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Stories

Schlechte Träume

Eine Mystery-Kurzgeschichte von Oliver Wehse

Träume. Was sind Träume?
Streng wissenschaftlich gesehen sind die Träume nichts anderes als eine psychische Aktivität während des Schlafes und werden als besondere Form des Erlebens im Schlaf charakterisiert. Gedächtnisinhalte, die bei der Traumbildung eine Rolle spielen und Träume für unbewusste Vorgänge und Verarbeitung der Erlebnisse des Tages.
Andere behaupten, im Traum ginge die Seele auf Reisen und erlaube unserem Bewusstsein einen kleinen Einblick in die Welt, die wir erst nach unserem Tode betreten dürfen.
Aber warum gibt es auch Alpträume?
Manche sagen, die Seele versuche, auf diesem Wege das Bewusstsein vor Ereignissen in der Zukunft zu warnen. Die meisten glauben, dass, wenn wir unsere Träume, gerade die Alpträume, besser verstehen würden, wir große Dinge vollbringen könnten, ja, eine aktive Symbiose zwischen Seele und Bewusstsein schaffen könnten, was uns in einen Gott-ähnlichen Zustand erheben würde.

Fred Schäfer, ein ganz normaler Mann in den Dreißigern, hat mit Träumen seine eigene Erfahrung gemacht ...

Wie von einem Blitz getroffen fuhr ich an diesem Morgen hoch.
Schweißgebadet stützte ich mich mit den Armen hinter dem Rücken ab, die Hände krallten sich dabei in das verrutschte Bettlaken.
Mit groß aufgerissenen Augen versuchte ich zu verarbeiten, was gerade geschehen war.
Hektisch schaute ich mich im Raum um, war sie hier? War sie vielleicht in einer dunklen Ecke?
Panisch sprang ich schließlich aus dem Bett, schaltete das Licht an und schaute mich um. Gleich danach zog ich das Rollo auf und stürzte zum Schrank.
Flach und hektisch atmend riss ich die erste Tür auf. Nein, dort war niemand!
Nur langsam begriff ich, dass ich geträumt haben musste. Es hatte alles so echt und so verdammt real gewirkt!
»Fred, Fred, Fred ...«, keuchte ich, »Mann, das war ein Traum!«
Erst einmal Sauerstoff hereinlassen! Ja das würde helfen. Ich öffnete das Fenster weit.

Vollkommen wirres Zeug hatte ich mir da zusammengeträumt. Kleine alltägliche Missgeschicke, die dann ...
Ich brach den Gedanken ab und schaute amüsiert das Chaos an, das ich Bett nannte.
Scheinbar hatte ich etwas gegen mein Kopfkissen gehabt, es lag zusammengeknüllt am Fußende. Auch die Bettdecke lag nicht auf der Matratze, sondern irgendwo neben dem Bett. Das Laken war zerwühlt, und selbst der Radiowecker, der scheinbar missmutig über den Nachtisch geschossen nun an seinem Kabel baumelte, war nicht verschont geblieben.
»Mann, was für ein Traum!«

