Stories
Liongirl – Die Herrin des Zitterns
Der Gott des Zorns
Eine Nouvelle Noir von Gunter Arentzen
- I -
In tiefer Nacht
Der 22. Dezember.
Nur noch zwei Tage, und die christliche Welt würde den Atem anhalten, um Weihnachten zu feiern.
Hell leuchtete der Baum auf dem Markplatz von Heliopolis. Noch vor wenigen Stunden hatten dort Kinder gesungen und das Schließen des Weihnachtsmarktes musikalisch begleitet. Traditionell wurden die Buden am 22. um Punkt 22:00 Uhr geschlossen.
Einen Monat hatten die Bürger gehabt, um sich an dem Weihnachts-Wunderland zu erfreuen, welches von den Geschäftsleuten Jahr für Jahr errichtet wurde.
Einen Monat, um bei alkoholischen Getränken, Lebkuchen und anderen Köstlichkeiten die Sorgen zu vergessen.
Und Sorgen hatten die Menschen in Hell City wahrlich genug.
Verbrechen, Drogen und Korruption. Außerdem Arbeitslosigkeit und Armut, wohin man schaute.
Hell war der Furunkel am Arsch von Amerika, das Schmuddelkind unter den Großstädten. Hätten die Bürger die Chance gehabt, anderswo glücklich zu werden, sie hätten den Moloch in Scharen verlassen.
Aber Amerika lag danieder und niemand, nicht die Städte an der Ostküste und auch nicht die Städte an der Westküste, brauchten Flüchtlinge aus Heliopolis. Bleib wo du bist und zieh dich aus deinem Elend – oder verrecke darin.
Die Zeiten waren hart, die Menschen waren härter.
Alexandra Brown wusste, dass die Hoffnungslosigkeit so manchen zu illegalen Mitteln greifen ließ.
Sie verstand es – entschuldigte es aber nicht.
Im Gegenteil.
Als Liongirl – Herrin des Zitterns wollte sie die Verbrecher der Stadt das Fürchten lehren. Und anders als die Polizei oder Staatsanwälte fragte sie nicht nach Durchsuchungsbeschlüssen und Haftbefehlen. Sie fragte auch nicht nach Menschenrechten.
Anders als Comic-Held Heroman – Rächer der Armen gab sie einen Scheiß auf das Leben oder die Gesundheit jener, die sie im Visier hatte. Ihre Waffen waren tödlich, ihre Intention kompromisslos.
Mit der Hand an der Waffe kauerte sie auf einem Eisenträger dicht unter dem Dach einer Halle im Norden der Stadt. Hier wuchsen die Fabriken in die Höhe, hier schleuderten riesige Schornsteine Dreck in die Atmosphäre.
Die Gegend stank.
Nach Chemikalien, nach Abfall von der Müllverbrennungsanlage und nach heißem Gummi. Es war ein Ort, an dem die Arbeiter jeden Tag ihre Schichten rissen, um ehrlich verdientes Geld nach Hause zu bringen. Männer und Frauen, die zupackten und so ihre Familien ernährten.
Vor ihnen hatte Alexandra den größten Respekt, denn sie leisteten etwas.
Aber hier, im Norden, wurden auch andere Geschäfte abgewickelt.
Es gab leer stehende Hallen und Fabriken; alte Bauten, vergessen und dem Verfall preisgegeben. In ihnen wucherte das Verbrechen. Lichtscheue Gestalten wickelten in den Bauten ihre Deals ab.
Nicht immer ging es um die großen Dinge. Manche waren schon damit zufrieden, ihre Beute aus Raubzügen verhökern zu können.
Einmal im Quartal fand ein regelrechter Mitternachts-Flohmarkt statt, auf dem man Hehlerware erstehen und verscherbeln konnte.
Dann wieder trafen sich Mitglieder der großen Verbrecherorganisationen, um Drogen oder Alkohol im großen Stil in die Stadt zu schmuggeln.
So wie in dieser Nacht!
Der letzte große Deal des Jahres sollte über die Bühne gehen. Kokain im Wert mehrerer Millionen Dollar wartete darauf, an die einzelnen Bosse verteilt zu werden.
Natürlich würden die Paten nicht selbst erscheinen. Keiner von denen machte sich die Finger schmutzig. Sie hatten ihre Handlanger, die das für sie erledigten.
Aber jeder der fünf großen Clanchefs würde seinen gerechten Anteil erhalten. Nun, Genovese, der als Boss der Bosse galt, würde wahrscheinlich ein etwas größeres Kuchenstück abbekommen.
So zumindest planten es die Mobster.
Liongirl hingegen hatte völlig andere Pläne.
Sie lag seit mehr als einer Stunde auf der Lauer. Noch befanden sich in der Halle unter ihr lediglich die Lieferanten. In zwei Vans hatten sie das Kokain beigeschafft und warteten nun auf die Abnehmer.
Durch Zufall hatte Liongirl von der Sache erfahren. Die Streifenwagen hatten über Funk einen unmissverständlichen Befehl erhalten: Haltet euch von dem alten Miller-Komplex fern. Was immer gemeldet wird; dort gibt es nichts für euch zu tun!
Es zahlte sich aus, dass die Crew um Alexandra Brown den Polizeifunk abhörte.
Es ging bereits auf zwei zu und noch immer hatte sich niemand blicken lassen. Da die Lieferanten jedoch nicht ungeduldig wurden, vermutete Liongirl, dass es einen bestimmten Zeitplan gab.
Wie richtig sie damit lag, zeigte sich wenige Sekunden vor zwei.
Plötzlich hielten mehrere Limousinen auf die Halle des Miller-Komplexes zu. Das große Tor ging auf, Lampen tauchten den Bau in taghelles Licht.
Die Wagen parkten im Inneren, kurz vor den Vans. Türen wurden aufgestoßen und Männer in schwarzen Anzügen stiegen aus. Sie waren bewaffnet und schauten sich misstrauisch um.
Fünf Limousinen, dachte Liongirl. Jeder Pate hat einen Wagen geschickt. Sehr schön …
»Gentlemen!«, rief einer der Lieferanten. »Wie schön, wie schön. Wir haben die Ware bereits handlich verpackt. Ich nehme an, Sie möchten den Stoff testen?«
Er ging zur Seite, um die Mafiosi ihren Job tun zu lassen.
Jene, die sich hier trafen, wickelten nicht das erste Geschäft ab.
Aber es würde das letzte Mal sein, das hatte sich Liongirl geschworen.
Sie aktivierte den Sichtschutz ihres Helms, dann ließ sie zwei Blendgranaten fallen.
Niemand bemerkte die eiförmigen Wurfgeschosse.
Erst, als sie zwei Meter über dem Boden detonierten und dabei nicht nur einen enorm grellen Blitz entzündeten, sondern auch einen nahezu ohrenbetäubenden Lärm verursachten, schrien die Männer auf.
Manche sackten in die Knie, andere pressten nur ihre Hände auf die Augen.
Mit einem eleganten Salto sprang Liongirl in die Tiefe, riss dabei ihr Schwert hervor und landete mitten unter den Verbrechern.
Noch ehe diese begriffen, blitzte die Klinge im Licht der hellen Lampen.
Die Schreie wurden gellender, als der Stahl durch Körper schnitt. Arme und Köpfe rollten, Blut spritzte aus unzähligen Wunden.
»Was ist das?«, wimmerte einer von Genoveses Männern. Er hielt einen Armstumpf an seine Brust gedrückt. Noch immer konnte er nichts sehen. Blind drehte er den Kopf, um den Angreifer ausmachen zu können. »Wer bist du?« Den letzten Satz brüllte er in die Halle.
Ihm folgte Stille.
Die Schreie, das Stöhnen und Winseln der anderen waren verstummt.
Niemand sonst lebte noch. Weder die Lieferanten, noch ihre Kunden.
Nur dieser eine Mann kauerte auf dem Boden, die blutende Wunde an die Brust gedrückt. Urin durchnässte seine Hose, Übelkeit wühlte seinen Magen auf. Kalter Schweiß rann über sein Gesicht.
Dann hörte er die Schritte.
Sie kamen von hinten. Langsam, bedrohlich und sicher.
»Wer bist du?«, fragte er. Tränen liefen über seine Wangen. Er merkte, dass es ihm dünn und braun in die Hose ging. »Sag doch was.«
Kalter Stahl bohrte sich in seinen Nacken. Seine Haare richteten sich auf, obwohl der Schmerz, als die Schwertspitze in seine Haut eindrang, vernachlässigbar war im Vergleich zu der wild pochenden Pein, die von seinem Armstumpf ausging.
»Ich bin Liongirl, Herrin des Zitterns!«, erklärte Alexandra kalt. »All deine Freunde sind tot, nur du lebst noch.«
»Bitte, töte mich nicht!«, wimmerte der Mann. »Es ist doch bald Weihnachten!«
Wütend versetzte Liongirl dem Mann einen Tritt in die Rippen. »Ja, es ist Weihnachten. Wolltest du den Kindern und Jugendlichen ein paar Gramm von der Scheiße hier schenken?«, fuhr sie ihn an. »Aber nein, ich töte dich nicht. Sag deinem Boss, was hier geschehen ist. Sag ihm, dass Liongirl die Drogen vernichtet und das Geld konfisziert hat. Ich denke, ich lasse es den Armen und Bedürftigen zukommen.«
Sie riss den Verletzten derb in die Höhe, führte ihn zum Ausgang der Halle und gab ihm einen Stoß. Hilflos wankte der Mann davon. Er musste nur immer geradeaus gehen, dann würde er früher oder später auf eine belebte Straße stoßen.
»Du elende Schlampe!«, rief der Verbrecher mit weinerlicher Stimme. »Du Schlammfotze. Genovese wird dir den Arsch aufreißen!«
Er blinzelte. Schemenhaft konnte er wieder etwas erkennen. Vor ihm erstreckten sich die Lichter der Stadt.
Er hatte gerade einen Taxistand erreicht und einen der Fahrer um Hilfe angefleht, als die Halle des Miller-Komplexes detonierte. Der Feuerball fraß sich in den Nachthimmel und wurde so zu einem Spektakel für jene, die noch unterwegs waren.
Dort, in dem Feuer, verbrannte das Kokain der Mafiabosse.
»Ich habe einen Krankenwagen gerufen!«, erklärte der Taxifahrer und schaute mitleidig auf den Schwerverletzten. »Wer hat Ihnen das angetan, Mann?«
»Sie war es«, wisperte der Verbrecher, ehe er das Bewusstsein verlor. »Liongirl!« Dann brach er vollends zusammen.
- II -
Nachwehen
Liongirls Aktion hatte es nicht in die Morgenblätter geschafft, wohl aber in die News von Radio und Fernsehen.
Auch die Spätausgaben der Zeitungen berichteten in aller Ausführlichkeit über das, was sich in der Halle des Miller-Komplexes mutmaßlich abgespielt hatte.
Die meisten Blätter schrieben zurückhaltend-neutral. Einzig der News Telegraph, eine Zeitung, die zu Brown Media gehörte, schrieb ausnahmslos positiv.
So, wie es Alexandra als klare Linie vorgegeben hatte.
Daran hielten sich auch die angeschlossenen Sender. Die Redakteure fanden die passenden Worte, um Abscheu vor Verbrechen, Hilflosigkeit der Bürger und korrupte Politiker – allen voran der ehemalige Bürgermeister der Stadt – in Worte zu kleiden und so aufzuzeigen, dass der Frau hinter der Maske im Grunde gar nichts anderes übrig blieb, als zur Selbstjustiz zu greifen.
Die Polizei und auch der Staatsanwalt sahen dies anders. Sie sprachen von barbarischer Selbstjustiz, die sie keinesfalls dulden dürften. Nur der Staat und die von ihm eingesetzten Organe hätten das Recht, Verbrechen zu bestrafen. Liongirl hätte den Deal unterbinden, dann aber die Polizei rufen und die Verbrecher verhaften lassen müssen. Das und sonst nichts sei der passende Weg gewesen. Die Täter mit einem Schwert abzuschlachten war etwas, das Liongirl auf eine Stufe mit den Verbrechern stellte.
»Denkt hier jemand ähnlich?«, fragte Alexandra, nachdem sie die Aussagen von Eduard Cox, dem städtischen Oberstaatsanwalt, gehört hatte. »Denkt jemand, Liongirl würde auf einer Stufe mit den Verbrechern stehen?«
Sie blickte erst zu Frank Porter, dann zu Hazel und zu Benjamin Cohen. Erst dann wanderte ihr Blick zu Cocoa Hannigan, die auf einem Sessel im Salon saß, in der Hand einen Becher mit kaltem Schokaffee.
»Nein«, erwiderte die Hackerin. »Man muss Feuer mit Feuer bekämpfen, will man einen Waldbrand löschen. Das hast du getan. Seien wir ehrlich – die Verbrecher lachen über die Beamten. Jeder Gangster hat mehr Rechte als ein Opfer.«
Cohen nickte bestätigend. »Cocoa hat recht. Du hast getan, was getan werden musste. Diese Dreckskerle werden niemals wieder Drogen verkaufen. Und jeder, der für die fünf Paten arbeitet, muss zittern. Genau so, wie wir es wollten.«
Alexandra lächelte. Ihre Sache war nun eine Sache von all jenen, die in ihrem Salon zusammengekommen waren. Porter wusste ebenso wie Hazel, wer sich hinter Liongirl verbarg.
Beide hatten es sofort akzeptiert; zumal sie bereits für Alexandras Eltern gearbeitet hatten.
Auch die Arbeiter in Badgers Hal dachten sich vermutlich, wozu die Erfindungen genutzt wurden, verdienten aber derart gutes Geld, dass sie die Klappe hielten. Zumal jeder einzelne von ihnen wusste, um was es hier ging.
Cohen hatte seine Mitarbeiter sehr genau ausgewählt.
»Was wissen wir über Cox?«, fragte die Unternehmerin. Dabei blickte sie zu Cocoa. Ein warmes Gefühl breitete sich in ihrem Innern aus, wann immer sie den Blick der jungen Frau kreuzte.
»Nach allem, was ich herausgefunden habe, ist er sauber. Keine Schwarzgeldkonten, keine illegalen Kontakte zu den Paten der Stadt. Im Gegenteil – er stand mehrfach auf der Abschussliste, überlebte aber zwei Attentate schwer verletzt. Seine Leibwächter hatten nicht so viel Glück. Seine Familie wurde schon vor zwei Jahren aus der Stadt geschafft – er lebt allein, ist einsam und unglücklich.«
»Dann werde ich ihm heute Nacht seine Einsamkeit vertreiben.« Alexandra lächelte sarkastisch. »Mal sehen, ob ein vernünftiges Wort möglich ist.«
»Sein Haus ist unter Garantie perfekt gesichert!«, mahnte Benjamin Cohen. »Pass auf, dass du nicht in eine Falle läufst.«
»Sein Haus ist gut gesichert – aber ich konnte mich in den Zentralcomputer der Alarmanlage einloggen. Wenn Liongirl vor Ort ist, wird keine Sirene ertönen und kein stiller Alarm die Polizisten aus ihrer Lethargie reißen.«
»Leibwächter?«, fragte Frank Porter.
