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Stories

Rabenmutter

Eine Mystery-Kurzgeschichte von Brigitte Stocker

Anna-Maria sitzt starr wie eine Schaufensterpuppe auf der Kante ihres Bettes. Langes dunkles, von Spliss zerfressenes Haar umrahmt das spitze Gesicht. Früher war es herzförmig mit weichen Konturen gewesen. Hier in diesem dämmrigen Zimmer kann man ihr wahres Alter auf den ersten Blick nicht erkennen. Die 41jährige hat die Silhouette eines am Anfang der Pubertät stehenden Mädchens.
Das Krankenhaushemd ist über die nackten Schenkel nach oben gerutscht. Der kühle, an manchen Stellen poröse Lack des Bettgestells drückt gegen die alabasterweiße Haut.
In unregelmäßigen Abständen wird das Alabasterweiß von roten Strichen unterbrochen. Schnell streift Anna-Maria das Krankenhemd darüber, als sie ohne den Kopf zu beugen nach unten schaut. Sofort wird sie wieder starr. Anna-Maria ist alleine im Zimmer des Psychiatrischen Krankenhauses. Sie erwartet keinen Besuch. Trotzdem wartet sie seit einem Jahr. Auf Michael.
Noch ahnt Anna-Maria nicht, dass für sie nie mehr die Sonne aufgehen wird. Dass die Sonne vor dem nächsten Morgen wie ein glühender Feuerball für immer im Meer versinken wird.
Das nach Weihrauch riechende weißgetünchte Zimmer ist spartanisch eingerichtet. Ein Bett mit Nachttisch, daneben ein Kleiderschrank auf vier wurmstichigen Holzbeinen. Am Fenster ein Tisch mit Stuhl. Mancher Besucher meint in dieser trostlosen Atmosphäre den Geruch von verwelkten Blumen und verwester Erde zu wittern. Träge tickt eine Wanduhr. Darüber ein geschnitzter Heiland. Beides mit einem Magnet an der Wand angebracht vom Haustechniker des Krankenhauses. Nägel sind hier verboten. Selbst die Fenster sind vergitttert, um Unheil zu verhindern.
Nachts raschelt es hinter den Wänden. Es sind die Nachkommen von Mäusen, die vor Jahrzehnten während eines kalten Winters Zuflucht in dem alten Gebäude gefunden hatten. Nachkommen, die durch verborgene kleine Löcher Zugang zu den Zimmern haben, um sich zu ernähren. Wesen, die noch nie das Tageslicht gesehen haben.
Könnte Anna-Maria doch nur die Uhr zurückdrehen zu jenem verhängnisvollen Tag ...

In der Abenddämmerung, bei Regen hatte sie Michael losgeschickt. In die Apotheke ... aus der er nie zu ihr zurückkam. Gerade so, als ob sich die Erde einen Spalt aufgetan habe und der Junge mit den blonden Stirnfransen hineingefallen wäre. Ihre Mutter gibt ihr alle Schuld am Verschwinden des Kindes. »Du elende Rabenmutter! Man lässt ein 10jähriges Kind bei Dunkelheit nicht aus dem Haus«, hatte sie geschrien, während ihr Speichelfäden aus dem Mund sprangen.

