf diese Weise lotst das Unternehmen immer mehr Menschen auf seine Suchmaschine.“
Wow, was für ein Riesenprojekt, das Google da hegt. Und die riesengroße Suchmaschine findet auch einen Riesenpartner in Deutschland, der seinen riesengroßen Bestand an Goethe und Gebrüder Grimm nicht allein archivieren und digitalisieren kann. Ach ja, ich vergaß, Google ist ja ein amerikanischer Riese unter den Riesen. Es geht um den riesengroßen Kuchen und Google will das riesigste Stück davon abhaben. Und da Microsoft selbst an einer Internetbibliothek arbeitet, soll dieser Riese das Nachsehen haben. Ich bitte euch, liebe amerikanische Riesen, fechtet doch euren Machtkampf in eurem Land aus. Lasst mich bitte damit verschont.
Worum geht es wirklich? Es geht um die Unterwanderung des deutschen Urheber- und Vervielfältigungsrechts, um Wettbewerb und Macht sowie um Geld, um sehr viel Geld. Denn Geld regiert die Welt. Dies war schon immer so.
Wenn Google behauptet, Copyrights bei deutschen Texten zu beachten, finde ich dies weit hergeholt. Eventuelle Prozesse und Geldbußen können die Macher von Google locker aus der Portokasse zahlen. Da fällt ein „kleiner Verstoß“ gegen das Urheberrecht nicht ins Gewicht.
Was nutzen mir denn nur Auszüge von Werken, die online zu lesen sind? Nichts. Da gehe ich lieber in die Buchhandlung oder in die Bibliothek, hole mir das gesamte Werk und bezahle dafür. Ich kann diese Literatur an jeden Ort der Welt mitnehmen und darin lesen. Nicht an jedem Ort meiner Wahl habe ich einen Internetzugang. Den ersten Daumen nach unten für das Google-Projekt.
Seit Jahren läuft die Initiative „Deutschland liest vor“ unter Schirmherrschaft von Frau Doris Schröder-Köpf in Deutschland, besonders die Kinder und Jugendlichen an die Literatur heranzuführen. Das Konzept: Ehrenamtliche Bücherbegeisterte lesen Kindern regelmäßig in Buchhandlungen, Büchereien oder an anderen Orten vor.
"Ich habe zum einen im privaten Bereich festgestellt, dass immer mehr Kinder nicht mehr lesen. Dann gab es im Rahmen der Pisa-Studie eine Zahl, die mich noch erschrockener gemacht hat: Dass nämlich über die Hälfte der Kinder außerhalb der Schule praktisch nie zu ihrem eigenen Vergnügen lesen. Viele Eltern bringen ihrem Nachwuchs das Lesen nicht mehr nahe. Auch das Vorlesen wird immer mehr vernachlässigt. Das finde ich traurig, weil Lesen etwas ist, was einen das ganze Leben begleiten und glücklich machen kann".
Diese Kampagne trägt ihre ersten Früchte. Schaut man sich auf den Buchmessen in Frankfurt am Main und Leipzig um, interessieren sich von Jahr zu Jahr immer mehr Jugendliche für das Medium Buch. Der Umfang an Kinder- und Jugendliteratur wird immer größer und vielfältiger. Die Verlage haben erkannt, dass das Interesse bei unseren Sprösslingen facettenreich ist. Und das Projekt „Leipzig liest“ findet seit seines Bestehens großen Anklang. Das ist gut so.
Seit Jahren werden Eltern durch führende Psychologen und Sozialpädagogen darüber aufgeklärt, dass stundenlanges Fernsehen oder vor dem Computer sitzen, die psychische Entwicklung der Kinder schädigt. Soziale Isolierung, keine Teamfähigkeit, Störungen zwischenmenschlicher Beziehungen... können Folgeerscheinungen sein.
Da sitzt zum Beispiel eine Schulklasse nicht wie gewohnt in ihrem Klassenzimmer und liest Goethes „Faust“ aus dem Reclam-Heft, sondern im PC-Raum, jeder Schüler an einem Computer. Kommt da eine solche Atmosphäre rüber, wie durch Goethe gewollt? Mitnichten. Nicht nur die Psyche wird beeinträchtigt, sondern auch mit zunehmenden Alter die Sehkraft. Positiv für die Augenärzte und Optiker in punkto Patientenzahlerhöhung. Aber der zweite Daumen nach unten für Google.