Ich beschloss, mich nicht weiter darum zu kümmern und mir erst einmal einen Kaffee zu machen. Es war viel zu früh!
Wie an jedem Morgen setzte ich Wasser für den Kaffee auf und holte die Zeitung herein.
Immerhin war sie bereits im Briefkasten, ich wusste nur, dass ich vor dem Klingeln des Weckers wach geworden bin, und hatte Bedenken, dass der Zeitungsbote noch nicht da gewesen sein könnte.
Aber zu meiner Freude war er es. Die Zeitung studierend wollte ich zurück ins Haus gehen, doch dazu kam es nicht. Direkt vor meiner Nase fiel die Tür ins Schloss. Ich war ausgesperrt.
»Verdammt und zugenäht!«, fluchte ich und rüttelte an der Tür. Vor lauter Frust trat ich dagegen. Aber außer einem schmerzenden Zeh und dem seltsamen Blick eines vorbeikommenden Fußgängers brachte mir das nichts ein.
Unterhose und T-Shirt, mehr hatte ich nicht an, eine Zeitung unter dem Arm ... Toll, zur Not konnte ich bei den Nachbarn klingeln. Na, das würde ein Spaß werden!
Die Meyersche von gegenüber würde das im Nu in der ganzen Stadt breittreten! Nein, das wollte ich nicht!
Wie aber sollte ich ins Haus zurückkommen? Wütend hämmerte ich wieder an die Tür. Diesmal jedoch mit der zusammengerollten Zeitung.
Seltsam, das kam mir so bekannt vor!?
Aber warum nur? Ich sperrte mich in der Regel nicht selbst aus, doch ...
Mitten in diese Gedanken drängte sich ein anderer. Gleich einem ungebremsten Autobus, der in einen Gemüsestand krachte, schoss mir der rettende Einfall ins Gehirn.
Das Schlafzimmerfenster!

Wie ein Dieb oder eher gleich einem Einbrecher schlich ich um das Haus, um auf die Rückseite zu gelangen.
Ja, ich hatte es tatsächlich aufgelassen! Ich warf die Zeitung hinein und legte die Hände auf den Fensterrahmen.
»So, nun heißt es Arschbacken zusammenkneifen«, feuerte ich mich selbst an und hievte meinen Körper hoch.
Mit den Zehen versuchte ich am Klinker Halt zu bekommen, was mir aber nicht gelang.
»Mann, wie jämmerlich bist du eigentlich?«, fluchte ich, als ich den Halt verlor und mein Aufprall dankenswerterweise vom unter dem Fenster gelegenen Blumenbeet gebremst wurde.
Genau diese Enttäuschung nebst der verbalen Selbstgeißelung war es wohl, was ich gebraucht hatte! Der zweite Anlauf war erfolgreicher und ich saß auf der Fensterbank, bevor ich mich hinein ins Zimmer schwang.

Komisch, hab ich ein Déjà-vu?, dachte ich noch, auch das kam mir seltsam bekannt vor. Eintausend Eide hätte ich geschworen, dass ich das schon einmal erlebt hatte! Obwohl ich mir sicher war, dass ich das erste Mal in mein Schlafzimmer eingebrochen war, und sei es nur, weil ich mich ausgesperrt hatte.
»Fast genau wie in meinem Traum ...«
»Ach was! « Ich verwarf den Gedanken wieder und hob beim In-die-Küche-Gehen die Zeitung auf.
Erst einmal einen Kaffee! Danach würde die Welt schon anders aussehen und der schlechte Traum sowie der unfreiwillige Morgensport wären vergessen.

Frohgemut griff ich zur Kaffeekanne und zog sie aus der Maschine, gerade in der Sekunde geschah es.
Der Griff löste sich und der Glasbehälter voll mit dem schöne schwarzen Lebenselixier stürzte zu Boden und zersprang mit einem lauten Knall in Hunderte von Scherben.
Fluchend schmiss ich den Griff weg und stürzte los, einen Lappen holen. Dabei trat ich in eine Scherbe, ausgerechnet mit dem rechten Fuß, an dem mir bereits der Zeh brannte von dem Tritt gegen die Tür.
Nachdem das Gröbste beseitigt war und ein Instant-Cappuccino herhalten musste, kam ich ins Grübeln. Es kam mir alles so vertraut vor. Die ganzen Erlebnisse des Tages erschienen mir wie bereits erlebt.
»Das war genau dein Traum«, erklang eine Stimme in meinem Kopf!
»Quatsch! Das geht gar nicht! Halt die Fresse, Unterbewusstsein!«, zischte ich.
Was, wenn es aber tatsächlich so war? Krampfhaft versuchte ich mich an weitere Einzelheiten des Traums zu erinnern, es wollte mir aber nicht wirklich gelingen. Lediglich eine Erinnerung ... aber nein, daran wollte ich nicht denken.
Vielleicht half mir das Internet?
Ich bemühte eine Internetsuchmaschine zum Thema Träume. Es war sehr interessant, was ich dort alles lesen konnte!
Demnach hätte ich gleich nach dem Aufwachen die Erinnerungen niederschreiben müssen, um nicht alles wieder zu vergessen.
»Na, toll!«