Stumpf und tot wirkt der Blick Anna-Marias, als sie die kargen Baumwipfel draußen vor dem Schmiedegitter anstarrt. Bläuliche Schatten unter hervorquellenden Augen.
Panik um das vermisste Kind beginnt aufzusteigen. Sie merkt, wie sich ihr Hals zuschnürt, das Schlucken wird schwer. Aber sie weiß sich zu helfen.
Mechanisch zieht sie die metallene Schublade ihres Nachtisches auf, ganz hinten liegt die Rasierklinge. Anna-Maria muss ihre Klinge verstecken. Als ihre Kleider bei der Einweisung im Stationszimmer kontrolliert wurden, bemerkte niemand die im Saum ihres Bademantels versteckte Rasierklinge. Kurz nach Michaels Verschwinden, in einem lichten Moment ... in weiser Voraussicht vor einer Zwangseinlieferung hatte sie das Teil sorgfältig in Watte gehüllt und eingenäht.
Tastend fasst Anna-Maria ganz nach hinten in die Schublade. Unangenehm kalt empfindet sie den Boden der Schublade. Ihre Finger flattern, als sie die Klinge erfassen. Anna-Maria schaut auf die Wanduhr, die unter dem hölzernen gekreuzigten Heiland hängt. Die Zeiger auf dem römischen Zahlenfeld zeigen Viertel nach fünf. Wie jeden Tag in dieser Situation schaut die 41jährige auf die Jesusfigur. Auf ihrer Stirn stehen Schweißperlen. Sie atmet rasselnd.

Der mit einem Dornenkranz umwickelte Kopf des Heilands hängt schief. Man kann die Rippen erkennen, die der Künstler in mühseliger Handarbeit hereingearbeitet hat. Geschnitzte Blutstropfen laufen die hölzernen Arme des Jesus hinunter.
Warum soll es mir besser als Jesus ergehen? Fast bis zum Ansatz ihrer Scham schiebt sie ihr Krankenhaushemd nach oben. Die Enge um den Hals beginnt nachzulassen. Anna-Maria kann sich Zeit lassen. Die Krankenschwester wird erst gegen halb sieben hereinkommen, um ihr die dicke Kapsel für die Nacht zu bringen. Damit Anna-Maria keine Träume hat.
Manchmal versteckt sie die dicke Kapsel im Oberkiefer zwischen Mahlzähnen und Backen, um dann die angeweichte Kapsel, sobald die Schwester ihr den Rücken zukehrt, unter die Matratze zu schieben. Denn ohne die Schlafkapsel kann Anna-Maria ihren Michael in den Träumen sehen. In realen Bildern. So als ob er wirklich bei ihr wäre.

In den schönen Träumen sieht sie Michael fröhlich lachend über eine bunte Blumenwiese rennen. In der Hand hält das Kind die Schnur eines aufsteigenden dreieckigen Drachen. Auf der bunten Folie des Windspielzeugs ist ein breiter Lachmund mit runden freundlichen Augen aufgemalt.
Der bunte lange Drachenschwanz flattert weich im Wind wie der Schweif eines stolzen Märchenrosses. Nach diesem schönen Traum schläft Anna-Maria friedlich, bis sie am nächsten Morgen von den Stationsschwestern geweckt wird.

In ihrem bösen Traum sieht Anna-Maria ihren Jungen mit einem stummen Schrei im Gesicht über eine sumpfige Wiese rennen.
Das Kind wird von einem aufsteigenden dreieckigen Drachen verfolgt. Das aufgemalte Gesicht der schwarzen Folie hat keinen Mund, dafür bitterböse Augen. Der schwarze Drachenschweif überholt den Drachen hektisch flatternd, um sich wie ein Seil um Michaels Hals zu wickeln.
Am Ende des bösen Traumes sieht sie das Kind unter der flaschengrünen Wasseroberfläche eines Teichs liegen. Mit dem Gesicht nach oben ... die Augen sind gebrochen. Uralte Karpfen mit Menschenaugen und Moos auf ihren Rücken schwimmen sachte um den Kopf des Kindes ... sachte über seinen Hals mit dem enggeschnürten schwarzen Drachenschweif. Auf dem Wasser spiegelt sich das Bild eines bunten Drachen, der zerbrochen über dem Teich in den Ästen eines Baumes hängt. Das aufgemalte breite Lachen ist verzerrt.
Bei diesen schwarzen Träumen tastet Anna-Maria schweißgebadet im Zustand zwischen Wachen und Träumen nach der dicken Kapsel, die griffbereit unter der Matratze liegt.
Kurz darauf kommt der erlösende Schlaf wie ein schwarzer Samtvorhang über ihren ausgemergelten Körper.

