
Der Leitartikel

August 2008
Geschichte made in Hollywood
Actiongeladene Vergangenheitsficton oder nüchterne Dokumentation
von Florian Kayser
Der Autor des weltberühmten Romans „Doktor Schiwago“, Boris Pasternak, hat einmal gesagt: „Geschichte kann man nicht sehen, ebenso wenig, wie man Gras wachsen sieht.“ Wie recht er doch mit dieser Aussage hat.
Die Geschichte ist nicht etwas Omnipräsentes, nicht ein Zustand, der einer Naturgesetzmäßigkeit unterworfen ist, wie das Aufgehen und Untergehen der Sonne, Geschichte ist das, was sich in ihrem Namen verbirgt, es ist die Ansammlung von Geschichten. Nun mögen mich die Fachhistoriker mit akademischen Peitschenhieben traktieren und der Verdammnis in der Hölle der Ignoranz überantworten, doch bleibt dies eine unumstößliche Tatsache, die Geschichte eines Dorfes, eines Ortes, eines Landes, eines Kontinents, einer Region, die Geschichte sogar von jedem Einzelnen, ist nichts anderes, als die Auswahl der Geschichten, die es zu der jeweiligen Region, Person etc. zu erzählen gibt, bzw. jene Auswahl, von der Außenstehende glauben, dass es diese Geschichten sein sollen, die repräsentativ sind für das, was über diese Region, Person etc. erzählt bzw. gesagt werden sollte.
Demnach ist Geschichte ein von Natur aus eher subjektiver Eindruck und eine entsprechend subjektive Wiedergabe dieses Eindrucks, weshalb sich die Zunft der Historiker und das Fach an sich andauernd darum bemühen, Methoden zu entwickeln, den Grad der Subjektivität durch ein Höchstmaß an scheinbarer Objektivität zu kompensieren. Die Ergebnisse, die hierbei erzielt werden, sind mehr oder minder erfolgreich.
Gerade die deutsche Historikergilde zeichnet sich dadurch aus, Geschichte in einem Maße zu verwissenschaftlichen, dass sie nicht nur nicht mehr von Laien gelesen oder verstanden wird, sondern dass selbst Fachleute bisweilen das Gähnen kaum zurückzudrängen imstande sind. Geschichte muss objektiv, nüchtern und demnach auch langweilig sein?! Mitnichten. Geschichte ist spannend an sich. Die Suche nach der Vergangenheit birgt so manches Abenteuer in sich, auch wenn diese Suche nicht unbedingt sofort mit der Suche nach dem Heiligen Gral, wie Indiana Jones dies so unvergleichlich hollywoodlike zu tun versucht hat, zu vergleichen ist, was den Spannungsfaktor anbetrifft. Und damit sind wir auch schon beim Einstieg zu dem Thema des Leitartikels, denn dieser Artikel will sich der Frage zuwenden, inwieweit die filmische Verarbeitung bestimmter, auf historischen „Tatsachen“ fußender Themenbereiche, das historische Verständnis der Zuschauer maßgeblich mitprägt.
Wer kennt nicht das Gefühl, sich in einem Kinofilm wiederzufinden, der sich beispielsweise mit einem Teilaspekt der römischen Geschichte auseinanderzusetzen versucht, und vor dem Hintergrund dessen bisher selbst keinen Draht zu dieser menschheitsgeschichtlichen Epoche gehabt zu haben, nach der Konsumierung des entsprechenden Kinofilms zu glauben, erleuchtet worden zu sein? „Ich habe Gladiator gesehen, genau so muss es gewesen sein im alten Rom.“ So manchem Historiker oder historisch interessierten Laien werden sich jetzt die Fußnägel hochrollen ob so einer hoffnungslosen Naivität. Geschichte ist zwar nicht so langweilig, wie manche Historiker uns dies glauben zu machen versuchen, aber es ist auch nicht so spannend und mitreißend, wie es der eine oder andere Hollywoodregisseur versucht auf die Leinwand zu zaubern. So, wie es eine dichterische Freiheit gibt, die Autoren für sich in Anspruch nehmen, so gibt es vergleichbares auch bei Filmemachern, auch dann, wenn sich diese Freiheit in zunehmenden Maße selbst beschneidet, da man sie glaubt auf dem Altar der Authentizität opfern zu müssen. Nur mancher Filmemacher dürfte auch ebenso schnell erkannt haben, dass diese kompromisslose Authentizität zu Lasten des Spaßfaktors gehen könnte und sich unangenehm in der Kinokasse niederschlagen dürfte.
Die Menschen wollen vornehmlich unterhalten werden, da kümmert sie Authentizität herzlich wenig.