Während ich weiter im Internet einen Artikel zum Thema Träume nach dem anderen geradezu verschlang, erschien mir auch diese Situation, als habe ich sie bereits erlebt.
»Wuahaha, das macht mich wahnsinnig!«

Egal, was ich in der Folge tat, ich hatte das Gefühl, ich hätte es bereits erlebt.
Wie ich es drehte und wendete, egal welcher Einfall mir kam, etwas zu tun, das ich sonst nie tat, um den Gedanken zu vertreiben, einfach eine Erinnerungskapsel in den Weiten meines Gehirns geöffnet zu haben, die mir vorgaukelte, das schon einmal erlebt zu haben - nichts! Rein gar nichts hatte diesen gewünschten Erfolg. Ich zog mir eine Unterhose über den Kopf, steckte mir Löffel in die Nase und hämmerte mit einem Kochlöffel gegen einen Kochtopf, dabei lief ich im Kreis und hüpfte hin und wieder. Aber selbst diese völlig bescheuerte Tätigkeit kam mir bekannt vor. Und ich war mir sicher, nicht einmal zu Studentenzeiten so etwas getan zu haben!

Bei dem ganzen Zauber hatte ich ganz vergessen, die »Morgentoilette« zu erledigen. Weder Zähne geputzt noch etwas Vernünftiges angezogen, geschweige denn geduscht oder gewaschen. Also auf ins Bad!
Was für ein fataler Fehler der Gang ins Bad an diesem Tag war, offenbarte sich mir schon in der Tür. Der Badeläufer lag ungünstig zusammengerollt mitten im Weg. Leider bemerkte ich das erst, als ich wieder aufwachte und mein Schädel - gefühlt - auf die Größe einer Wassermelone angeschwollen war.
Taumelnd raffte ich mich auf und setzte mich erst einmal auf den Rand der Badewanne, die meinen Fall gestoppt hatte. Wenn ich mir die Platzwunde an der Stirn richtig im Spiegel betrachtete, war sie nicht sonderlich vorsichtig dabei gewesen.

Tapsig, fast schon unbeholfen wie ein Zombie schlich ich zum Eisfach des Kühlschranks, nachdem ich mit Klopapier das schnell verkrustende Blut unter Kontrolle gebracht hatte.
Der Kühlakku, der eigentlich für andere Dinge als eine immerhin nicht mehr blutende Platzwunde am Kopf zu kühlen vorgesehen war, leistete ordentliche Dienste. Der sich wie die Druckwelle einer Explosion ausbreitende Schmerz verschwand, dafür setzte ein heftiges Pochen ein, was aber in Relation betrachtet deutlich angenehmer war.