»Zwei im Haus. Liongirl muss sie ausschalten.«
»Dann habe ich hier etwas.« Cohen grinste und reichte Alexandra eine klobige Pistole. »Ein modifizierter Taser. Der Strom ist in den Nadeln gespeichert, sodass sie ohne Kabel auskommen. Ein Schuss, und die Wachen liegen für Stunden auf dem Boden.«
»Perfekt.« Alexandra schaute auf die Uhr. »Ich möchte heute an der Redaktionssitzung der News Telegraph teilnehmen. Offenbar gibt es einen Konflikt zwischen einigen jungen Redakteuren und dem Chefredakteur?« Der letzte Satz war eine Frage an ihren Assistenten.
Porter nickte. »Es geht um die Frage der Positionierung im Zeitalter von Apps und Internet. Es könnte sein, dass der momentane Chefredakteur ein wenig … zu alt … dafür ist.«
»Wird nicht Anfang 2011 ein Posten im Direktorium von Brown Media frei?«, fragte Alexandra.
»So ist es«, bestätigte Porter. »Möchten Sie den Chefredakteur dorthin versetzen lassen und Platz schaffen für einen Nachfolger?«
»So machen wir es. Leiten Sie es in die Wege, aber sagen tue ich es ihm. Er ist ein guter Mann, mein Vater war stets zufrieden mit ihm. Der News Telegraph benötigt eine ordentliche Online-Redaktion und jemanden, der sich um Apps kümmert. Ich fragte mich schon lange, warum ich jede Zeitung der Stadt auf dem iPad lesen kann, meine eigene aber nicht.«
Sie winkte und verließ den Salon.
Noch während sie die Halle durchmaß, wurde sie von Cocoa eingeholt. »Alex?«
Die Unternehmerin drehte sich um. Wieder spürte sie das warme Gefühl in ihrem Innern. Sie sah die blauen Augen der Computerexpertin, den sinnlichen Mund mit den weichen Lippen und erinnerte sich an den Kuss, den beide geteilt hatten.
Jener eine Moment hatte ihr mehr gegeben als alles, was sie in den letzten sechs Jahren getan hatte. Sie war aufgetaut, hatte Vertrauen gefasst und spürte etwas von der Menschlichkeit, die sie verloren geglaubt hatte.
Sie streckte die Hand aus und griff nach jener der Hackerin. »Möchtest du mich begleiten?«
Cocoa schüttelte den Kopf. Sie trat dicht an Alexandra heran. »Nein, ich … muss deinen Einsatz vorbereiten. Es … geht um etwas anderes.«
Sie senkte den Blick, ihre Wangen röteten sich.
»Und um was?«
»Ich … wollte dich um einen Gefallen bitten. Hoffentlich verstehst du es nicht falsch …«
»Hm?« Alexandra neigte den Kopf zur Seite, führte die Hand der jungen Frau zu ihrem Mund und hauchte ihr einen Kuss auf die Finger. »Was ist es?«
Cocoa lächelte ob der Geste. »Es … geht um meinen Bruder.«
»Du hast einen Bruder?«
Die Computerexpertin nickte. »Er saß eine Weile im Gefängnis. Datenspionage, Einbruch in fremde Netzwerke … Er ist gut, aber nicht so gut wie ich.«
»Und?«
»Er kommt bald auf Bewährung raus. Er ist ein guter Programmierer. Wenn du eine Online-Redaktion eröffnen willst … Ich meine … Es wäre toll, wenn du meinem Bruder eine Chance geben könntest.«
»Okay.«
Cocoa blinzelte. »Okay? Einfach so?«
»Soll ich es singen?«, fragte Alexandra grinsend. Sie zog Cocoa näher an sich. Auch wenn in diesem Moment die anderen den Salon verließen und sahen, was sich in der Halle tat. Dies war ihr Haus. Sie konnte tun und lassen was sie wollte. Abgesehen davon interessierte im Jahr 2010 niemanden, ob eine Frau eine Frau küsste – oder einen Mann. Sie hätte auch einen Hund küssen können … So lange dieser nur alt genug war …
Die beiden Frauen schauten sich aus nächster Nähe an, dann küssten sie einander vorsichtig. Noch wussten beide nicht, wie sie zueinander standen. Sie waren sich hin und wieder auf diese Weise nähergekommen, mehr aber nicht. »Wenn du möchtest, dass ich deinem Bruder eine Chance gebe, dann tue ich das«, erklärte die Unternehmerin, nachdem sie den Kuss gelöst hatten.
»Weil du mir vertraust? Oder um mir einen Gefallen zu tun?«
»Beides. Und weil …« Sie schaute Cocoa in die Augen und glaubte, in deren Blick zu versinken.
»Ja?«, fragte die Hackerin wispernd.
»Und weil ich dich sehr mag. Weil du mir wichtig bist und ich dir gerne …« Sie schaute zu Boden.
»Weil du mir gerne … was?« Cocoa griff Alexandra unter das Kinn und hob deren Kopf an, sodass sie ihr wieder in die Augen schauen konnte. »Hm? Was meinst du?«
»Weil ich dir gerne nahe sein möchte!«, gab die Unternehmerin unbeholfen zurück. »Näher als jetzt. Du bist … Ich habe noch nie so für jemanden empfunden. Diese Gefühle sind mir fremd, aber …«
»Pst.« Cocoa küsste Alexandra wieder. »Ich weiß, was du meinst«, gab sie dann zu. »Ich empfinde nicht anders. Die Zeit, in der wir so eng zusammenarbeiteten und alles aufbauten … Du bist so viel mehr als das, was du jedem zeigst.«
»Lass uns heute Abend darüber sprechen«, bat Alexandra. »Wenn ich von meinem Ausflug zurückkomme. Ich …« Sie küsste Cocoa noch einmal, dann wandte sie sich rasch ab und eilte davon.
Die Hackerin schaute ihr nach, drehte sich um – und stieß fast mit Frank Porter zusammen. Der ältere Mann stand vor ihr und musterte sie aufmerksam.
»Was?«, fragte Cocoa. Sie fühlte sich unbehaglich unter dem sezierenden Blick des Adjutanten.
»Ich kenne Miss Brown, seit sie auf der Welt ist. Ich habe sie aufwachsen und leiden sehen. Sechs Jahre lang mied sie jeden Kontakt und versteinerte innerlich mehr und mehr. Nun taut sie auf – auch dank dir.«
»Und?«, fragte die Hackerin unsicher.
»Solltest du ihr wehtun oder es auf ihr Geld abgesehen haben, solltest du sie ausnutzen und verletzen – dann werde ich sehr, sehr ärgerlich!«
»Darum geht es mir nicht. Ich würde ihr nie wehtun. Meine Gefühle für sie sind echt. Auch wenn ich es nicht erklären kann, denn bislang … Es ist einfach passiert.«
»Gut. Dann wünsche ich dir und ihr viel Glück und eine frohe Zukunft.« Damit wandte sich Porter ab und ging davon.
O-kay!, dachte Cocoa. Gut, dass ich keine falsche Schlange bin. Mit dem ist nicht zu spaßen!
*
Als Kind hatte Alexandra häufiger das Verlagshaus der News Telegraph besucht. Eine Weile hatte sie sogar Journalistik studieren wollen, um sich auf diesen Zweig des Unternehmens zu konzentrieren. Dann aber war jene ominöse Nacht gekommen und gegangen – und mit dem Kind in ihr waren all diese Pläne gestorben.
Obwohl sie seit Jahren nicht mehr durch die Gänge des Verlagshauses gegangen war, fand sie ohne Mühe jenen großen Konferenzraum, in dem die Redaktionssitzung zweimal am Tag abgehalten wurde.
Einmal morgens, um die Themen für die Spätausgabe festzulegen, und dann abends – für die Frühausgabe.
Als sie eintrat, wollten sich die Anwesenden erheben, aber Alexandra winkte ab. Sie lächelte und fühlte sich leicht, fröhlich – ein Gefühl, das sie nicht kannte, aber in vollen Zügen genoss.
Während der Fahrt hatte sie immer wieder an Cocoa und ihren kurzen Wortwechsel gedacht. An die Küsse, die Geständnisse … Sie war verliebt – daran bestand kein Zweifel.
Als sie nun zum Kopf des langen Tisches ging, den ihr der Chefredakteur an diesem Tag überließ, musste sie sich zusammenreißen, um nicht allzu debil zu grinsen.
»Meine Damen und Herren …« Sie neigte kurz den Kopf und setzte sich. »Sollte Gott oder Satan durch diese Tür kommen, erheben Sie sich. Solange nur ich es bin, bleiben Sie künftig einfach sitzen.«
Gelächter brach aus, die erste Befangenheit, die ihr aus vielen Augen entgegengeblickt hatte, verschwand.
»Ich habe gelesen, dass es innerhalb der Redaktion zu Unstimmigkeiten kam. Darum bin ich hier, denn ich möchte, dass dieses Blatt reibungslos funktioniert – und endlich den Weg ins 21. Jahrhundert findet.«
Sie holte ihr iPad und ihr Android-Tablet hervor. »Ich kann jede Zeitung der Stadt auf diesen Geräten lesen. Nur nicht meine eigene. Und das macht mich traurig.«
Der Chefredakteur räusperte sich, aber Alexandra hob die Hand.
»Ich kenne die einzelnen Meinungen, denn auch wenn es nicht den Anschein hat, informiere ich mich auf Romance Hill über das, was in meinen Betrieben geschieht.« Sie blickte zum Leiter des Blatts. »Sie haben der Zeitung lange Jahre treu gedient. Mein Vater vertraute Ihnen, unter Ihrer Führung wuchsen Umsatz und Gewinn. Aber nun ist es Zeit, den Platz für eine jüngere Generation zu räumen.«
Sie sah das Entsetzen in den Augen des grauhaarigen Mannes. Schweiß brach ihm aus, seine Hände zitterten.
»Keine Sorge, ich setze niemanden auf die Straße, der seine Arbeit gut und gewissenhaft erledigt. Im Januar wird ein Platz im Gremium von Brown-Media frei. Ich denke, dort werden Sie ihr Wissen und Ihre Erfahrung sehr gut einbringen. Und eine satte Gehaltsaufstockung einstecken.«
Abermals lachten die Anwesenden über das kleine Wortspiel.
»Ins Gremium?«, fragte der Mann völlig überrascht. »Das ist eine Ehre. Ich meine …«
»Sie haben gute Arbeit geleistet – und dort wird künftig ihr Platz sein. Hier jedoch brauchen wir neben erfahrenen Redakteuren auch ein paar junge Leute mit Visionen. Eine Online-Redaktion, Apps – all diese Dinge. Ein Programmierer wurde mir bereits empfohlen, aber das wird sich im Januar zeigen. Er ist wohl im Moment noch … verhindert.«
»Anderweitig beschäftigt?«, fragte eine junge Redakteurin.
»Staatlich verhindert wegen Eindringen in fremde Netzwerke, wie man mir sagte.« Sie zeichnete ein paar Gitter in die Luft.
»Ups. Und das ist der richtige Mann für uns?«, fragte der noch amtierende Chefredakteur. »Solch eine Reputation könnte uns Glaubwürdigkeit kosten.«
»Hat jemand gesessen, ist seine Schuld an der Gesellschaft getilgt. Also hat er das Recht zu beweisen, dass er etwas dazugelernt hat«, widersprach ihm die junge Mitarbeiterin. »Ich sehe da kein Problem. Solange wir es nicht verschweigen.«
»Wunderbar.« Alexandra räkelte sich auf ihrem Stuhl. »Ich habe noch ein paar andere Ideen, die ich umsetzen möchte. Ein Op-Ed etwa, zudem in der Wochenendausgabe mehr Kino, Konzerte und all das. Eine Technik-Ecke am Sonntag und vor allem richtig gute Satire und einen Comic. Dann noch …«
Sie zählte auf, was ihrer Meinung der Zeitung gut tun würde. Sie hatte nicht vor, sich ständig einzumischen, wollte aber den News Telegraph auf der vordersten Position der Verkaufsliste sehen. Nicht allein, weil ihr die Zeitung so viel bedeutete. Aber je mehr Leute das Blatt und damit auch positive Artikel zum Thema Liongirl lasen, umso besser.
Sie wollte die Bürger von Hell City auf ihrer Seite. Sie wollte, dass die Menschen hofften, dass Liongirl da draußen war, um die Scheiße von der Straße zu fegen.
Es gab kaum einen besseren Weg, um die Bürger für sich zu gewinnen, als über die Medien. Eine gute Zeitung mit perfektem Online-Auftritt war ein guter Schritt in die richtige Richtung. Vor allem, wenn sie Content kostenfrei anbot.
Um kurz nach acht verließ sie das Verlagshaus wieder und fuhr nach Hause. Sie musste sich umziehen, wollte sie Cox einen Besuch abstatten. Und der stand ganz oben auf ihrer Liste.
- III -
Schwere Aufgaben
Das Haus des Oberstaatsanwalts wurde von zwei starken Strahlern angeleuchtet. Sie rissen das Gebäude aus dem Dunkel der Nacht, ließen das umliegende Grundstück jedoch in tiefer Schwärze versinken.
Mehrere Kameras überwachten das Gelände. Sie zeigten normalerweise, was sich rund um das Haus tat. Auch bei Nacht und Finsternis, denn Infrarot-Module sorgten für einen klaren Blick bei jeder Helligkeit.
An diesem Abend aber zeigten sie, was an den Abenden zuvor geschehen war – nämlich nichts. Ruhige Nächte, in denen absolut nichts geschehen war.
Liongirl schlich durch den Garten, blieb vor einem Fenster stehen und spähte ins Innere.
Sie sah eine Küche.
Mit einem Glasschneider schnitt sie ein Loch in die Scheibe, griff hindurch und öffnete. Normalerweise wäre nun Alarm ausgelöst worden, aber auch das hatte Cocoa unterbunden.
Liongirl stemmte sich in die Höhe und glitt unter dem wachsamen Auge der Hackerin und Benjamin Cohen ins Innere.
Sie schlich durch die Küche, von dort in den Flur und schließlich zu einer offenen Tür, hinter der sich das Büro der Wachen befand.
Zwei Mann taten dort Dienst und schauten auf die Monitore.
Sie sahen eine Wiedergabe, ohne es zu merken.
Ohne zu zögern richtete Liongirl ihren Taser auf einen der Männer und schoss.
Die Nadeln jagten in den Nacken des Wächters, entluden sich und ließen ihn zuckend zu Boden gehen.
Sein Kollege wirbelte herum, kam aber nicht mehr dazu, nach der Waffe zu greifen. Noch bevor er begriff, wurde auch er getroffen.
»Gut!«, wisperte Cocoa. »Ich sehe Cox im ersten Stock. Er sitzt in seiner Bibliothek und arbeitet.«
»Er hat wohl überall Kameras, wie?«, fragte Liongirl erstaunt.
»Yepp.«
Sie huschte durch die Halle und die breite Treppe hinauf.
»Zweite Tür links«, lotste sie ihr Operator. »Er sitzt passend, du siehst ihn direkt!«
Sekunden Später stand Liongirl vor der Tür, hielt die Waffe schussbereit in der Hand – und riss die Tür auf.
