Stories

Kinderwunsch
© by - Sieglinde Breitschwerdt

Diese und acht weitere Geschichten in der Kurzgeschichtensammlung Band 2 downloaden als geht HIER
Adobe Reader downloaden geht HIER

Konstanze kauerte auf der Couch und brütete stumpf vor sich. Seit Tagen quälten sie
düstere Gedanken - waren gegangen und wieder aufgetaucht. Nervös nagte sie auf ihrer
Unterlippe, immer wieder huschte ihr Blick zur Uhr.
In einer Stunde war Mitternacht. Sollte sie Rokavo anrufen?
Sollte sie ihm sagen, dass sie wirklich bereit war?
In ihrer Verzweiflung hatte sie vor ein paar Wochen diesen Magier aufgesucht und ihn
um Hilfe gebeten.
Ein eisiger Finger strich über ihr Rückgrat, als sie zurückdachte – doch
Einzelheiten dieser Begegnung waren ihr entfallen. Erst später, als sie längst zu Hause war,
bemerkte sie eine kleine blutende Wunde auf ihrer linken Brust und ein merkwürdiges,
fünfeckiges Symbol auf ihrem Unterleib.
Heute war Vollmond. Um das Ritual zu vollenden, würde sie sich an die letzten
Anweisungen Rokavos halten müssen.
Sollte sie es wirklich tun?
Würde es klappen? Und wenn nicht? Was steckte dahinter? Humbug? Oder gab es wirklich
Dinge zwischen Himmel und Erde, die über ihre Begriffsfähigkeit gingen?
Aber andererseits? Was konnte schon geschehen?
„Was soll‘s“, murmelte sie halblaut vor sich hin. Schwerfällig stand sie auf. „Mehr
als schief gehen kann’s ja nicht!“
Verächtlich schürzte sie die Lippen und ignorierte die warnende, wispernde Stimme
ihres Unterbewusstsein.
Impulsiv griff sie zum Telefon. Schon nach dem ersten Rufzeichen wurde der Hörer
abgenommen und das heisere Lachen Rokavos begrüßte sie.
„Du bist allein!“, kam er gleich zur Sache.
Es war keine Frage, sondern eine Feststellung.
„Ja! Simon musste...“
„Ich weiß“, schnitt er ihr das Wort ab. „Ich schickte einen Boten zu dir! Was zur
Vollendung des Rituals noch fehlt, liegt vor deiner Tür. Halte dich genau an meine
Gebote!“
Dann wurde der Hörer aufgelegt.
Konstanze öffnete die Tür. Eine kleine, rötlich schimmernde Phiole und fünf schwarze
Kerzen mit silbernen Ornamenten lagen auf der Fußmatte.
„Tu’ s nicht“, glaubte sie eine Stimme zu hören, doch Konstanze achtete nicht
darauf.
Eine nie zuvor gespürte Erregung griff nach ihr und bestimmte ihr weiteres Handeln.
Im Badezimmer ließ sie die Wanne voll laufen. Sie stellte die Kerzen auf den
Wannenrand. Vorsichtig zog sie den Stöpsel aus der Phiole und goss die Flüssigkeit hinein,
die in feinen Schleiern durch das Wasser kroch und dunkelrot färbte.
Sieht aus wie Blut, schoss es ihr durch den Kopf. In atemloser Spannung ließ sie
sich in die Wanne gleiten. Das warme Wasser umspülte ihre Glieder und prickelte auf
ihrer Haut.
Das Kerzenlicht spendete eine diffuse, fluoreszierende Helligkeit. Unheimliche
Schatten huschten über die Wände.
Jäh erklang ein monotoner Singsang. Ein eisiger Wind strich über ihre Brüste,
kratzte wie Spinnenbeine über ihren Leib und verkroch sich wirbelnd in ihrem Schoß.
Die raue Stimme eines Unsichtbaren flüsterte in ihr Ohr. Leidenschaftliche Worte
umnebelten ihre Sinne und versetzten sie in eine orgastische Verfassung.