Mit dem Kühlakku auf der Stirn, der mir langsam die Luft raubte, saß ich zusammengesunken in meinem Fernsehsessel. Auch dieses Bild kannte ich.
Mürrisch stellte ich mir vor, was ich wohl alles vergessen hätte, warum ich das alles geträumt hatte? Sollte es eine Warnung sein? Eine Warnung vor dem ...
Nein, das konnte und wollte ich nicht glauben! Das gehörte dann schon eher in die Kategorie »Ufos + Unheimliches = unheilbar«.
Doch langsam kamen Erinnerungen hoch, vor meinem geistigen Auge spulte der Tag noch einmal herunter. Dabei wurden diese Erinnerungen ergänzt. Wenn ich die Augen schloss, konnte ich mich mehr oder weniger deutlich daran erinnern, dass ein Telefon klingeln würde ... und ... ja sogar, wer dran sein würde.
Sonja, meine Freundin! Aber war das wirklich ein Beweis, dass ich mich an meinen Traum erinnerte? Oder dass ich, wie ich es immer mehr annahm, so eine Art Ausblick in die Zukunft erhalten hatte?
Selbst wenn das Telefon nun klingeln würde, so ungewöhnlich war das gar nicht! Schließlich telefonierten wir jeden Tag und das auch manchmal mehrfach!
»Wem machst du eigentlich etwas vor?«, knurrte ich.
Ok, ich hatte einen Alptraum gehabt und noch dazu einen sehr heftigen, und nun spielte mir mein Unterbewusstsein einen Streich!
Es suggerierte mir meinen vom Pech verfolgten Tag als Erinnerung an diesen Traum. Totaler Humbug, beruhigte ich mich selbst, denn auch wenn ich es niemals zugegeben hätte, die Situation machte mir irgendwie Angst.
Wie auf Kommando klingelte das Telefon. Ich nahm ab und ohne auf das Display geschaut zu haben, versuchte ich es einfach mit: »Hey, Schatzilein!«
»Na sage mal! Erwartest du noch ein anderes Schatzilein?«, kam eine betont um Entrüstung bemühte Stimme aus der Muschel.
Stellenweise bekam sich Sonja in der Folge nicht mehr ein vor Lachen, als ich ihr von meinem Tag berichtete, bis ich zu der Stelle mit der Platzwunde kam. Ich weiß nicht, wie sie es schaffte, von dem tränennahen Gelächter sofort in eine sorgenvolle Stimmlage zu fallen, aber so war es.

»Stimmt was nicht, Hase?«, fragte sie unvermittelt. »Du klingst so sorgenvoll?«
Nach einigem Hin und Her entschied ich mich, ihr von meinem Traum bzw. meinem vermeintlichen Zukunftstraum zu berichten.
Aufmerksam hörte sie zu.
»Schatz, ich glaube ich werde verrückt«, endete ich meine Erzählung.
»Nein, das wirst du ganz sicher nicht!«, beruhigte sie mich.
»Was würde denn nach deiner Erinnerung als Nächstes passieren«, fragte sie neugierig.
Ich strengte mich an, mich zu erinnern, dazu musste ich die Augen erneut schließen. Lachend schlug ich sie auf und grölte: »Ha, ha, na das ist der Beweis, dass es alles Unsinn ist! Demnach müsste es gleich klingeln und ein Typ um die 60 in 70er-Jahre-Hippie-Klamotten und Glitzerperücke um eine Spende bitten, für einen Tanzklub.«

Plötzlich klingelte es, erschrocken fuhr ich hoch. Sonja schluckte am anderen Ende der Leitung.
»Willst du nicht nachsehen gehen, wer das ist?«, fragte sie dennoch gefasst.
»Ja, einen Moment ... Ich lege dich mal eben an die Seite«, stotterte ich.
»Wird schon kein Gruftiehippie sein ...«, frotzelte sie noch um mir selbst Mut zu machen, bevor ich den Hörer auf den Couchtisch legte und zur Tür ging.

