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Der Leitartikel

Dezember 2007

Der Weihnachtswahn

oder

Bimmel!

Kennen Sie den Klickolaus? Oder dieses bescheuerte Werbe-Lied, bei dem Kinder eine Wurst zum Klang von Alle Jahre Wieder anpreisen? Wann standen bei Ihnen die Weihnachtsmänner in den Regalen der Supermärkte?
Bei uns war es im September und ich fand es zum kotzen. So, wie ich Slogans zum Kotzen finde, bei denen man mit Weihnachtsliedern Stimmung erzeugt.
Nicht, dass Sie mich falsch verstehen. Ich will jetzt nicht das Hohelied von der echten Weihnacht anstimmen und die gute alte Zeit beweinen; allein schon, weil mir keine gute alte Zeit einfällt. Jede Zeit war auf ihre Art gut oder schlecht, brachte den Schrecken des Krieges, der Armut, der Arbeitslosigkeit, der Unterdrückung ... Auch will ich nicht auf die Heiligkeit des Festes hinweisen. Das tun die Kirchen zu Genüge, sie tun es jedes Jahr und im Grunde ist es immer die gleiche, alte Leier. Ich bin nicht einmal Christ, wie sollte ich also auf die Geburt eines Heilands hinweisen, der uns alle ... Lassen wir das.
Und doch bin ich ein großer Fan von Weihnachten. Der bunte Baum, die Vorfreude auf die Bescherung, die Lieder und die gesamte Atmosphäre. Der Gedanke von Frieden, der die ganze Welt umspannen könnte; auch wenn er das nicht tut und man sich lediglich einer weiteren, süßen Illusion hingibt. All das macht mich zu einem Fan von Weihnachten, lässt mich Adventskalender aufhängen, Christstollen kaufen und in meinem Blog passende Geschichten veröffentlichen. Der Zauber, den man als Kind empfindet, blieb an mir haften.
Und nun stelle ich mir vor, wie mein Neffe – er ist jetzt fünf Jahre alt – vor dem Baum steht, die Melodie von Alle Jahre Wieder hört und er sofort laut und voll Inbrunst den Lobgesang auf ein Wiener Würstchen anstimmt. So hat er es schließlich im Radio gehört, in der Glotze gesehen, so haben es die anderen Kinder gesungen. Nur zur Erinnerung – es gibt einige Feiern an oder um den 24 Dezember herum. Manche werden heute nur noch von wenigen Menschen gefeiert, andere von Millionen. Aber ein Würstchen ist bei keinem der zentrale Gegenstand der Anbetung. Zumindest wäre mir keines bekannt.
Weihnachten ist die goldene Zeit für den Handel. Er lechzt dem Weihnachtsgeschäft entgegen, bei dem etwa die Hälfte des Jahresumsatzes generiert wird. Kein Wunder also, dass die Läden bestrebt sind, eben dieses Weihnachtsgeschäft zum einen jedes Jahr ein bisschen vorzuverlegen, zum anderen in vollen Zügen auszunutzen. Die himmlischen Geschenke oder die Empfehlung vom Weihnachtsmann sind dabei ein alter Hut. Schlimm wird es nur, wenn man schon bei den ersten Klängen eines Weihnachtsklassikers an eine Brühwurst mit Senf denkt, statt an den Baum, die Besinnung, leuchtende Kinderaugen. Oder man mit der süß bimmelnden Glocke nahezu in den Wahnsinn getrieben wird, weil sie ständig erklingt. Jeder Laden, jedes Unternehmen wirbt mit ihr. Bimmel hier, Bimmel da, Bimmel überall. So lange, bis man eine solche Bimmel nehmen und sie dem nächsten Weihnachtsmann, der vor einem Geschäft Kunden anlocken oder auf dem Weihnachtsmarkt Spenden einsammeln will, in den Hintern schieben möchte.
Das Erschreckende ist, dass man dem Weihnachtswahn nicht entgehen kann. Wie ein manischer Psychiatriepatient steigert er sich bis zum Heilig Abend, um auch den letzten Weihnachtsmuffel weichzukochen. Aber selbst wenn man sein letztes Geld für Geschenke, Zuckerzeug und Braten ausgegeben hat, lässt er einen nicht in Ruhe. Der Weihnachtswahn ist omnipräsent. Er ist das Erste, dass man am Morgen hört, wenn der Radiowecker eigentlich eine süße Melodei spielen sollte, und er ist das Letzte, womit am Abend einschläft. Die Sender veranstalten Weihnachts-Gewinnspiele (bimmel), die Werbung bringt einem Geschenk-Ideen und Tipps für ein gelungenes Fest (bimmel) und der erste Song nach diesem Mist ist Jingle Bells (bimmel!).
Die bitterste Erkenntnis ist jedoch, dass wir selbst Schuld an dieser Misere sind. Sie auch. Ja, Sie, der Sie diesen Text hier lesen. Sie sind Schuld, ich bin es, mein Herausgeber und der Webmaster sind es. Wir alle sind Schuld daran, dass die Vorweihnachtszeit zur Vorweihnachtsqual wird. Wir kaufen Weihnachtsartikel lange vor der Zeit (ich weiß, Sie tun das nicht. Keiner tut es, niemand den man fragt, und dennoch sind früh die Regale leer. Es schaut ja auch keiner Pornos und dennoch macht diese Industrie Milliarden im Jahr ...), schalten die Sender ein, die uns den Weihnachtswahn ins Haus schicken und lachen über den Einfallsreichtum der Werbeindustrie, auch das älteste, traditionellste Lied zu nutzen oder den Nikolaus zum x-ten Mal zu missbrauchen; siehe Klickolaus.
Vielleicht würde der Handel reagieren, würde 2008 niemand vor der Zeit Lebkuchen kaufen. Aber diese Hoffnung ist vergebens. Wir sind auf Weihnachtswahn konditioniert, wie dereinst der Hund von Pawlow. Der reagierte auch auf ... Genau, auf bimmel.

ga

 

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