* * *

Weiß schimmern die mageren Oberschenkel im inzwischen halbdunklen Zimmer. Die Besucher unten im Park sind verschwunden.
Anna-Marias Panikattacke flaut ab. Beruhigend ist der Gedanke an den glühenden Schmerz der Rasierklinge. Der Schmerz, der ihr gleich alle schlimmen Gedanken rauben wird, der so stark ist, dass er für einen Moment alles übertrifft. Fast zärtlich setzt Anna-Maria die Rasierklinge an und beginnt sanft in die weiche Haut zu ritzen. Zuerst ist es wie ein Streicheln, aber dann wird der Druck der zarten Hand immer stärker, bis es anfängt zu schmerzen. Erst als das dunkle venöse Blut durch die Haut nach oben dringt und Anna-Maria die Zähne zusammenbeißen muss, um nicht vor Schmerz zu schreien, hört sie auf.

Mit ihrem biegsamen Oberkörper beugt sie sich nach vorne und leckt das Blut am Oberschenkel weg, damit die Schwester keine Hinweise auf ihr Verhalten findet und stutzig wird. Anna-Maria fällt es leicht, mit der Zunge an die blutenden Wunden zu kommen. Die Frau ist so abgemagert, dass ihr keine Brüste beim Hinunterbeugen ein Hindernis sind.
Gelöst und entspannt durch die minutenlange Ablenkung legt sie die scharfe Klinge zurück, ganz nach hinten in die kühle metallene Schublade. Heute Nacht will sie Michael sehen ...

* * *

Im Krankenzimmer brennt grell die ovale Deckenlampe, man erkennt zahlreiche tote Insekten hinter dem Abdeckglas. Sobald die Lampe eine Weile brennt, meint Anna-Maria das Knistern der schmorenden 6-Füßler mit ihren seidigen Flügeln und den dicken ausgetrockneten Facettenaugen zu hören. Während Anna-Maria ordnungsgemäß die Schlafkapsel in den Mund nimmt, schüttelt die junge Schwesternschülerin das Kissen und die Bettdecke für die Nacht auf.
»Brauchen Sie noch etwas für die Nacht?«, fragt das junge Ding freundlich, ohne Anna-Maria dabei anzuschauen.
»Nein danke, ich werde noch ein bisschen lesen und dann bald einschlafen! Kann morgen bitte der Hauswart meine Deckenlampe säubern?«, fragt Anna-Maria ohne weitere Erklärungen. Sie kann das Geräusch der schmorenden Insekten hinter der gläsernen Deckenlampe nicht länger ertragen. Sie widerstrebt dem Impuls, das Ding mit bloßen Händen herunterzureißen. Sonst würde sie in eine Notfallzelle verlegt werden.
Irritiert schaut die Schwesternschülerin zur Decke und nickt. »Ja ich werde es auf den Übergabeplan für die Frühschicht schreiben. Also mich nerven so tote Tierdinger auch. Es sieht irgendwie nach Friedhof aus! Jetzt aber Gute Nacht ... muss weiter.« Mit dem Medikamenten-Tablett eilt sie zur Türe. Als sie sich nochmals umdreht, um Anna-Maria freundlich zuzunicken, erschrickt sie.
Neben dem Bett sieht sie eine dicke Schlafkapsel liegen. In ihrer Ungeschicklichkeit muss sie beim Bettenmachen an das Medikamenten-Tablett gestoßen sein.
Wenn das die Stationsschwester gesehen hätte, hätte ich meine Papiere auf der Verwaltung holen können, denkt sie erschrocken. ...Oh mein Gott, ich darf gar nicht dran denken was passiert, wenn die Patientin zuviel von dem Teufelszeugs schluckt! Unter dem Vorwand, das Bettlaken wäre nicht richtig gesteckt, hastet sie zurück zum Pflegebett und lässt unauffällig die Riesenkapsel mit dem starken Schlafmittel in ihrer Tasche verschwinden.
»Also, dann schlafen Sie gut! Wenn was ist ... wir sind ja nebenan.«
Draußen auf dem Flur wirft die Schwesternschülerin die Tablette in einen Hygieneeimer. Es wird schon keinem auffallen, wenn eine Tablette aus der Vorratsdose fehlt. Kurz wundert sie sich über die klebrige weiche Hülle der Schlaftablette. Dann verwirft sie jedoch die unangenehmen Gedanken an das Medikament.
Was für eine wunderschöne Stimme diese Patientin hat! Irgendwie wie geschmolzene Nougatschokolade! Voller Bewunderung schaut die Schülerin kurz zurück auf die geschlossene Zimmertür, bevor sie die Türe zum nächsten Zimmer öffnet und fröhlich Guten Abend ruft.

