Oktober 2009
Davor und Danach

Der Buchmarkt, die Buchmesse aber auch viele Diskussionen drehen sich momentan um ein Thema: 20 Jahre Mauerfall. In den Buchhandlungen kann man sich aussuchen, ob man sich Informationen über die Zeit davor, danach oder über genau den Zeitpunkt des Mauerfalls holen möchte, denn neben DDR-Kochbüchern, Büchern über die DDR im Allgemeinen und über die längste deutsche Nacht gibt es eben auch viele über die Zeit danach. Und was sie gebracht hat - oder auch nicht. Denn auch 20 Jahre nach jener ereignisreichen Nacht vom 9. November 1989 kommt es immer wieder zu Situationen, in denen ich mich frage, ob die Mauer tatsächlich gefallen ist. Vor allem in den Köpfen der Deutschen.
Im Osten unseres Landes geboren und aufgewachsen, verschlug es mich nach dem Mauerfall in den Westen Deutschlands. Nicht ganz freiwillig, wie ich einschränken muss, aber im Nachhinein betrachtet, konnte mir nichts Besseres passieren. Denn erst danach konnte ich mir einen Lebenstraum erfüllen, von dem ich auch erst später erfuhr, dass es mein Lebenstraum war. Erst danach eröffnete sich mir ein Betätigungsfeld, von dem ich davor so gut wie nichts wusste. Und liebe Leser, ihr würdet nicht Geisterspiegel.de lesen, wenn ihr euch nicht alle für das, was ich meine, interessieren würdet – die Phantastik.
Mit Phantastik kam ich in Berührung, als ich mich in einer Buchhandlung bewarb, um Kalender zu verkaufen und schließlich in der gut sortierten Science Fiction/Fantasy/Krimi-Abteilung gelandet bin.
Krimi – fand ich gut, denn die hatte ich auch davor schon immer gern gelesen. Krimis gab es natürlich auch in der DDR, richtig gute Krimis, wie ich an dieser Stelle betonen möchte. Dass sie wirklich Klasse hatten, zeigt sich zum Beispiel daran, dass sie 20 Jahre danach in einer Weltbild-Sammeledition wieder aufgelegt werden. Da tauchen wieder Namen auf wie Tom Wittgen, Gerd Prokop, Harry Thürk, Jan Eik, allesamt Autoren, die ich davor sehr gern gelesen habe. Jeden Monat erschien ein neuer Fall in der DIE-Reihe, DIE wie Delikte, Indizien, Ermittlungen. An meinen Favoriten erinnere ich mich noch heute sehr gern, »Herbstzeitlose« von Tom Wittgen. Ein Kriminalroman der Extraklasse, wie ich meine. Ja, Krimis habe ich nie vermissen müssen, und ich lese sie bis zum heutigen Tag sehr gern.
Aber dann tauchten schon die ersten Probleme auf. Science Fiction! Stanislav Lem gehörte zu den Autoren, die es auch davor gab. Nur … ich habe sie nicht verstanden. Natürlich habe ich versucht »Schnupfen« und »Eden« zu lesen, aber das war nichts für mich. Jules Verne hat mich da schon eher begeistert, doch wirklichen Bezug zur Science Fiction bekam ich wirklich erst danach. In meinem Fall war eine gewisse Anleitung nötig, um sich in das Genre einzulesen. Doch ich muss gestehen, bis auf ein paar Ausnahmen brauchte ich Science Fiction weder davor noch danach.
Aber was mich wirklich überrumpelt hatte danach, war die Fantasy. Ihr könnt es glauben oder nicht, dieser Begriff war mir persönlich davor fremd. Davor kannte ich keine Unendliche Geschichte, habe nie etwas vom Herrn der Ringe gehört, und wer zum Teufel war Conan?
Märchen - ja, die kannte ich beinahe auswendig. Grimm, Andersen, Hauff ... Für Märchen gibt es kein davor und danach, glaube ich, Märchen gab und gibt es in jeder Zeit, in jedem Land, in jedem Volk, hinter jeder Mauer.
Vielleicht lag es daran, dass ich ein großer Märchenliebhaber war und bin, dass ich sehr schnell Zugang zur Fantasy fand. Auf alle Fälle gehört für mich die Fantasy in die Zeit danach. Und sie gehört definitiv zum Besten, was mir die Zeit danach literarisch bieten konnte und kann. Und was sich aus dem Lesen im Lauf der Jahre ergeben hat, das könnt ihr auf Geisterspiegel.de nachlesen. Neben Rezensionen, Autorenportraits und Interviews gibt es unterdessen auch ein paar Texte, die meiner Feder entstammen. Schreiben ist also auch so eine Sache, die eindeutig in die Zeit danach gehört.
Aber was nun wirklich das Beste an der Zeit danach ist, sind all die Kontakte, Begegnungen und Freundschaften, die sich aus der Tätigkeit im Bereich der Phantastik, sei es beruflich, wie bei mir, als auch hobbymäßig wie bei uns Geisterspieglern, ergeben haben. All diese Menschen vereint ein gemeinsames Interesse, und dieses leben wir in der Zeit JETZT. Jeden Tag, egal, was davor oder danach war. Denn für Phantasten gab es keine Mauer und ich behaupte, es wird auch nie eine geben können.
© Anke Brandt
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