Cox sprang auf. Panik zeichnete sich in seinen Zügen ab, als er den Eindringling sah. Er wich zurück und hob abwehrend die Hände.
»Keine Sorge!«, sagte Liongirl. Ihre Stimme wurde durch den Helm verzerrt. »Ich bin nicht gekommen, um dich zu töten.«
Sie ging zu Cox Schreibtisch und setzte sich auf den Besucherstuhl. »Wir müssen uns unterhalten.«
»Worüber? Über deine grauenvollen Taten?«
»Diese Männer hätten ohne mit der Wimper zu zucken Kinder in Junkies verwandelt. Du weißt das, ich weiß das.«
»Aber wir leben in einem Rechtsstaat. Und in einem solchen …«
Liongirl nahm die Tastatur von Cox’ Computer, drehte den Monitor etwas und rief eine Webseite auf.
Die Verbrechensquote der Stadt.
»Das ist der Rechtsstaat, Cox. Verbrecher werden geschützt. Wenn sie nicht aussagen, dann hat die Polizei eben Pech. Sofern sie sich nicht bestechen lässt.«
Cox schnaubte. »Hör doch auf. Die Polizei ist nicht so korrupt, wie jeder sagt.«
Liongirl grinste, griff in ihre Tasche und holte ein einfaches Diktiergerät hervor. Sie schaltete es ein – deutlich war die Stimme einer Beamtin der Polizeizentrale zu hören. Sie gab Anweisung, den Miller-Komplex zu meiden, egal was dort geschähe. »Ein Aufzeichnung von gestern Abend.«
Cox starrte das Gerät an. Er wusste, dass Liongirl nicht bluffte.
Schwer sank der Mann auf seinen Stuhl. Er presste die Hände auf sein Gesicht. »Seit Jahren kämpfe ich gegen die Verbrechen an. Ich will an das Gute glauben, an unser System. Ich will an Beamte glauben, die ihren Eid ernst nehmen.«
Liongirl griff wieder in die Tasche ihres Anzugs und fischte einen Ausdruck hervor. Auf dem Blatt standen die Namen mehrerer Richter. Dahinter, tabellarisch aufgeführt, die Summen der Bestechungsgelder, welche sie von den Mafiagrößen angenommen hatten; inklusive der Bankkonten, auf denen das Geld ruhte.
Cox nahm den Ausdruck zur Hand.
»Das, mein lieber Cox, ist unser Rechtsstaat.« Damit deutete Liongirl auf die Kriminalitätsstatistik. Anschließend rief sie die Webseite von CNN auf, suchte die Meldung über das von ihr veranstaltete Massaker und klickte eines der Bilder an. Deutlich war eine Leiche zu sehen. »Und das hier ist Gerechtigkeit sowie Prävention.«
»Wer bist du, Liongirl?« Cox neigte den Kopf zur Seite. »Wer verbirgt sich hinter diesem Helm?«
»Zorn auf das Verbrechen und purer Hass. Sonst nichts. Sie sind mein Name, mein Antrieb, meine Ziele. Ich will nicht gegen dich und die Mobster kämpfen. Aber ich werde mich auch nicht von meinem Weg abbringen lassen.«
Der Staatsanwalt nickte. Wieder schaute er auf den Ausdruck. »Es gibt gute Leute. Bei der Polizei ebenso wie in der Justiz. Aber wir schaffen es nicht. Heliopolis ist ein stinkender Moloch. Das Darktown, in dem Heroman gegen das Böse kämpft. Wir sind das böse, übelriechende und durch und durch verkommene Darktown. Grauenvoll …«
»Hilf mir, Ordnung in das Chaos zu bringen, und ich helfe dir. Revidier morgen deine Worte und die Bürger dort draußen werden es dir danken. Oder glaubst du, die Menschen dieser Stadt würden die Mafiosi bejubeln? Sie leiden, sie ächzen unter den Drogen, den Morden, den Misshandlungen und der schieren Angst, die Genovese und seine Leute verbreiten.«
Cox lehnte sich zurück. »Und welchen Schrecken verbreitest du? Was haben dir die Wachen getan, die du getötet hast, um hierher zu gelangen?«
»Die Wachen schlafen. Sie werden mit Kopfschmerzen oder steifen Gliedern erwachen – nichts, was man nicht mit zwei Aspirin und ein paar Stunden Schlaf kurieren kann. Zittern lasse ich nur die Verbrecher. Ich denke, es wird Zeit, dass sie zittern.«
»Ja, das wird es. Manche lachen uns ins Gesicht, wenn wir sie verhaften. Sie wissen, dass wir ihnen nichts können. Und die Richter … Wieder und wieder Bewährung, mangelnde Beweise, keine Durchsuchungsbefehle …« Er knüllte den Ausdruck zusammen. »Das hier, und auch die Durchsage der Zentrale gestern – das bringt das Fass zum Überlaufen. Du … Du hast recht. Scheiße, wenn du da draußen den Gangstern in den Arsch treten kannst, dann mach das.«
Liongirl nickte. »Revidiere deine Worte. Wende dich an die Presse und du wirst sehen, wie die Reaktion der Bürger ist.«
Sie stand auf und ging zur Tür. »Gut, dass wir einer Meinung sind.«
»Wie … wie kann ich dich erreichen?«
»Ich schicke dir eine Mailadresse. Wenn du Hilfe brauchst, weil die Scheiße für dich zu zähflüssig ist, dann lass es mich wissen.«
Sie verließ den Raum und ging davon.
»Donnerwetter – dem hast du aber den Schneid abgekauft«, ließ sich Benjamin vernehmen. »Kommst du nach Hause?«
»Ja. Hier hat alles geklappt. Ruf einen Krankenwagen, sobald ich weg bin. Soll sich jemand um die beiden geschockten Wachmänner kümmern.«
Cocoa und Benjamin lachten leise, während Liongirl über das Grundstück eilte, zu ihrem Wagen ging und kurz darauf durch die Straßen jagte.
Sie hatte eine schwere Aufgabe gemeistert und damit einen wichtigen Verbündeten gewonnen.
Aber dies war nicht die letzte, schwere Aufgabe in dieser Nacht. Auch privat galt es, endlich Klarheit zu schaffen …
*
Als Alexandra die Villa betrat, war das Licht in den einzelnen Räumen gedimmt. Dafür brannten ein paar kleine Kerzen auf der Treppe, die hinauf zu den privaten Bereichen der Hausherrin führte.
Neugierig folgte Alexandra der Spur und stand schließlich vor ihrem Schlafzimmer.
Ihr Puls beschleunigte sich, ihre Hände wurden feucht.
Sie wusste nicht, ob sie diesen Weg bis zum Ende gehen konnte; auch wenn sie wollte. Was, wenn sie Cocoa enttäuschte? Was, wenn sie nicht dazu in der Lage war, ihre Gefühle auszuleben?
Ihre Knie zitterten. Mit geschlossenen Augen versuchte sie, zur Ruhe zu kommen. Komm schon, sagte sie sich, du hast Dinge getan, die du dir nie zu tun erträumt hast. Das hier ist weitaus harmloser als das, was Liongirl da draußen tut.
Sie drückte die Tür auf und sah ihr Zimmer in Kerzenlicht gehüllt. Rosenblätter waren auf dem Boden verteilt, es roch angenehm süß und frisch.
Langsam trat sie ein, streifte die Schuhe von den Füßen und schaute sich um. »Cocoa?«, fragte sie leise.
Hände legten sich von hinten um ihre Schultern. Ein weicher, warmer Körper schmiegte sich an sie, Finger krochen unter ihre Kleidung.
»Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder den Mut aufbringe«, wisperte Cocoa. »Darum muss es jetzt sein – oder niemals. Ich habe mich in dich verliebt. Ich möchte dir näher sein als jedem anderen Menschen. Ich möchte dich fühlen, dich glücklich machen, zu dir gehören.«
Alexandra spürte wieder dieses warme Gefühl in ihrem Innern, gepaart mit einem Kribbeln, wie sie es nie zuvor verspürt hatte.
Sie drehte sich um und sah im Schein der Kerzen die verträumt dreinblickenden Augen der Computerexpertin.
»Du ahnst nicht, was mir deine Worte bedeuten«, gab sie wispernd zurück. Sie zog Cocoa an sich und küsste sie auf den Mund. »Ich weiß nicht, wohin das alles führt. Aber ich bin bereit, den Weg mit dir zu gehen – was auch immer geschieht«, sagte sie dann.
Erneut küssten sie sich, leidenschaftlicher nun. Dabei begannen sie bereits, sich gegenseitig zu entkleiden.
»Ich habe noch niemals mit einer Frau geschlafen«, gab Cocoa zu.
»Ich auch nicht. Ich habe noch niemals mit jemandem geschlafen. Nicht freiwillig …«
Die Hackerin griff nach Alexandras Hand und zog sie zum Bett. »Dann lass es uns gemeinsam erleben.«
Sekunden später versanken sie in einem intensiven Kuss, erkundeten mit ihren Händen den Körper der jeweils anderen und fanden heraus, wie sie einander Lust schenken konnten.
Erst früh am Morgen schliefen sie ein, Arm in Arm. Schon lange hatte sich Alexandra nicht mehr derart geborgen gefühlt.
Entsprechend süß waren ihre Träume.
- IV -
Erwachen
Alexandra blinzelte in das goldene Licht des Morgens. Neben ihr räkelte sich Cocoa. Die junge Frau lag halb aufgedeckt auf ihrer Seite des großen Betts. Ihre Brüste schauten keck unter dem Laken hervor, ebenso ein Bein.
Aber das war es nicht, was Alexandra zu einem leisen Seufzen veranlasste.
Es war die Liebe, die sie für diese Frau empfand. Die ungewohnte, stürmische Zuneigung, die keine Bedingungen zu kennen schien, keine Einschränkungen. Das Gesicht, die Haare, der schlanke Körper und vor allem die inneren Werte – ihr war, als müsse sich die ganze Welt in Cocoa verlieben und es grenzte ihrer Meinung nach an ein Wunder, dass ausgerechnet sie, die keinerlei Erfahrungen mit Romanzen jedweder Art vorweisen konnte, das Herz dieser Frau hatte erobern können.
Sie streckte die Hand aus und liebkoste die Wangen ihrer Freundin.
Meine Freundin. Wie das klingt. Wie es sich anfühlt …
Cocoa erwachte ebenfalls. Ihre Lider flatterten, sie gähnte und schenkte Alexandra ein zufriedenes, ja glückliches Lächeln. »Guten Morgen.«
»Guten Morgen Darling«, wisperte die Millionärin. »Hast du gut geschlafen?«
Cocoa nickte. »Du auch?«
»Ja. So gut wie seit Jahren nicht mehr.«
Cocoa griff nach der Hand der Frau. »Also bereust du nicht, was wir getan haben?«
»Bereuen? Warum sollte ich? Es war so unglaublich schön. Ich liebe dich, Cocoa. Mehr als ich jemals einen Menschen geliebt habe. Zum ersten Mal liebe ich; es ist ein großartiges Gefühl.«
»Ich empfinde nicht anders.« Cocoa presste sich an ihre Freundin. »Lass uns diesen Moment niemals vergessen, dann werden wir einander nicht verlieren.«
Sie küssten sich, unterbrachen den Kuss aber, als ein leises, diskretes Klopfen an der Tür erklang.
»Ja?«, fragte Alexandra. Dabei zog sie die Decke bis zum Hals. Auch Cocoa schlüpfte unter das Laken, um niemanden einen obszönen Anblick zu bieten.
Frank Porter betrat den Raum, bemerkte die Rosenblätter und erloschenen Kerzen, hob eine Braue und wandte sich dem Bett zu, in dem die beiden Frauen lagen. Er ignorierte den Geruch, der in der Luft klebte und auch die verstreut liegende Wäsche. »Oberstaatsanwalt Cox hat für 12:00 Uhr eine öffentliche Bekanntmachung angekündigt. Die Presse und Interessierte sollen sich vor dem Gerichtsgebäude einfinden, denn dort möchte er sprechen. Es ginge um Liongirl und darum, einen Irrtum zu korrigieren.«
»So ein Idiot!«, entfuhr es Cocoa. »Damit macht er sich zur Zielscheibe. Wenn er sich hinstellt und sagt, was er denkt, lebt er keine Stunde mehr.«
Porter nickte. »Darum habe ich geklopft. Es wäre wohl besser, Liongirl würde diese Veranstaltung … überblicken …«
»Absolut.« Alexandra nickte. »Um zwölf vor dem Gericht. Das wird knapp, da bleibt keine Zeit für ein Frühstück.«
Porter wollte sich zurückziehen, aber Alexandra hob kurz die Hand. Sie schaute unsicher zu Cocoa, dann zuckte sie mit den Schultern. »Veranlassen Sie, dass die Besitztümer von Miss Hannigan hierher geräumt werden.«
Cocoa lächelte zufrieden, während Porter lediglich nickte, ehe er den Raum verließ.
»Du meinst es wirklich ernst«, sagte die Hackerin, als sie beide das Bett verließen.
»Ja. Mit nichts war es mir ernster. Für dich würde ich alles andere aufgeben.« Sie öffnete die Tür zum Bad. Dabei wechselte sie das Thema. »Vielleicht ist Cox nicht so verrückt, wie wir denken. Möglich, dass er einen gefährlichen Plan verfolgt.«
»Und welchen?«, fragte die Hackerin, die ihre Kleider zusammensuchte. Noch musste sie in ihrem Zimmer duschen, denn ihre Hygienesachen waren noch nicht umgeräumt worden.
»Er weiß, dass jemand die Nerven verlieren könnte. Und er hofft, dass Liongirl zur Stelle ist, um ihn zu retten. Eine bessere Demonstration könnte er den Menschen gar nicht bieten.«
»Du hast recht.« Cocoa schlüpfte in ihre Sachen, dann huschte sie aus dem Zimmer. »Wir sehen uns in der Zentrale«, rief sie über die Schulter.
Alexandra stellte sich unter die Dusche und ließ das Wasser laufen. Sie spülte den Schweiß und die Lust der zurückliegenden Nacht vom Körper.
Dabei dachte sie noch einmal an Cocoa. Was würden meine Eltern dazu sagen? Mir alles Gute wünschen? Oder mir Vorhaltungen machen? Egal – sie sind tot und ich lebe mein Leben. Es wird Zeit, die Vergangenheit abzustreifen.
Es war das erste Mal, dass sie so dachte. Bislang hatte sie sich von den Geschehnissen jener einen Nacht bestimmen lassen. Nun streifte sie diese Fesseln ab.
Sie fühlte sich auf eine unbestimmte Weise frei …
*
Eine Menschenmasse hatte sich vor dem Gericht eingefunden. Reporter und Journalisten, die ihre Aufnahmegeräte und Kameras in Händen hielten. Aber auch Schaulustige waren zuhauf gekommen, um der Ankündigung des Staatsanwalts zu lauschen.
Jeder fragte sich, was genau Cox sagen würde.
»Ich bin vor Ort!«, wisperte Liongirl. Sie kauerte hinter Justitia auf dem Vordach des Gerichts. Unter ihr befand sich das Pult, hinter dem Cox seine Ansprache halten würde.
