Oktober 2010
Einmal Literatur für die Doofen bitte - wie viel Wissen darf sein?
Ich lese häufig amerikanische Romane. Okay, das tun wahrscheinlich viele, denn die meisten populären Autoren aus dem phantastischen Spektrum kommen von dort. Doch ich spreche hier nicht von Übersetzungen. Da mein Englisch ziemlich gut ist, kaufe ich jene Romane, die nur ich lesen werde, im Original. Das hat mehrere Vorteile.
Zum einen sind die Bücher billiger; als seinerzeit »Diabolus« von Dan Brown auf den Markt kam, kostete es über 20 Euro. Die englische TB-Ausgabe - immerhin handelte es sich um Browns Erstlingswerk - kostete mich läppische 4,95.
Zum anderen bekommt man den Text so, wie ihn der Autor erdachte und nicht so, wie ihn der Übersetzer interpretierte. Das merkt man nicht bei allen Romanen, aber hin und wieder tauchen bei Vergleichen erstaunliche Unterschiede auf. Liest man die Vampir-Romane und die Hexen-Romane von Anne Rice im Original, so merkt man deutliche Unterschiede zwischen beiden Serien. Übersetzt lesen sie sich hingegen ziemlich gleich.
Aber das nur nebenbei, als kleiner Appell für das Original.
Was mir immer wieder auffällt, und damit kommen wir zum Kern des Leitartikels, ist, dass die Autoren im Original sehr sparsam mit Fußnoten umgehen, wenn Begriffe oder Fakten auftauchen, die vielleicht nicht jeder Leser kennt. Nur höchst selten werden diese erklärt; der Autor setzt wohl voraus, dass der Leser weiß, wovon er spricht. Oder dass der Leser in der Lage ist, ein Lexikon - notfalls die Wikipedia - zu nutzen.
In Deutschland ist dies anders, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Hier wird von einem Autor verlangt, dass er jeden Fachausdruck, jedes Datum mit Fußnote versieht, damit der Leser auch wirklich weiß, was gemeint ist.
Oder der Lektor, denn auch der ist nicht allwissend. Ich erinnere mich dabei an eine Begebenheit, die sich anlässlich eines Abenteuerromans zutrug. Ich schrieb über Tut und benutzte seinen Geburtsnamen - Tut-Anch-Aton.
Dies brachte mir einen Rüffel ein. Schließlich sei er in Deutschland als Tutenchamun bekannt und so solle das auch geschrieben werden. Oder es müsse eine Fußnote her, um den Namen zu erklären.
In diesem Roman kam ich auf über zehn Fußboten. Man kann keinen Abenteuerroman schreiben, der sich mit der Vergangenheit befasst und mit Archäologie, ohne dem Gros der Leser unbekannte Worte zu benutzen.
Noch schlimmer erging es mir bei einer Horrorserie. Hier hieß es ganz klar, ich solle so schreiben, dass es jeder versteht. Im Klartext - keine Fremdworte, keine unerklärten Begriffe, Daten, Fakten. Der Leser müsse alles verstehen und alles wissen, was ich schreibe. Dabei wurden Dinge angemäkelt, die jeder, der die Schule bis zum Ende besucht hat, wissen sollte. Zumindest dann, wenn er anschließend nicht taub und blind durch das Leben ging und sich einzig von RTL und SAT1 berieseln ließ.
Da frage ich mich doch, was das soll. Wir sind angeblich das Land der Dichter und Denker, versagen aber bei ein paar Fakten in Romanen? Wie war das früher? Mussten die großen deutschen Autoren auch mit Fußnoten arbeiten?
Ein Verlag lehnte einst ein Manuskript von mir ab. Der Inhalt sei sehr gut, der Stil ebenfalls. Jedoch sei es zu anspruchsvoll für das »durchschnittliche, durch das Privatfernsehen gebildete Publikum«.
Was soll diese Scheiße? Auf welchem Niveau sind die Leser angelangt? Auf welchem Niveau halten sie Verlage und was wird eigentlich in den Schulen gelehrt?
Ich habe kein Problem damit, wirklich unbekannte Worte oder Daten zu erklären. Aber wir sprechen hier von Dingen, die man als bekannt voraussetzen können sollte. Und die auch einst bekannt waren. Bevor eine gezielte Verdummung einsetzte, die bis heute anhält. Sicher, die Schüler kommen aus der Schule und können komplizierte Formeln berechnen und wissen, wie ein Computer funktioniert oder welche Moleküle in der Nahrung sind. Aber das, was wirkliches Wissen ausmacht, die Allgemeinbildung, die ist quasi nicht vorhanden.
