Serien & Stories

Hier lest ihr die unvollendete Geschichte, die aus unserer ehemaligen Rubrik "Die Spielserie" stammt.
Der Anfang der Geschichte / Vorgabe
Spielserie #0:
Das alte Haus
von
Horst von Allwörden und Oliver Fröhlich
„Da ist es“, flüsterte Karsten Steffens.
„Wow“, entfuhr es Melanie Gruber. Sie konnte nur Schemen von dem erkennen, was Karsten ihr zeigen wollte. Aber was sie sah, beeindruckte sie sehr.
Die alte Villa aus der Gründerzeit ragte in den Nachthimmel wie ein Fels. Die gewaltigen Umrisse hoben sich im fahlen Licht des Mondes wie ein Monument von der Umgebung ab. Gebaut als Landsitz von einem mit Kolonialwaren reich gewordenen Pfeffersack aus Hamburg gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als das Kaiserreich unter Bismarck seinen Platz an der Sonne suchte, stand es nun schon jahrelang leer.
„Was für ein Haus!“, entfuhr es der Frau.
„Die Zentrale unserer Agentur und unserer Familie, der zukünftigen“, entgegnete Karsten.
Vor nicht einmal zwei Wochen war er auf das Anwesen zwischen Dollern und Horneburg am Rande des Alten Landes gestoßen. „Wollen wir rein gehen?“, wandte er sich an Melanie.
„Das muss ich sehen!“, ließ Melanie ihren Verlobten wissen.
Er nestelte in der Tasche seiner Lederjacke herum und kramte nach dem Schlüssel, den ihm die Maklerin übergeben hatte. Als er ihn ins Schloss schob und drehen wollte, stellte er fest, dass es ein klein wenig hakte. Aber das war nichts, was man nicht mit einem Tröpfchen Öl in Ordnung bringen konnte.
„Ta-ta-ta-ta“, sang er, als die Tür nach innen aufschwang. „Treten Sie ein, schöne Frau.“
Melanie kicherte wie ein kleines Mädchen und machte einen Schritt in die dunkle Halle.
Karsten griff hinter ihr vorbei zum Lichtschalter.
„Wow“, hauchte Melanie, als der riesige Lüster die Eingangshalle in weiches Licht tauchte.
„Du wiederholst dich!“
„Ich weiß. Aber bei diesem Anblick wiederhole ich mich gerne!“
Melanies Blick wanderte über das makellose Parkett und die breite Treppe, die in einem weiten Bogen in den ersten Stock führte. Der hölzerne Handlauf war mit zahlreichen Schnitzereien verziert, ohne dabei kitschig zu wirken.
„Wie kann so ein Haus nur so lange leer stehen?“
Karsten zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Die Maklerin hat nur erzählt, dass der letzte Voreigentümer ...“
„Pssst!“
Karsten stutzte. „Was ist denn?“
„Sei doch mal leise!“
Er zuckte mit den Schultern und sah seine Verlobte an. Die machte zwei leise Schritte nach vorne und blieb in der Mitte der Halle stehen. Dann legte sie den Kopf auf die Seite, drehte sich nach links, dann wieder nach rechts.
„Was ist denn los?“, flüsterte Karsten.
„Hast du das gehört?“
„Was?“
In diesem Augenblick huschte ein leises Kratzen und Schaben durch die Halle.
„Das!“, sagte Melanie. „Hier wird’s doch nicht etwa Ratten geben?“
Plötzlich ein Rumpeln!
„Sehr große Ratten!“, stieß Karsten zwischen zusammengepressten Zähnen hervor. „Ratten mit zwei Beinen und alkoholgeschwängertem Atem!“
Mit schnellen Schritten ging er auf eine geschlossene Tür unter dem Treppenbogen zu.
„Wo willst du denn hin?“
„Dorthin wo die Geräusche herkommen. In den Keller!“
Melanie hetzte ihm hinterher und erreichte ihn, noch bevor er die Tür öffnen konnte. Sie legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Jetzt warte doch mal!“
Karsten wirbelte herum. „Worauf denn?“
„Du kannst doch da nicht einfach runtergehen! Du weißt doch gar nicht, was das ist!“ Dann wurde ihre Stimme zu einem Hauch: „Bitte! Das ist zu gefährlich!“
„Gefährlich? Unsinn!“, fuhr er sie an. Als er sah, wie sie zusammenzuckte, nahm er ihre Hände in seine. „Entschuldige.“
Er zog sie zu sich hin und nahm sie in die Arme.
