Sie sind hier: Startseite - Stories & Lyrik - Stories - Ein Latsch kommt selten allein
Stories

Ein Latsch kommt selten allein

Eine wahre Geschichte von von Reni Dammrich

»Kommst du endlich?!«
Die ganze Familie saß schon im Auto, nur ich trödelte noch herum. Es war Wochenende und alle freuten sich auf einen Ausflug in die Sächsische Schweiz, das Mittagessen in der Räumichtmühle in Saupsdorf, auf Patentante und Patenonkel und alle Annehmlichkeiten des Sonntags – außer mir natürlich.
Samstag war ja zu unserer Zeit ein fast normaler Schultag, das heißt bis Mittag ging der reguläre Unterricht, also blieb nur der Sonntag für große Aktivitäten.
»Ja, ja.«, brummelte ich, wobei ich im finsteren Flur nach meinen Schuhen angelte.
Schnell verließ ich die Wohnung und lief zum Auto. Mutter sah mich einsteigen.
»Ach du hast die roten Schuhe angezogen.«, stellte sie einigermaßen zufrieden fest.
»Hm«, machte ich. Ich war unleidlich. Warum mussten wir ausgerechnet gerade dann wegfahren, wenn mein schöner Baukasten auf große Konstruktionen wartete? Ich vergrub mich in die Polster des Rücksitzes und schmollte.
Nur in Neustadt reckte ich den Kopf zum Fenster. Auf einem der Schornsteine war ein Storchennest und beinahe immer konnte ich den Vogel irgendwo entdecken. So auch heute. Das stimmte mich etwas versöhnlicher. Ich verrenkte mir fast den Hals, um während der Fahrt möglichst lange den Storch zu betrachten. Der sah schließlich genau so aus wie der Titelheld in meinem Lieblingsbuch »Adebar, der Klapperstorch«, der im Herbst immer an den Bosporus flog, um Frösche zu fangen. Ich wäre lieber mit dem Storch an den Bosporus geflogen, als hier im Auto zu hocken.
Irgendwann endete die Fahrt und ich kraxelte vom Sitz.
Diesmal sah mich Mutter von der anderen Seite. »Du hast ja doch die braunen Schuhe angezogen!«
Hä?
Von vorn betrachtet wurde das ganze Elend sichtbar. Ich trug einen roten und einen braunen Schuh. Noch dazu von so unterschiedlicher Machart, dass es unglaublich albern aussah. Während der rote Schuh zierlich bis an die Zehen ausgeschnitten war und mit einem Riemchen um das Fußgelenk geschlossen wurde, wobei der Rand des Leders auf dem Schuh noch ein Lochmuster trug, war der andere, der braune Schuh, bis an den Knöchel zum Schnüren und ein typischer derber Wanderschuh.
Und wie schon erwähnt war Sonntag.
Die Läden hatten geschlossen, der Tag war noch lang und meine Laune endgültig im Keller. Auch als Achtjährige hat man seinen Stolz, der nun arg gelitten hatte.
Der Schock saß tief.
Offensichtlich aber noch nicht tief genug.
Genau eine Woche später fuhren wir wieder in die Sächsische Schweiz. Wir waren bereits einige Minuten unterwegs, als Mutter scherzhaft fragte: »Na hast du die roten oder die braunen Schuhe an?«
Ich betrachtete meine Füße, wurde blass und stammelte verstört: »Ich hab die Hausschuhe an.«

© Reni Dammrich

 

© by 2009
nach oben Zurück Optimiert für 1024x768 Pixel
im IE & Mozilla Firefox