April 2010
Der historische Roman - Wie viele Fakten und wie viel Fiktion braucht er?
von Cornelia Sibilitz
»Die Phantasie ist wie
Aller Poesie
So auch aller Historie
Anfang.«
(Theodor Mommsen)
Seit einigen Jahren boomt der historische Roman (folgend: Histo-Roman). Schaut man sich die Regale der großen Buchhändler an, so scheint besonders das Thema »Frau und Mittelalter« bei den Lesern beliebt zu sein. Wanderhuren, Ärztinnen, Baderinnen, Apothekerinnen, Totenleserinnen oder Detektivinnen überschwemmen das Genre wie derzeit die Romeo-und-Julia-Vampir-Geschichten die Mystery-/Gruselsparte.
Ich persönlich langweile mich bei diesen Romanen und konnte nicht glauben, dass dieses doch recht beschränkte Thema, das zumeist auch recht klischeehaft rüberkommt, tatsächlich so vom Leser angenommen und vor allem gewollt ist.
Im März 2008 veröffentlichte nun der Autorenkreis Historischer Roman QUO VADIS das Ergebnis ihrer Leserumfrage. Und siehe da: Geschlecht und Epoche sind dem Leser relativ egal. Der Leser, egal ob männlich oder weiblich, möchte unterhalten werden und etwas über die Zeit lernen, in der die Geschichte des Romans spielt.
Wie viele Fakten und wie viel Fiktion braucht nun der Histo-Roman?
Es kommt auf das Subgenre drauf an. Eine Liebesgeschichte, die vor einer historischen Epoche spielt, oder ein Histo-Krimi braucht nicht ganz so viele Fakten wie ein Roman über eine historische Persönlichkeit oder ein historisches Ereignis. Obwohl auch hier die Ausnahmen die Regel bestätigen. Ein Krimi, der am königlichen Hof in Frankreich spielt sollte schon zeigen, wie das Leben am Hofe war. Und ein »Doktor Schiwago« ist ohne den vielen historischen Feinheiten gar nicht denkbar, er würde seinen Charme verlieren.
Hier gilt der Satz, den besondern gern Fremdsprachenlehrer ihren Schülern bei Klausuren als guten Rat geben:
So nah wie möglich, so weit wie nötig!
Soll heißen: Bleibt so nah wie möglich am Originaltext/an den Fakten und geht so weit weg wie nötig, damit auch jeder das versteht.
Das erfordert natürlich eine besondere Recherche, die sich nicht nur auf die üblichen im Handel erhältlichen Sachbüchern oder den Klischees beschränken sollte. Perfekt wäre es, wenn sich der Autor mit dem einen oder anderen Historiker auseinandersetzen würde. Wobei man immer eines bedenken muss: Der Blickwinkel eines historischen Ereignisses oder einer historischen Persönlichkeit ist so vielfältig wie Wege nach Rom führen. Alles ist Interpretationssache und im Grunde ist für jede Weltanschauung etwas dabei.
Ein großer Fehler, der oft gemacht wird, ist, dass man das Ereignis oder die Persönlichkeit von heute aus betrachtet, mit all dem Wissen, das man heute hat, und auch die Klischees, Ängste und Vorurteile unbewusst mit in die Geschichte einfließen lässt. Zwei sehr schöne Beispiele sind hier der Comic und vor allem der Film »300«. Nun muss man hier den Autoren zugute halten, dass sie nie den Anspruch erhoben haben, dass ihr Comic historisch korrekt ist. Und der Film trieft nur so von Klischees, Vorurteilen und Ängsten. Das wäre im Grunde nicht ganz so schlimm, wenn es nicht genügend Menschen geben würde, die dieses als historisch korrekt ansehen würden.
Der Autor des Buches und des Films »Der 13. Krieger« sagte mal in einem Interview, dass die Geschichte sich auf historische Fakten stützen würde. Der Film gehört zu meinen persönlichen Favoriten, historisch korrekt ist allerdings was anderes. Den Araber, der bei den Normannen (= Wikinger) war und dort lebte, hat es tatsächlich gegeben. Allerdings war er ein Kaufmann, und weiter als bis nach Haitabu (das liegt in Schleswig-Holstein, gegenüber von Schleswig) ist er nicht gekommen. Der Rest war bis auf ein paar Kleinigkeiten jedoch korrekt.
