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Der Leitartikel

Oktober 2007

von Wolfgang Brandt

Der Countdown läuft – Rückblick und Vorschau auf die Frankfurter Buchmesse

Kaum haben sich die Messehallen anlässlich der 62. Internationalen Automobil-Ausstellung geschlossen, laufen die Vorbereitungen der diesjährigen Frankfurter Buchmesse auf Hochtouren. Auf rund 172.000 Quadratmetern präsentieren 7.275 Aussteller aus 110 Ländern Regale voller Bücher, Zeitschriften, Hörbücher und Non-Books. Vom 10. bis 14. Oktober gibt es für die Besucher wieder rund um das Thema Literatur viel zu lesen, zu hören und auch zu lernen. Die Frankfurter Buchmesse ist für mich jedes Jahr ein Highlight, nach deren Ende ich erneut von „Büchern und Eindrücken verfolgt“ werde. Doch da muss ich durch.

Ein kleiner Exkurs in die Geschichte der Frankfurter Buchmesse:

Schon wenige Jahre nach der Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg (Mainz liegt ja unmittelbar bei Frankfurt) wurde die Stadt zum beherrschenden Buchplatz Mitteleuropas. In der Folge des Dreißigjährigen Krieges im 17. Jahrhundert verschoben sich die geistigen Zentren in den Norden Deutschlands. Dies minderte auch die Bedeutung Frankfurts für die Buchkultur zugunsten der Messe- und Handelsstadt Leipzig. Erst im Jahr 1921 gab es erneut einen bescheidenen Versuch, die Tradition als Buchstadt wiederzubeleben.
Das Bild der unmittelbaren Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges auf die Stadt, die Zerstörungen und eine Neubegründung des „Bücherplatzes Frankfurt“ schilderte der Schweizer Schriftsteller Max Frisch nach seiner Deutschlandreise 1947 mit den Worten: „... München kann man sich vorstellen, Frankfurt nicht mehr ...“ Als sich 1948 der Tag der ersten Deutschen Nationalversammlung in der Paulskirche zum hundertsten Male jährte, beschloss der Hessische Buchhändlerverband vom 8. bis 23. Mai eine Ausstellung „Bücherplatz Frankfurt“ auszurichten. In einer Ankündigung schrieb das Börsenblatt: „Durch die Kriegsfolgen ist die Frage eines westdeutschen Bücherplatzes akut geworden. Wie schon die freie Reichsstadt Frankfurt am Main im 16. und 17. Jahrhundert als Bücherbörse des Abendlandes ein geistiger Mittelpunkt der damaligen Welt geworden war, so ist die Stadt jetzt wieder im Begriff, die Funktion eines Buchumschlagplatzes des Westens zu übernehmen.“ Frankfurt war bestrebt, die Nachfolge der Messestadt Leipzig anzunehmen. Lag doch diese in der damaligen sowjetischen Besatzungszone. Im Mai 1948 vereinigten sich die professionellen Arbeitsgemeinschaften der britischen und amerikanischen Zone zur „Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verleger- und Buchhändlerverbände“ als „Vorstufe einer ganz Deutschland umfassenden Vereinigung der Buchhändler“ mit Hauptsitz in Frankfurt. Dort war seit August 1945 bereits das „Börsenblatt des Deutschen Buchhandels“ angesiedelt. Frankfurt wurde somit der „Vorort des westdeutschen Buchhandels“.
Im Frühjahr 1949 nahmen Buchhändler und Verlage noch einmal an der allgemeinen Messe teil. Die „Frankfurter Rundschau“ schrieb in einem Rückblick dazu: „Der ausländische Messegast wird von den verschiedensten deutschen Industrien ein recht imponierendes Bild mitgenommen haben, kaum aber von Deutschlands geistiger Produktion, auf die wir uns gern so viel einbilden.“ Kritik wurde laut, wie wenige Buchhändler und Verlage andere Produkte als „Reisekarten, Schnittmuster, Ansichtskarten...“ präsentierten. Daraus entstand die Idee, eine eigenständigen Buchmesse unter Führung der Hessischen Verleger- und Buchhändlervereinigung zu organisieren. Dessen Vorsitzender Alfred Grabe schrieb dazu, dass „... Frankfurt auch für eine zentrale Buchausstellung und -messe der günstigste Platz Westdeutschlands ist.“ Frankfurts liegt zentral, obwohl die Stadt, im Gegensatz zu Hamburg, Stuttgart oder München, kaum bedeutende Verlage beherbergte. Im März 1949 wurde ein Ausschuss gegründet, dem unter anderem angehörten: Alfred Grade, Walter Gericke (Verleger, Wiesbaden), Gottfried Löbmann (Dietrich’sche Verlagsbuchhandlung, Wiesbaden), Dr. Bergmann (Buchhandlung Blazek & Bergmann, Frankfurt), Dr. Georg Kurt Schauer (Umschau Verlag, Frankfurt). Am 10. Juni 1949 wurde das Unternehmen im „Börsenblatt“ öffentlich angekündigt. In der Einladung des Börsenblatts war zu lesen: „Es ist an der Zeit, für das Buch intensiv zu werben“, weshalb geplant sei, eine „Messeschau unter dem Leitwort 'Das Deutsche Buch im Herbst 1949' durchzuführen.“ Weiter hieß es: „Wir sind überzeugt, daß die Verleger einer solchen repräsentativen Schau, die auch eine wesentliche Belebung des Buchverkaufs bezwecken soll und wird, ihre Unterstützung nicht versagen werden.“ (Börsenblatt, 10. Juni 1949)
Angesichts von nur 100 Anmeldungen im August drohte ein Verlustgeschäft. Da die Buchmesse noch immer kein Büro hatte, stellte Heinrich Cobet, Inhaber der „Frankfurter Bücherstube Schumann & Cobet“, dem neu benannten Geschäftsführer Wilhelm Müller zwei Kisten und eine dicke Spanplatte, knappe 2 qm groß, zur Verfügung. Daran saßen die Sekretärin Fräulein Diehl und W. Müller. Das war das erste Messebüro. Mit einem Artikel „Das Ende der Buchkrise? Überraschender Erfolg der Frankfurter Buchmesse“ zog am 20. September die „Frankfurter Rundschau“ Bilanz über den Erfolg: „Die erste Frankfurter Buchmesse in der Paulskirche hatte bisher einen außerordentlichen Erfolg; in den Wandelgängen vor den Ständen trafen sich nicht nur zahlreiche Buchfreunde, sondern - wider Erwarten - die Sortimenter in großer Zahl. Die 210 Verlage haben an die 10.000 Titel vorgelegt. Bei den kleineren Verlagen lagen die Umsätze nach den ersten vier Tagen bei etwa 4.500 D-Mark, die großen - wie der Insel-Verlag, der Suhrkamp-Verlag oder Bermann-Fischer-Verlag - zeichneten in diesen Tagen Aufträge von jeweils etwa 45.000 Mark. (...) Der Sonntag allein führte der Frankfurter Buchmesse 3000 Besucher zu, worunter ein großer Teil von Sortimentern aus Hamburg, Bremen, München und den entferntesten Orten Westdeutschlands zählt.“
Zu den erfolgreichsten Teilnehmern der ersten Frankfurter Buchmesse zählte der C. Bertelsmann Verlag aus Gütersloh, der erst in letzter Stunde zugesagt hatte und einen Kleinstand belegte. Ein Vertreter der Firma schrieb Aufträge in einer „astronomischen“ Höhe, erinnerte sich der damalige Messedirektor Wilhelm Müller, der dessen telefonische Berichte an die Zentrale gut verfolgen konnte. Es gab nämlich für die gesamte Frankfurter Buchmesse nur eine Telefonleitung – im besagten Messebüro des Geschäftsführers. Da konnte der Messchef die Stimmungen und Meinungen zur Ausstellung hautnah verfolgen.
Zur Zweiten Frankfurter Buchmesse 1950 waren durch räumliche Erweiterungen in den Römerhallen erstmals auch internationale Aussteller vertreten, insgesamt 100 Verlage aus der Schweiz, Frankreich, Österreich, Amerika, England, Holland und Schweden. Die ersten Aussteller aus Übersee kamen aus New York (Bantam Books und Pocket Books Inc.). Verstärkt wurden auch die Werbemaßnahmen. Man schrieb 4.400 westdeutsche Buchhandlungen an, denen auch der Messekatalog zugestellt wurde. Zur Messe selbst wurden 50.000 Handzettel sowie ein Plakat gedruckt, das unter anderem auf Straßenbahnwagen angebracht wurde. Medienberichte über die Zweite Frankfurter Buchmesse arbeiteten die überwältigende wie auch erschreckende Fülle der gezeigten Bücher (insgesamt 28.000 Titel) heraus. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb: „Der erste und auch der bleibende Eindruck von dieser Frankfurter Buchmesse 1950 ist der einer wohlgeordneten Wirrnis... Die kühnste überblendende Fotomontage vermöchte nicht annähernd darzustellen, was auf der Netzhaut und im Kopf des Besuchers durch die 15.000 Buchtitel und Einbände von insgesamt 400 Verlagen erzeugt wird.“