Folgende Situation stelle ich mir vor: Ich interessiere mich für einen Roman X. Rein ins Internet, Google aufrufen, fündig werden, Text mit zig Seiten ausdrucken, die vielen Seiten zusammenheften oder als Lose-Blatt-Sammlung im Rucksack verstauen.
Wenn ich meinen Roman X binden lassen möchte, ab in die nächste Druckerei, die eventuell eine lange Anfahrt kostet. Denn nicht jeder hat eine Bindemaschine zu Hause. Und fertig ist mein Hardcover. Sieht zwar nicht so toll aus wie in der Buchhandlung, aber ich bin ja nicht so anspruchsvoll. Ich habe ja vielleicht Geld gespart. Mitnichten.
Mit einem Drucker Lexmark X 3450 kann ich pro Patronenfüllung ca. 50 Seiten ausdrucken. Der Thriller „Magma“ von Thomas Thiemeyer, den ich zur Zeit lese, hat 528 Seiten. Eine Patrone kostet rund 18 Euro. Damit ich mir den gesamten Roman ausdrucken kann, benötige ich etwa 10,5 Patronen. Dazu kommt noch Papier, anteilig Strom, Providerkosten... Insgesamt löhne ich dafür rund 190 Euro. Und beim Buchbinder stehe ich auch noch in der Kreide. Mit dieser Summe könnte ich mir 10 Hardcover-Romane oder ein 8-Jahresabo „Höllenjäger“ von Des Romero leisten. Diese Rechnung müsste ich eigentlich mal Herrn Thomas Goppel zusenden, am besten über Google. Ein Tipp meinerseits: Nicht bei A anfangen zu rechnen und bei B aufhören. Das Alphabet hat nicht nur zwei Buchstaben.
Dafür bekommt Google den dritten Daumen nach unten.
Google weist alle Vorwürfe zurück und beteuert: Wenn ein Rechte-Inhaber Einspruch erhebe, verzichtet Google auf das Einscannen. Sofort stelle ich mir die Frage, wer denn diesen Prozess überwacht. Die Archivare der Bayerischen Staatsbibliothek? Herr Goppel mit seinem Bayerischem Wirtschaftsministerium? Oder der deutsche Staat?
Vielleicht geht Google einen Schritt weiter und bietet den deutschen Autoren Verträge an? Aber bitte die Manuskripte nur in digitalisierter Form einsenden! Da spart sich Google das Einscannen. Die Verleger, Druckereien und Händler werden dann nicht mehr benötigt. Die Buchmessen finden dann zu Hause am PC statt. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels kann somit aufgelöst werden. Der Deutsche Phantastikpreis, verliehen auf der BUCON, wird kein Pokal sein, sondern ein Avatar. Was macht dann derjenige Autor, der keine Homepage hat? Bleibt nur die Alternative eines Abziehbildchens.
Und was machen all die freigesetzten Arbeitskräfte des Buchhandels? Ich habe die Idee: Google bietet diesen eine Umschulung zum Archivar an. Damit pflegen diese auch weiterhin ihren gewohnten Umgang mit der Literatur. Sie können nach der Umschulung die Bayerische Landesbibliothek beim Einscannen unterstützen, damit dieser Prozess nicht so lange dauert. Denn die anderen Landesbibliotheken befinden sich bestimmt schon in der Google-Einscann-Warteschlange. Selbst die Arbeitslosenstatistik wäre mit einer solchen Aktivität nicht gefährdet. Und damit folgt der vierte Daumen nach unten für Google.
Ich hoffe, dass die Staatsbibliotheken der anderen Bundesländer der Vorreiterrolle Bayerns nicht folgen und den Wert des gedruckten Buches auch in Zukunft schätzen werden.
Johann Gutenberg dreht sich bei einem solchen Google-Humbug im Grabe rum.
   
Textquellen: BusinessNews, 07. März 2007
ARD, Im Gespräch...., Doris Schröder-Köpf sprach mit Reinhold Beckmann
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wb
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