„Das da unten ist bestimmt ein Obdachloser! So lange, wie das Haus leer gestanden hat, würde mich das nicht wundern. Aber jetzt gehört es uns! Und deshalb werden wir jetzt nach unten gehen und ihm das sagen.“
„Na, ich weiß nicht!“
„Du kannst ja hier bleiben, aber ich geh jetzt runter und geig dem Kerl die Meinung!“
Er ließ sie los, drehte sich um und öffnete die Kellertür. Sofort schlug ihm ein leicht muffiger Geruch entgegen.
Melanie sah, wie Karsten die Hand ausstreckte. Dann hörte sie das Knipsen eines Lichtschalters. Dann noch einmal. Und noch einmal. Doch das Licht im Keller blieb aus.
„Scheiße“, brummte Karsten. Dennoch schlich er die Steintreppe hinunter.
Melanie seufzte und ging ihm nach.
Nach zehn Stufen erreichten sie einen Gang, der links bereits nach ein paar Zentimetern in Dunkelheit versank. Das Licht aus der Eingangshalle reichte gerade aus, die Kellertreppe halbwegs zu beleuchten, dann war aber auch schon Schluss.
Karsten drehte sich nach rechts um.
„Das glaub ich jetzt nicht!“
Auch Melanie drehte sich in diese Richtung. Diese Hälfte des Ganges war ähnlich finster wie die nach links führende. Aber an seinem Ende, vielleicht fünf oder sechs Meter entfernt, sah sie eine Tür, unter der ein flackernder Lichtschein in den dunklen Gang kroch.
„Das geht verdammt noch mal zu weit!“, hörte sie Karsten fluchen. „Schürt der Penner in unserem Keller ein lustiges Feuerchen! Na, dem werde ich was erzählen!“
„Vielleicht sollten wir doch lieber ...“, setzte Melanie an, aber ihr Verlobter hörte nicht auf sie.
Wenige Schritte und schon stand er vor der Tür.
„Nicht!“, hauchte Melanie. Die Haare in ihrem Nacken sträubten sich und die Handflächen wurde feucht. Urplötzlich hatte sie das Gefühl, dass es gar keine gute Idee war, die Tür zu öffnen. „Karsten, bitte nicht!“
Er zögerte zwar einen Augenblick, mehr aber auch nicht.
Und dann legte er die Hand auf den Knauf.
1. Fortsetzung
Gewinnerbeitrag
geschrieben von Jochen (Captain Elch), dem ersten Gewinner

Roger hielt inne und horchte. Da war jemand an der Tür. Verdammt noch mal, nicht jetzt. Der Kerl würde alles vermasseln. Irgendein Obdachloser oder die paar Jugendliche, die er letzte Woche schon verjagen musste. Zum Glück konnte bisher keiner dieser Eindringlinge Schaden anrichten. Aber jetzt war wirklich ein unpassender Moment. Er musste unbedingt Sicherheitseinrichtungen installieren, damit heute der letzte Vorfall dieser Art wäre. Roger blickte auf den Türknauf, hob seine Waffe auf und löschte die Petroleum-Lampe.

Karstens Hand verweilte einen Moment auf dem Türknauf, während er noch einmal tief Luft holte.
„Nun lass doch.“ Melanie hatte Angst „Wir sollten nicht so unvorbereitet die Tür aufreißen, wer weis was dahinter ist. Was ist, wenn da irgendwelche Satanisten eine abartige Zeremonie feiern?“
„Satanisten“ entgegnete Karsten in einem Ton, der Melanie erschrecken ließ. „Da ist irgendein besoffener Penner, der in meinem Keller rumlungert.“
Melanie trat einen Schritt vor und packte Karsten am Arm. „Sieh doch, das Flackern ist verschwunden“.
„Der Penner hat uns bemerkt. Geh einen Schritt von der Tür weg. Ich mache dem Spuk jetzt ein Ende.“ Karsten drehte den Knauf und riss die Tür auf.
Er blickte in völlige Dunkelheit. Nicht einen Zentimeter konnte man in den Raum hineinsehen. Ein kurzes Klicken war zu hören und im selben Moment sah Karsten in den grellen Schein einer Taschenlampe.

