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Manfred Roth
Länger der Weg....

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Er kannte das Gefühl, und er zitterte.
Es war keine Angst vor dem, was kommen würde; es war tiefe Resignation, vermischt mit vielen Tropfen schwarzer Wut und Auflehnung, gegen das Schicksal, gegen den Fluch, gegen alles, wogegen er sich nicht wehren konnte.

Zu oft war es in der Vergangenheit schon geschehen.

Bilder von früheren Ereignissen zogen vor dem inneren Auge vorbei; Kamelreiter in schwarzblauer Gewandung, dahingleitend auf ihren schnellen Tieren über glühendem Sand, er selbst mitten unter ihnen, die köstliche Kühle des Rittes noch spürend und dann jäh herausgerissen von diesen Dingen, die Freude gebracht hatten; das Wissen über den Betrug des Simhahama, das plötzlich über ihn gekommen war wie die Flut am Tuarisc, der lange mühsame Weg zurück gen Nor, nur um zu entdecken, daß bereits ein Schiff bereitstand für die nächste Mission; die ungenannten Schrecknisse auf der Fahrt der Fünfundzwanzzig mit dem grüngoldenen Triumph am Ende; die Enttäuschung über die Geschehnisse danach, mühsames Vorantasten durch die Wirren der Politik und hernach, als ein gewisser Stand erreicht war, verloren alles in den Wirren der Spiegelzeit; und mehr noch dann, als andere heimkehren konnten und er gezwungen war, weitere Mühsal zu ertragen. Nicht die Reisen über die See nach Süd, Ritte im Winter durch eisiges Land, Kämpfe gegen jedweden, der die Waffe zog, waren das, was schwer gewesen war; noch nicht einmal die Enttäuschungen über den Verrat, die Dinge, die hernach getan werden mussten, mit Bitternis, Selbstvorwürfen und Leid, das anderen zugefügt werden musste und neuen Hass gebar - all dies wäre zu ertragen gewesen als das, was ein langes Leben und nicht endenwollende Erinnerung darob mit sich brachte.

Aber er wollte nicht immer wieder Werkzeug sein, ein lebendes Gefäß auf dieser Welt der Wunder, in das immer wieder Mächte zurückzugreifen beliebten, um ihren Willen durchzusetzen und Dinge zu tun, das Geschehn der Welt zu bestimmen. In vielen, eigentlich fast allen Fälle hätte er dies auch selbst getan als etwas, was getan werden mußte, wie es die Notwendigkeit vorschrieb. Aber es kam immer wieder.
Manche waren grausam und erzwangen ihren Willen. Manche kamen flüsternd und schmeichelnd daher, sanft in ihrem Wirken, doch unbarmherig im Ergebnis, und selbst JENE, von der man nicht sprach, gewährte zumindest jenes Gefühl, wenn alles überstanden war, einige Momente des Glücks und des Rausches, die alles hätten lohnen sollen.
Und er war nicht schwach. Doch alle, die bislang gekommen waren, waren stärker gewesen.
Wann würde es enden?

Vielleicht lag er auch wieder auf seinem Lager, fiebernd und in Träumen gefangen, die seinen Geist langsam verwirrten.

Die große Kerze auf dem Tisch erlosch. Die Fackeln an den Wänden blakten heftig. Er schob die Pergamente mit den Botschaften zurück, erhob sich und ging zur Halle.
Ein alter, bärtiger Mann, den er nicht kannte, führte einen grossen Mann herein. Er war abgehetzt, erschöpft, mit schmutziger zerrissener Kleidung, die Finger der rechten Hand zur Faust geballt und bemüht, sie unter dem Umhang zu verbergen.

„Corrabheinn“, sagte der Alte und sein Baß rollte. „Paß auf den hier auf und laß ihn ganz. Ich hole ihn ab, wenn er gebraucht wird und seine Zeit kommt. Er braucht einfach nur Ruhe.“

Obwohl er es vorab wußte, fragte er: „Warum sollte ich?“ - „Weil ich Dich darum bitte.“

Dann wandte der bärtige Führer sich an den Hilflosen. „Schlaf! Elbe. Schlaf.“ Der Hochgewachsene sank zu Boden.
Der Bärtige Mann wandte sich dem anderen zu. "Nimm ihn mit auf die Fahrt nach Nor", und auf den fragenden Blick. "Es wird nicht lange dauern....Auch er muß tun, was andere wollen."

Bevor er gehen konnte, rief der große Mann: "Ich bitte Euch! Eine Gunst!". Der Bärtige musterte ihn, und er vermeinte Mitleid in seinen Augen zu erkennen. "Norwärts! Hindurch! Und vielleicht wird es für Euch enden!"