Erschöpft knipst Anna-Maria die grelle Deckenbeleuchtung aus. Das Schmoren der geflügelten Insekten hört sofort auf. Jetzt brennt nur noch das dezente Nachtlicht oberhalb des Metallbettes. Zärtlich streichelt sie sich kurz über die frische Wunde knapp unterhalb der Scham. Beruhigend ist der Gedanke an die dicke Nachtkapsel unter der Matratze.
Noch ist es zu früh, um sich mit Michael zu treffen. Draußen auf der Station hört man die knallenden Absätze der geschäftigen Stationsschwester und ihrer Schülerin.
Anna-Maria legt die Arme vor sich auf die Bettdecke und bemüht sich zu entspannen.
Ihr Blick schweift hinunter auf die Bettdecke hinunter zu ihren Armen. Mit Abscheu wendet sie sich ab. Sie will ihre Gliedmaßen nicht anschauen.
Die Arme der Frau sind so abgemagert, dass sich ohne das schützende polsternde Menschenfleisch die Venen und Aterien dick unter der Haut hervordrücken und wie dunkelgrüne Schlangen über die Unterarme bis hoch zu den Schultern kriechen.
Das träge Ticken der Uhr unterhalb des blutenden Heilandes ist jetzt lauter zu hören, denn draußen auf dem Flur herrscht plötzlich Stille. Endlich ist es nach 21 Uhr!
Anna-Maria streckt einen der skelettähnlichen Arme nach oben, um die Bettbeleuchtung abzuschalten. Zurückgelehnt im Bett schaut sie mit fast geschlossenen Lidern in Richtung Fenster, versucht zu dösen, um dann sanft in den Schlaf zu gleiten. Durch das abstrahlende Licht der Fassadenscheinwerfer des Psychiatrischen Landeskrankenhauses hat man den Eindruck, dass die bewegungslosen Wipfel der alten Eichen hinter dem gewölbten Fenstergitter wie anklagende Finger in das Zimmer hineinzeigen. Auf der Station ist es ruhig, die anderen Patienten liegen aufgrund der beruhigenden Medikamente in einem narkoseähnlichen Schlaf.
Die Stationsschwester und ihre Schülerin gießen sich nebenan einen starken Kaffee ein, um für den Action-Thriller, der gerade auf RTL beginnt, gerüstet zu sein.
Anna-Maria hört nur das Ticken an der Wand, während sie auf den Schlaf und auf das Wiedersehen wartet ...