»Wir sehen es«, gab Cocoa zurück. »Sieht alles friedlich aus. Ganz schön viele Polizisten sind da unten.«
»Yepp.« Liongirl suchte nach Anzeichen für Nervosität in den Gesichtern der Anwesenden, fand aber nur Gleichgültigkeit und professionelle Spannung.
»Ich habe zwei Männer von Genovese ausgemacht«, erklärte Cocoa nach ein paar Sekunden. »Sie stehen recht weit vorne. Auf die solltest du besonders aufpassen.«
»Kannst du sie markieren?«, bat Liongirl.
Sekunden später leuchteten die Gesichter der beiden Männer hell.
»Danke. Mal sehen, ob sie die bösen Buben des Tages sind. Da kommt Cox!«
Es war Punkt zwölf, als der Staatsanwalt an die Mikrofone trat.
»Guten Morgen«, grüßte er. »Oder guten Tag, je nachdem, wie Sie es bevorzugen.«
Ein paar der Anwesenden lachten.
»Ich bin hier, um über einen Irrtum zu sprechen. Über meinen Irrtum, und zwar im Bezug auf unser Rechtssystem, die Polizei, Richter und Liongirl.«
In den folgenden Minuten berichtete Cox von dem zurückliegenden Gespräch, welches er und Liongirl hatten. Er erzählte auch von dem, was ihm Liongirl gezeigt und vorgespielt hatte.
Deutlich war die Abscheu bei unbeteiligten Zuschauern zu erkennen, als sie von bestechlichen Richtern und Polizisten hörten. Die Presse hingegen witterte eine Sensation.
»All das«, resümierte Cox schließlich, »bringt mich zu dem Schluss, dass wir einen Krieg ausfechten hier in Heliopolis. Einen Krieg gegen das Böse, und der Feind sitzt in unseren Reihen, er trägt die Uniform der Polizei und die Roben der Richter. Beileibe nicht jeder Beamte ist korrupt. Aber ich werde den Kampf gegen den Filz zu meinem Kampf machen. Wir müssen gewinnen oder Heliopolis geht unter.«
Applaus brandete auf.
»Bislang ist alles friedlich«, wunderte sich Benjamin Cohen. »Ich hätte nicht gedacht, dass es die Betroffenen so einfach …«
Er kam nicht dazu, den Satz zu beenden.
Plötzlich drehte sich einer der Polizisten, die bislang die Zuschauer im Blick behalten hatten, um. Er griff mit einer fließenden Bewegung zu seiner Waffe. »Du beschissener Held bist der erste, der in diesem Krieg …«
Auch er konnte seinen Satz nicht zu Ende bringen.
Liongirl war schneller.
Sie hatte ihre Waffe längst in Händen und zögerte nicht.
Während die Menschen vor dem Gericht begriffen, was gerade geschah, schoss sie und traf den Kopf des Mannes.
Der Schädel explodierte regelrecht, als das Geschoss zwischen den Augen den Knochen durchschlug und kaum eine Sekunde später detonierte. Sprengmunition, wie es Benjamin genannt hatte. Und sie machte ihrem Namen alle Ehre.
Blut, Hirn und Splitter spritzten davon, der Mann wurde zu Boden geschleudert.
Zwei weitere Beamte griffen nach ihren Pistolen. Einer wollte auf Cox schießen und starb, der andere schien nicht zu verstehen und stellte sich schützend vor den Staatsanwalt.
Liongirl steckte die Pistole ein und sprang vom Dach. Neben dem entsetzt dreinschauenden Staatsanwalt kam sie auf und riss ihn gerade noch zur Seite, denn die beiden Männer von Genovese hatten ebenfalls ihre Waffen gezogen und feuerten.
Eine Kugel traf den Beamten, der sich vor Cox gestellt hatte, die andere erwischte Liongirl, die Cox mit ihrem Körper deckte.
Sie spürte den Schmerz, als die Kugel traf, sich im Geflecht ihrer Kleidung verfing und abrupt abgestoppt wurde. Zwar drang das Geschoss nicht ein, gab aber die Energie ab und das entlockte ihr einen Schmerzensschrei.
»Weg hier!«, zischte sie Cox zu. Dieser nickte und lief los, zurück ins Gericht.
Schüsse fielen. Loyale Polizisten hatten die beiden Verbrecher erledigt. Aber noch war die Gefahr nicht gebannt.
Plötzlich tauchten zwei Gerichtshelfer auf. Sie waren ebenfalls bewaffnet und schossen sofort, kaum dass sie Cox und Liongirl sahen.
Eine Kugel erwischte den Staatsanwalt. Sie bohrte sich in seinen Magen und ließ ihn zusammenbrechen, das andere Geschoss ging fehl.
Scheiße! Liongirl zog ihr Schwert und jagte den Männern entgegen. Obwohl sie schossen, schafften sie es nicht, sie zu stoppen. Geschickt huschte sie durch den Gang und entging den Kugeln; keine einzige traf.
Dann war sie vor den beiden Gerichtshelfern. Stahl zischte durch die Luft, Schreie erklangen, als die Waffen samt Händen zu Boden fielen.
Erst als Liongirl die Männer enthauptete, endeten die Schreie.
Rasch eilte sie zurück, griff nach Cox und schaffte es, ihn zum Hinterausgang zu tragen.
»Dein Wagen ist unterwegs!«, rief Cohen. »Er ist gleich da.«
»Wie meinst du das, mein Wagen ist unterwegs?«, fragte Liongirl erstaunt.
»Fernsteuerung. Er kommt jetzt um die Ecke.«
Sie schaute auf und sah das Fahrzeug auf sie zuhalten. Dann griffen die Bremsen, das Auto schlidderte ein Stück, ehe es direkt vor ihr stoppte.
Sie riss die Tür auf, legte den schwer verletzten Beamten auf den Rücksitz und stieg erst dann ein.
Eine Kugel schlug gegen das Glas, spritzte aber davon, da alles an dem Fahrzeug kugelsicher war. Selbst die Reifen konnten einen Treffer einstecken, sich neu aufblasen und eine Flucht ermöglichen.
Liongirl stellte eine Verbindung zum Four Season-Hospital her. Das Krankenhaus gehörte Brown Enterprise, sodass sie sich sicher sein konnte, dort keinen von Genovese bestochenen Mediziner vorzufinden.
»Hier spricht Liongirl«, schnarrte sie in das Mikrofon des in den Helm integrierten Headsets. »Oberstaatsanwalt Cox wurde schwer verletzt. Ich bin in wenigen Minuten vor Ort, halten Sie die Notaufnahme bereit.«
»Aber …!«, hörte sie noch, legte aber auf, ohne etwas zu erwidern.
Sie jagte die Straße entlang, ignorierte rote Ampeln und hupte, um sich Vorfahrt zu verschaffen.
Das Hospital kam in Sicht.
Sie steuerte die Zufahrt für Rettungsfahrzeuge an, bremste hart ab und driftete in Position. Per Knopfdruck ließ sie die Zentralverriegelung aufschnappen.
Mehrere Ärzte und Schwestern standen bereit, um den Verletzten aus dem Fahrzeug zu holen.
Auch Liongirl stieg aus. »Tun Sie, was in Ihrer Macht steht, damit er überlebt. Sorgen Sie dafür, dass niemand zu ihm vorgelassen wird; auch keine Polizisten oder Kollegen.«
»Sie haben keine Befugnis, dies anzuordnen!«, rief einer der Mediziner. »Sie sind … was auch immer. Wer sagt uns, dass nicht Sie den Mann angeschossen haben?«
»Sollten Sie Zweifel an meinen Worten haben, können Sie sich bei Ihrer obersten Vorgesetzten rückversichern. Ich bin sicher, es ist in ihrem Sinne.«
Damit stieg Liongirl wieder in den Wagen, ließ die Zentralverrieglung zuschnappen und fuhr davon.
»Wie sieht es vor dem Gericht aus? Was melden die Medien?«, fragte sie anschließend.
»Großes Durcheinander. Jeder versucht, die Sensation auszuschlachten. Alle sind sich einig, dass die Verbrecher heute zu weit gegangen sind. Es gibt aber auch Spekulationen, dass dies eine von Liongirl eingefädelte Show war«, meldete Cohen.
»So ein Quatsch«, ärgerte sich Liongirl. »Warten wir …«
Sie schaute in den Rückspiegel und sah, dass zwei Streifenwagen mit Blaulicht hinter ihr herfuhren. Ein Beamter winkte mit einer Kelle, um sie zu stoppen.
Sie grinste kalt – und gab Gas.
Sofort nahmen die Wagen die Verfolgung auf, blieben aber zurück, als Liongirl erneut rote Ampeln und Stoppschilder missachtete, waghalsig durch den Verkehr steuerte und schließlich abbog, ohne dass es die Polizisten sahen.
»Die Luft wird künftig dünner«, murmelte sie und fuhr deutlich langsamer weiter. »Wir haben uns heute einige Feinde gemacht.«
Sie verließ die Innenstadt, fuhr auf der alten Straße weiter und bog schließlich ab, als sich die geheime Zufahrt zu Liongirls Zentrale links von ihr öffnete.
Kaum war sie hindurch, als Steine und Sträucher auf ihren Platz zurück fuhren und die Passage perfekt verdeckten.
Minuten später verließ sie das Fahrzeug und zog den Helm ab. »Wir müssen den Rücksitz reinigen, er ist voll Blut«, rief sie Benjamin zu. »Ich hoffe, du hast ein Mittel dafür.«
»Hier nicht, aber in Badgers Hall schon. Ich bringe den Wagen hin und lasse ihn reinigen. Du hast das Motorrad; reicht dir das?«
»Für ein, zwei Tage schon.« Sie ging zu Cocoa und küsste sie auf den Mund. Anschließend betrat sie die Umkleide und schälte sich aus ihrem Anzug. »Wenn du schon dort bist, kannst du dir auch etwas einfallen lassen, um die Kleidung besser zu polstern«, rief sie durch die geschlossene Tür. »Die Kugel wurde abgefangen, aber der Einschlag hat mir ganz schön zugesetzt.« Sie besah sich das Einschussloch. Der Anzug war hin; unrettbar verloren, denn eine Kugel hing im Geflecht und hatte dieses geschwächt.
Nackt stellte sie sich unter die Dusche.
Im Spind hingen weitere Anzüge, sodass sie jederzeit hinaus in die Nacht fahren konnte, sollte dies notwendig werden.
*
»Telefon«, rief Frank Porter und reichte Alexandra das tragbare Gerät. »Das Four Seasons-Hospital!«
Sie nahm es entgegen. »Ja?«
»Ah, ähm … Miss Brown«, hörte sie eine unsichere Stimme. »Hier spricht Professor Rados. Uhm … dieses Liongirl war heute hier und brachte Oberstaatsanwalt Cox; der Mann war schwer verwundet.«
»Ach wirklich?«, tat Alexandra erstaunt. »Ich sah in den Medien, was sich ereignete. Es gibt kein anderes Thema, nicht wahr?«
»Uhm … ja.« Er räusperte sich. »Sie bat … Nein, sie befahl uns, den Mann rund um die Uhr von unserem Sicherheitsdienst bewachen zu lassen. Niemand dürfe zu ihm, keine Polizei, keine anderen Beamten.«
»Sie wird ihre Gründe haben, das zu fordern. Offenbar waren es Beamte des HPD, die auf Cox schießen wollten. Er will gegen die Korruption bei Polizei und Gericht vorgehen. Kein Wunder, dass er da Feinde hat.«
»Schon. Aber solch eine Bewachung kann sie nicht einfach anordnen. Sie ist … nun ja, eine selbsternannte Rächerin. Wie vertrauenswürdig ist solch eine Frau?«
»Ich wies die Medien an, sie stets in einem positiven Licht zu zeigen, da ich ihr Vorhaben unterstütze. Endlich jemand, der tut, was wir alle nicht wagen. Wenn sie uns Cox anvertraut, dann zeigen wir uns dieses Vertrauens würdig und tun, was sie verlangt. Ich möchte, dass jedes meiner Unternehmen mit Liongirl kooperiert, was immer das auch bedeuten mag.«
»Wenn Sie das sagen … Also Bewachung und niemand …«
»Niemand. Wem das nicht gefällt, der darf sich gerne an mich wenden. Oder an Liongirl, falls er deren Nummer hat. Ich hätte sie übrigens auch gerne, denn ich würde mich gerne mit ihr unterhalten.« Damit beendete sie das Gespräch.
»Soll ich dies als Order an Ihre Unternehmen weitergeben`?«, fragte Porter, der zugehört hatte. »Dass jedes Unternehmen Liongirl zu unterstützen hat?«
»Ja, machen Sie das. Und geben Sie die Order auch an die Presse. Ich beziehe Stellung. Das ist besser, als zu schweigen.« Sie schaute zu Cocoa. »Oder wie siehst du das?«
Die Hackerin nickte. »Unbedingt. Es verleiht dir Glaubwürdigkeit und setzt dich nicht dem Verdacht aus, selbst Liongirl zu sein.«
Porter nickte und verließ die Zentrale, während sich Alexandra auf ihren Platz setzte und die News verfolgte.
Noch immer war Cox das Thema des Tages. Inzwischen wussten die Medien, in welchem Hospital er behandelt wurde; mehr aber nicht.
»Ich registriere heftige Aktivitäten bei Genovese«, merkte Cocoa nach einer Weil an. »Da werden Telefonate geführt, Daten verschickt und große Summen transferiert.«
»Ach was?« Alexandra schaute auf. »Wohin fließt das Geld denn?«
»Auf ganz verschiedene Konten, überwiegend Cayman Islands.«
»Kannst du die Gelder abfangen?«
»Sicher. Sie fließen nun alle auf das Konto von Liongirl, welches ich erst gestern bei einer Bank auf den Cayman Islands eingerichtet habe. Die Telefonate werden aufgezeichnet, die Daten beim Versand kopiert. Wir wissen bald genau, was dort läuft.«
Es dauerte knapp 20 Minuten, dann legte sich die Aufregung im Netzwerk des Mafia-Paten.
»So, schauen wir mal.« Cocoa begann, die aufgezeichneten Telefonate abzuhören.
Schon nach den ersten Worten wurde klar, worum es ging.
»Genovese soll abgelöst werden. Die Organisation, für die er arbeitet, ist alles andere als zufrieden mit ihm. Liongirl hat ihm Angst eingejagt!«, rief Alexandra.
Sie hörten weiterhin zu.
Genovese telefonierte mit Untergebenen, aber auch mit Vorgesetzten. Zu den einen war er kalt und direkt, zu den anderen höflich, fast schleimig.
Schließlich schaffte er es, seine Oberen zu besänftigen. Bis Februar sei das Thema Liongirl erledigt und die Schlampe totes Fleisch.
»Dass er sich da mal nicht irrt«, grummelte Alexandra. »Für wen war das Geld?«
»Richter, Staatsanwälte, hochrangige Polizeibeamte.«
»Ich brauche eine Liste. Und dann wird sich Liongirl an die Presse wenden. Mal sehen, wen wir aufschrecken können.« Sie grinste boshaft. »Ich denke, nach diesen Aktionen wird es für manche ein böses Erwachen geben!«
- V -
Das große Zittern vor Weihnachten
Die Lampen im Studio 1 von BMCO – Brown Media Channel One – strahlten eine eher gedämpfte Helligkeit ab. Hier, in diesem Studio, wurde die tägliche Nachrichtensendung Heliopolis & The World Today produziert.