Eine interessante und vor allem rasante Geschichte, wenn man die Fakten und Zahlen des Jahres 2006 gegenüberstellt. Heute ist die Frankfurter Buchmesse weltweit die größte Buch- und Medienmesse. Sie ist nicht nur der wichtigste Handelsplatz für die internationale Buch- und Medienbranche, sondern auch Plattform für den kulturpolitischen Dialog und ein Kulturevent der Superlative. Und es lohnt sich, diesem Literatur-Highligth beizuwohnen. Wir vom Geisterspiegel streifen auch in diesem Jahr durch die zahlreichen Gänge der Messehallen. So manch bekanntes Gesicht wird uns dabei über den Weg laufen. Und zahlreiche Termine mit bekannten Autoren sind bereits bestätigt. Dazu gibt es natürlich Beiträge en gros.
Nicht vergessen möchte ich den BUCON, in Kennerkreisen auch „Die kleine Buchmesse“ genannt. Das diesjährige Programm ist vielversprechend. Auch dort werden wir mit geballter Kraft unsere „Zelte“ aufschlagen; ca. 10 Geisterspiegler, wenn alle kommen. Vielleicht schon ein kleines Vorab-Treffen. Nun muss nur noch die Gewerkschaft der Lokführer mitspielen und die Zeit rund um die Buchmesse streikfrei gestalten. Zur Not kann ich auf das Auto umsteigen.
Frankfurt, wir kommen und „verfolgen“ die Bücher, die uns interessieren.

Text- und Bildquellen:

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels 1825-2000. Ein geschichtlicher Aufriss. Hrsg. im Auftrage der Historischen Kommission von Stephan Füssel, Georg Jäger und Hermann Staub in Verbindung mit Monika Estermann. Buchhändler-Vereinigung, Frankfurt am Main 2000

© Wolfgang Brandt

 

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