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Rote Augen Eine Horror-Kurzgeschichte von Tobias Dragonis
Es schneite am nächsten Tag in der kleinen Stadt nahe Lyon. Ein wundervoller Tagesbeginn, waren sich die Leute auf dem Marktplatz einig, wenn man den Gesprächen lauschte. Unter ihnen befand sich auch Milia. Wenn man im Dorf nicht gerade über das Wetter sprach, waren die »Dinger« Gesprächthema Nr. 1. Immer wieder hörte Milia Worte wie »Gerard«, »leichtsinnig«, »selbst Schuld«, »Gott sei Dank hat es nicht mich erwischt«, »er war sowieso ein seltsamer Mann« ... Lange konnte sie dieses Gewäsch, ohne in Tränen auszubrechen, nicht aushalten. Schnell erledigte sie ihre Einkäufe und ging nach Hause. Sie setzte sich an den Tisch. Dort saß sie immer mit Gerard zusammen und frühstückten. Er las seine Zeitung, sie ihre Zeitschriften. Wenn beide fertig waren, unterhielten sie sich noch ein wenig und dann ging jeder seine Wege. Abends traf man sich wieder zum Essen, schaute danach fern oder spielte etwas und ging dann ins Bett, um zu kuscheln und einzuschlafen. Jetzt war das nicht mehr möglich. Ihr Gerard war weg. Für immer. Nach einigen Wochen war es immer noch so, dass die Leute im Dorf über die kleine Familie redeten. Wilde Gerüchte machten die Runde. Anteilnahme oder Pietät waren den Menschen hier schon immer fremd gewesen. Nun erzählte man sich aber, dass Milia in der Zwischenzeit schon mit der Hälfte aller Männer hier im Dorf geschlafen hätte. Sie würde auch einen »Bastard« in ihrem Bauch tragen. Viel schlimmer war aber, dass ihre »Freunde« sich von ihr distanziert hatten. Das komplette Dorf mied sie. Immer seltener ging Milia zum Markt, und wenn, dann nur sehr kurz, um das Nötigste zu kaufen. Ihre Wut auf die Anwohner wuchs von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag. Der Winter hatte Frankreich nun fest im Griff. Am Tag war soviel Schnee gefallen, dass er bis zum Fenstersims von Milias Haus reichte. Auch die Haustür war zugeschneit, sodass es Milia nicht möglich war, aus dem Haus zu kommen. Den ganzen Tag verbrachte sie drinnen. Irgendwann - es muss ca. 21 Uhr gewesen sein - schlief sie ein. Das Ding lief mit Milia davon. Eigentlich müsste sie Todesängste haben, kehrte doch niemand zurück, der je entführt wurde. Sie hingegen fühlte sich geborgen. Sie schlief sogar auf dem pelzigen, warmen Rücken des Dings ein. Am nächsten Morgen erwachte sie und fand sich in einer Höhle wieder. Zu ihren Füßen lagen Dutzende Wölfe und es roch bestialisch in der Höhle. Milia stand auf und ging nach draußen, um frische Luft zu atmen. Draußen angekommen stockte ihr jedoch der Atem. Es mussten tausend Wölfe gewesen sein, die hier im Schnee lagen. Sprachlos und mit offenem Mund stand sie da. Solange, bis einer auf sie zukam. Mit seinen roten Augen funkelte er sie an. Sie vernahm eine Stimme in ihrem Kopf. »Milia. Dir wird hier nichts geschehen. Wir sind deine Familie. Du bist unsere Königin«, sprach die Stimme dunkel. Die Dunkelheit brach herein. Licht gab es nur durch den hell leuchtenden Vollmond. Milia stand am Fluss, mehr als 1000 Wölfe standen vor ihr. Legenden zufolge gab es am Fluss eine furchtbare Schlacht, bei der die Menschen die Unterlegenen waren. Nachdem die Wölfe alle Einwohner des Dorfes an den Fluss getrieben und sich an ihrem Fleisches und Blute berauscht hatten, warfen sie die Überreste in diesen Fluss. Seit dieser Zeit steht das Dorf leer. Niemand wollte mehr in der Nähe des Blutmondflusses leben. Copyright © 2010 by Tobias Dragonis |
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