Allerdings scheint sich bei den Filmen ein Wandel zu vollziehen. Weg von viel Fiktion, hin zu mehr Fakten. So wurde die Sisi-Story neu verfilmt und lief im letzten Jahr parallel zu den Sissi-Filmen mit Romy Schneider. Ein super Vergleich und ein tolles Zusammenspiel zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern, egal ob zufällig oder absichtlich.
Zurück zu den Büchern.
Es gibt Autoren, die ganz geschickt mal eben in ihren Büchern ganze Jahrhunderte überspringen, und es ist nicht störend. Tanja Kinkel gehört dazu. Sie gehört auch zu den Autoren, die oft das machen, was ich als »historischen Nachschlag« bezeichne. Am Ende des Romans werden die Fakten einmal kurz dargestellt und erklärt, was man geändert bzw. ausgelassen hat. Das zeigt dem Leser, dass sich der Autor auch tatsächlich mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Ich persönlich würde noch eine kurze Literaturliste gut finden, für all jene Leser, die gern mehr über die Zeit oder Person, um die es im Roman geht, erfahren möchten.
Wie ich schon erwähnte, ist Recherche sehr wichtig. Dazu gehört auch, sich mit den neuesten Forschungen auseinanderzusetzen. Was zugegebener Weise nicht immer leicht ist, denn einige Historiker sitzen zu gern auf ihren Forschungsergebnissen. Aber es gibt immer mehr als einen Historiker, der das Thema des Buches als Spezialgebiet hat. Man muss halt ein wenig suchen. Oft genügen auch einige Tage in der nächstgelegenen Universitätsbücherei. Dort stehen genug Fachzeitschriften herum, in denen die neuesten Forschungsergebnisse stehen und diskutiert werden. Und wer dazu keine Zeit hat, der kann sich auch im Internet über die Neuerscheinungen im wissenschaftlichen Bereich informieren und auch gleich Rezensionen, die von Kollegen geschrieben wurden, dazu durchlesen.
Aber auch wenn der Autor sich all die Mühe macht, so gibt es noch ein Hindernis zu überwinden: den Lektor. Genau wie der Autor muss sich auch der Lektor mit dem Thema genau auseinandersetzen. Im Gegensatz zum Autor jedoch muss sich der Lektor mit mehreren Buchprojekten beschäftigen, ist zudem der Geschäftsleitung gegenüber verantwortlich und muss dort gegebenenfalls Rede und Antwort stehen, warum er ein Buch in den Sand gesetzt und somit viel Geld verspielt hat. Das ist nicht in jedem Verlag so, aber doch bei einigen.
Wer historische Bücher jenseits der »Frau und Mittelalter« lesen möchte, sollte sich nicht nur auf die großen Verlage beschränken, sondern sich auch durch die kleinen Verlage arbeiten oder wissen, welcher Verlag welche Themen veröffentlicht.
Noch einen kurzen Satz zu historischen Dokumentationsreihen im Fernsehen. Geschichte boomt, nicht nur bei den Büchern oder Filmen. Auch bei den Dokumentationen, egal ob öffentlich-rechtlich oder private Sender. Diese Dokumentationen sind beliebt und werden oft von Historikern begleitet. Liebe Fernsehmacher, es wäre dann auch schön, wenn ihr auf die Historiker hört und sie nicht nur als schmückendes Beiwerk nehmen würdet. Denn dann würden solche gravierenden Fehler wie bei diesem Bild bei einem öffentlich-rechtlichen Sender nicht passieren:

In der Dokumentation mit Maximilian Schell über den »Gang nach Canossa« wurden die Personen wie folgt vorgestellt: (von rechts nach links): Mathilde von Canossa, Heinrich IV. und Papst Gregor VII.
Der junge Mann in der Kutte ist allerdings nicht Papst Gregor VII., sondern der Abt Hugo von Cluny.
Zu meinem und nicht nur zu meinem Entsetzen mussten wir jedoch feststellen, dass dies auch in einigen Schulbüchern so steht. Arghs …
Internettipps zum Thema:
Autorenkreis Historischer Roman QUO VADIS: www.akqv.org
Das Ergebnis ihrer Leserumfrage als PDF-Download: www.akqv.org/pdf/Umfrage_Lauf.pdf
Die Deutschen - eine 10teilige Serie im ZDF (Videos abrufbar): www.diedeutschen.zdf.de
Sehepunkte - Rezensionsjournal für Geschichtswissenschaften: www.sehepunkte.de/
Copyright © 2010 by Cornelia Sibilitz
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