Stories
Tod am Ramesseum
Eine Novelle aus Kemet
von G. Arentzen

Prolog
Verhaftung
I
Memphis, vor vier Wochen
Der Grabräuber hieß Akim. Ein einfacher Name für einen einfachen Mann, dessen Arbeit bislang darin bestanden hatte, an Pharaos Grabmal zu arbeiten.
Offenbar hatte ihn diese Aufgabe nicht erfüllt, denn bei Nacht war er in die Pyramiden und Gräber Verstorbener eingedrungen und hatte dort Gold, Edelsteine und Schmuck entwendet.
Ein Verbrechen, so abscheulich, dass einem schlecht werden konnte beim bloßen Gedanken daran.
Und doch, das wussten wir, war er beileibe nicht der einzige Grabräuber in Kemet. Mehr noch, wahrscheinlich war er nicht einmal der einzige Grabräuber in Memphis oder in seinem Viertel.
Tote zu bestehlen konnte einträglich sein. Zumindest, solange man nicht gefasst wurde. Geschah dies, bereuten die Täter hundertfach.
Die Männer, welche mich begleiteten, waren Mitglieder der Stadtwache. Stattliche, braun gebrannte Burschen, die mit ihren Waffen umzugehen verstanden und wie ich keine Gnade mit Grabräubern kannten.
Wir erreichten Akims Heim kurz nach Feierabend. Durch das Fenster sahen wir ihn und seine Familie bei Tisch sitzen. Eine hübsche, noch relativ junge Frau mit schwarzem Haar und dezent geschminkten Augen, deren einfaches Gewand nicht vermuten ließ, dass sich ihr Gemahl ein Zubrot verdiente.
Neben ihr hockte ein Knabe von etwa drei oder vier Jahren. Er hatte eine Schale mit Brei vor sich stehen, sowie eine Tontasse, in der sich Ziegenmilch befand. Neben dem Geschirr lag ein kleines Spielzeug.
Mir tat der Junge leid, denn er konnte nichts für die Verfehlungen seines Vaters. Und doch würde er diesen Abend niemals vergessen.
Dafür mussten wir sorgen.
Mit einem kurzen Kopfnicken gab ich meinen Begleitern zu verstehen, was sie zu tun hatten. Einer von ihnen, ein breitschultriger Mann mit kahl rasiertem Schädel und goldenen Armbändern, schenkte mir ein breites Grinsen. Dann trat er gegen die Tür und schon bot diese kein Hindernis mehr.
»Akim, du bist verhaftet im Namen des Pharaos und auf Geheiß des Großwesirs. Leiste keinen Widerstand!«
Meine Worte hallten in dem großen Raum wider, während meine Begleiter in den Raum stürmten und den Verdächtigten festsetzten.
»Was hat das zu bedeuten?«, rief Akims Frau aufgebracht. »Warum nehmt ihr mir den Mann und meinem Sohn den Vater? Welche Willkür …«
»Dein Mann ist ein elender Grabräuber. Er wird vor Gericht gestellt, du kannst dem Prozess beiwohnen. Aber mache dir keine allzu großen Hoffnungen – die Beweise gegen ihn sind erdrückend.«
»Ein Grabräuber?«, schrie die Frau, während Akim den Kopf hängen ließ.
Er konnte lügen. Jetzt und auch vor Gericht. Aber dies hätte sein Schicksal nicht verbessert; im Gegenteil. Im Jenseits wartete Anubis mit der Waage auf ihn. Jede Lüge, jeder Meineid ließ sein Herz schwer werden. War es am Ende schwerer als Maats Feder, würde die Totenfresserin kommen.
Dieses Risiko wollte Akim keinesfalls eingehen. Das irdische Leben war das eine, jenes im Jenseits etwas ganz anderes. Mehr noch – ein jenseitiges Leben war das Beste, worauf er nun noch hoffen konnte. Darum mied er den Blick seiner Frau, als er von den Wachen hinausgeführt wurde.
