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Der Leitartikel

November 2007

Ausgesetzt

Alle Jahre zu Weihnachten werde unzählige Tiere verschenkt, die dann – oft zur Ferienzeit – einfach am Straßenrand ausgesetzt werden und dort, sofern sie niemand findet, qualvoll verenden.
Das finde ich gelinde gesagt beschissen und meiner Meinung nach sollte man die Menschen, die das tun, ebenfalls aussetzen und an der Autobahn anketten. Ohne Wasser, ohne Futter – bis sie elend krepiert sind.

Alle Jahre zu Weihnachten werden unzählige Bücher verschenkt, die dann – oft nach wenigen Tagen oder Wochen – einfach in ein Regal gestellt werden. Sie sind ausgelesen, das Thema interessiert nicht oder man hat gleich dreimal den neuesten Potter bekommen. Aber Bücher wirft man nicht weg, sondern hebt sie auf. Also wandern sie ins Regal, von dort irgendwann in eine Kiste auf dem Speicher und so modern sie vor sich hin. Und modern, und modern und ...
Aber halt, das muss nicht sein.
Denn Bücher kann man auch aussetzen; ohne Wasser und Futter zwar, aber das finde ich ganz und gar nicht beschissen. Schließlich krepieren die Bücher nicht elend, sie winseln auch nicht, sondern warten schweigend auf ihren neuen Leser.

Der Trend kommt, wie so vieles, aus den USA und nennt sich Bookcrossing. An festgelegten Plätzen werden Bücher ausgesetzt. Die ehemaligen Besitzer tragen die Titel auf einer Webseite (http://bookcrossing.com/hunt/28/travel_-Germany) ein und schon kann sich ein anderer Teilnehmer des Programms das Buch dort abholen. Damit es nicht allzu langweilig wird – hinfahren, Kasten öffnen, Buch holen – ist der genau Ort manchmal nur vage umschrieben, so dass ein regelrechtes Jagdfieber unter den registrierten Benutzern ausbricht. Vor allem bei Top-Titeln ist dies der Fall. Man stelle sich nur vor, jemand würde die Heiligtümer des Todes ein paar Tage nach Erscheinen aussetzen; die Masse der Buchaussetzer, die sich auf die Jagd begeben, würde einer Stampede gleichen.

Natürlich kann man Bücher auch aussetzen, ohne sich zu registrieren oder Mitglied der Bookcrossing-Community zu werden. Man lässt das Buch einfach in einer U-Bahn liegen, auf der Wartebank des Bahnhofs oder an sonst einem belebten Platz. Die Wahrscheinlichkeit, dass es jemand findet und interessant findet, ist groß. Die Wahrscheinlichkeit, dass es die Putze findet, die leider kein Deutsch spricht und es darum im nächsten Mülleimer entsorgt, ebenfalls.

Was sind die Beweggründe, ein Buch auszusetzen? Nun, manche möchten einfach die Bücher los werden. Da man sie, wie bereits erwähnt, nicht in den Müll gibt – ich habe da eine natürliche Hemmschwelle, die dies verhindert – überlässt man sie so einem deutlich besseren Schicksal. Irgendeinem Schmock wird schon gefallen, was ich nicht mehr haben will. Etwas, wovon zum Beispiel eBay lebt.
Andere Teilnehmer wiederum mögen die Jagd nach dem Buch sowie den Reiz zu schauen, wo die eigene Lektüre landet.
Und dann gibt es noch jene, die auf diese Weise kostenlos an neuen Lesestoff gelangen. Die Bücherei, früher traditioneller Ort kostenloser Lektüre, hat ausgedient. Dies stellte bereits das ZDF 2004 fest, als es im Rahmen der Berichterstattung „Unsere Besten“ konstatierte:

[...]Nur jeder dritte Deutsche leiht noch in Büchereien aus. Jeder fünfte Deutsche kennt seine Stadtbibliothek nicht. [...]

Die Zahlen dürften seit dieser Zeit weiter gestiegen sein. Wobei das ZDF in diesem Zusammenhang nicht von Bookcrossing spricht, sondern auf die ständige Verfügbarkeit neuer Bücher hinweist, die ja selbst an Tankstellen rund um die Uhr verkauft werden. Vielleicht ist so eine Bücherei auch nicht mehr cool. Sie wird nicht gehypt, es riecht stets etwas seltsam in ihr und man muss sich auf Zehenspitzen fortbewegen, darf nur flüstern und hat man Durst, muss man einen gesonderten, lesefreien Bereich aufsuchen. Die Regeln in einer Bücherei sind oft so streng, dass man in ihnen kaum zu atmen wagt. Von den gestrengen Blicken der Fräuleins hinter der Theke ganz zu schweigen. Kein Wunder also, dass die Bibliotheken nicht gerade überrannt werden. Will man an kostenfreien Lesespaß gelangen, bleiben zwei Möglichkeiten – Ladendiebstahl oder Bookcrossing. Ich rate stark zu der zweiten Variante...

Inzwischen werben die Bookcrosser polemisch damit, dass Bücher in Regale zu stellen einer Käfighaltung gleiche. Das ist eine arg überspitzte Darstellung, schließlich hacken sich Bücher nicht gegenseitig die Hälse wund. Sie legen auch keine Eier und schmecken nicht köstlich, wenn man sie gegrillt serviert. Sie bieten geistige Nahrung, was wiederum keinem Huhn gelingt. Bücher und Tiere sind eben unterschiedlich. Das ist der Grund, warum ich das Aussetzen von Haustieren so beschissen finde, das Aussetzen von Büchern hingegen begrüße.

ga

 

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