Unsicher stand ich an der Tür. Sollte ich sie öffnen? Was, wenn es wirklich ein Hippie über dem Haltbarkeitsdatum war?
Es klingelte erneut.
Was soll´s. Beherzt riss ich die Tür auf und erschrak fürchterlich.
Vor mir stand ein kleiner Mann um die 60 Jahre. Er hatte sich in einen für meinen Geschmack viel zu engen blauen Glitzerbody gezwängt, dazu trug er weiße Moonboots, eine silberne Glitzerhaarperücke rundete das Bild auf groteske Art und Weise ab.
Sichtlich amüsiert fragte der Alte: »Haben Sie einen Geist gesehen? Sie sind ja kreidebleich!«
»Öhm, nein! Was wollen Sie?«
»Ich komme vom Tanzclub Rot-Weiß Lohnde 1936 e.V. Wir haben am kommenden Wochenende einen 70er-Jahre-Abend und sind auf Spenden angewiesen, dieses Event auch ordentlich auf die Beine zu stellen ...«
Weiter kam er nicht, ich warf ihm mürrisch die Tür vor der Nase zu.
Zittrig war ich, ich zitterte wie lange nicht mehr in meinem Leben. Wenn dieser Hippie auch in meinem Traum erschienen war ... was, wenn es wirklich ein Ausblick in die Zukunft war? Dann würde auch eintreten ... die Frau, die ... Nein!
Unsicher nahm ich den Hörer wieder in die Hand und ließ mich seufzend auf meinen Sessel fallen.
»Und? Sag schon, war es ein Hippie?«, fragte Sonja sofort aufgeregt, als ich mich zurückmeldete.
»Ja«, hauchte ich. »Ja, es war ein Hippie, der um eine Spende für einen Tanzclub bat!«
»Ach Schatz, das ist nicht dein Ernst! Du willst mich auf den Arm nehmen!«
»Ich wünschte, das würde ich wollen ...«, schnaufte ich in den Hörer.
»Ach na ja, sei doch froh, wenn du deinen Tag schon im Voraus erfährst! Ist vielleicht gar nicht so verkehrt.Was passiert denn noch?«, wollte sie wissen.
Die Augen brauchte ich nicht einmal mehr zu schließen, um mich zu erinnern, es würde so sein, dass es anfangen würde zu regnen und das an diesem Julitag. Später würde ich aus irgendeinem Grund am PC einen Absturz des selbigen verursachen und gleich danach würde ich wieder einen Anruf von Sonja bekommen, einen Anruf, der mich nicht sonderlich glücklich stimmen würde, soweit ich mich erinnern konnte. Ja, und dann würde Sie klingeln ... die Frau, die sich als Mitarbeiterin des Roten Kreuzes ausgab ... die ich hereinließ, ohne groß darüber nachzudenken, die sich auf mein Sofa setzte, nackt war, als ich mit dem gewünschten Glas Wasser zurückkehrte, und die sich dann verändern sollte. Sie bekam eine scheußliche Fratze, ihr Mund ... oder sollte ich besser sagen Maul, weitete sich auf etwa 2/3 des Gesichtes aus und ließ den Blick auf etliche spitze und scharfe Zähne zu. Was danach kam ... ja, da wachte ich dann auf.
Lange haderte ich und wich Sonja aus, letztlich entschied ich mich, ihr alles zu erzählen.
Zu meiner Verwunderung legte sie nicht auf oder zog mich mit fiesen Sprüchen auf. Nein, sie hinterfragte alles sehr genau, doch leider konnte ich ihr keine Antworten geben.
»Weißt du was, Schatz? Ich fahre gleich los und bin in etwa drei Stunden bei dir! Ich sag den Termin bei meiner Schwester ab und wir haben uns einen halben Tag länger. Ich finde, du brauchst gerade heute einen lieben Menschen um dich«, säuselte sie, bevor sie auflegte ohne meine Antwort abzuwarten.

Eigentlich war ich froh darüber, schließlich hatte ich mir extra Urlaub genommen, um mit ihr zusammenzusein, was in Anbetracht der Tatsache, dass sie in Kiel wohnte und ich in Seelze, leider viel zu selten der Fall war.
Sie würde mich, wenn sie wirklich in drei Stunden kam, wohl nur noch tot vorfinden ...