»Ich wusste es nicht«, schluchzte seine Frau, deren Namen ich nicht einmal kannte. Sie griff nach meiner Hand. »Bitte, was soll ich nun tun? Das Kind …«
Ohne ihr eine Antwort zu geben, wandte ich mich ab und verließ das Haus. Hatte sie bislang nicht arbeiten müssen, so änderte sich das jetzt. Hübsche Frauen mussten nicht darben. Sie konnte in einem der Tempel dienen, für wohlhabende Familien nähen und kochen oder sich als Liebesdienerin verdingen. Es gab unzählige Möglichkeiten und keine davon war auch nur im Leisesten ehrenrührig.
Kapitel 1
Ein neuer Auftrag
I
Memphis, heute
Die Sonne scheint durch das breite Fenster. Mein Bett steht so, dass ich spätestens um sieben in ihrem goldenen Schein bade. Sie ist hier, in Kemet, zuverlässiger als an einem anderen Ort auf der Welt.
Sie geht jeden Tag zur gleichen Zeit auf und senkt sich jeden Abend zur gleichen Zeit, um hinter dem Horizont zu verschwinden.
Mit einem leisen Seufzen richte ich mich auf und reibe mir den Schlaf aus den Augen. Dabei blinzele ich in den Spiegel, der über mir an der Decke hängt.
Was ich sehe, entspricht nicht gerade dem Schönheitsideal für Frauen. Meine Haut ist kupfern, auch ohne dass ich mich pudern muss. Kleine Brüste, schmales Becken, winziger Mund und eine Nase, die man im besten Fall als niedlich bezeichnen könnte. Hinzu kommt das lange, schwarze Haar, das sich jedoch nicht frisieren lässt und daher nur einen Zopf oder einen Pagenschnitt zulässt.
Mein Aussehen ist für eine Frau von gerade mal 29 Jahren nicht gerade vorteilhaft, wie ich weiß.
Ohne nach dem dünnen Umhang zu greifen, der neben meinem Bett liegt, verlasse ich das Schlafzimmer und betrete das große Bad. Mit grauer Asche reibe ich meinen Körper ein, um ihn zu enthaaren.
Nun ja, zumindest von der Nase abwärts. Wäre ich eine Priesterin Amuns, so müsste ich mir meinen Kopf rasieren.
Mit einer der Gründe, warum ich mich nicht zu einer Priesterin weihen ließ, sondern dem Sicherheitsdienst des Pharaos beitrat.
Anders als meine Schwester, doch die war schon immer sehr viel weiblicher als ich. Im Geiste und auch körperlich.
Die Asche brennt ein wenig auf den Schleimhäuten. Es gibt jedoch keine bessere Methode, den Haaren zu Leibe zu rücken. Darum ignoriere ich den leichten Schmerz, reibe meine Haut gründlich ein und gehe erst in das Becken mit Wasser, Ölen und Milch, als ich mir sicher sein kann, sauber und enthaart hinauszukommen.
Ein paar Minuten gönne ich mir, um zu entspannen. Ein anstrengender Tag liegt vor mir. Zumindest die nächsten zwei Stunden möchte ich darum nutzen, um es ruhig angehen zu lassen.
Mit einem Naturschwamm reinige ich mich, verlasse dann das Becken wieder und gehe, noch nass, in die Kammer eine Tür weiter.
Vor der großen Anubis-Statue lege ich mich demütig nieder und spreche mein Gebet. Dabei fällt mir auf, dass meine Sklavin nicht richtig geputzt hat, denn Anubis ist staubig.
Zehn Minuten später verlasse ich die Kammer wieder und nehme ein zweites Bad.
Inzwischen ist meine Sklavin erwacht. Sie reicht mir mit Honig bestrichene Brote und etwas Milch, ehe ich mich erneut wasche.
Anschließend reicht mir meine Sklavin ein Handtuch, sodass ich mich abtrocknen kann. Sie schaut mir demütig nach, als ich das Bad verlasse und zurück in das große Schlafzimmer gehe, um mich zu schminken und meine Uniform anzulegen.
Mit einem schwarzen Stift ziehe ich die Konturen meiner Augen nach. Die Farbe ist nicht nur schick, sondern hält auch das grelle Licht der Wüstensonne ab.