Die Einschaltquoten waren enorm; höher als die anderer Nachrichtensendungen. Das lag auch daran, dass sich der Sender dem Trend zu immer blutigeren, immer sensationsgeileren Berichterstattungen verweigert hatte. Die Verantwortlichen setzten auf Kontinuität und Seriosität. Das gefiel dem erwachsenen Publikum, während Jugendliche bis zu einem gewissen Alter lieber andere News verfolgten. Damit entging BMCO zwar ein Teil der Werbeeinnahmen, da sie nur ein Drittel der werberelevanten Zielgruppe erreichte, aber dies nahm man gerne in Kauf. BMCO hob sich von den Krawall-Sendern ab, bediente ein Publikum, das nachwuchs und konnte so auf stabile Einnahmen blicken.
Abgesehen davon betrieb Brown Media noch andere Sender, die dann auch das junge Publikum bedienten. Der Wurm musste schließlich dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.
Die Moderatorin von Heliopolis & The World Today hatte schon viele wichtige, spannende und auch tragische Nachrichten verlesen. Sie war seit Jahren im Geschäft, Politiker und Stars waren bei ihr zu Gast gewesen, um sich interviewen zu lassen.
Dennoch war Jolene Baker nervös, als sie ihre Blätter sortierte. Immer wieder schaute sie auf die Uhr.
Liongirl hatte sich angekündigt; jene mythische Frau, von der die Stadt sprach. Spätestens seit ihrem Eingreifen vor dem Gericht war auch dem Letzten klargeworden, dass tatsächlich ein Krieg tobte und sie an vorderster Front stand.
Wer war die Frau, auf die ihre oberste Chefin so große Stücke hielt, dass sie jede Form von Kritik an ihr verboten hatte? Wer die Frau, die sich in ein Heldenkostüm zwängte und als Rächerin die Stadt vom Gesindel reinigen wollte? Was hatte sie zu diesem Schritt getrieben?
Ihre Hände waren feucht, als die Tür des Studios geöffnet wurde und Liongirl eintrat. Die Superheldin strahlte eine solche Stärke und Selbstsicherheit aus, dass Jolene Baker unwillkürlich schluckte. Nicht einmal der Präsident der Vereinigten Staaten hatte eine solche Macht ausgestrahlt, wie es Liongirl tat. Und das, obwohl der Präsident mit Sicherheit mächtiger war als diese Rächerin.
»Liongirl …« Jolene Baker deutete auf einen bequemen Sessel. Die Kulisse der Nachrichtensendung war nicht zu sehen, dafür jene von Heliopolis & The World Today - Interview. Das Logo der Nachrichtensendung hing zwar prominent im Hintergrund, doch statt der Theke, hinter der Jolene normalerweise gemeinsam mit ihrem Kollegen von der Sportredaktion saß, befanden sich zwei Sessel sowie ein Tisch mit Getränken im Vordergrund.
» Jolene …« Liongirl verneigte sich knapp. »Ich darf dich so nennen? Oder bevorzugst du die förmliche Anrede?«
Die Moderatorin schüttelte den Kopf. »Nein, du kannst mich ruhig bei meinem Vornamen nennen. Setz dich doch, dann können wir dich verkabeln.« Sie lachte nervös, während sie selbst Platz nahm. »Sollen wir dir einen Strohhalm bringen? Dann kannst du das Visier ein Stück öffnen und etwas trinken.«
»Ich bin nicht durstig«, erwiderte Liongirl. »Aber ihr solltet die Zuschauer der anderen Sender Eures Konsortiums warnen. Das, was ich zu sagen habe, wird die Stadt erschüttern und niemand wird es sich entgehen lassen wollen.«
»Ist das … eine Anordnung?«, fragte Jolene Baker leise.
»Eine Anordnung? Nein, wieso. Ihr müsst wissen, was ihr tut.« Sie lächelte unter dem Helm, aber das konnte die Moderatorin nicht sehen.
»Wir blenden einen Hinweis ein!«, meldete die Regie über Lautsprecher. »Die Sendung beginnt in drei Minuten.«
Ein Assistent erschien und stecke Liongirl das Mikrofon an. Anschließend eilte er wieder davon.
Jolene ging ihre Kärtchen mit Fragen durch.
»Das Thema meine Identität betreffend wird nicht angeschnitten!«, erklärte Liongirl. »Das ist dir klar?«
»Völlig. Darf ich nach deinen Motiven fragen?«
»Ja.«
Jolene Baker nickte. Sie schaute kurz zu Liongirl. Das Visier des Helms war blickdicht. Egal wie die Superheldin auch saß, sie konnte nicht deren Gesicht erkennen.
»Wir beginnen in zehn, neun, acht, sieben, sechs …«
Die Stimme hallte durch den Raum. Kameras und Techniker waren bereit.
Beide Frauen schauten in Kamera 1. Daneben stand ein Teleprompter. Auf diesem wurden die Sekunden ebenfalls hinabgezählt.
Das Aufnahmelicht der Kamera flammte auf, der Prompter zeigte das Wort Jingle. Dieses verblasste, ein Go wurde sichtbar.
»Meine Damen und Herren, hier ist …«
Jolene Baker sprach die Worte, die vielen Zuschauern der Sendung bestens vertraut waren.
Anschließend stellte sie ihren Gast vor – Liongirl.
Der erste Part drehte sich um die Person selbst. Die Motivation, das Attentat auf den Staatsanwalt und andere Einsätze.
Liongirl sprach deutlich und nahm kein Blatt vor den Mund, achtete aber darauf, sich nicht zu verraten. Eine unbedachte Äußerung, und der Verdacht, sie könne Alexandra Brown sein, wäre in der Welt.
»Kommen wir nun zu etwas anderem«, bat Jolene. »Du sagtest, du hättest Informationen, die viele Menschen erschüttern würden. Was genau ist es?«
Liongirl hielt eine Liste in die Höhe. Gleichzeitig liefen die Namen, Kontonummern und Beträge auch über die Bildschirme der Zuschauer, denn Liongirl hatte die Daten zuvor digital an den Sender übermitteln lassen. »Nach dem Attentat heute auf den Staatsanwalt geriet mein sehr spezieller Freund Genovese unter Druck. Seine Vorgesetzten waren … unzufrieden … mit ihm. Er versprach, mich bis Februar aus dem Weg geräumt zu haben. Anschließend überwies er große Summen an die hier aufgeführten Männer und Frauen bei Polizei, Gericht, Stadtverwaltung … Jeder einzelne ist ein Lakai von Genovese.«
Jolene Baker starrte Liongirl an. »Das ist … Du meine Güte, das ist bemerkenswert. Wie … Woher …« Es gelang ihr in diesem Moment nicht, die Maske der professionellen Reporterin zu wahren. Zu erstaunlich waren diese Daten.
»Ich arbeite nicht alleine!«, erklärte Liongirl. »Mein Team agiert im Hintergrund. Wir haben unsere Augen an vielen Orten dieser Stadt. Auch im Cyberspace.«
Liongirl beugte sich vor, um direkt in die Kamera zu blicken. »Ich werde den einen oder anderen auf dieser Liste besuchen. Damit er weiß, warum man die guten Bürger dieser Stadt nicht für eine große Summe an die Mafia verkauft. Ich werde dort draußen sein! Freut euch auf mich – es wird mit Sicherheit sehr unterhaltsam!«
Damit endete die Sendung, denn Liongirl wollte keine telefonischen Fragen zulassen. Sie klemmte das Mikrofon ab, nickte Jolene Baker kurz zu, dann eilte sie davon.
Zurück blieb Jolene Baker, die nicht wusste, aber ahnte, wie mächtig diese eine Sendung geworden war. Diese Ankündigung, die unverhohlene Drohung, würde die Stadt in Aufruhr versetzen. Und sie, Jolene Baker, hatte das Interview geführt.
»Bei Genovese geht es rund!«, meldete Cocoa, während Liongirl durch die Nacht jagte. »Anrufe, Faxe, E-Mails. Die Oberen der Stadt sind aufgeschreckt. Panisch. Ich schneide mit, was reinkommt. Ich denke, Genovese ist am Ende.«
»Schicke seinen Bossen eine klare Botschaft. Das hier ist meine Stadt und wen auch immer sie anstelle von Genovese schicken, wird von uns ebenso demontiert wie er. Die Zeit, in der das Verbrechen in Heliopolis wucherte, ist vorbei!«
»Mache ich. Mal sehen, was sie sagen.«
»Gut. Ich fahre in der Klinik vorbei. Ich hoffe, dass Cox ansprechbar ist!«
*
Der Oberstaatsanwalt lag in seinem Bett und hielt den Blick auf das TV-Gerät an der Wand gerichtet. Auch er hatte das Interview verfolgt und sich seinen Teil gedacht.
Als Liongirl den Raum betrat, schenkte er ihr ein schmales Lächeln. »Du hast mir das Leben gerettet und einen Feldzug gegen die Marionetten der Mafia gestartet. Sehr gut.«
»Du warst unvorsichtig!«, erklärte Liongirl, ohne auf das Lob einzugehen. »Was, wenn ich nicht vor Ort gewesen wäre?«
»Ich vertraute darauf, dass du es bist. Ich wollte eine Demonstration. Ich wollte, dass es zum Eklat kommt. Und ich war bereit, das Risiko einzugehen und notfalls zu sterben.«
»Du bist ein guter und tapferer Mann, Cox. Aber in Zukunft solltest du solche Aktionen mit mir absprechen.« Sie trat ans Fenster und schaute hinaus. »Wie geht es dir?«
»Ich komme wieder auf die Beine. Ein paar Tage, dann bin ich wieder auf dem Damm.«
»Gut, denn im neuen Jahr werde ich dich brauchen. Gibt es einen Polizisten, dem du vertraust? Einen, der auf unserer Seite ist?«
»Ich rufe ihn an!«, versprach der Oberstaatsanwalt. »Captain Lou Wallace. Ein guter Mann. Integer, da lege ich meine Hand für ins Feuer.«
»Ich lasse ihn durchleuchten. Wenn er sauber ist, möchte ich ihn treffen. Details erfährt er von mir.«
Damit wandte sie sich zum Gehen. »Pass auf dich auf. Bleib hier, bis du wieder auf dem Damm bist. Keine Sorge, das Haus kommt für deine Unkosten auf. Oder besser gesagt, deren großzügige Besitzerin.«
»Alexandra Brown?« Cox runzelte die Stirn. »Du kennst sie?«
»Nein. Aber sie gab Anweisung, mich zu unterstützen. Das macht sie mir sympathisch. Zudem wurde sie von uns durchleuchtet – sie ist sauber.«
Cox lachte bitter auf. »Darauf kannst du Gift nehmen. Sie hasst das Verbrechen nicht weniger als du. Eine reiche Schnecke auf Romance Hill, die mit ihrem Geld und ihrem Einfluss versucht, etwas zu bewegen. Sie ließ den ehemaligen Bürgermeister auffliegen. Kein Wunder, dass sie dir sympathisch ist.« Er zögerte. »Du kennst ihre Geschichte?«
»Nein«, log Liongirl.
In knappen Worten gab der Oberstaatsanwalt wieder, was sich einst im Hause Brown ereignet hatte. Er verschwieg auch nicht, dass sich Alexandra seitdem zurückgezogen hatte und sehr einsam lebte.
»Morgen ist Weihnachten«, erklärte Liongirl, nachdem Cox seine kleine Erzählung beendet hatte. »Gönnen wir den Menschen ein klein wenig Frieden. Ich besuche die korrupten Wichser zwischen den Jahren. So sie nicht aus der Stadt geflohen sind!«
Sie ging zur Tür. »Brauchst du etwas? Ich kann es besorgen lassen.«
»Zutritt für Alice Clark – meine Assistentin. Sie ist absolut vertrauenswürdig.«
»Ich lasse sie durchleuchten und gewähre Zutritt, so sie sich tatsächlich als sauber erweist. Sonst noch etwas?«
Er schüttelte den Kopf. »Nein, vielen Dank. Ich stehe in deiner Schuld.«
»Wir haben eine gemeinsame Mission zu erfüllen. Im neuen Jahr musst du fit und wach sein, um dich den Erfordernissen zu stellen.«
Damit verließ sie das Zimmer und anschließend auch das Krankenhaus.
»Ich habe beide Personen überprüft!«, meldete Cocoa. »Sie sind sauber.«
»Rufe bitte das Krankenhaus an und sage ihnen, sie dürfen die Assistentin passieren lassen. Anschließend kaufen wir die leer stehende Halle 17/4 – eine Querstraße von jener entfernt, die ich in die Luft gejagt habe. Daniel soll sie als Treffpunkt von Liongirl und ihren Gästen herrichten. Kameras, Mikrofone, ein Tisch, zwei Sessel, ein paar Getränke und ein Computer mit Internetzugang – mehr nicht. Dort treffe ich mich mit Lou Wallace am 29. Dezember um Mitternacht. Cox soll das Treffen vereinbaren.«
»Alles klar.« Nicht Cocoa bestätigte die Order, sondern Frank Porter. Er saß inzwischen häufiger in der Zentrale, hatte dort einen eigenen Platz erhalten und übernahm Organisatorisches, damit sich die anderen auf ihre Kernaufgaben konzentrieren konnten.
Porter saß noch an seinem neu hinzugekommenen Schreibtisch, als Liongirl auf ihrem Motorrad in die Zentrale rollte, den Helm auszog und wieder zu Alexandra Brown wurde.
»Alles vorbereitet?«, fragte sie.
»Aber ja.« Porter lächelte. »Wissen Sie, Miss Brown – es ist sehr aufregend, in diesem Alter noch einmal Teil von etwas so Großem und Außergewöhnlichem zu werden. Es bereitet mir große Freude.«
»Schön!« Sie schenkte dem Mann ein warmes Lächeln. »Wir sollten uns über Ihr Gehalt unterhalten. Wie wäre es mit einem Aufschlag von 25 Prozent?«
»Nun, das ist ausgesprochen großzügig!«, rief er.
»Dann veranlassen Sie es. Und erhöhen Sie das Gehalt von Hazle um 10 Prozent. Es ist Weihnachten, alle sollen ein debiles Grinsen auf dem Gesicht haben.«
»Ähm ja …« Der Mann nickte und machte sich wieder an die Arbeit.
»Ich habe einen Baum im Salon aufbauen lassen, aber schmücken werde ich ihn selbst!«, erklärte Cocoa. »Ich weiß, dass du bislang keinen Baum wolltest. Aber ich finde, wir sollten Weihnachten so nett und angenehm wie möglich gestalten.«
»Einverstanden!«, rief Alexandra. Sie schaute zu Porter, der knapp nickte, sonst aber nichts sagte – die bei verschiedenen Versandhäusern bestellten Geschenke waren demnach eingetroffen. »Wir beide werden ohnehin alleine sein, denn alle anderen feiern mit ihren Verwandten. Das Essen wird angeliefert, wir brauchen uns um nichts zu kümmern.«
»Mir macht das nichts«, gab Cocoa zurück. Sie klang … zufrieden.