Immer unruhiger wurde ich, es steigerte sich soweit, dass ich zittrig wurde, als hätte ich das Parkinson-Syndrom, mein Herz raste.
Wie auf Bestellung fing es tatsächlich kurz darauf an zu regnen. Es blieb kein einfacher Regen, es war ein ausgewachsenes Gewitter!
Verdammt, was mache ich nur? Der PC war noch an, sollte ich es riskieren ihn herunterzufahren? Wäre sicher das Beste! Aber dann würde er unrettbar abstürzen ... Oder lag es am Gewitter?
Egal! Ich ging zum Rechner und wollte ihn gerade herunterfahren als es passierte, ein kurzer Stromausfall.
Er dauerte nur ein paar Sekunden und danach war der Strom wieder da, aber der Rechner fuhr nicht mehr hoch.
»Verfickte Scheiße!«, fluchte ich. »Ich will nicht sterben!«

Es hatte geregnet und der Rechner war platt ... Verdammt, als nächstes würde Sonja anrufen und ich würde mich nicht sehr über diesen Anruf freuen ... und dann ... ja, dann würde sie kommen.
Wie ein Tiger im Käfig, der aus lauter Verzweiflung nichts anderes zu tun hatte, als am Gatter entlang auf und ab zu laufen, den Blick stur zu Boden, lief ich durch das Haus.
Wenn dieser Traum eine Zukunftsvision war, warum konnte ich dann nur passiv erleben, was geschah? Warum konnte ich nichts aktiv ändern?
Oder konnte ich das? Der Versuch mit dem ungewöhnlichen Verhalten hatte ja bereits fehlgeschlagen ...
Vor etwa zwei Stunden hatte Sonja angerufen, bald würde sie da sein und bald würde das Telefon klingeln und ich würde mich danach nicht mehr freuen.

Riiiiiing … Das Telefon!
Missmutig nahm ich ab und sagte: »Hallo, Sonja! Schön, dass du anrufst.«
»Ja ... Ich mache Schluss mit dir! Das ist mir alles zu strange! Mein Ex war Alkoholiker! Der hatte auch ständig solche Visionen, nein, das möchte ich nicht!«
Bevor ich etwas antworten konnte, tutete es nur noch in der Leitung.

»Das war es also, der Grund, warum ich nicht glücklich war, dass sie erneut anrief«, seufzte ich und ließ mich auf die Couch fallen. Woher kam dieser plötzliche Sinneswandel? Sie hatte doch vorher noch Verständnis?

Was bildete sie sich eigentlich ein? Meine Enttäuschung war einer Wut gewichen, die mich erschreckte.
»Der werde ich es zeigen!«, fauchte ich. »Wenn ich schon sterbe, kann ich das auch stilvoll tun!«
Die Platzwunde an der Stirn war nun einige Stunden später nicht mehr so dramatisch im Spiegel anzusehen und so begann ich mich herauszuputzen! Mit dem sündhaft teuren Duschgel, dass ich für besondere Anlässe aufhob, duschte ich, ich nahm übermäßig viel davon! Mein bestes Hemd zog ich mir an, wählte eine dazu passende Hose und band mir sogar noch eine Krawatte um.
So gerüstet wollte ich auf sie warten, die Frau, die mich töten würde.
Oder konnte ich das ändern?
Was wäre, wenn ich den Ablauf versuchte zu ändern? Vielleicht würde es mir bei solch einer existentiellen Sache gelingen?
Kaum hatte ich den Gedanken gesponnen, klingelte es auch schon.

Mach einfach nicht auf!, dröhnte eine Stimme in meinem Kopf!
Aber was, wenn sie trotzdem irgendwie hereinkäme? Was, wenn es dann auf andere Art und Weise passieren würde ... das vermeintlich Unausweichliche?