„Ich... ich bin wirklich schwanger?“, stammelte Konstanze überwältigt.
Impulsiv warf sie sich an die Brust ihres Frauenarztes, Dr. Roland. Der alte Herr
lächelte gerührt und streichelte ihr über den Rücken.
„Tja, Sie sind es! Daran besteht kein Zweifel mehr!“, antwortete er. „Ihre
Schwangerschaft ist mir zwar rätselhaft! ...Ich ... gebe nicht gerne zu, dass ich mich geirrt
habe, aber in Ihrem Falle freut es mich ganz besonders. Trotzdem sollten Sie einen
Fruchtwassertest durchführen lassen, um sicher zu gehen, dass bei Ihnen und Ihrem
Kind alles in Ordnung ist!“
Konstanze nickte und tupfte sich die Tränen ab.
„Jetzt weiß ich auch, warum ich so eigenartige Gelüste...“
„Das ist ganz normal!“, fiel ihr Dr. Roland ins Wort, verschrieb Konstanze noch
Vitamin- und Mineraltabletten und vereinbarte mit ihr den nächsten Vorsorgetermin.

Konstanzes Glück schien vollkommen – und Simon las ihr jeden Wunsch von den Augen
ab.
Viele Male versuchte sie Rokavo anzurufen, um sich überschwänglich für seine Hilfe
zu bedanken, doch permanent schien die Leitung besetzt zu sein. Aber nach einigen
vergeblichen Versuchen dachte sie nicht weiter darüber nach.
Ihr ganzes Dasein wurde beherrscht von dem kleinen neuen Wesen, das in ihr wuchs. Es
veränderte ihr ganzes Leben. Konstanze nahm es gelassen hin, dass sich ihr Äußeres
auf erschreckende Art und Weise veränderte. Ihre gesunde Hautfarbe wich einer
wässernden Blässe, ihr feinsinniger Humor mutierte in launische Gereiztheit - und ihre
sprühende Vitalität verschwand. Konstanze verbrachte die meiste Zeit im Bett – wurde
völlig apathisch.
Fast rituell stellte sie sich, wenn sie nach dem Duschen ihren Körper eincremte, vor
den Spiegel. Behutsam streichelte sie ihren Bauch, der sich langsam zu wölben
begann.
„Wie du wohl aussehen wirst?“, flüsterte sie zärtlich.
„O mein Kleines, ich kann es kaum erwarten, dich in meinen Armen zu wiegen!“

In einer frühen, noch immer dunklen Morgenstunde, bevor der Tag endgültig aus den
Tiefen der Nacht kroch, geschah es völlig unerwartet. Ein schmerzhaftes Ziehen und
Stechen im Unterbauch riss Konstanze aus ihrem Schlaf.
Ihr Puls hämmerte und das Blut rauschte in ihren Ohren.
Saugend rang sie nach Luft.
„Si... Simon... hilf mir“, japste sie.
Mühsam richtete sie sich auf und tastete nach dem Bett neben ihr. Das Bett neben ihr
war unberührt.
„Simon?“, röchelte sie. „Simon! Wo... wo bist du?“
Und wieder, wie ein zweischneidiges Messer, stieß der Schmerz erneut in ihren Leib.
Panik und Entsetzen kroch in ihr hoch.
„Mein Baby“, wimmerte sie. Die Furcht, eine Fehlgeburt zu erleiden, legte sich wie
ein eisiger Hauch auf ihren Körper.
Mit zitternden Händen knipste sie die Nachttischlampe an – doch das Licht erinnerte
nicht an den warmen und sanften Schein; es war diffus und fluoreszierend – ähnelte
dem des nächtlichen Rituals bei Vollmond.
Nur mit äußerster Kraftanstrengung gelang es Konstanze, sich zum Spiegel zu
schleppen, um ihr Nightshirt hochzuziehen. Die Haut ihres Leibes färbte sich blutrot –
wurde mit einem Mal durchsichtig.
Ein Baby mit schweißverklebten rotblonden Löckchen, das in seiner Entwicklung und
Gestalt an ein Putenengelchen erinnerte, blickte ihr entgegen.
Gebannt starrte Konstanze in die schwarzen, feucht glänzenden Augen mit den
rötlichen Rändern, sah, wie dieses engelgleiche Wesen sie blinzelnd beobachte. Ein winziges
schwarzes Zünglein zuckte aus dem Mund, leckte sich über die vollen Lippen, lächelte
breit und zeigte blitzende, rasiermesserscharfe Zähnchen.
„Durst!“, vernahm sie diesen telepathischen Befehl, der sich in ihr Bewusstsein
bohrte, ohne dass sie ihn wirklich hörte. Instinktiv war ihr klar, dass dieser Durst
nicht mit Milch und Saft zu stillen war. Entgeistert starrte sie auf das Wesen in ihrem
Leib.
„Durst!“, wiederholte es seinen Gedankenbefehl.
Wie in Trance ging Konstanze in die Küche, öffnete die Schublade und zog ein großes
Schlachtermesser hervor.
„Durst!“, wimmerte es in ihrem Unterbewusstsein, und gleichzeitig jagte Angst kalte
Schauer über ihren Rücken. Sie spürte wie sich ihre Seele spaltete und das Dunkle,
das Böse, die Herrschaft übernahm.
„Tu’s nicht“, vernahm sie ein verzweifeltes Wispern, „oder willst du für immer
verdammt sein?“
„Rette dein Kind!“, befahl eine andere Stimme, schwieg, kicherte hämisch und endete
in einem grausigen Lachen.
Erschöpft lehnte sich Konstanze an den Küchenschrank, das Messer entglitt ihrer Hand
und fiel klirrend auf die Fliesen. Zärtlich strich sie über ihren Bauch. Ihr Leib
wölbte sich nach vorn. Es kam ihr vor, als wenn das Wesen, ihr Ungeborenes, sein
Köpfchen in ihre Hand schmiegte, ihren Daumen umfasste und daran nuckelte.
„Durst“, wimmerte es in ihren Gedanken.
„Es wird sterben!“, fauchte es unbeherrscht in ihren Ohren und versetzte sie aufs
Neue in einen tranceähnlichen Zustand.
Wie unter Zwang blickte sie auf den Fußboden. Die geschärfte Messerseite blitzte
auf.
Ein Ruck ging durch ihren Körper. Entschlossen bückte sie sich, hob das Messer auf
und ging ins Wohnzimmer.
Auf der Couch döste Cindy, die alte Hündin.
Erneut vernahm sie das telepathische Wimmern ihres Ungeborenen: „Durst! Mami, ich
hab‘ so Durst!“
„Mami“, murmelte Konstanze überwältigt.
Ihr Kind hatte Mami zu ihr gesagt. Ihr Baby war durstig. Und sie, sie würde dafür
sorgen, dass es genug bekam.
Sie hob das Messer! Eine nie zuvor gekannte Erregung erfüllte sie. Das Messer machte
sie stark. Sie hatte die Macht, Leben auszulösen – Konstanze stach zu.
Cindy heulte gepeinigt auf, doch auf sie wirkte es nur wie ein anfeuernder
Schlachtruf. Wie besessen stach sie auf den Hund ein. Das Blut spritzte wie eine Fontäne in
ihr Gesicht.
Lächelnd leckte sie sich über die Lippen, kostete das Blut in ihrem Mund. In
animalischer Gier stürzte sie sich auf den frischen Kadaver und hieb fauchend ihre Zähne
hinein.