Meine Lippen erhalten einen goldenen Glanz, die Wangen töne ich mit rotem Ocker ab. Schließlich möchte ich nicht aussehen wie meine eigene Statue.
Nachdem ich zufrieden bin mit meinem Aussehen, folgt der Schmuck – eine Kette mit einem gesegneten Ankh, ein Armband mit kleinen Chepri sowie Ohrringe in Form einer sitzenden Katze – Bastet, wenn auch in einer recht simplen Form.
Zum Schluss erst schlüpfe ich in meine Uniform und überprüfe den Look im Spiegel. Die Haare binde ich zu einem Zopf, die Waffen finden ihren Platz am Gürtel.
Okay, so siehst du ganz gut aus, stelle ich zufrieden fest. So kannst du dich sogar am Hofe blicken lassen.
Meine Sklavin betritt das Schlafzimmer und schaut mich prüfend an. Sie trägt ein safrangelbes Gewand, auf Schuhe hat sie jedoch verzichtet.
»Kannst du bitte Anubis wischen?«, bitte ich sie. »Er ist staubig.«
Sie nickt ergeben, ehe sie den Kragen meiner Uniform richtet. Ihr Atem riecht nach frischer Minze, ihr Blick ist scheu, aber hingebungsvoll. Bislang bereue ich nicht, sie in meine Dienste genommen zu haben.
Sie schaute mir nach, als ich das Haus verlasse und vor die Tür trete. Die Pyramide von Pharao ist kaum mehr als ein roher Bau. Sie erhebt sich westlich der Stadt, auf einem kleinen Hügel. Wie die meisten Pharaonen möchte auch der jetzige Regent ein Grabmal für die Ewigkeit. Eines, auf das die Menschen noch in 1000 Jahren blicken und sich an ihn und seine Taten erinnern.
Welche Taten?, denke ich ketzerisch, gehe über einen schmalen Weg zur Garage und steige dort auf eine Athena-2500.
Es gibt im Moment kein Motorrad mit einem ähnlich starken und zuverlässigen Motor. Die Athena-2500 ist perfekt, mag man es sportlich. Sie kostete mich ein Vermögen, aber noch immer liebe ich das Motorrad. So wie ich den PDA an meinem Handgelenk liebe, den mir mein Onkel zum Geburtstag schenkte. Ein Taschencomputer, so viel besser als jene, die der Sicherheitsdienst normalerweise einsetzt. Gemeinsam mit den D-Gläsern, die meine Augen nicht nur besser als jeder Stift vor der Sonne schützen, sondern auch als Display für den PDA dienen, fühle ich mich hin und wieder wie eine Figur aus den spannenden Zukunftsromanen, die monatlich aus den Kolonien in Übersee eintreffen und unsere Bibliotheken und Buchhandlungen überschwemmen.
Es ist noch nicht lange her, da besuchte ich New Memphis, um gemeinsam mit den Behörden dort einen Fall zu lösen.
New Memphis ist schmutzig, laut und schläft nie, wie mir mein Kollege versicherte. Und doch möchte er nicht tauschen. Er liebe die Stadt, die Wolkenkratzer und die Verrückten, die den Central Park unsicher machen würden.
Da New Memphis einst von den Kelten gegründet worden war, bevor wir den gesamten Kontinent eroberten und den Menschen unsere Zivilisation schenkten, glaubte ich meinem Kollegen jedes Wort. Noch immer steckt viel keltisches Blut in den Bewohnern von New Memphis. Sie sprechen anders als wir, leben anders als wir und glauben an Götter, die nur bedingt mit den unsrigen zu vergleichen sind.
Dennoch sind sie ein Teil Kemets. So wie die anderen Kolonien, die wir zum Beispiel in Punt unterhalten.
Unser Reich erstreckt sich über den gesamten Globus und spiegelt eine Vielfalt wieder, die nicht einmal die Römer einst erreichen konnten.
Gut, dass ihnen Kleopatra die Siebte kräftig in den Hintern treten konnte. Nicht auszudenken, was geschehen wäre, hätten sie uns erobert. Am Ende würden wir heute alle Latein sprechen und zu Jupiter beten …
II
Staub steigt auf, während sich die Athena-2500 ihren Weg durch die schmalen Gassen der Stadt sucht. Die meisten Menschen gehen ihrer Arbeit nach. Sie eilen beschäftigt umher, Lastkraftwagen verstopfen die Straßen und überall hört man wütende Flüche.