Er ging hinaus. Diener, die der große Mann rief, kamen, trugen den Schlafenden zu einem kleinen Zimmer über der Halle und versorgten ihn. Es sollte einen halben Zehnttag dauern, bis er wieder erwachte und die Geschichte seiner Reise erzählte, weit, herbei von der Insel der Alten Königin, wie sein Zuhörer sie noch kannte, allein in einem kleinen Segelboot, getrieben von Wind und Wellen, vor allem aber den Dämonen im Innern. Immer wieder betrachtete er den Ringfinger seiner rechten Hand und berührte ihn, als könne er nicht glauben, daß er schmucklos war.

Doch die Dinge geschahen, in schnellerer Folge diesmal, als selbst der Erfahrene gerechnet hatte. Der Kampf um Huanaca ging voran und ward siegreich abgeschlossen, zumindest was die große Landmasse betraf. Doch seltsame Männer kamen auf einem lecken Schiff, hochgewachsen, ungewöhnlich vom Aussehen, mit schwarzer Haut wie die Nacht und blondem Haar wie die Sonne. Er sah sie nicht selbst, denn sie starben schnell durch die Furien des Krieges. Doch alles schien sich zu wiederholen: er wusste auch ohne die Berichte aus dem Süd, daß es Longoten gewesen waren, Nachfahren jenes Volkes, das auch Simhahama Lao angeführt hatte, bevor es ihn seinerseits verschlug in den Bann der Weißen Königin. Schattenwesen kamen auf grossen Schiffen, Bluttrinker genannt, und wurden bekämpft, obwohl sie seltsam unkriegerisch blieben und starr den Kurs ihrer Schiffe setzten gen Esten. Und schließlich tat sich die See im Wes auf und spie ungezählte Schiffe aus, bemannt mit allem, was die Kräfte der Horde der Finsternis hergeben konnten, auf dem Weg aus dem Süd entlang der agenirischen Küste; nach Nor, nach Nor, hin zum BLAUEN LEUCHTEN, das dort an den äußersten Grenzen zum Endlosen Eis waberte.
Harantor, der Ringlose, war dabei, als die Flotten der Finsternis an der Küste entlangfuhr und ungezählte Sreine und Pfeile darauf abschoss, ohne sich freilich aus dem Wasser an Land wagen zu wollen. Und er war dabei, als man neue Schiffe ausrüstete, gebaut in Almhuins Werft und sich sammelnd vor dem kleinen Hafen unterhalb des schwergetroffenen, aber immer noch zinnenbekränzten Areinnall, über dem die weiße Flagge des Lichts wehte.

Er stellte keine Fragen. Sie gingen gemeinsam an Bord eines Schiffes und fuhren los, mit der kleinen

Flotte von Seglern. Er war geschickt im Umgang mit Segel und Tau, erfahren in den Dingen der Schiffahrt und eine große Hilfe, was das Wissen über Strömungen und Wind betraf.

Doch auch er wartete.

Es kam die mondhelle Nacht, als man weit im Nor bereits das Glühen des Blauen Leuchtens zu sehen vermeinte. Die Dinge waren nicht glücklich verlaufen. Trotz aller Anstrengungen hatten viele der Schiffe zurückbleiben und wenden müssen, da sie an anderer Stelle gebraucht wurden. Die Besatzungen der wenigen Segler, die noch langsam über das stille Wasser glitten, waren untätig, niedergezwungen von ungeklärter Kraft (die sich später, als man anderer Berichte hörte, als das unheilige Wirken eines jener Wesen herausstellen sollte, die "Mythanen" genannt wurden und von denen deren drei die Schutzwälle um die Zauberinsel überwunden hatten und auf Seiten der Finsteren eingegriffen hatten).

Das Gefühl kam wieder. Sie standen allein am Bug des Schiffes: ein hochgewachsener Elbe, ringlos zwar, doch wieder erholt an Leib und Seele; ein ebenso großer Mann, grünhäutig, doch eher von der dunklen Farbe nassen Mooses, mit vielen Narben und unschönem Gesicht; und jene sanfte Frau, die beide begleitet hatte, seit sie aufgebrochen waren aus Areinnall, auch sie eine vom grünen Blute der Alten Corainiaid. Auch sie wußte, daß etwas geschehen würde.

Und doch war es diesmal überraschend. Mitten auf dem Meer erschien es ihnen plötzlich, als stünden sie in einem großen Garten mit blühenden, duftenden Rosen. Der Duft war überwältigend; sinnlich, lockend, betörend...

Sie sahen sich an. Es mußten keine Worte mehr gesagt werden. Harantor hob noch einmal grüßend die Hand und verschwand.

Man fand zwei Rosen auf den Planken am Bug liegend. Die Frau nahm jene mit den gelben Blütenblättern an sich und gab dem Coraniaid die andere, rote. Der Mann lächelte schwach: "Diesmal war es anders...sanfter".

Der Duft der Rosen aber blieb. Er würde bleiben, bis das Schiff bis dicht vor das "Blaue Leuchten" gekommen sein würde und sich das Geschick etlicher von der Besatzung erfüllen würde, darunter auch das der beiden, die Harantors Verschwinden miterlebt hatten.

Doch das ist eine andere Geschichte.

 

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