Anna-Maria sitzt auf einer Bank am Waldrand. Sie möchte Michael heute mit nach Hause nehmen. Daheim hat sie schon einen Schokoladenkuchen gebacken, der dampfend auf dem Küchentisch steht. In der Ferne sieht sie ihren lachenden Sohn mit einem bunten Drachen, mit Lachmund und großen runden Augen, an einer Schnur über die Wiese mit den vielen bunten Blumen rennen. Anna-Maria steht auf und rennt dem Kind entgegen. »Michi komm schnell in meine Arme, ich nehme dich heute mit nach Hause.«
»Mami ich komme!«
Plötzlich verändert sich die Mimik ihres Sohnes. Seine Mundwinkel werden weinerlich. Von Grauen geschüttelt sieht Anna-Maria, wie der Lachmund des Drachens wegschmilzt und als Blutstropfen auf die Wiese fällt. Als der Blutstropfen die Wiese berührt, verwandelt sie sich in einen modrigen Sumpf. Michi kommt nicht mehr vorwärts, tritt verzweifelt auf einer Stelle.
Langsam verändert sich die Gestalt des Jungens in einen nackten Säugling. Die blauweiße Nabelschnur hängt am Bauch des Kindes hinunter. Entsetzt sieht Anna-Maria, dass die Nabelschnur ein langer schleimiger Bandwurm ist.
Sie rennt hin und reicht dem grässlichen Wurm ein Stück Schokoladenkuchen, damit er ihren Sohn nicht beisst. Mit den Zähnen eines Piranhas schnappt das Viech nach dem Kuchen und würgt ihn gierig mit schnappenden Lauten herunter. Michi fängt an zu schreien. Durchdringend tönt das Säuglingsgeschrei in ihre Ohren.
Anna-Maria möchte den schreienden Säugling, der Michis Gesicht hat, packen, merkt aber, dass das Baby nur noch streichholzschachtelgroß in ihrer ausgehöhlten Hand liegt und sie ihre eigene Mutter in den Armen hält ... mit dem Bandwurm um den Hals gewickelt.

... Anna-Maria schreit gellend los.

Im Action-Thriller nebenan wird im gleichen Moment ein Kaufhaus überfallen, die Schauspieler schreien hysterisch.
»Sandy, mach mal bitte den Ton etwas leiser ... das ist ja wahnsinnig lebensecht«, sagt die Stationsschwester und nimmt ein Stück des selbstgebackenen Kuchens von Sandys Mutter. »Sie haben recht, nicht dass noch die Patienten aufwachen«, meint die Schwesternschülerin und schiebt sich genussvoll das nächste Stück Kuchen in den Mund. Sie isst so gierig, dass Kuchenbrösel wie Schneeflocken auf den Linoleumboden rieseln. Die Nachkommen der Mäuse hinter den Wänden heben ihre Nasen in die Luft und fangen an zu schnuppern. Auf leisen Füßen tippeln sie die ausgehöhlten Gänge entlang ...

... wie aus dem Nichts fliegt von hinten der mundlose schwarze Drachen mit den Schlangenaugen an, er fährt seinen schwarzen Schweif aus, um den Hals von Anna-Marias Mutter zu umwickeln. Anna-Maria kämpft mit dem Drachen. Nicht, um die Mutter zu schützen. Um Michael wegen.
Wie mit den Flügeln eines Raubvogels versucht er, Anna-Maria mit seiner schwarzen Seitenfolie zu umfassen. Verzweifelt bricht sie das Holzgestell des Drachens kaputt. Als sie den Holzstab fassungslos in der Hand hält, wird er zu einer zappelnden Ratte. Anna-Maria spürt den Luftzug der schnappenden Frontzähne des hässlichen Nagers. Die Barthaare des Tieres berühren die Wange von Anna-Maria. Plötzlich fängt der Rattenleib zwischen ihren Fingern zu beben an. Es sind Tritte der ungeborenen Kreaturen im Leib des Tieres. Angewidert schmettert sie den pelzigen Körper auf den Sumpfboden. Mit gebrochenem Rückgrat bleckt die Ratte die gelbverfärbten Zähne. Sie faucht wie eine Katze. Um ihre Brut, die zerschmettert im Mutterleib liegt, zu schützen. »Aus Mutterliebe ... du elendige Rabenmutter«, wispert Anna-Marias Mutter und beißt dem schleimigen Bandwurm ein Stück vom Gesicht ab. Sie schmatzt und stößt ordinär auf. Der Geruch, der aus ihrem Rachen entweicht, gleicht verfaultem Fleisch.
Anna-Maria übergibt sich im Traum. Sie möchte den Drachen mitsamt der querschnittsgelähmten Ratte und ihren toten Nachkommen auf dem Boden zertreten. Die Folie hat jedoch inzwischen das Gesicht ihrer Mutter angenommen und fliegt mit einem meckernden Lachen davon. In den Bäumen des Waldes verirrt sich das Echo des Lachens und kommt ständig zurück.
Auf dem sumpfigen Boden liegt ein bläulicher Säugling, daneben Michael bewegungslos mit tränenüberströmtem Gesicht. Er kann nur die Augen bewegen, der Körper ist steif. »Mama lass uns heimgehen ... mir ist so kalt ... ich wollte nicht aus dem Haus bei Dunkelheit ...« Das Kind kann nicht mehr weitersprechen, da sich plötzlich die Erde unter dem Jungen spaltet. Der schwarze Schweif des Grauendrachens kommt aus dem Erdinneren geflattert, umwickelt den Hals des Kindes und zieht es nach unten. Der Spalt schließt sich wieder. Man hört das nachhallende Lachen des Drachens aus dem Inneren der Erde.
Anna-Maria wird vor Entsetzen geschüttelt ... eine geöffnete Kinderhand ragt aus der sumpfigen Wiese. So, als ob sie eine Blume aus kindlichem Menschenfleisch wäre.