- VI -
Konspiratives Treffen
Weihnachten war gekommen und gegangen.
Seit dem Tod ihrer Eltern hatte Alexandra kein derart schönes, inniges und liebevolles Christfest mehr verlebt.
Sie und Cocoa waren sich noch näher gekommen und hatten ihre Liebe gefestigt. Sie waren nun ein Paar – bar jeden Zweifels.
Aber all die Liebe, den Sex und die Geschenke musste Liongirl nun verdrängen, denn sie saß in Halle 17/4 in einem Sessel, schaute auf den Monitor des Notebooks und wartete auf Lou Wallace.
Die Halle war exakt so ausgestattet, wie es Liongirl gewollt hatte; Daniel Cohen war einmal mehr über sich hinausgewachsen.
Es existierten sogar eine Zufahrt für den Wagen sowie ein geheimer Fluchtweg. Er und sein Team aus Badgers Hall hatten ganze Arbeit geleistet.
»Da kommt ein Auto. Nur eine Person«, meldete Cocoa. »Sobald er die Halle betritt, schalte ich den Störsender ein. Nur für den Fall, dass er das Gespräch mitschneiden will.«
»Großartig. Aber unsere Signale sind sicher?«
»Absolut!«
Liongirl blickte dem Beamten entgegen, als dieser die Halle betrat, sich irritiert umschaute und dann zum noch freien Sessel ging.
Sie blickte auf den Monitor des Computers. Dort war eine aktuelle Fotografie von Wallace zu sehen.
Der Mann, der eintrat, war eben jener Polizei-Captain, auf den sie wartete.
»Cox hat mich angerufen«, erklärte Wallace und setzte sich. Er war 45 Jahre. Seine Kleidung war zerknautscht, sein Gesicht ebenfalls. Sorgenfalten hatten sich eingegraben, Ringe lagen um seine Augen. Das schüttere Haar war an manchen Stellen grau, an anderen noch braun. Überstunden und Rückschläge hatten ihre Spuren bei ihm hinterlassen. Die Waffe hing locker in einem Schulterholster, das unter dem offenen Mantel hervorlugte.
In der Halle war es nicht kalt; Cohen hatte Heizstrahler installiert. Im Sommer würde eine Klimaanlage für Kühle sorgen.
»Sie sind integer. Ein Mann, der seinen Amtseid ernst nimmt. Ich will mit Ihnen keine Pläne schmieden, keine Verträge aushandeln. Cox und ich stehen auf der gleichen Seite und arbeiten Hand in Hand. Meine Frage ist ganz einfach: Sind Sie dabei oder nicht?«
»Und wenn nicht?«, fragte er.
Sie zuckte mit den Schultern. »Wenn Sie nicht dabei sind, weil sie sich doch bestechen lassen wollen, haben Sie ein Problem. Wenn Sie nicht dabei sind, weil Ihnen meine Methoden nicht gefallen und Sie das Gesetz auch in dieser Hinsicht vertreten wollen, ist es in Ordnung.«
»Ich bin dabei.« Er holte einen Nikotin-Kaugummi aus der Tasche. »Will mir das Rauchen abgewöhnen«, erklärte er dabei. Dann fixierte er Liongirl. »Ich bin dabei, weil ich Cox und auch dir zustimme. Wir haben Krieg und den gewinnt man nicht nach Dienstvorschrift Paragraph 2.«
»Gut.« Sie reichte ihm ein altmodisch aussehendes Handy sowie einen kleinen Kasten mit einem Button. »Das Handy kann nur dazu genutzt werden, mit mir zu kommunizieren. Ich erreiche Sie und Sie mich, wenn Sie die 1 drücken. Die Frequenz ist absolut sicher.«
»Und der Drücker hier?«, fragte Wallace und deutete auf den kleinen Sender.
»Ein Notknopf. Wenn die Kacke dampft und Sie nicht sprechen können, drücken Sie den Knopf. Wir lokalisieren Sie und ich komme.«
Wallace schüttelte den Kopf. »Scheiße. Ich bin in einem verdammten Superhelden-Comic gelandet. Was für ein elender Mist.« Er beugte sich vor. »Du weißt, wie das läuft, Liongirl. Erst machst du die normalen Verbrecher platt. Und dann kommen die Superschurken und treten dir in den Arsch.«
Für einen Moment erwiderte Liongirl nichts.
Heroman kämpfte oft gegen Superschurken.
Aber gab es die auch im wahren Leben? Oder würde es sie geben, weil es Liongirl gab?
»Wir werden sehen. Kommen die Superschurken, trete ich ihnen in ihren Superschurkenarsch. Ich lasse jeden Zittern, der die Stadt und ihre guten Bürger bedroht.«
Wallace stand auf. »Hoffen wir, dass du wirklich so gut bist! Ich bin auf deiner Seite. Mal sehen, wohin das führt.« Damit wandte er sich ab und ging davon.
»Danke, Captain Wallace!«, rief sie ihm nach.
Er hob nur die Hand zu einem Winken.
»Superschurken!«, murmelte Liongirl, als sie zu ihrem Wagen ging. »Glaubst du, die Gefahr besteht?«
Ein paar Sekunden lang schwieg Cocoa. Dann räusperte sie sich.
»Ja, das denke ich. Wir sollten darauf gefasst sein. Genoveses Bosse werden nichts unversucht lassen, um dich aus dem Weg zu räumen. Mal sehen, was sie aufbieten.«
Ein unangenehmes Ziehen breitete sich in Liongirl Magen aus.
*
Die Zeit nach dem Interview bei BMCO würde als der große Hell City-Exodus in die Geschichte der Stadt eingehen; dessen waren sich die Medien sicher.
Viele der namentlich genannten Freunde von Genovese zogen es vor, aus der Stadt zu verschwinden. Manche noch in der gleichen Nacht, andere in den Tagen darauf.
Richter, Polizisten, Stadtverordnete, aber auch hochrangige Angestellte im Baugewerbe, bei Gewerkschaften und den Stadtwerken zogen es vor, sich aus dem Staub zu machen. Plötzlich waren enorm viele Stellen vakant, was einigen Arbeitslosen zugute kam.
Jene, die nicht gingen, umgaben sich mit Leibwächtern und verschanzten sich hinter Alarmanlagen, doppelten und dreifachen Schlössern, vergitterten Fenstern und gepanzerten Limousinen.
Einzig die Unternehmen von Alexandras Gruppe verloren keinen einzigen Mitarbeiter; was in den Medien ebenfalls erwähnt wurde. Und das, obwohl sie der größte Arbeitgeber von Hell war.
Einer der Männer, die geblieben waren, hörte auf den Namen Donald Copper. Ein Gewerkschafter der Baubranche. Er war für Streiks und Arbeitsverweigerung zuständig, wann immer Genovese mit der Hand winkte. Mit fadenscheinigen Begründungen nutzte Copper das Recht auf Ausstände aus, um Ziele seines italienischen Freundes durchzusetzen.
Liongirl mochte den Mann nicht. Das lag nicht daran, dass er feist, grobschlächtig und von eher einfacher Struktur war. Sie erinnerte sich jedoch daran, dass die Bauarbeiter in jener Woche streikten, als eine Gesetzesinitiative zur Verschärfung des Strafrechts anstand.
Eine Initiative, die Alexandra vorangetrieben hatte, letztlich aber aufgrund von Korruption und Druck seitens Genovese scheiterte.
Der damalige Bürgermeister war von ihr bereits aus dem Amt gejagt worden. Nun stand jener Mann auf ihrer Liste, dem sie eine Mitschuld am Scheitern der Initiative gab.
Copper hatte die Sicherheitsmaßnahmen auf seinem Anwesen verschärfen lassen. Hunde patrouillierten in seinem Garten, eine Sicherheitsfirma schaute regelmäßig vorbei und in seinem Haus gab es verschiedene Vorrichtungen, die ein Eindringen verhindern sollten.
Der Fehler lag nicht in der Anschaffung, Schaltung oder Justierung der verschiedenen Instrumente, sondern darin, dass sie alle online überwacht und gewartet wurden.
Cocoa hatte keine fünf Minuten gebraucht, um sich in das System zu hacken und es auszuschalten.
Als Liongirl über den Zaun sprang, sich von einem Baum auf das Vordach und von dort hinauf auf das Dach des Gebäudes schwang, schlugen weder die Hunde noch die Alarmanlagen an. Auch die Kameras, die strategisch verteilt das gesamte Anwesen überblickten, zeigten nichts Ungewöhnliches.
Liongirl eilte geduckt über das Flachdach, erreichte die Tür, durch die man ins Innere gelangte, und öffnete sie ohne Mühe.
Den Code, der sie sicherte, hatte Cocoa zuvor ermittelt.
Sie fand Copper und seine Familie im Wohnzimmer. Sie saßen vor einem großen LCD-TV und genossen die Zeit zwischen den Jahren.
Weihnachten war vorbei; dennoch brannten die bunten Lichter an dem großen Baum, der links neben dem TV in einer Ecke stand.
Vater Copper hatte eine Flasche Bier vor sich stehen, Mutter Copper einen Wein und Copper-Junior eine Limonade.
Liongirl zog ihre Waffe und schoss einen gebündelten Strahl hochenergetischer Teilchen auf das Gerät.
Das Display zerplatzte, Funken stoben und Familie Copper stieß einen kollektiven Schrei aus.
»Guten Abend!«, erklärte Liongirl kalt.
Erst jetzt drehten sich die Anwesenden um – und erstarrten, als sie sie sahen.
»Ich habe versprochen, ein paar Hausbesuche zu machen. Nun, hier bin ich.«
»Die Wachmannschaft wird bald da sein!«, rief Copper panisch. Er schaute sich um, als könne er die Männer bereits hören.
»Nein, werden sie nicht. Niemand weiß, dass ich hier bin. Deine lächerlichen Alarmsysteme halten mich nicht auf. Ich bin Liongirl, die Herrin des Zitterns. Mich hält nichts auf.«
Sie wusste, dass das dick aufgetragen war. Aber Mama und Sohn Copper sollten später in aller Ausführlichkeit berichten, was sich hier ereignet hatte.
Donald Copper würde dazu nicht mehr in der Lage sein.
»Bitte!«, rief Frau Copper. »Das Kind …«
»Dem Kind wird nichts geschehen. Nicht körperlich. Der Schock, wenn es sieht, was ich seinem Vater antue, ist natürlich etwas anderes.« Liongirl ging durch den Raum. »Du hast von Genovese Geld angenommen, um die Gewerkschaftler auf Linie zu bringen. Wann immer Genovese einen Streik brauchte, hast du ihn inszeniert.«
Copper schluckte und wich zurück, bis sein Rücken an die Fensterbank stieß. Dort wirbelte er herum, hielt aber inne, als er die von ihm angebrachten Gitter sah.
Hier gab es für ihn keinen Fluchtweg.
»Bitte!«, flehte er, während sich seine Familie stumm und mit Horror in den Augen niedersetzte. »Ich … gebe das Geld zurück. Ich schwöre, dass ich …«
»Du hast kein Geld mehr, denn wir haben dein kleines, geheimes Konto auf den Cayman Islands geleert. Und nein – du wirst tatsächlich niemals wieder für Genovese arbeiten. Es sei denn, in der Hölle.«
Sie steckte die Strahlenpistole ein und nahm das Schwert zur Hand.
Copper erbleichte. Er sank auf die Knie, Tränen schimmerten in seinen Augen. Im Schritt wurde es nass, als er sich in die Hose pinkelte.
Liongirl sah den feisten, boshaften Mann auf dem Boden knien. Sie spürte den Hass in sich gären. Hass, den sie auch empfand, als ihre Gesetzesinitiative abgelehnt wurde.
»Wie war das damals?«, fragte sie zwischen. »Als Alexandra Brown eine Verschärfung des Strafrechts wollte. Wie viel hast du bekommen, um die Bauarbeiter streiken zu lassen? Um die Straßen und Brücken zu blockieren?«
»Es waren 250.000 Dollar«, gab er mit weinerlicher Stimme zu. »Ich … Bitte, ich werde in Zukunft tun, was immer du willst. Lebend bin ich dir …«
»Nein, tot bist du wertvoller. Damit die Menschen da draußen wissen, was geschieht, wenn sie sich mit dem Bösen einlassen.«
Sie stand vor dem Mann und richtete die Schwertspitze auf dessen Brust. »Verabschiede dich von deiner Familie, Copper!«
»Bitte, tun Sie es nicht!«, rief seine Frau, während Copper Junior in Tränen ausbrach.
Der Gewerkschaftler leckte sich über die Lippen. »Nein, nicht. Ich …«
Die Klinge blitzte im Licht der Lampe auf.
Ein schneller Schnitt. So schnell, dass Donald Copper kaum Schmerzen verspürte. Nur ein leichtes Brennen.
Als er jedoch seinen Kopf senkte und an sich herabblickte, sah er einen tiefen Riss in seinem Leib. Blut und Innereien quollen daraus hervor.
Er griff danach und presste seine Hände auf den Bauch, um die Därme davon abzuhalten, hinauszufallen. Ihm wurde schwarz vor Augen, Übelkeit und Schwäche griffen gleichzeitig nach ihm.
»Das geschieht mit jedem, der sich an das Böse verkauft und die guten Bürger dieser Stadt hintergeht. Niemand, der Geld von Genovese oder einem anderen Paten annimmt, wird verschont. So wenig, wie die Opfer von Genovese eine Chance auf Gnade haben!«, erklärte Liongirl. Sie schaute dabei Copper Junior an. »Dein Vater ist ein sehr, sehr schlechter Mensch gewesen und heute wird er dafür bestraft. Ich möchte, dass du das begreifst.«
Der Junge nickte, während er voll Entsetzen auf das Blut schaute, das einen See um die Beine seines Vaters bildete.
Donald Copper kniete noch immer. Er gab ächzende Laute von sich und hielt seine Innereien im Zaum.
»Es macht mir keinen Spaß, Menschen auf diese Weise zu bestrafen«, sagte sie sanft zu dem Kind. »Wirklich, ich hasse es. Aber wenn ich es nicht tue, dann tut es niemand. Und dann wird das Böse mächtiger und mächtiger. Es packt jeden und zwingt ihn zu grauenvollen Taten; abscheulicher als das, was du hier siehst.«
Sie wirbelte herum, schlug mit dem Schwert zu und enthauptete Copper.
Der Kopf flog gegen die Reste des TV-Geräts, Frau Copper fiel nach einem hysterischen Schrei in Ohnmacht und der Unterkiefer des Jungen klappte herunter.
Liongirl blickte das Kind noch einmal an. »Eines Tages wirst du begreifen, was heute geschehen ist. Und du wirst begreifen, was dein Vater getan hat. Du kannst mich hassen, du wirst mich hassen. Aber dann, wenn du begreifst, wird sich der Hass wandeln und es ist dein Vater, den du hasst.«
Sie wischte das Blut von ihrer Klinge, ließ sie einschnappen und verließ das Wohnzimmer. »Ihr braucht nicht die Polizei zu informieren. Das machen wir.«
Sie eilte die Stufen hinauf und verschwand auf dem gleichen Weg, den sie gekommen war.