Schweißgebadet erwachte Konstanze. Nur ein Traum, dachte sie erleichtert. Ekel
ergriff sie, als ihr Szenen dieses Traumes einfielen. Müde wischte sie sich über die
Augen. Abrupt setzte sich Konstanz im Bett auf und knipste die Nachttischlampe an.
Ihre Hand war blutverschmiert. Mit klopfendem Herzen zog sie die Bettdecke zur
Seite. Entsetzen rollte durch ihre Kehle. Ihr Nightshirt war voll angetrockneten Blutes.
„Lieber Gott“, entfuhr es ihr, „lass es nur ein Albtraum sein!“
Ein stechender Schmerz fuhr durch ihren Körper, der ihr fast das Bewusstsein nahm.
„Was willst du denn mit Gott?“, glaubte sie eine keifende Stimme zu hören, dem
höhnisches Gelächter folgte. „Und wage nie wieder den Namen Gottes laut auszusprechen!“,
befahl die Stimme. „Oder willst du dein Kind verlieren?“
„Nein, nein!“, stammelte Konstanze verwirrt und eilte ins Badezimmer.
Aus dem Spiegel grinste ihr eine Horrorfratze entgegen. Angetrocknetes Blut klebte
um ihren Mund, an ihrem Hals und in ihren Haaren. Hysterisch schrie sie auf und riss
sich ihr Nightshirt vom Körper..
Ermattet setzte sie sich auf den Badewannenrand.
Wie konnte das passieren? Nie hatte sie Cindy getötet, sie mit vielen Messerstichen
zerfleischt, sich an ihrem Blut gelabt! Nein, das hatte sie nie und nimmer getan.
Niemals!
„Ja“, beruhigte sie sich selbst. „Es war nur ein Traum. Ein perverser Albtraum!“
Aber wo kam das Blut her? Und Cindy? Gewiss schlief sie noch auf der Couch! Das Tier
war alt und schwerhörig.
„Hallo, Liebling“, rief Simon, klopfte kurz an die Badezimmertür und machte die Tür
auf. „Unterwegs hatte ich eine Panne, und weiß der Teufel, ich konnte dich nicht
erreichen. Das Telefon war...“
Abrupt hielt er inne und stürzte auf Konstanze zu.
„O mein Gott, wer hat dir das angetan!“