Anna-Maria versucht krampfhaft aufzuwachen, mit ihren abgekauten Fingernägeln fährt sie sich über das tränennasse Gesicht. Sie riecht frisch erbrochene Gallensäfte. Schweißgebadet schießt sie endlich nach oben. Mit irrsinnigem Blick, weil sie keinerlei wirkende Beruhigungsmittel im Blut hat, sitzt sie aufrecht im Bett. Trotz ihres eingetrübten Zustands weiß die Frau, was sie zu tun hat. Mit geübten Fingern fasst sie weit unter die Matratze nach der dicken Schlafkapsel. Schluchzend stochert Anna-Maria unter der Matratze herum ... Das Schlafmittel ist weg.
Wie bei einer Fata Morgana sieht sie plötzlich, wie sich die Schwesternschülerin kurz vor Verlassen des Zimmers unter einem Vorwand nochmals dem Bett nähert, sich bückt und etwas in der weißen Kitteltasche verschwinden lässt. Von Ängsten geschüttelt Anna-Maria reißt das Metallfach des Nachtisches auf. Schnell fährt sie mit den Fingern hinein. Etwas Pelziges entzieht sich ihren Fingern. Den spitzen Schmerz am Daumen bemerkt sie nicht.
Dann hat sie die Rasierklinge ganz hinten in der Schublade gefunden. Sie muss etwas gegen den schrecklichen Schmerz um Michael tun. Jetzt sofort. Sonst stirbt sie. Sie will nicht sterben. Sie hofft, dass Michael bald nach Hause kommt. Er braucht seine Mama.

Die Frau zuckt zusammen ... Vorne am Fenster sieht sie durch den Schein der Fassadenbeleuchtung den schwarzen Drachen flattern ... Er hat Engelsflügel, hat sich im Vorhang verfangen. Leise singt er ein Kinderlied ... alle meine Entchen schwimmen auf dem See ... Köpfchen unter Wasser ... Abrupt verwandelt sich die Melodie in ein grauenhaft meckerndes Lachen, er flattert immer stärker mit seinen schwarzen engelhaften Flügeln. Schließlich steigt er an die Decke hoch.

