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Der Leitartikel

Januar 2009

Was ist denn heut beim Hörspiel los …

Zur Situation des deutschen Hörspielmarkts

von Florian Hilleberg

Gehe ich in einen der großen, deutschen Elektrofachmärkte, die mit einprägsamen Werbeslogans die Käufer anlocken, dann sehe ich im Hörspiel-/Hörbuchregal eine schier unüberschaubare Zahl an Produkten, die allein im vergangenen Jahr 2008 veröffentlicht wurden.
Für den Otto-Normalverbraucher offenbart sich ein riesiger Pool von Hörspielen, aus dem der Interessierte schöpfen kann. Doch wer die Wahl hat, der hat bekanntlich auch die Qual. Noch vor knapp 10 Jahren war der Markt an Hörspielen, gerade für den erwachsenen Käufer sehr überschaubar. Der Hörverlag hat einige sehr sorgfältig produzierte Literaturklassiker im Angebot gehabt, EUROPA startete die Rückkehr der Klassiker, Maritim bewarb den MAGIER aus Dan Shockers Gruselkabinett, JOHN SINCLAIR machte sich daran den Markt zu erobern und Frank Gustavus schuf still und heimlich sein Meisterwerk JACK THE RIPPER.
Schon nach kurzer Zeit zeigte sich, dass in Sachen »Hörspiele für Erwachsene« ein enorm hoher Bedarf herrschte, denn viele Hörer haben sich jahrelang mit den Folgen der Erfolgsserie DIE DREI FRAGEZEICHEN begnügt. Eine Serie übrigens, die einen katastrophalen Einbruch in den Verkaufszahlen verzeichnen würde, wenn alle Hörer über 18 Jahre den Kauf einstellen würden.
Anfang des neuen Jahrtausends drängten plötzlich neue Serien en masse auf den Markt und die »Newcomer-Labels« schossen wie die Pilze aus dem Boden. Zunächst überbot sich jeder mit kleinen Etiketten, auf denen zu lesen stand, mit welchen Synchronsprechern bekannter Hollywoodstars das jeweilige Hörspiel produziert wurde, und die Qualität war größtenteils wirklich bemerkenswert und stand den Produkten der Hörspielgiganten EUROPA, Maritim, Hörverlag und Lübbe Audio in nichts nach. Titania Medien überzeugte durch die liebevoll gemachte Reihe GRUSELKABINETT, während GABRIEL BURNS von Volker Sassenberg die Freunde düsterer Phantastik a la AKTE X begeisterte. Einer der derzeitigen Marktführer unter den neuen Produktionsfirmen - LAUSCH - überraschte mit der innovativen Fantasy-Thriller-Serie CAINE und schuf kurz darauf das bedeutendste Fantasy-Epos in Sachen Hörspiel: DRIZZT. Hinter den Firmen und Labels standen häufig selbst eingefleischte Fans, die sich ihren Traum vom eigenen Hörspiel selbst erfüllten. Die technischen Möglichkeiten sind vorhanden, und mittlerweile kann man Studios auch anmieten, um seine eigenen Produktionen zu verwirklichen. Semiprofessionelle Labels wie Dreamland-Productions, Hörfabrik, Canora Media (jetzt Delicious media productions) haben davon profitiert und konnten ambitionierte Projekte verwirklichen. Jetzt, knapp 10 Jahre nach einem regelrechten Boom - der entgegen anderslautender Meinungen meines Erachtens - sehr wohl existierte, zeigt sich allerdings auch die Kehrseite der Medaille. Denn selbst der allergrößte Fan hat weder Zeit noch das Geld, um sich alle Neuerscheinungen anzuhören und auf Herz und Nieren zu testen. Und in einer Zeit, in der illegales Downloaden zum Volkssport mutiert ist, müssen gerade kleinere Unternehmen den Cent zweimal umdrehen, sodass viele Projekte gar nicht erst verwirklicht werden können, oder, einmal begonnen, schnell wieder eingestampft werden müssen; eben weil kein Budget vorhanden ist, um Studio, Sprecher, Sounddesigner und Vertrieb bezahlen zu können. Der Käufer beraubt sich selbst erstklassiger Unterhaltung, die man bequem während einer Zugfahrt, im Auto oder entspannt in der Badewanne genießen kann. Die technischen Voraussetzungen dazu sind im Vergleich zu dem sogenannten »Home Entertainment« geradezu lächerlich gering.

Grob unterteilt kann man sagen, dass es vier große Kategorien gibt, in die sich die Hörspiel-Produktionsfirmen aufteilen:

  • Großfirmen, die sich allein durch Audio-Produktionen einen eigenen Vertrieb leisten können oder sogar selbst Aufträge erteilen. Beispiel: EUROPA, Maritim, Lübbe Audio
  • Labels und Produktionsfirmen, hinter denen ein oder zwei Geschäftsführer stehen, und die erst seit kurzer Zeit existieren und sich auf dem Markt behaupten müssen. Beispiel: LAUSCH, Titania Medien, R&B-Company, Nocturna Audio
  • Semiprofessionelle Labels (sogenannte Independent Labels), deren Inhaber das Produzieren von Hörspielen nebenberuflich machen und einen Hauptberuf haben, der ihre Existenz sichert. Beispiel: Dreamland-Productions, Hörfabrik, Delicious media productions
  • Buchverlage, die Hörspiele- oder Hörbücher als Ergänzung ihres Programms veröffentlichen. Beispiel: Zaubermond Audio, Romantruhe Audio

Erstere werden nur geringfügig von dem einbrechenden Markt tangiert werden, denn zum einen halten sie mehrere fest etablierte Serien und Reihen am Laufen, und zum anderen können sie aufgrund eigener Vertriebswege und eigener Studios sehr viel günstiger produzieren. Die kleineren Unternehmen, wie die R&B-Company oder Nocturna Audio, sind am schlimmsten betroffen, denn hinter diesen Firmen stehen Menschen, die das Produzieren von Hörspielen zu ihrem Haupterwerb gemacht haben und mehr als nur die Produktionskosten erwirtschaften müssen, um existieren zu können. Die Buchverlage wie Zaubermond und Romantruhe haben im Zweifelsfall ihr etabliertes Buchprogramm, während die semiprofessionellen Hörspielmacher immer noch einen Hauptberuf haben, der sie über Wasser hält. Hinzu kommt schnell produzierte Massenware für Discount- und Supermärkte, die häufig nur drei oder vier Euro kostet. Wohin führt der Wettbewerb, wenn Hörspiele als Beilage für Comichefte und Cornflakes-Packungen herhalten müssen? Teilweise kann man erstklassig besetzte Hörspiele großer Verlage bereits im 1-Euro-Shop ergattern. Für den Hörspiel-Freak ein kleines Eldorado, doch für den Markt ein kommerzielles Desaster, das sich früher oder später rächen wird. Wir Käufer und Hörspielfreunde können unseren Beitrag leisten, in dem wir Qualität und Sorgfalt den Vorrang geben und unsere Hörspiele legal im Kaufhaus, Elektronikfachhandel oder im Buchhandel erwerben. Wer auf die äußere Gestaltung weniger Wert legt, kann auch auf die günstigere Download-Variante umsteigen. Und wer den Verlagen etwas Gutes tun will, der bestellt direkt über den Onlineshop der einzelnen Labels. In diesem Sinne: Ohren auf beim Hörspielkauf.

© Florian Hilleberg

 

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