„Wir fanden keine fremden Fingerabdrücke, nicht die geringste Spur weist darauf hin,
dass ein Fremder in Ihr Haus eingedrungen ist und den Hund abgeschlachtet hat!“,
erklärte Hauptkommissar Oliver Borner.
Fassungslos starrte Simon die Polizeibeamten an.
„Soll das heißen, dass Conny... äh... dass meine Frau wie eine Besessene auf den
Hund eingestochen hat und....“
Abrupt brach er ab.
„Ich bin schon zwanzig Jahre Chefarzt in dieser Klinik“, begann Professor Ewald
Mundt, „ich habe schon einige Schwangerschaftsabnormitäten erlebt. Manche stopften sich
rohes Fleisch und blutende Leberstückchen rein! ... Doch dieses... dass eine
werdende Mutter das Blut ihres Hundes aussaugt, wie... wie...“
„Wie ein Vampir!“, ergänzte Borner sarkastisch.
„Warum“, murmelte Simon erschüttert. „Meine Frau hat diesen Hund geliebt! Sie hat
ihn aufgezogen, wegen jeder Kleinigkeit ist sie mit ihm zum Tierarzt gerannt! Nein!
Das muss ein Irrtum sein!!“
„Das ist es leider nicht!“, seufzte der Professor. „Da meinerseits erhebliche
Zweifel aufkamen, ließ ich die Tests mehrmals durchführen. Und außerdem...“
Ewald Mundt hielt inne, nahm seine Brille ab, putzte sie umständlich und setzte
sorgfältig das Gestell wieder auf. Er faltete die Hände, spreizte die Daumen ab und
schwieg. Gebannt blickte Oliver den alten Mann an. „Und außerdem was?“, forschte er
ungeduldig. „Was gibt es noch?“
Der Professor sah Simon an und suchte nach den passenden Worten.
„Die weiteren Labortests ergaben, dass Ihre Frau an einer infektiösen Vergiftung
leidet. Möglicherweise hervorgerufen durch diese .... äh...Geschichte. Meines Erachtens
sollte die Schwangerschaft schnellstens unterbrochen werden!“
„Was?“
Wie von der Tarantel sprang Simon auf. Scheppernd fiel der Stuhl nach hinten.
„Abtreibung?“, brüllte er wie von Sinnen. „Das lass‘ ich nicht zu! Meine Frau dreht
sonst durch!“
„Aber sie ist doch schon...“, murmelte Oliver Borner, hob die Hände und ließ sie
wieder sinken. „Sorry! Ich will Ihnen nicht zu nahe treten. Ich werde ..“
„Sie werden gar nix!“, fiel ihm Simon ins Wort. „Ich nehme meine Frau mit! Es gibt
noch andere Ärzte!“
„Aber ihre Frau ist gefährlich!“, warnte der Professor.
Doch Simon hörte ihn nicht mehr. Mit weit ausholenden Schritten verließ er den Raum
Mit einem lauten Knall fiel die Tür ins Schloss.