Mutig riss ich die Tür auf! Der Anblick, der mich erwartete, wollte so gar nicht zu einem Monster passen!
Eine bildhübsche Blondine, geschätzte 1,55 Meter. Die Haare fielen leicht gelockt bis hinab zum knackigen Po, der, so schien es, das Einzwängen in die kurze Bluejeans mit unglaublichem Freiheitsdrang bezwingen wollte. Vielleicht war sie etwas extrem schlank, aber es stand ihr!
Sie bemerkte, dass ich sie musterte und es schien ihr seltsamer Weise zu gefallen.
»Guten Tag, ich bin Doris Gründig, ich sammele Spenden für das Rote Kreuz«, sagte sie mit honigsüßer Stimme und dennoch veruchten Unterton. Dabei reichte sie mir die Hand.
Mechanisch streckte ich ihr meine entgegen, der sanfte Händedruck war schon ein Event für sich.
Sie ließ ihren Daumen dabei über meinen Handrücken kreisen und niemand wollte den Händedruck so wirklich lösen.
Jede kreisende Bewegung löste in mir ein Feuerwerk an Erregung aus, und doch schwang die Angst mit.
Schließlich war sie es, die sich zu einem Monster entwickelte, das mich töten würde.

»Hrgh, hrgh« Ich räusperte mich, um meine Unsicherheit zu überspielen und zog langsam meine Hand zurück.
»Sie sehen mir so gar nicht aus wie vom Roten Kreuz, ich hätte jetzt jemanden ... öhm ...«
»Du kannst ruhig Du sagen! Ich bin Doris! Ja, ich weiß, die Leute erwarten Omas und Opas als Spendensammler vom Roten Kreuz, hihi, das höre ich dauernd!«
»Fred, stotterte ich.
»Ok, Fred, sag mal, wollen wir nicht reingehen?«, fragte sie mit einem tiefen Blick in meine Augen, der meiner Meinung nach nur eines bedeuten sollte! »Fick mich!«

Ich trat zur Seite und ließ sie herein. Entweder wünschte ich es mir oder bildete es mir ein, sie ging geschmeidig in einer Art und Weise, die Männer wahnsinnig werden ließ.
Dabei kam ich nicht umhin, ihren Hintern anzustarren, der »Knete mich! Trau dich, fass mich ruhig an« im Takt der Bewegung hüpfend zu mir zu sagen schien.

»Darf ich?«, fragte Doris und ließ sich auf die Couch gleiten.

Von der Gier nach Sex war ich wie gelähmt; nach einer Trennung war es genau das, was ein Mann brauchte! Es tat dem Ego gut! Aber sie würde gleich um ein Glas Wasser bitten und bei meiner Rückkehr wäre sie nackt, und hätte ich nicht ausgerechnet diesen Traum gehabt, wäre es ein sehr vielversprechender Sex geworden ... so aber? Sie würde ein Monster werden, eine grausame Fratze würde ihr makelloses Gesicht zieren und genau in dem Moment, in dem sie mir an die Kehle spränge, würde ich diesmal nicht aufwachen! Diesmal würde ich sterben - oder war das alles immer noch ein Traum?
Möglichst ohne dass sie es mitbekommen sollte, kniff ich mich, um sicherzugehen.

»Ich bin echt!\«, säuselte sie lächelnd und lehnte sich lasziv zurück, dabei drückte sie ihren Rücken zum Hohlkreuz durch, sodass ihr T-Shirt spannte und einen atemberaubenden Blick auf ihre kleine, feste Brust preisgab.
»Magst Du mir noch ein Glas Wasser holen? Es bläst sich leichter mit feuchten Lippen«, sagte sie mit frechem und forderndem Gesichtsausdruck.

Da war sie also ... die Aufforderung, ihr Wasser zu holen. Wenn ich zurückkehrte, würde sie nackt daliegen und kaum, dass ich mich ihr näherte, würde sie zum Monster werden.
Den Gedanken, dass so etwas sonst nur im billigen Pornofilmen passiert, wischte ich beiseite.