»Mami«, flüstert ein leises Stimmchen.
Anna-Maria reißt die Augen unnatürlich weit auf. Sie merkt, wie sich die Netzhäute dehnen. Ein stummer Schrei kommt aus ihrem weitaufgerissenen Mund. Vor dem kleinen Tischchen neben dem Fenster sitzt Michael. Seine blonden Haare glänzen im sanften Widerschein der Fassadenbeleuchtung. Um den Hals trägt er einen Babylatz. Als das Kind den Kopf in ihre Richtung dreht, sieht sie, dass ihr Sohn keine Augen hat. Nur schwarze Löcher. Er ist blind. »Mami komm zu mir!«, flüstert er und lächelt. Perlmuttweiße Bubenzähne schimmern ihr entgegen.
Im Dunkeln beginnt die haltlose, nicht zurechnungsfähige Frau sich zu ritzen. Um den Schmerz des eben Gesehenen zu übertreffen. Überall ... an den Beinen, am Bauch, an der geschrumpften Brust. Als die Schmerzen nicht stark genug sind, fängt sie an den ausgemergelten Armen mit den hervorquellenden Venen und Arterien an ...
»Mami bitte komm! Ich kann dich nicht sehen«, wispert das Kind und streckt seine Hand unbeholfen in Anna-Marias Richtung.
»Ich komme, mein Schatz. Ich liebe dich!« Anna-Maria gleitet aus dem Bett ... die Wanduhr unter dem Heiland zeigt kurz vor 2.00 Uhr.

Im Schwesternzimmer nebenan fängt gerade ein Liebesfilm an. Die schnulzige Titelmelodie scheint der Stationsschwester zu gefallen, denn sie dreht die Lautstärke wieder hoch. Sandy liegt schlafend auf dem bequemen Ledersofa. Die blonden Haare kleben feucht an der dicken roten Wange. Sie schmatzt im Schlaf. Wahrscheinlich träumt sie gerade von einem feinen Frühstück, denkt die Stationsschwester mit einem leicht gehässigen Lächeln auf dem Gesicht.
Gähnend gießt sie sich einen Kaffee ein und überlegt, ob sie am offenen Fenster eine Zigarette rauchen oder erst eine Runde laufen soll, um an den Türen zu horchen, ob überall Ruhe ist. Die Frau entscheidet sich für das Nikotin. Ruckartig springt der kleine Zeiger der Dienstuhr auf die 2, als sie den ersten Zug vor dem weitgeöffneten Fenster inhaliert.

Als die Schwesternschülerin Sandy am nächsten Morgen um 5.45 Uhr die Krankenzimmertür von Anna-Maria öffnet, riecht sie zunächst den metallischen Geruch. Erst beim Betätigen des Lichtschalters sieht sie die Blutlache vor dem Bett. Die leuchtendrote Spur zieht sich bis vor das kleine Holztischchen, wo die tote Anna-Maria, mit baumelnden Kopf und Armen über dem Stuhl liegt. Sandys Blick trifft sich mit den gebrochenen Augen von Anna-Maria. Dem Mädchen wird übel. Es scheint, als ob sich kein Milliliter Blut mehr in Anna-Marias Körper befindet. Ihre Adern sehen aus wie aufgeschlitzte Fahrradschläuche. Am Schlimmsten hat es die Halsschlagader erwischt. Wie eine lange grüne Nudel hängt sie fast bis auf den Linoleumboden hinunter. Das Ende ist seltsam ausgefranst. So, als ob ein Stück fehlt.
Kreischend rennt das Mädchen auf den Flur, die Stationsschwester kommt aus dem Schwesternzimmer geeilt, in der Hand den Kugelschreiber, da sie gerade die Dienstübergabe für den Frühdienst vorbereitet.

* * *

Als der Haustechniker das Zimmer der verstorbenen Patientin renoviert und die Deckenlampe abschraubt, findet er dahinter einen wunderschönen Schmetterling mit großen gepuderten Flügeln. »Das arme Tier ... sieht aus, als hätte er sich erst vor Kurzem zu Tode geflattert.«
Vorsichtig packt er das buntgeflügelte Insekt in seine Tasche. Seine Frau würde sich freuen. Sie könnte ihn präparieren und hinter einem Glas aufspannen.
Die funkelnden Augen unter dem bockbeinigen Kleiderschrank bemerkt er nicht.

ENDE

Copyright © 2010 by Brigitte Stocker



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