Geblendet taumelte Karsten einen Schritt zurück während er Melanies kurzen, schrillen Schrei vernahm. Er hob seine Hände um das grelle Licht abzuwehren. „Was zum Henker...“
„Halt die Klappe, Junge. Ganz ruhig stehen bleiben“, wurde Karsten durch eine unfreundliche Stimme aus der Dunkelheit unterbrochen. Das Licht der Taschenlampe wanderte nun aus Karstens Gesicht in Richtung Körpermitte. Das Blenden ließ nach, langsam kam sein Sehvermögen zurück. Er ließ die Hände wieder sinken und konnte schemenhaft eine Gestalt erkennen, mindestens einen Kopf größer als er selbst. Und Karsten glaubte, in der anderen Hand des Mannes eine Waffe zu erkennen, auf ihn gerichtet.
Seine anfängliche Wut wich der Angst. Karsten fühlte eine kalte Hand, die sich um sein Herz legte und langsam zudrückte. Er überlegte, wie er jetzt am besten vorgehen sollte. Immerhin hatte der Fremde in seinem Keller anscheinend eine Waffe in der Hand, und er wollte nicht durch unüberlegte Äußerungen oder Provokationen herausfinden, ob diese auch echt war. Er hatte ohnehin keine Ahnung von Schusswaffen und dieses Ding in der Hand seines Gegenübers war nur zu erahnen. Ein Obdachloser war dieser Kerl sicher nicht, eher irgendein Verbrecher, der in seinem Keller Zuflucht gesucht hatte. Er nahm seinen Mut zusammen: „Was machen Sie in meinem Keller?“
Die Antwort auf seine Frage war ein kurzes heiseres Lachen. „Dein Keller? Seit wann ist das dein Keller?“

Glasgow, drei Wochen zuvor:
„Nimm Platz Roger“. Mit der Hand wies der Notar Horacio Veil gönnerhaft auf einen Sessel gegenüber seinem riesigen Schreibtisch. „Schlimme Sache, was passiert ist.“
Roger verzog angewidert die Mundwinkel. Sein Onkel Horacio war genau so ein schleimiger und eiskalter Kerl, wie der Rest seiner unüberschaubaren Familie. Vor zwei Wochen hatte man Rogers Vater Richard tot in einer kleinen Seitenstraße gefunden, mit dem Gesicht in der Gosse. Man fand bis heute keinerlei Anhaltspunkte, wer der oder die Täter waren. An Richard Veil konnte keinerlei Gewalteinwirkung festgestellt werden, und eine natürliche Todesursache schloss der Gerichtsmediziner aus. Auch sämtliche Wertsachen hatte Richard Veil noch bei sich, als man ihn fand. Als Industrieller, der öfter in dubiose Geschäfte verstrickt war, wie man hinter vorgehaltener Hand munkelte, hatte er viele Feinde. Alle Ermittlungen der Behörden verliefen bis jetzt im Sande, man wusste noch nicht einmal die endgültige Todesursache.
Roger hatte sich bereits vor vielen Jahren von seiner Familie losgesagt und vermied jeglichen Kontakt. Er galt ohnehin als das schwarze Schaf. Seiner Familie war es höchst suspekt, dass Roger von Job zu Job durch die halbe Welt tingelte, so er denn überhaupt mal einen Job hatte, statt in ihre Fußstapfen zu treten. Mit dieser Familie voller Geschäftsleute, die über Leichen gingen, verband ihn nichts. Der Tod seines Vaters berührte ihn nicht. Und nun hatte ihn sein Onkel Horacio zu sich gebeten – der Bruder seines getöteten Vaters Richard – um diverse Formalitäten zu erledigen.
„Also Roger“ begann Horacio, „dein Vater - mein Bruder - war ein reicher Mann. Und du bist heute hier, um dein Erbe anzutreten.“
„Ich pfeif auf euer Geld, ist doch alles mit dunklen Machenschaften angehäuft worden. Ihr lügt und betrügt, seit ich denken kann. Und was ist mit meinen feinen Brüdern, wieso sind die nicht hier? Diese Aasgeier sind doch sonst die Ersten, wenn man irgendwo was abgreifen kann.“
„Es geht nicht um Geld Roger, und deine Brüder bekommen natürlich auch ihren festgelegten Anteil. Es geht um ein Haus in Deutschland.“
Auch das noch, dachte sich Roger, ein Haus in Deutschland. Ist doch nur ein Klotz am Bein. Entweder eine halb verfallene Bruchbude, die mehr Kosten als Nutzen brachte oder Ärger mit säumigen Mietern in einem fremden Land. Na ja, so fremd nun auch wieder nicht. Roger hatte vor einiger Zeit drei Jahre einen Job in Deutschland und sprach zumindest die Sprache ganz gut. Und dann noch die ganzen Formalitäten. Roger erinnerte sich noch gut an die behördliche Odyssee, die er hatte durchstehen müssen.