»Natürlich ...«, stotterte ich steif. Der Weg in die Küche erschien mir lang, länger als sonst und wie der eines zum Tode Verurteilten auf dem Weg zur Hinrichtung. Im Endeffekt war es das ja auch. Oder?
Wie lange war ich wohl schon in der Küche? Zu lange? Wurde sie misstrauisch und würde gleich hinter mir stehen?
Plötzlich fasste ich einen Entschluss!
Ich griff mir ein Küchenmesser, hielt es hinter dem Rücken verborgen und lief damit ins Wohnzimmer. Dort fand ich sie tatsächlich nackt auf der Couch vor. Ohne Warnung stach ich auf sie ein!
Wie im Rausch ließ ich das Messer in ihren wunderschönen Körper ein ums andere Mal tiefe Wunden reißen. Sie sagte nichts mehr. Es kam nur ein erstickter Schrei beim ersten Stich, aber mehr kam nicht mehr. Ich hatte wohl sehr gut gezielt.
Ihre weit aufgerissenen Augen schienen mich nur eines fragen zu wollen: Warum?
»Das weißt du Schlampe ganz genau!«, brüllte ich, als ich endlich von ihr abließ.

Ich hatte es geschafft! Ich lebte noch! Sie war tot!

Plötzlich klingelte es wieder.
Verdammt, bei der Schweinerei hier kann ich nicht aufmachen!, schoss es mir durch den Kopf. Was, wenn sie eine Kollegin hatte? Sie war ein Mensch, ich konnte doch keinen Menschen töten? Wer immer dort stand, er würde nicht verstehen, dass die geile Sau, die nun als blutiger Haufen auf meiner Couch lag, in Wirklichkeit ein Monster gewesen war.

Einfach ignorieren.
Das Zuklappen der Haustür ließ mich herumfahren. Wer war das? Und warum kam diese Person einfach so herein?
»Sonja?«, fragte ich irritiert, denn sie war neben meiner Mutter, die aber nie unangemeldet kam, die Einzige, die noch einen Schlüssel hatte.
Oh verdammt, wie erkläre ich ihr das? Würde sie es verstehen? Unzählige Gedanken schossen mir durch den Kopf

»SCHATZ?! Was hast du getan?«, fragte sie nicht gerade überrascht und blieb auf einem Abstand von etwa fünf Metern.
»Ich ...«, stammelte ich.
»Schön, dass Du mir noch einen Nachtisch beschert hast, dafür danke ich Dir. Ich dachte, ich müsste den weiten Weg für nur einen Snack fahren, aber ...«
»Was? Wovon redest Du eigentlich?«, brüllte ich sie an.

»Weißt du, dein Traum sagte mir, dass es wieder Zeit zu essen ist, und da ich nicht riskieren kann, dass du mein kleines Geheimnis ausplauderst, werde ich heute noch fürstlich speisen, dann brauche ich mehrere Monate nicht auf die Jagd gehen!« Mit diesen Worten veränderte sich ihr Antlitz. Ihr wunderschönes Gesicht verzog sich zu einer grauenhaften Fratze und der ehemals schöne Körper, der nahezu so aussah wie der von Doris, wurde grau, bevor er aus den Kleidern platzte. Sie bekam einen dicken Bauch, der fast bis zu den Knien hing, und die roten Haare wichen schmierigen schwarzen.

Wie Schuppen fiel es mir von den Augen...es war nicht Doris ... es war Sonja? Aber warum hatte ich gerade diese wichtige Erinnerung so verdrängt? Ich hatte eine Frau getötet, die ...
Ich brach den Gedanken ab, griff nach dem Messer und war bereit, meine Haut so teuer wie möglich zu verkaufen ...
Sie griff an ...

Was denken Sie jetzt über Träume? Sind es wirklich Warnungen vor der Zukunft? Sollen sie uns wirklich helfen, das Unvermeidliche zu ändern?
Vielleicht hätte Fred Schäfer heute noch leben können, hätte er die Warnung auch richtig gedeutet? Hatte er sich nicht richtig erinnern können? Oder vielleicht sollte er sich auch nicht richtig erinnern?
Wer weiß das schon? Ich überlasse es Ihnen, die Antwort zu finden.
Gute Nacht da draußen, was immer Sie sein mögen.
Und angenehme Träume!

Copyright © 2010 by Oliver Wehse

 

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