Doch sollte man sich auch mal die Frage stellen, woran es liegt, dass sich der Anspruch derer, die filmische Kunst schaffen wollen, gewandelt hat. Anfang der sechziger Jahre beispielsweise konnte man kaum einen Film über die Zeit des Zweiten Weltkrieges anschauen, ohne nicht die klassische Trias Hollywoodschen Heldenepos‘ wiederzufinden. Eine Handvoll alliierter Helden kämpft gegen eine schier unüberwindliche Übermacht an „tumben“ deutschen Monstern und wird am Ende dennoch triumphieren. Selbst ein vergleichsweise „authentischer“ Streifen „D-Day“ oder wie er mit deutschen Titel heißt: „Der längste Tag“ vermag es nicht, auf den stereotypen deutschen Tollpatschlandser zu verzichten. Gert Fröbe als Unteroffizier „Kaffeekanne“, der mit seinem Muli und einer Armeekaffeekanne bestückt die Frontbatterien nazideutscher Verteidigungsanlagen mit dem braunen Wachmacher zu versorgen versucht, ist hierbei nur der kleine, aber doch feine Erinnerungshaken, den man sich gelassen hat, um ja nicht die gute alte Zeit klassischer Kriegsveräppelung aus dem Sichtfeld zu verlieren.
Doch haben diese Filme wirklich das Geschichtsverständnis von jenen Generationen geprägt, an die sich die Filme einst gerichtet haben, als sie denn in die Kinos kamen? Man mag es bezweifeln, zumal diese Thematik den „Vorteil“ genossen hat, von Zeitzeugen rezipiert worden zu sein, die es eigentlich hätten besser wissen müssen und sicherlich haben sie es auch besser gewusst, doch darf man nicht vergessen, dass diese Filme auch vor dem Hintergrund einer bestimmten politischen Weltkonstellation gedreht worden sind, denn der Kalte Krieg hat nicht nur in James-Bond-Verfilmungen seine filmischen Spuren hinterlassen.
Die heute rezipierende Generation kennt jedoch den Zweiten Weltkrieg nur aus dem Geschichtsbuch und da es nicht nur zum Generationenproblem gehört, dass immer weniger gelesen wird, sondern auch, dass die Macht des Fernsehens und Internets unübertroffen zu sein scheint, will sagen: Was das Fernsehen zeigt, muss wahr sein, denn schließlich kann ich es sehen, macht es nicht unbedingt einfacher, den jungen Menschen ein „objektives“ Bild historischer Ereignisse so zu zeichnen, dass sie sich nicht vor Langeweile abwenden.
Gerade Filme sind dafür gemacht zu fesseln und zu unterhalten, weshalb ihr historischer Authentizitätsgehalt mit jeder spannungssteigernden Nuance rapide abfällt.
Es sind aber nicht allein die dramaturgischen Zuspitzungen und Verfremdungen, die den historischen Wahrheitsgehalt einer filmischen Bearbeitung eines historischen Themas verwässern, es sind oftmals auch gravierende Wissenslücken bei jenen, deren Aufgabe es ist, dem Film zumindest eine historisch nachvollziehbare Kulisse zu schaffen. Seien es die Uniformen der Soldaten, welcher Seite sie sich auch immer zurechnen oder die Alltagskleidung, Alltagsgegenstände, Waffen etc., hier nehmen es die Filmemacher auch nicht so genau, getreu dem Motto: „Das fällt doch sowieso keinem auf.“ Es fällt auf, vor allem denjenigen, die sich hinterher mit den Folgeerscheinungen dieser pseudopädagogischen Geschichtsverfremdung herumzuschlagen haben im Rahmen von Unterrichtsstunden oder Universitätsvorlesungen.
Doch wollen wir die historische Filmkulisse nicht nur auf die Zeit des Zweiten Weltkrieges beschränken, zumal in unserer jüngsten Filmgeschichte wieder mehr den „ollen Griechen und Römern“ ein Denkmal gesetzt wird, nachdem Hollywoodsche Monumentalschinken wie Ben Hur, Cleopatra, Spartakus etc. bereits in den sechziger Jahren Geld in die Kinokassen spülte.
Gladiator, Alexander, Troja und wie sie alle heißen, sie alle zusammengenommen entwerfen ein Bild einer noch viel weiter entfernten historischen Epoche und sie bieten den Kreativen der Filmindustrie vielfältigere Möglichkeiten, die Realität, wie die Wissenschaft sie derzeit sieht, in einer Weise fantastisch zu verfremden, dass es mehr an „Herr der Ringe“ oder sonstige Fantasy-Verfilmungen erinnert, denn einen historischen Kerngehalt für sich behält. Da kann man dann auch getrost über Gasdruckzylinder unter umkippenden römischen Kampfwagen oder Kondensstreifen am römischen-germanischen Morgenhimmel hinwegsehen, da sich diese kleineren Fehler der Moderne, gegenüber den historischen Unwahrheiten, die auf dem Altar der Actionverliebtheit geopfert worden sind, und in den Film fest eingewoben wurden, als Marginalien ausmachen.
Festzuhalten bleibt, trotz aller subjektiver Polemik, gerade die Rezeption von Filmen basierend auf historischen Begebenheiten bedarf einer intensiven kritischen Auseinandersetzung und darf nicht ebenso konsumiert und in das sogenannte Allgemeinwissen eingeflochten werden, wie dies derzeit oftmals der Fall ist, denn sonst wird einst die Geschichtsschreibung nicht mehr nur einfach subjektiv verfremdet, sondern schlicht und ergreifend falsch sein.
© Florian Kayser
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