„Ich will dieses Haus nicht. Ich verzichte auf meinen Erbteil.“
„Du kannst nicht ablehnen“, erwiderte sein Onkel, „es ist Bestimmung.“ Mit diesen Worten schob er Roger einen großformatigen Umschlag über den Schreibtisch.
„Was ist das?“
„Komm schon Roger, du kannst deine Familie nicht leiden. Wen kümmert das? Du kannst dich deiner Familie aber nicht entziehen. Sieh in den Umschlag.“
Roger öffnete den Umschlag und fand ein Flugticket nach Hamburg, sowie eine größere Summe Bargeld. Verärgert warf Roger das Bündel zurück auf Horacios Schreibtisch., drehte sich um und wollte gehen.
„Roger“ rief der Notar „bleib stehen“. Da war etwas in Horacios Stimme, das Roger innehalten ließ. „Du kannst nicht ablehnen, es ist Bestimmung“ wiederholte er.
„Hast du einen Job Roger?“
„Nein, zur Zeit nicht, in letzter Zeit waren...“
„Ja, ja“ sagte Horacio und machte eine wegwerfende Handbewegung. „So was dachte ich mir schon. Du hast jetzt Zeit und etwas Geld und du hast jetzt ein Haus in Deutschland.“
Horacio erhob sich, ging um den Schreibtisch und packte Roger am Arm.
„Du fliegst übermorgen nach Deutschland. Punkt.“ Der Notar stopfte das Flugticket und die Geldscheine in Rogers Manteltasche. Dann nestelte er an der Innentasche seines Jackets herum, zog ein schwarz gebundenes Büchlein heraus und streckte es Roger entgegen.
„Hier steht alles drin, was du wissen musst. Dein Vater hat alles aufgeschrieben, über dich, über deine Familie und über sich selbst. Lies seine Aufzeichnungen und du wirst verstehen. Eine Woche vor seinem Tod tauchte er bei mir auf und gab mir dieses Buch. Er ahnte wohl was passieren würde.“
„Er ahnte seinen Tod? Dann weiß er auch wer dahinter steckt. Du musst das Buch der Polizei übergeben.“
„Vergiss die Polizei Roger, die können mit dem Inhalt nichts anfangen. Dieses Buch ist nur für dich bestimmt. Es erklärt alles. Du musst zu diesem Haus, es ist Bestimmung.“
Der Klang in Horacios Stimme duldete keinen Widerspruch.
Roger fragte sich, warum sein Onkel Kenntnis vom Inhalt des Buches hatte, wenn es doch nur für ihn bestimmt. sei. „Wer kennt denn außer dir noch den Inhalt dieses Buches?“
„Jeder einzelne unserer Familie kennt den Inhalt, außer dir. Du wolltest ja nichts mit uns zu tun haben. Dein Vater hat die Aufzeichnungen gemacht, da du all das wissen musst, was deine Familie weiß. Jetzt, da Richard tot ist, ist es von größter Wichtigkeit, dass du dich mit dem Inhalt vertraut machst. Dein Leben hat sich verändert.“
Roger verließ mit einem mulmigen Gefühl seinen Onkel. Was meinte dieser dauernd mit Bestimmung, und was würden ihm diese geheimnisvollen Aufzeichnungen seines Vaters offenbaren? Trotz der Abneigung gegen seine Familie wurde er neugierig. Zu hause angekommen zündete er sich eine Zigarette an und begann zu lesen.
Zwei Tage später saß er in einem Flugzeug, das ihn nach Hamburg bringen sollte.

Karsten war sprachlos. Er stand im Keller seines vor kurzem erworbenen Haus, schaute in die Mündung einer Waffe, gehalten von einem Kerl, der mit seltsam englischem Akzent Karstens Besitzanspruch in Frage stellte.