Unruhig wälzte Konstanze sich von einer Seite auf die andere, knuffte ihr Kopfkissen
zusammen, doch der erlösende Schlaf kam nicht. Neben ihr lag Simon und schnarchte
leise. Sie stand auf, ging in die Küche und bereitete sich eine Tasse Kamillentee zu.
Kaum rann der erste Schluck durch ihre Kehle, glaubte sie keine Luft mehr zu
bekommen. Ihr Puls hämmerte und das Blut rauschte in ihren Ohren.
Saugend rang sie nach Luft. „Si... Simon,... hilf mir“, wimmerte sie – doch ihr Mann
kam nicht. Mühsam richtete sie sich auf, wollte ins Schlafzimmer. Plötzlich spürte
sie einen stechenden Schmerz in ihrem Unterleib.
„Simon?“, röchelte sie. „Simon! Wo... wo bist du?“
Und wieder, wie ein zweischneidiges Messer, stieß der Schmerz erneut in ihren Leib.
Eine unbändige Angst kroch in ihr hoch. Sie zog das Oberteil ihres Pyjamas hoch.
„Mein Baby“, flüsterte sie andächtig. Wie gebannt blickte sie in die
dunkelglänzenden Augen mit den rötlichen Rändern.
Das schwarze feuchte Zünglein zischelte aus dem Mund. Das engelgleiche Wesen in
ihrem Leib grinste mitleidlos, ließ seine rasiermesserscharfen Zähnchen blitzen.
„Töte ihn“, vernahm Konstanze einen telepathischen Befehl, ohne dass sie ihn
wirklich hörte. Sie wusste instinktiv, wenn es meinte.
Entgeistert sah sie das Wesen an.
„Aber Liebling“, murmelte sie erschüttert. „Ich kann deinen Vater nicht...“
„Töte ihn“, befahl es und trat ungehalten in ihren Bauch. „Töte ihn! Töte ihn! Töte
ihn!“, kreischte es, hielt inne und erkundigte sich lauernd.
„Oder liebst du mich nicht?“
„Aber natürlich“, wimmerte Konstanze und Tränen rannen über ihre Wangen.
„Dann töte ihn!“, forderte es ungehalten.
Wie in Trance ging Konstanze in die Küche, öffnete die Schublade und zog ein großes
Schlachtermesser hervor und gleichzeitig jagte Angst kalte Schauer über ihren
Rücken. Wieder spürte sie, wie sich ihre Seele spaltete und das Böse, das Dunkle sich in
den Vordergrund drängte..
Erschöpft lehnte sich Konstanze an den Küchenschrank
Zärtlich strich sie über ihren Bauch. Ihr Leib wölbte sich nach vorn und es kam ihr
vor, als wenn das Wesen, ihr Ungeborenes sein Köpfchen in ihre Hand schmiegte.
„Er hasst mich! Und eines Tages wird er mich töten!“, wimmerte es in ihren Ohren und
versetzte sie aufs Neue in einen Trancezustand.
Die geschärfte Messerseite in ihrer Hand blitzte auf. Ein Ruck ging durch ihren
Körper und entschlossen ging sie ins Schlafzimmer.
„O Mami, ich hab‘ dich so lieb!“, vernahm sie die telepathische Schmeichelei des
Ungeborenen.
Überwältigt schluchzte Konstanze auf. Ihr Baby liebte sie! Es hatte Angst vor Simon!
Simon! Da lag er. Schnarchte! War eifersüchtig. Vielleicht war er es gewesen, der
dem Professor vorschlug, die Schwangerschaft zu unterbrechen?
Ein nie gekanntes Hassgefühl stieg in ihr hoch, und ein verächtliches Zucken huschte
über ihr Gesicht. Sie würde dafür sorgen, dass ihr Kind vor niemanden Angst haben
musste – selbst wenn sie ihn töten musste. Simon, den Mann, denn sie einst über alles
geliebt hatte.
Sie hob das Messer. Sie fühlte diese bestialische Macht, die von diesem geschärften
Metall ausging – und fühlte sich als Herrin über Leben und Tod. Ihr Baby würde leben
– Simon musste sterben.
Mit einem Aufschrei stach Konstanze zu.
Gepeinigt schrak Simon aus dem Schlaf hoch. Entsetzt sah er das Messer aufblitzen,
das Blut tropfte an seiner geschärften Seite – und er begriff: Das war sein Blut, das
von diesem Messer tropfte. Diese Frau mit dem Messer in der Hand war seine Frau.
„Conny!“, röchelte er. Wie von Sinnen stach sie auf ihn ein.
Da war er wieder, dieser heiße Wunsch, dieser unbändige Durst. Das Messer fiel
klirrend zu Boden. Mit einem faunischen Lächeln leckte sie sich die blutverschmierten
Hände ab. Ihre Brust hob und senkte sich in Erwartung. Und dann überkam sie wieder
diese Gier, diese animalische Lust. Sie stürzte sich auf Simon und hieb fauchend ihre
Zähne in seinen Leib.

Als Oliver Borner den zerfetzten Kadaver im Leichenschauhaus zu sehen bekam, glaubte
er, sich übergeben zu müssen.
„Genau wie alle anderen ist er buchstäblich ausgeblutet oder besser gesagt
ausgesaugt worden!“, erklärte ihm der Gerichtspathologe, Dr. Mohr, kratzte sich am Kinn und
murmelte: „Möchte bloß wissen, wer zu solch einer Bestialität fähig ist!“
„Die Frau des ersten Opfers“, erwiderte Oliver Borner abwesend.
„Eine Frau?“, entfuhr es Dr. Mohr. „ Dann muss sie aber über enorme Kräfte
verfügen!“
Oliver Borner nickte, drehte sich um und verließ das Oduktionszimmer. Er wusste,
dass Konstanze schon auf ihr nächstes Opfer lauerte.
|