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Der Leitartikel

März 2009

Bis(s) das Grauen kein Morgen mehr findet

von Florian Kayser

Germany

Stephenie Meyer Sicher hätte sich der Prophet und mormonische Religionsstifter Joseph Smith jr. nie träumen lassen, dass mehr als 170 Jahre, nachdem er sein berühmtes Buch „The book of Mormon“ veröffentlicht hat, ein Schäfchen seiner Mormonenherde diesen Erfolg derartig überflügeln würde. Mit einer Millionenauflage ihrer Jugendbestseller-Tetralogie hat die 31-jährige Mormonin, Stephenie Meyer, die Bestsellerlisten über Nacht erklommen und ist damit nahezu in Sphären biblischer Auflagenstärken vorgedrungen. Dieser Vergleich mag etwas weit hergeholt sein, doch möge man mir das in Anbetracht der religiösen Tragweite, die nicht nur durch die besondere glaubenstechnische Zugehörigkeit der Autorin geniert wird, sondern auch durch die Kernaussage ihres Werkes und dessen Rezeption bedingt wird, nachsehen. Längst sind sich die sogenannten Genrekenner und Experten der internationalen Fachpresse darin einig, dass Meyer mit ihrer sogenannten „Twilight“-Tretralogie nahezu an den magischen Erfolg a la Rowling heranreicht. Ihre Erfolgsgeschichte um die menschliche Protagonistin Isabelle Swan und ihrem heimlichen Schwarm Edward Cullen, dessen animalische Anziehungskraft von seiner vampirischen Herkunft herrühren mag, hat binnen weniger Monate so manches Teenieherz im Sturm verhinderter und keuscher Leidenschaften erobert. Spätestens jedoch, seitdem dieses literarische Monumentalwerk aller ersten Emotionsschmalzes auch den Weg über Hollywood auf die Kinoleinwände der Welt gefunden hat und sich die Erfolgsautorin nicht hat bremsen lassen, die Welt mit weiteren Fortsetzungsbänden zu beglücken, sind sämtliche Dämme gebrochen, die bisher die Massenhysterie dahinpubertierender Girlies in Zaum zu halten imstande gewesen sind. Nun schwappt eine Welle „wartender sexueller Schmachterei“; wie es DER SPIEGEL so treffend formuliert hat, über das Land und schwemmt alle bisherigen Draculavorstellungen wahrhaft horrorbegeisterter Leser in rosarot gefärbten Keuschheitsphantasien hinfort. Glaubten wir eben noch an den blutsaugenden, eckzähnigen, im Sarg schlafenden, das Tageslicht meidenden, mit übermenschlichen Kräften versehenen, alles aussaugenden Vampir, wie ihn Bram Stoker mit seinem Dracularoman literarisch salonfähig gemacht hat, werden wir nun erbarmungslos durch Stephenie Meyer erleuchtet.


Abbildung 1 http://theboozebuzz.com/2008/10/30/my-imaginary-beer-with-count-dracula/

Nein, es ist nicht die Horrorfigur, vor deren unstillbaren Blutdurst kaum eine pulsierende Menschenkehle sicher ist, vielmehr ist der Vampir Edward das Idealbild eines Mannes, voll Schönheit, Anmut, Galanterie, dessen gezügelte Wollust derartig von keuschem Edelmut zu strotzen scheint, dass jeder, um die Jungfräulichkeit ihrer weiblichen Nachkommenschaft besorgten Mutter warm ums Herz werden muss. Vor diesem Hintergrund kann man leicht vergessen, dass die ursprüngliche literarische Konzeption des Vampirs von vielen Literaturwissenschaftlern auch heute noch als Inbegriff der zügellosen Erotik, einer von der Prüderie viktorianischen Zensur gegeißelten Gesellschaft, darstellt und der Biss in die Kehle vornehmlich weiblicher Protagonisten als durch Horror verbrämte Penetration verstanden werden sollte. Das aber lassen wir dann doch lieber im Orkus der Literaturgeschichte untergehen und ergötzen uns lieber an dem fleischgewordenen; auch wenn es untotes ist; Idealbildes des galanten Charmeurs, der Stephenie Meyer aus der Feder geflossen ist.