Cocoa schaltete die Alarmeinrichtungen und Kameras scharf, kaum dass Liongirl in ihrem Wagen saß und davonfuhr.
»Das war der Erste!«, rief Liongirl, als sie durch die Stadt jagte. »Vier fehlen noch, dann sollte unsere Botschaft angekommen sein!«
»Wenn nicht, ist ihnen nicht mehr zu helfen«, erwiderte Cocoa ungerührt.
- VII -
Nachbeben
Die Jahresendfeier auf Romance Hill wurde seit vielen Jahrzehnten traditionell am 30.12. gefeiert. Es war explizit keine Silvesterfeier, denn die meisten Bewohner des Nobelviertels wollten die letzte Nacht des Jahres entweder mit ihren Lieben oder in der großen Halle im Zentrum der Stadt, dem so genannten Avalon Center, verbringen. Die Silvesterparty dort war legendär. Der Ball stand jedem offen. Selbst jene mit schmalem Geldbeutel fanden Zutritt, mussten sich jedoch mit den Plätzen am Ende des Saals begnügen, während die Reichen und Schönen direkt an der Bühne saßen und die opulente Show genießen konnten.
Wurde dann aber nach dem großen Feuerwerk zum Tanz aufgespielt, gab es keine Klassenunterschiede mehr und so mancher Underdog hatte sich hier sein Uptowngirl gesichert.
Alexandra hatte bislang keine dieser beiden Feiern besucht. Sie war jedem Vergnügen aus dem Weg gegangen, so gut es eben ging.
Nun aber stand sie am Eingang der Festival Hall und schaute sich nervös um. Aus dem Inneren drangen bereits laute Musik und Lachen, es roch nach köstlichem Essen.
Sie trug einen eleganten Damenanzug, während sich Cocoa für ein Kleid entschieden hatte. Auch die junge Hackerin war unsicher, wusste aber, dass sie in diesem Moment die Stärke besitzen musste, um ihre Freundin und sich in diese Halle zu bringen. Als Liongirl strahlte Alexandra eine unerschütterliche Härte und Zuversicht aus. Als Alexandra Brown hingegen war sie scheu, höflich und ängstlich.
Cocoa kannte keine andere Person, die sich derart verwandelte, kaum dass sie in eine andere Kleidung schlüpfte. Es war, als sei ihre Freundin schizophren – mit dem Unterschied, dass sie ihre beiden Persönlichkeiten vollständig kontrollieren konnte und sie sich beider bewusst war.
Sie umschloss die Hand ihrer Freundin. »Komm schon – wir schauen der feierwütigen Bande tapfer ins Antlitz.«
»Machen wir!«, bestätigte Alexandra, öffnete die Tür und beide traten ein.
»Alex!«, rief Charles Reynolds und kam näher. »Wie schön, dass du doch an unserer kleinen Feier teilnimmst. Und dann in so entzückender Begleitung!«
Der Millionär ließ seinen Blick über Cocoa gleiten, die freundlich, aber distanziert lächelte. Hier in dieser Halle feierten die Reichen und Schönen. Sie gehörte nicht zu diesem Kreis, denn sie besaß keine Millionen. Auch wenn sie über ihr Gehalt nicht klagen konnte.
»Charles, das ist Cocoa Hannigan – meine Freundin«, erwiderte Alexandra. Dabei lächelte auch sie tapfer.
»Wirklich sehr schön«, erklärte der Millionär. Er schaute unauffällig auf die Hand der Programmiererin und konnte dort keinen Ring entdecken. »Hast du was dagegen, wenn ich Cocoa meinem Sohn vorstelle? Er muss hier …«
»Charles – Cocoa ist meine Freundin. Meine Lebensgefährtin, Liebe, meine Seelenverwandte. Du kannst sie gerne jedem vorstellen, aber nicht mit der Intention, sie mit deinem Sohn zu verkuppeln. Sie ist vergeben!«
»Was sagt man dazu!«, rief Reynolds. »Nicht nur, dass du endlich zu unseren Feiern kommst. Nein, du hast auch jemanden gefunden. Wie mich das freut.« Er winkte ein paar Freunde herbei. »Alexandra ist hier – und zwar mit ihrer Lebensgefährtin. Hättet ihr gedacht, sie sich jemals verlieben würde?«
»Ähm ja …« Die beiden Frauen schauten sich verlegen um. »Danke, dass du uns zum Gespräch des Abends gemacht hast.«
»Keine Sorge, das seid ihr nicht«, erwiderte eine ältere Frau mit maliziösem Lächeln. »Dazu müsstet ihr schon ein paar korrupte Idioten liquidieren. So wie Liongirl. Sie ist das Thema des Abends.«
»Ach?« Alexandra zuckte mit den Achseln. »Jeder bekommt, was er verdient.« Sie griff nach einem Glas mit Champagner, welches ein Bediensteter des Catering-Services reichte. »So wie wir!«
Auch Cocoa griff zu, während die Umstehenden in Gelächter ausbrachen.
Charles Reynolds räusperte sich. »Ich kenne dich nicht, Cocoa, aber eines ist klar; so gut gelaunt war Alex schon sehr viele Jahre nicht mehr.« Er blickte zu ein paar Männern und Frauen, die an einem Tisch etwas abseits saßen und sich unterhielten. »Haltet euch von denen fern, damit das so bleibt!«
»Warum?«, wunderte sich Cocoa.
»Republikaner mit einer ungesunden Abscheu vor Homosexualität. Haltet euch an uns Demokraten, dann wird es ein lustiger Abend!«
Alexandra und Cocoa nickten. Die Hackerin wollte etwas erwidern, doch just in diesem Moment trat ein dynamischer Mann im mittleren Alter an sie heran, in der Hand ein Glas Champagner.
»Cocoa, dies ist Andrew Reynolds – Sohn von Charles und künftiger Bürgermeister unserer schönen Stadt. Zumindest, wenn er die Wahlen gewinnt. Aber dafür werden wir sorgen.« Alexandra schüttelte dem Mann die Hand. »Wie läuft es in der Stadtverwaltung?«
»Anfangs hassten sie mich. Dann begriffen sie, dass ich nicht ihr Feind bin und Bewegung in festgefahrene Strukturen bringen will. Inzwischen läuft alles. Vor allem, nachdem die verbliebenen Genovese-Leute panisch die Flucht ergriffen. Am Tag nach deinem Interview stand ich in einem halb leeren Büro.« Er grinste schwach. Dabei ließ er seinen Blick über Cocoa wandern.
Ihm gefiel, was er sah.
»Andy – Cocoa Hannigan«, stellte sein Vater die junge Programmiererin vor. Die Blicke seines Sohnes waren ihm nicht entgangen. »Alexandras Lebensgefährtin.«
Der letzte Teil hatte etwas Mahnendes.
Und Andrew begriff. »Oh, so ist das. Nun, dann werde ich dich nicht zum Essen einladen.« Er blinzelte vergnügt, aber mit einem Mal wurde das Geplänkel unwichtig.
Ein älterer Mann kam aus der Küche geeilt.
»Genovese ist tot!«, rief er dabei. »Ich war gerade in der Küche, um nach dem Rechten zu sehen, und da sagten sie es im Radio. Und nicht nur Genovese, sondern auch all die anderen Bosse der Stadt. Sie wurden offenbar erschossen und vor dem Rathaus abgelegt.«
»Die fünf Clanchefs tot?«, rief Andrew Reynolds erstaunt. »Liongirl ist fleißig.«
»Glaub ich nicht«, widersprach ihm sein Vater. »Liongirl hätte die Männer nicht erschossen und vor dem Rathaus abgelegt. Die hätte einen deutlich größeren Zauber veranstaltet, um die Cosa Nostra einzuschüchtern. Erschossen … Wahrscheinlich die eigenen Leute auf Anweisung aus New York.«
»Demnach hatten sie dort genug von der Machtlosigkeit, welche die Mobster im Angesicht von Liongirl bewiesen«, sinnierte Alexandra. »Das bedeutet aber wahrscheinlich auch, dass sie jemand anderen schicken. Vielleicht einen Capo di tutti capi – einen einzigen Boss der Bosse, der allen fünf Familien vorstehen wird.«
»Liongirl wird jedem in den Arsch treten, der kommt und das Erbe antreten will«, sagte eine ältere Frau zuversichtlich. »Sie ist ein Segen für diese Stadt!« Sie kniff die Augen zusammen. »Kennst du sie, Alex? Ich meine – die Frau hinter der Maske.«
»Nein, leider nicht«, log Alexandra. »Obwohl ich sie gerne kennen würde. Vielleicht sollte ich eine Anzeige aufgeben und sie darin zum Tee einladen. Ich denke, wir hätten einander viel zu erzählen.«
Die Umstehenden nickten zustimmend.
»Auf jeden Fall solltest du deine Gesetzesinitiative noch einmal einbringen«, regte Andrew Reynolds an. »Damals scheiterte die Sache an dem Einfluss der ehrenwerten Gentlemen. Diesmal könnte es anders aussehen.«
»Gute Idee!«, pflichtete ihm sein Vater zu. »Wir alle werden das unterstützen, sodass diesmal ganz Romance Hill dahinter steht. Du musst nicht immer als Einzelkämpferin auftreten, Alex!«
»Gut, versuchen wir es«, bestätigte die Millionärin nach ein paar Sekunden des Nachdenkens. »Wir bringen Andrew auf den Stuhl des Bürgermeisters und setzen die Initiative durch. Zeit, dass wir etwas tun. Wozu haben wir Macht und Reichtum, wenn wir beides nicht zum Wohle aller einsetzen?«
»Darauf trinke ich!«, rief Charles Reynolds und hob das Glas.
Die anderen prosteten ihm zu, nicht wissend, was die nahe Zukunft bringen würde.
- VIII -
Der Gott des Zorns
Silvester.
Das Jahr ging zu Ende. Ein Jahr, so seltsam und aufregend, dass es Alexandra noch immer nicht vollends fassen konnte. Sie hatte Dinge getan, von denen sie ein Jahr zuvor nicht einmal geträumt hatte.
Und sie hatte Erfolge erzielt; so gravierend, dass sich das Antlitz der Stadt verändern würde. Genovese, der Hell über Jahrzehnte mehr oder minder in eisernem Würgegriff gehalten hatte, war tot. Zusammen mit den anderen Paten war er von seinen eigenen Leuten exekutiert worden.
Das zumindest glaubten alle; einschließlich Captain Wallace.
Die Stimmung in Alexandras Villa war besinnlich. Sie und Cocoa saßen im Wohnzimmer des großen Hauses und schauten fern. Sie hatten am Abend zuvor ausgiebig gefeiert, sodass sie nun nicht den Wunsch verspürten, erneut an irgendwelchen Feierlichkeiten teilzunehmen.
Stattdessen wollten sie das neue Jahr sanft begrüßen. Feuerwerk um Mitternacht, ein Glas Champagner und anschließend zärtliche Liebe bis in den frühen Morgen hinein.
Alexandra konnte sich in den Armen ihrer Freundin verlieren und gerade das gefiel ihr. Sie hatte sehr viel nachzuholen. Ihre Sehnsucht nach Liebe, Sex und Geborgenheit war erwacht und schrie danach, die Versäumnisse der letzten Jahre aufzuholen.
Alexandra griff gerade nach einem Sandwich, als jener PDA einen ankommenden Anruf signalisierte, den Liongirl benutzte.
Abgesehen von ihrem Team, das zu dieser Uhrzeit aber die normale Rufnummer genutzt hätte, besaßen nur zwei Menschen auf der Welt die Möglichkeit, sie auf dieser Nummer zu erreichen; Cox und Wallace.
Auch der Oberstaatsanwalt der Stadt hatte ein schlichtes Handy, von Daniel modifiziert, so dass er Liongirl und sonst niemanden damit anrufen konnte. Ohne die Nummer zu kennen, ohne Angst vor neugierigen Lauschern zu haben.
»Ja?«, fragte sie kurz, nachdem sie das Gespräch entgegengenommen hatte. Ein Verzerrer ließ ihre Stimme klingen, wie sie die beiden Männer kannten.
Auch dann, wenn sie keinen Helm trug.
»Erinnerst du dich an das, was ich sagte?«, hörte sie Wallace‘ Stimme aus dem Gerät schallen. »Wir haben unseren ersten Super-Schurken. Ein Gott des Zorns im Avalon Center. Er hält über 750 Menschen als Geisel und fordert, dass du dich stellst.«
»Ich komme!«
Alexandra sprang auf. »Das Avalon Center wurde überfallen. Ein Gott des Zorns verlangt nach mir.«
Auch Cocoa sprang auf, gemeinsam eilten sie in die Zentrale.
Alexandra huschte sofort in die Umkleide, um ihren Anzug anzulegen, während sich ihre Assistentin ein Bild der Lage verschaffte.
»Wir haben ein Bild aus dem Inneren!«, rief sie ihrer Freundin zu. »Ach du Scheiße, da haben wir ihn.«
Liongirl verließ die Kabine und schaute auf den Bildschirm.
Was sie sah, ließ ihr Blut in den Adern gefrieren.
Auf der Bühne stand ein Mann, gut zwei Meter groß. Er trug ein braunes Kostüm, das an einen Krieger aus einer mittelalterlichen Fantasy-Welt erinnerte.
Sein Kopf hingegen verschwand unter einer Maske, die aztekisch wirkte.
Alexandra besaß ein paar solche Masken, denn ihre Eltern hatten einst eine ausgedehnte Reise nach Südamerika unternommen.
Doch der Gott des Zorns war nicht allein. Etwa zwanzig Soldaten, allesamt maskiert, hielten die Gäste des Centers mit schweren Waffen in Schach.
»Haben wir auch Ton?«, wollte Liongirl wissen.
»Nein, nur Video, kein Audio. Ich schalte mal parallel auf einen Nachrichtensender.«
Sekunden später tauchte das Gesicht eines ernst dreinblickenden Moderators auf. Er stand vor der Polizeiabsperrung, umgeben von unzähligen Schaulustigen, und erklärte die Situation.
Der Gott des Zorns hatte zwei Forderungen gestellt. 20 Millionen Dollar und die Auslieferung von Liongirl.
Noch während sich die beiden Frauen die Szenen anschauten, hörten sie Schritte auf der Treppe. Erst erschien Daniel Cohen, kurz darauf Frank Porter. Sie gingen zu ihren Plätzen.
»Ich brauche eine Idee, und zwar schnell!«, bat Liongirl, ohne die beiden Männer zu begrüßen.
»Gas!«, erklärte Daniel sofort.
