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Der Leitartikel

September 2010

Die Zukunft – bitte nur fiktional!

Liegt ein Besatzungsmitglied der Enterprise auf seinem Bett und schmökert in einem Roman, dann tut er dies natürlich über ein kleines Pad. Bücher sind noch etwas für Sammler wie Kirk, der Rest wird jedoch in elektronischer Form konsumiert.
Will man in einem SF-Roman oder SF-Film wissen, wie eine Gegend aussieht, so schaut man sich diese auf dem Monitor an. Und selbstverständlich sind dort die Straßenzüge in ihrer natürlichen Form zu erkennen. Das ist logisch, das ist modern – das muss so sein.
Unzählige Menschen lesen und schauen SF in all ihren Ausprägungen, suhlen sich in den buntesten, manchmal schönen, manchmal nicht so schönen Zukunftsvisionen und genießen den Fortschritt. Denn Fortschritt ist gut – zumindest so lange, wie er später irgendwann stattfindet und man sich an sein Alt-Bekanntes klammern kann.
Beispiel eBook. Selbst in ausgemachten SF-Foren scheint das manchen ein Gräuel. Ein Roman, der muss auf Papier gedruckt sein, den muss man umblättern können. Sonst ist das nix. Und ein Fanzine als PDF? Das geht ja gar nicht. Das muss auch gedruckt sein, verschickt per Post. Ach, dieses wunderbare Gefühl von Papier zwischen den Fingern, das brauche ich. Und selbst ausdrucken? Wo kommen wir denn da hin? Neee!
Computer gehen ja noch, aber Texte aus dem Internet? Bloß nicht!
Die Modernität der SF-Leser endet in der Vorstellung, sie findet nicht den Weg in die Realität. Schlimmer noch – es wird abgelehnt, Befürworter belächelt. Die Überheblichkeit jener, die es scheinbar besser wissen, am Ende aber nur die Ewig-Gestrigen sind.
Ein weiterer Aufschrei – nicht nur bei den SF-Lesern – löste nun Google aus. Street View kommt, und schon pinkeln sich die besorgten Bürger in die Hosen. Politiker, immer auf der Suche nach einem Thema, mit dem man ein paar Dumme – Pardon, Wähler – ködern kann, schwingen sich auf und werden plötzlich zu den Rächern der Enterbten und Geknipsten. Der Widerstand ist groß; dabei tut Google nichts anderes, als Bilder ins Web zu stellen. Also das, was ohnehin die meisten von uns machen. Die Vorteile von Street View will hingegen niemand sehen, zu praktisch ist es, zu den Hosenscheißern zu gehören. Und Berlin mag Hosenscheißer, denn die nicken willig bei den blödesten Ideen. Sogar eine spezielle Steuer für Street View soll ersonnen werden – was für ein Quatsch. Obwohl Schäuble wahrscheinlich schon mit dem Geld rechnet.
Wir leben in einer schnellen, modernen Zeit. Daran scheitern viele – bizarrerweise auch jene, die noch modernere Zeiten lesen, gucken oder hören.
Aber wie das so ist – wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit. Wer SF liest und bei eBooks das Gesicht verzieht, wer SF schaut und Street View verdammt, sollte lieber das Genre wechseln. Western zum Beispiel, da geht es noch schön altmodisch zu …

Copyright © 2010 by Gunter Arentzen

 

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