Karsten hob beschwichtigend die Hände. Der Typ war mehr als zwielichtig. Sein langer, schmutziger Mantel, seine ungepflegten Haare erhärteten in Karsten den Verdacht, einem gesuchten Verbrecher gegenüber zu stehen.
Karsten bemühte sich, seiner Stimme einen festen Klang zu geben.
„Ich habe dieses Haus erworben, es gehört mir und sie halten sich in meinem Keller auf.“ Er musste diese irrwitzige Situation irgendwie auflösen, schließlich hatte er noch nie in seinem Leben in den Lauf einer Waffe geblickt. Der Kerl brauchte bloß abzudrücken und aus die Maus. Was hatte der denn zu verlieren? Oder war die Waffe gar nur eine dieser täuschend echt aussehenden Attrappen?
„Hören sie...“ kam eine Stimme aus dem Halbdunkel. Das Licht der Taschenlampe wanderte in Richtung der Stimme und ließ Melanie erkennen.
„...Mein Name ist Melanie Gruber, wir haben dieses Haus gekauft. Und nun nehmen sie bitte die Waffe runter und verlassen sie unser Haus, was immer sie hier auch getrieben haben. Bitte gehen sie.“

‚Das hat mir ja gerade noch gefehlt’ dachte Roger. Aber die zwei vor ihm schienen tatsächlich harmlos zu sein. Er ließ den Lauf der Waffe sinken und bemerkte, dass sich die beiden etwas entspannten.
Roger wollte dieses Haus nicht, und nun standen zwei Personen vor ihm, die behaupteten, das Haus gehöre ihnen. Wäre alles wunderbar, wenn er nicht schon zu tief in das Geheimnis des Hauses eingedrungen wäre. Es gab kein Zurück mehr. Für ihn nicht mehr, aber für die beiden Unwissenden vor ihm, die keine Ahnung hatten, was in diesem Haus vor sich ging.
„Na gut, gehen wir nach oben“. Roger zeigte mit der Taschenlampe in Richtung Treppenaufgang.
Mit weichen Knien stiegen Karsten und Melanie die Stufen hinauf.
Als alle drei in der erleuchteten Halle standen, hatte Karsten neuen Mut gefasst.
„Also“, begann er „mein Name ist Karsten Steffens und ich habe dieses Haus mit meiner Freundin Melanie hier gekauft. Sie können den Kaufvertrag sehen, wenn sie wollen. Würden sie jetzt bitte unser Haus verlassen, wir erzählen niemandem, dass wir sie hier gesehen haben?“
„Kaufvertrag, so so“ entgegnete Roger und verdrehte die Augen. „Moment Mal, jetzt verstehe ich. Ihr haltet mich für einen Gangster oder so was. Falsch. Ich habe dieses Haus von meinem Vater geerbt.“
„Das ist doch nicht möglich“, erwiderte Karsten, „wir haben doch kein Haus gekauft, das noch einen anderen Besitzer hat. So was geht doch gar nicht. Wir sind hier immerhin in Deutschland.“
Roger musste schmunzeln. Sie waren immerhin in Deutschland! Wie wahr, wie wahr.
„Hört zu ihr beiden, ihr habt dieses Haus gekauft. Schön. Aber ihr habt keine Ahnung, auf was ihr euch hier eingelassen habt. Die hatte ich vor drei Wochen auch noch nicht, als ich dieses Haus zum ersten Mal betreten habe. Wenn ihr also so weiterleben wollt, wie bisher dann macht ihr diesen Kauf rückgängig und kauft was anderes, oder macht was immer ihr wollt. Aber verlasst dieses Haus und betretet es nie mehr. Sonst wird euer Leben nicht mehr so sein, wie es war.“
„Wollen sie uns drohen?“ fragte Karsten, „ist ja auch einfach mit ´ner Waffe in der Hand“.
Roger legte die Waffe auf den Boden. „Ja verdammt, ihr seid bedroht. Aber nicht ich bin derjenige der euch bedroht. Heb die Knarre auf, bedroh mich oder knall mich ab. Was kümmerts mich. Ihr habt ein Haus gekauft, das seit Jahrhunderten meiner Familie gehört. Wenn ich tot bin kommt der nächste meiner Familie. Oder es kommt etwas, das ihr nicht kennen lernen wollt. Es würde sich nichts ändern, dieses Haus gehört euch nicht.“
Die Gedanken kreisten in Karstens Kopf. Das Haus sollte angeblich aus dem 19. Jahrhundert sein. Der Kerl mit der Waffe behauptete, es gehöre seiner Familie seit Jahrhunderten. Es wurde immer undurchsichtiger.