»Gas?«, fragte Cocoa. Sie drehte den Kopf. »Woher willst du Betäubungsgas nehmen und wie …« Sie blinzelte, dann wandte sie sich ihrem Computer zu. »Okay, das ist kein Problem. Wir leiten es durch das Löschsystem, öffnen die Düsen und warten, bis sich das Gas auf die Leute niedersenkt. Das Löschsystem der Halle arbeitet nicht nur mit Wasser, sondern auch mit schwerem Gas für Flammen, die nicht mit Wasser oder Schaum gelöscht werden dürfen. Aber woher nehmen wir den Stoff?«
»Aus dem Krankenhaus!«, schlug Daniel vor. »Vor zwei Jahren haben wir das Four Season-Hospital umgerüstet. Das Narkosemittel wird nun in großen Tanks gelagert und über spezielle Leitungen in die OPs und in jedes Patientenzimmer geleitet. Man kann in Sekunden eine Narkose legen, wenn es sein muss. Natürlich gibt es auch Sauerstoff in entsprechend großen Tanks.«
»Es ist ein Risiko. Zum einen, weil das Gas die Menschen töten kann, zum anderen, weil die Verbrecher etwas merken und die Geiseln erschießen könnten«, warf Liongirl ein.
»Außerdem müssten wir die Tanks in Position bringen. Wie sollen wir das machen?«
»Gar nicht«, erwiderte Daniel. »Das Gas wird über eine Leitung von der Fabrik im Norden an das Krankenhaus geliefert. Wir leiten es um, und zwar in das Löschsystem der Halle. Das müsste gehen.«
»Und warum erst vom Krankenhaus?«, fragte Liongirl. »Wir könnten doch auch …«
»Weil das Krankenhaus am gleichen Löschsystem wie die Halle hängt!«
»Machen wir es!« Liongirl eilte zum Wagen. Leitet alles in die Wege. Ich werde mich vor Ort sehen lassen und so für einen kräftigen Wirbel sorgen. Mein Helm ist gassicher?«
Daniel verdrehte die Augen. »Was denkst du denn?«
Sekunden später jagte Liongirl über die Straßen in Richtung Innenstadt.
Sie wählte die Nummer von Captain Wallace.
Schon nach dem ersten Läuten war er dran.
»Wir haben einen Plan. Keiner greift ein, ich bin in wenigen Minuten vor Ort. Ihr könnt dem Zorngott sagen, dass sein Wunsch in Erfüllung geht.«
»Du meine Güte.« Wallace legte auf.
»Wir sind bald soweit. Ich konnte die Leitungen digital verbinden. Das Betäubungsgas ist in wenigen Minuten einsatzbereit«, meldete Cocoa.
»Was ist mit den Geiseln?«
»Liegen alle auf dem Boden. Die Verbrecher werden zuerst das Gas einatmen.«
»Gut.« Liongirl stoppte den Wagen eine Querstraße vom hell erleuchteten Avalon Center entfernt, erklomm einen Baum, der am Straßenrand wuchs, und sprang von dort auf ein Dach.
Helikopter kreisten über der Halle; nicht nur die Polizei war mit riesigem Aufgebot angerückt, sondern auch die Medien hatten geschickt, was sie schicken konnten.
Einer der Hubschrauber strahlte Liongirl plötzlich an. Sie erkannte das Emblem von CNN.
»Sie haben dich entdeckt. Es kommt gerade rein – Liongirl ist vor Ort.«
Nun erst griff Wallace zur Flüstertüte und schrie, dass sich Liongirl auf dem Weg befände. Das Geld würde jedoch noch etwas dauern; 20 Millionen seien schließlich kein Pappenstiel.
»Was macht Zorngott?«
»Reibt sich die Hände«, sagte Cocoa angespannt. »Er glaubt, er sei auf der Siegerstraße. Wie willst du ins Innere gelangen?«
»Ich dachte an einen Knalleffekt«, gab Liongirl ironisch zurück. »Kannst du eines der Dachfenster öffnen?«
»Vier der Fenster sind schon offen«, meldete die Hackerin. »Und drei weitere defekt. Ich glaube, die bösen Jungs kamen auch von oben.«
»Gut. Dann wollen wir mal für einen Auftritt sorgen. Wie weit ist das Gas?«
»Bereit, wenn du es bist.«
Liongirl wurde von den Scheinwerfern der Helikopter verfolgt, während sie über die Dächer sprang und sich der Halle näherte.
»Ich setzte Blendgranaten ein. Sobald sie detoniert sind, öffnest du die Löschanlage. Mal sehen, ob unser Plan aufgeht.«
»Die Schergen von Zorngott schauen inzwischen nach oben. Sie wissen, dass du kommst. Sei vorsichtig«, mahnte Daniel.
Liongirl lächelte böse. Sie löste vier kleine Granaten von ihrem Gürtel und schleuderte sie, kaum dass sie die Öffnungen sah.
Die kleinen, schwarzen Kugeln fielen durch die zerstörten Scheiben.
Just, als sie selbst das Dach betrat, detonierten sie unter ihr. Der Blitz zuckte in den Nachthimmel, der Knall war ohrenbetäubend.
Während Geschrei von Geiseln und Verbrechern aufbrandete, ließ sich Liongirl in die Tiefe fallen. »Gas!«, wisperte sie dabei.
»Schon am Ausströmen.«
Liongirl riss ihr Schwert vom Gürtel, ließ die Klinge ausfahren und landete mit einem dumpfen Laut auf einem der Tische. Sie federte den Schwung ab, rollte über den Tisch und schlug zu, kaum dass sie einen der Verbrecher sah.
Blut spritzte, ein Kopf rollte.
Und noch war sie nicht fertig.
Mehrere Männer fielen unter ihren Hieben. So lange, bis sie schließlich vor dem Gott des Zorns stand.
Dieser hatte sich von dem Schreck erholt. Die Maske schützte ihn offenbar zu einem gewissen Maße vor Blitz und Lärm.
Grimmig starrte er sie an. »Also ist es wahr!«, rief er. Die Maske verzerrte auch seine Worte. »Du tötest deine Feinde.«
»Ich bin kein Heroman, der die Bösen wieder und wieder davonkommen lässt. Ich bin die Herrin des Zitterns und töte die Empörer. Mit dir mache ich keine Ausnahme.«
Der Mann riss plötzlich zwei schwere Pistolen in die Höhe und feuerte. »Ich kenne auch keine Gnade!«, schrie er dabei.
Im letzten Moment gelang es Liongirl, sich zur Seite zu werfen, während die noch lebenden und weitestgehend unverletzten Schergen des Zorngotts auf die Beine kamen. Sie sahen, was geschehen war und wollten ihrerseits auf Liongirl feuern.
Neben ihr schlugen Kugeln ein.
Sie rollte über den Boden und warf sich hinter einem umgestürzten Servierwagen aus Metall in Deckung. Überall sah sie die völlig panischen Gäste der Feier liegen. Manche schauten sie an, die meisten kämpften aber noch mit den Nachwirkungen der Granaten.
Dass sich die Schergen des Zorngotts so schnell erholt hatten, ließ auf Profis schließen.
Sie steckte das Schwert ein und riss die Strahlenwaffe aus dem Holster. Wo bleibt das Gas?
»Wir machen jeden einzelnen dieser elenden Pisser hier platt!«, drohte Zorngott. »Komm raus und lass dich töten. Das und nur das …«
Er schnüffelte. »Was riecht hier so seltsam?«
Liongirl rollte zur Seite und schoss. Ihre Strahlenwaffe gab keinen Laut von sich, aber die hochenergetischen Partikel fraßen sich in die Köpfe der Getroffenen und töteten sie auf schmerzhafteste Weise.
»Das ist Gas!«, erkannte Zorngott. »Du elende Fotze hast …« Er taumelte. »Tötet sie alle. Los, macht …«
Wieder schoss Liongirl. Entsetzt sah sie, dass zwei der Schergen auf die am Boden liegenden und vor Panik schreienden Menschen feuern wollten.
Sie riss eine Druckluft-Granate vom Gürtel und schleuderte sie.
In der Luft noch zerplatzte das Wurfgeschoss und fegte die Männer einfach beiseite.
Dann wirbelte sie herum und sah, dass Zorngott von der Bühne floh.
So nicht!
Sie sah, dass die Bewegungen der Menschen um sie herum langsamer wurden. Das Gas senkte sich auf den Boden herab und zeigte seine Wirkung.
Noch standen fünf von Zorngotts Männern. Sie riss das Schwert hervor, ohne die Pistole loszulassen, und ging auf die benommenen Männer los.
Der Stahl blitzte und kurz darauf lagen die Schergen in ihrem Blut.
Anschließend verfolgte Liongirl den Gott des Zorns.
Dieser hatte die Halle mit dem Gas verlassen und stand in der Garderobe, die Waffe in Händen. Er starrte Liongirl feindselig an.
»Du bist gut!«, knurrte er. Noch hielt er die Pistole in Händen, aber beide Arme hingen herab. »Verdammt gut sogar.«
»Und du bist tot, mein Freund.« Liongirl schnippte das Blut von der Klinge und steckte die Waffe ein. »Wer hat dich geschickt? Die Cosa Nostra? Sollst du hier aufräumen, ehe sie einen neuen Boss etablieren?«
Ein maliziöses Lächeln huschte über sein Gesicht. »Cleveres Mädchen. Du hast dir mächtige Feinde in den obersten Etagen der Cosa Nostra geschaffen. Sie alle wollen deinen Tod. Und den bekommen sie auch – selbst wenn es mein Ende ist.«
Er ließ die Waffen fallen.
Liongirl spürte, dass hier etwas nicht stimmte. Das Verhalten des Mannes und seine Worte passten absolut nicht.
Der Zorngott schob vorsichtig eine Hand in die Tasche seines Kostüms – und sie begriff.
Eine Bombe!
Sie wandte sich um und machte sich auf die Detonation gefasst.
Und sie kam.
Ein heller Blitz, ein Knall und schon wurde sie von der Druckwelle erfasst und zurück in den Saal geschleudert. Sie prallte gegen eine Säule, Steine und Holz hieben gegen sie; wieder und wieder.
Die Erschütterung traf sie bis ins Mark. Sie stöhnte, die Luft wurde ihr aus den Lungen gepresst.
»Liongirl!«, hörte sie Cocoa erschrocken rufen. »Was …«
Sie rutschte zu Boden, Schatten tanzten vor ihren Augen. Flammen leckten aus der Garderobe.
»Wasser!«, befahl sie mit schwacher Stimme.
Die Sprinkleranlage setzte ein.
»Und …«
»Das Gas wird bereits abgepumpt, keine Sorge!«, meldete sich Daniel. »Kannst du dich bewegen?«
»Ja.«
Sie rappelte sich auf, Schmerzen durchzuckten sie, Übelkeit wühlte ihren Magen auf. Seit jener einen Nacht, als man sie mehrfach schlug und missbrauchte, hatte sie sich nicht mehr derart angeschlagen gefühlt.
Zumindest körperlich.
Dennoch gelang es ihr, einigermaßen aufrecht in die Garderobe zu gehen, während hinter ihr die Gäste begriffen, dass es vorbei war. Frische Luft wurde in die Halle geblasen, die Benommenheit, welche das Gas ausgelöst hatte, schwand.
»Keine Leichenteile!«, stelle Liongirl fest, während sie sich umschaute. »Dieser Bastard ist wahrscheinlich entkommen.«
Sie sah ein Loch im Boden. Dort, wo er gestanden hatte. »Das war von längerer Hand vorbereitet.« Sie blickte in die Tiefe und sah, dass ein alter Schacht in die Tiefe führte; eine Verbindung in die Kanalisation, die als letzte Fluchtmöglichkeit von den Konstrukteuren der Halle eingeplant worden war.
Und der Zorngott hatte es gewusst.
Wer bist du?
Sie kletterte ebenfalls in die Tiefe und schaute sich um. Nicht weit von ihr entfernt sah sie das Kostüm des Zorngotts auf dem Boden liegen. Noch ein paar Schritte weiter fiel das Licht einer Straßenlaterne auf den Grund des Schachts.
Dort hatte er sich aus dem Staub gemacht.
»Kannst du den Wagen zum Ausstieg bringen?«, fragte sie Daniel. Sie raffte das Kostüm des Mannes auf und kletterte ins Freie.
Kurz darauf saß sie hinter dem Steuer.
Sie sah, dass Beamte die Halle stürmten und die Menschen befreiten. Sie alle hatten gesehen, was sich ereignete.
Sie fuhr bereits durch die Nacht, als ihr PDA einen Anruf von Wallace meldete.
»Ja?«
»Gute Arbeit. Kalt, brutal – aber effektiv. Die Geiseln leben noch, die Verbrecher sind tot. Bis auf …« »Ja, bis auf den Gott des Zorns.«
»Du bist nicht Heroman. Er lässt sie alle leben, um besser zu sein als die Verbrecher. Du tötest sie. Wie kannst du damit leben?«
»Sehr, sehr gut«, erwiderte sie kalt. »Den Guten schadet, wer die Schlechten schont. Ich bin Liongirl, die Herrin des Zitterns. Ich töte die Empörer und schütze die Guten.«
»Und hast nun einen Erzfeind. Einen Superschurken. Das wird kein fröhliches neues Jahr!«
»Nein. Der Krieg geht in eine neue Runde. Haben Sie geglaubt, ihn so schnell gewinnen zu können?«
»Nein.«
»Wir hören voneinander.«
»Liongirl?«
»Ja?«
»Danke!«
Sie legte auf, denn keine Erwiderung wäre passend gewesen.
- IV -
Die Ruhe nach dem Sturm
»Die Rüstung hat dir das Leben gerettet!«, stellte Daniel fest, als er sich den Anzug besah. »Allerdings ist sie nun unbrauchbar.«
»Ich brauche ein Polster im Inneren«, seufzte Alexandra. Sie lag auf einem Sofa in der Zentrale, bekleidet nur mit einem BH und einem Slip. Cocoa saß neben ihr und rieb sie mit kühlender Lotion ein. Blutergüsse zeigten, wo sich die Millionärin überall verletzt hatte.
Der Aufprall auf die Säule, aber auch Trümmer, die sie trafen – all das hatte ihr zugesetzt.
»Ich arbeite daran.« Daniel schwieg kurz. »Der Gott des Zorns ist verschwunden. Aber er wird wiederkommen und dann …«
»… dann wird Liongirl zur Stelle sein und ihm erneut in den Hintern treten«, ergänzte Alexandra den Satz. Sie schaute auf einen Monitor. Dort liefen noch immer die Berichte vom Avalon Center. Die Überwachungskameras im Innern hatten Liongirls Kampf gezeigt.
Niemand schien ernsthaft entsetzt darüber, dass die Schergen des Zorngotts gestorben waren.
Hätte die Polizei gestürmt, die Verbrecher wären ebenfalls nicht mit dem Leben davongekommen.
»Die Jagd auf Liongirl ist eröffnet«, murmelte Porter. »Das wird nicht der einzige Superschurke bleiben. Die Cosa Nostra, aber auch jeder andere Idiot, der sich berufen fühlt, wird hier auftauchen. Dank CNN weiß die ganze Welt, dass Heliopolis eine Superheldin hat.
Wir sollten die Ausrüstung perfektionieren.«
»Ich fange gleich morgen damit an!«, versprach Daniel.
Alexandra erwiderte nichts. Sie wusste, dass ihr Assistent recht hatte. Das neue Jahr würde Angst, Schrecken und Gewalt bringen.
Aber auch tote Verbrecher, so sie sich aus ihren Schlupfwinkeln wagten.
Die Zeit von Liongirl hatte gerade erst begonnen …
Ende
Copyright © 2011 by Gunter Arentzen
|