Meyers „Biss zum Morgengrauen“ - und ein Grauen ist es wahrlich - erzählt von der Liebe eines jungen Mädchens zu einem Vampir, dessen Edelmut darin zum Ausdruck kommt, dass er jeglicher fleischlichen Lust, die das wundervolle Mädchen in ihm entfachen mag, widersagt, da er sich seiner Animalität bewusst ist und weiß, dass wenn er sich ihr hingäbe, sein vampirisches Ich Überhand gewinnen und ihn dazu verleiten könnte, im Rausch der Triebe seine Geliebte totzubeißen. Somit wird Stephanie Meyers pseudo Grusel-Jugendroman bereits von so manchem Psychologen als Manifest gegen die sexuell desorientierte Jugend der Spaßgesellschaft propagiert. Meyer habe mit dem Tabu gebrochen, der Banalisierung der Sexualität nach dem Munde zu reden. Sie trete mit ihrem Roman dafür ein, dass der Sexualität und dem Sex wieder etwas Geheimnisvolles und damit etwas berauschend Besonderes innewohnen solle. Bereits eine sanfte Berührung und das verheißungsvolle, was noch kommen könnte, seien der Träger unerfüllter keuscher sexueller Sehnsüchte. Interessant, dass dies von einer jungen Frau vertreten wird, die einer Religionsgemeinschaft angehört, die nicht nur der Polygamie frönt, sondern deren ganze religiöse Grundlehre darauf zu fußen scheint; aber das gehört nicht an diese Stelle. Wie dem auch sei, nicht allein die Verfilmung des ersten Bandes von Meyers Tetralogie „Biss zum Morgengrauen“ verdient es einer harschen Kritik unterzogen zu werden, sondern das sogenannte literarische Gesamtwerk an sich. Die Art und Weise, wie sich die Öffentlichkeit dem Thema der Bücher, der besonderen Umstände der Entstehung der Geschichte (Meyer behauptet, ihr sei die Idee im Traume gekommen – hatte sie etwa eine Erscheinung?) und der Reaktion der Hauptleserklientel, widmet, kann einen „Bis(s) in den Wahnsinn“ treiben. Dachte man bereits, dass der Harry Potter - Boom die Nerven einer leidgeprüften mündigen Leserschaft auf eine harte Probe stellen würde, so scheint „Twilight“ dem Sarg den Boden auszuschlagen.
Jeder, der dieses Buch gelesen hat, erklärt sich nun zum Vampirversteher und meint damit zu den ganz hartgesottenen Horrorlesern zu zählen; weil er bzw. in den meisten Fällen sie, einen Blutsaugerroman förmlich verschlungen und sich dabei noch nicht einmal vor Angst in die Hosen gemacht hat. Doch es reicht nicht, ein Wesen mit übermenschlichen Kräften auszustatten, es ab und an Tierblut saugen zu lassen und seine unsterbliche Schönheit mit geradezu religiösem Fanatismus Seite um Seite um Seite um Seite heraufzubeschwören und damit dem sehenden Leser ein schauriges Grauen über den Rücken zu jagen; und schon hat man einen Vampirroman geschrieben. Dazu braucht es mehr, denn so wirkt das, was Stephenie Meyer abgeliefert hat, zumindest auf die wahren Horror- und Vampirfans ähnlich lächerlich, wie jene Persiflage, die Loriot einst verfasst hat, als er einen Vampir mit folgenden Worten politisch werden ließ: „Der Vampir zählt in der Bundesrepublik zu einer Minderheit. Als Wähler ist der somit uninteressant.“ Um dann im weiteren Verlauf darauf hinzuweisen, dass ein moderner Sozialstaat dennoch eine Verantwortung für seine Minderheiten habe, denn: „[…]Ein gesunder Vampir benötigt pro Nacht ein bis zwei Liter frisches Damen- oder Herrenblut. Dafür verzichtet er aber auch auf Teigwaren, Obst, Käse und Gemüse. Durch die ablehnende Haltung der Bevölkerung greifen schwere Depressionen und Ernährungsschäden gerade unter jugendlichen Vampiren in erschreckendem Maße um sich. Allein in Rheinland-Pfalz waren im Jahre 1970 mehr als 2000 Vampire zwischen zwei- und dreihundert Jahren bettlägerig. Was ist das für ein Staat, der in jedem Jahr Milliarden für die Rüstung ausgibt und keinen Tropfen Blut für seine Vampire übrig hat. Da stimmt doch etwas nicht!“ Genau!! Bei Stephanie Meyer stimmt auch etwas nicht, pardon, ich meine natürlich bei ihren Büchern. In diesem Sinne: Biss das Grauen kein Morgen mehr findet.

PS.: Wer sich näher mit der Autorin und ihren „wahren“ Beweggründen beschäftigen will, dem sei ein Interview, welches sie dem SPIEGEL gegeben hat, wärmstens ans Herz gelegt. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,558826,00.html

Bildnachweis:
(dort wo nicht anders angegeben)
http://www.stepheniemeyer.com

 

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