Karsten versuchte noch, die Bedeutung von Rogers Worten zu erfassen, als er bemerkte, dass Melanie blass wurde. Er sah Melanie mit sturem Blick auf die Eingangstür starren.
„Was...was sind das für Zeichen an der Tür“ stammelte Melanie.
Rechts und links der Eingangstür waren jeweils dreizehn Symbole auf die Wand aufgebracht, über der Tür drei Symbole: ein Alpha, ein Keltenkreuz und ein Omega. Um das Keltenkreuz war ein metallener, mit seltsamen Ornamenten verzierter Rahmen, ebenso um jeweils ein Symbol links und rechts der Tür.
Karsten trat entschlossen auf die Tür zu und betrachtete die Symbole. Seltsame albtraumhafte Gestalten, erschreckend realistisch wirkend, umgeben von Zeichen die keinen Sinn zu ergeben schienen. Handwerklich meisterhaft ausgeführt, aber offenbar einem zutiefst kranken Hirn entsprungen.
„Können sie mir erklären was das ist und was diese Rahmen für eine Funktion haben?“ wandte er sich an Roger.
„Die dreizehn Zeichen links sind die Tierkreiszeichen“, Roger schritt jetzt auch auf die Tür zu, „ die dreizehn Zeichen rechts die Symbole der dreizehn Familien“
„Dreizehn Tierkreiszeichen?“ fragte Melanie an Roger gewandt.
„Ja. Dreizehn. Zwölf und der Schlangenträger. Und fasst die Rahmen nicht an. Sie setzen Ereignisse in Gang, die ihr nicht versteht.“
„Was für Ereignisse?“ Karsten wurde ärgerlich. „Was passiert, wenn ich die Rahmen doch anfasse. Warum wollen sie, dass wir dieses Haus – unser Haus- verlassen. Sie bedrohen uns, behaupten dieses Haus geerbt zu haben und wollen uns wegschicken. Sie sagen, dieses Haus sei Jahrhunderte alt. Ist es nicht, es ist aus dem 19. Jahrhundert. Ich sage ihnen was: ich glaube kein Wort von dem was sie sagen. Sie haben sich diesen Spuk ausgedacht, um Leute von diesem Haus fernzuhalten. Damit Sie hier in aller Ruhe tun und lassen können was sie wollen.“ Karsten erfasste einen Metallrahmen um eines der Tierkreissymbole.
„Nein verdammt“ hörte er Roger schreien, „lass die Finger weg.“
Karsten geriet jetzt in Fahrt. Seine anfängliche Furcht vor dem Kerl mit der Waffe war wieder völlig der Wut gewichen, die er verspürte, als er dachte ein Obdachloser hause in seinem Keller. Einer Wut auf jemandem, der ihm sein Haus streitig machen wollte, der seine Zukunftspläne von seiner Agentur zerstören wollte. Den erschreckten Gesichtsausdruck seiner Freundin bemerkte er nicht, als er den Metallrahmen nach oben auf das nächste Symbol verschob.
Als er einrastete begann der Boden zu zittern, das Deckenlicht ging aus. Lichtblitze, ausgehend vom eingerahmten Keltenkreuz über der Tür, durchzuckten den Raum. „Du verdammter Irrer“ brüllte Roger, wandte sich wieder von der Tür weg und hechtete in Richtung seiner Waffe.
Ein gellendes Pfeifen erfüllte die Halle. Melanie stand stumm und mit geschlossenen Augen inmitten der Halle und presste sich die Hände auf die Ohren. Doch das nützte nichts. Das Pfeifen wurde schriller und schriller und fraß sich wie eine ätzende Flüssigkeit in die Gehirne. Auch das Beben wurde heftiger und inmitten eines grellen Lichtblitzes zerbarst die Eingangstür als wäre sie von einer Granate getroffen worden. Mit seinem letzten klaren Gedanken verfluchte sich Roger selbst. Er hatte sich nicht um Sicherheitsvorkehrungen gekümmert. Jetzt war es zu spät. Er bemerkte noch aus den Augenwinkeln, dass Karsten und Melanie zu Boden sanken. Dann wurde auch ihm schwarz vor Augen.
Als sie wieder zu sich kamen war nichts mehr wie es war.
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