Unterhalten sich zwei Studenten (!) im Zug darüber, ob Mainz in Hessen oder in Rheinland-Pfalz liegt. Rheinhessen, das ja. Aber welches Bundesland. Meinen Einwand, dass Mainz die Hauptstadt von Rheinland Pfalz sei, taten beide ab. Das habe nichts zu sagen, außerdem wisse man das - man habe ja Abitur gemacht.
Nun ja, die Hauptstadt von Deutschland liegt wahrscheinlich in Frankreich, darum könnte die Hauptstadt von Rheinland Pfalz natürlich auch in Hessen liegen, jene vom Saarland dann vielleicht in Sachsen … Wer weiß?
Garantiert sind diese beiden Studenten top in ihren Fächern und können mir alles über was auch immer sie studieren erzählen.
Aber darauf kommt es imho nicht an. Das Basiswissen, das nötig ist, damit sich eine Kultur entwickelt, ist nicht mehr vorhanden.
Etwas, das sich die Politik seit Jahren zunutze macht. Fragt man vor den Bundestagswahlen, wer denn eigentlich den Kanzler wählt, wer Bundespräsident ist und wie das mit den Gesetzen so läuft, bekommt man meist verschämtes Grinsen, dämliche Antworten und unverständliche Blicke. Und das von Menschen, die dann am Wahltag irgendwo ihr Kreuzchen machen. Vielleicht wählen sie ja nach Optik. Das Gesamtpaket, das sie auch bei Castingshows zum Hörer greifen lässt. Oder sie erinnern sich an die Versprechen, die ihnen in den letzten Wochen vor der Wahl in die Ohren geflüstert wurden, statt sich ernsthaft mit den Parteien auseinanderzusetzen; keine Ahnung.
Die Frage, die ich mir stelle, ist natürlich - wie viel Wissen darf sein? Muss sich die Literatur, auch wenn sie nur der Unterhaltung dient, wirklich auf das Niveau einer billigen RTL-Serie begeben, damit auch der letzte Hauptschüler noch jedes Wort versteht? Und ehe jetzt wieder Tumult ausbricht - ich glaube, dass 99 Prozent der heutigen Hauptschüler zu faul sind, um sich weiterzubilden und darum heiße Anwärter auf Hartz IV sind, denn die Hauptschule ist ein überholtes Modell, mit dem Abschluss kann kaum noch jemand was anfangen.
Muss also die Literatur dieses Niveau bedienen? Oder soll sie sich abheben, soll sie Wissen vermitteln?
Dabei bleibt die Frage, ob Serien wie Christoph Schwarz oder Die Schatzjägerin so viel besser sind als billige RTL-Serien.
Nun, ich denke - ja. Natürlich dienen auch sie der Unterhaltung und befriedigen in gewisser Weise die niederen Instinkte. Zumal ich weder mit Sex noch mit Gewalt geize. Aber bei allem Hardcore und bei aller Action versuche ich, tiefer zu gehen. Wissen zu vermitteln und gesellschaftskritische Themen anzusprechen. Ich will, dass die Leser ihr Hirn benutzen, denn dazu haben sie es. Nicht, um es abzuschalten und sich irgendwie berieseln zu lassen.
Ist das falsch? Gibt es einen »Auftrag« an die U-Literatur, die meiner Einstellung zuwider läuft? Soll diese Gattung der Literatur ebenso wie das Privatfernsehen eine Speiche im Rad des Wagens sein, der das Volk auf niederem Niveau verdummt und so der Politik die Chance gibt, selbstherrlich zu regieren? Panem et circenses - Brot und Wagenrennen - im 21. Jahrhundert?
Wenn dem so sein sollte, dann tut mir das schrecklich leid - nicht mit mir. Wer meine Bücher liest, muss sein Hirn benutzen. Egal, ob es sich dabei um Horror, Abenteuer oder - wie gerade heute - Dark Fiction handelt. Und ja, ich kann nur jeden Kollegen auffordern, ebenfalls sein Wissen in die Texte einfließen zu lassen, Stellung zu beziehen und die Leser aus ihrer Lethargie zu reißen. Dazu sind wir da, dazu sind Bücher da!
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