Kurz nehme ich eine neue Werbung für Dessous wahr. Ein junges Modell präsentiert sich so gut wie nackt. Banatero – für heiße Nächte mit deinem Mann!
Die Kleine auf dem Bild sieht aus, als würde sie noch in die Oberstufe gehen. Am liebsten würde ich mir ihre Nummer geben lassen, um ein Date mit ihr zu vereinbaren.
Ich mag junge, hübsche Frauen.
Doch noch bevor ich länger über die Werbung nachdenken kann, fährt ein LKW überraschend aus einer Einfahrt.
Im letzten Moment gelingt es mir, die Maschine in eine Seitengasse zu lenken. Mit dem Bein berühre ich eine Hauswand, glühende Schmerzen ziehen bis in die Hüfte hinauf, das Rad schlingert.
Zwei Frauen springen erschrocken zur Seite und rufen mir Flüche nach, ein Mädchen mit einem Korb Eier flüchtet in ein schmales Ladengeschäft.
Verdammt.
Am liebsten würde ich stoppen, zurückfahren und dem Fahrer des LKWs ein Strafmandat geben, von dem andere Familien einen Monat lang leben können. Aber dann besinne ich mich eines Besseren. Es ist nicht auszuschließen, dass ich zu intensiv an das Modell von der Werbung dachte und die Warnblinker des LKWs schlicht übersah.
Vielleicht sollte ich mir ein solches Strafmandat geben …
Wenige Minuten später passiere ich den großen Marktplatz der Altstadt. Zu meinem Erstaunen hat sich eine große Menschenmenge vor einem Gerüst aus stabilem Holz versammelt und schaut hinauf zu der Plattform.
Neugierig halte auch ich inne und blicke hinauf. Mein Magen sackt etwas ab, als mir bewusst wird, welchem Schauspiel die Leute beiwohnen.
Es ist Akims Exekution.
Der Delinquent ist nackt. Er liegt auf einem Bock, Hände und Beine so gefesselt, dass sein Hinterteil in die Höhe ragt. Ein seltsamer Anblick, der sich jedoch aufgrund des Urteils nicht vermeiden lässt.
Hinter ihm steht der Henker, in der Hand ein blutiges Messer. Neben ihm ruht auf einem Schemel ein Eimer mit warmem Öl. Auch ein Pfahl ist zu sehen, doch dieser lehnt am Gerüst. Am Gürtel trägt der Henker einen schweren Gummihammer.
Akim leidet, aber noch ist der Schmerz erträglich. Der Henker durchtrennte lediglich seinen Schließmuskel; ein kurzer, scharfer Schnitt, der jedoch nicht sonderlich tief geht.
Während ich über die Prozedur nachdenke, nimmt der Henker den Eimer mit Öl und gießt es in den blutenden After des Delinquenten.
Akim verzieht das Gesicht, sagt aber nichts.
Er weiß, dass ihm ein sehr viel größeres Grauen bevorsteht, als das, was bislang mit ihm geschah.
Zwei Helfer des Henkers eilen herbei. Sie nehmen den Pfahl und setzen die abgerundete Spitze am After des Verurteilten an.
Dann schieben sie das gut einen halben Meter dicke Hinrichtungsinstrument mit Wucht in den Leib des Delinquenten.
Jetzt schreit Akim.
Sein Mund öffnet sich, unartikulierte Laute dringen aus ihm hervor.
Und noch ist es nicht vorbei; im Gegenteil. Der Henker nimmt den Hammer und beginnt, den Pfahl in den Darm des Verurteilten zu treiben.
Akims Schreie steigern sich zu einem wilden Geheule. Die meisten Zuschauer empfinden Genugtuung, nur wenige wenden sich ab.
Während Akim die Kraft verlässt und seine Schreie in ein unverständliches Gebrabbel übergehen, richten die Assistenten des Henkers den Pfahl auf. Nun sitzt der Delinquent auf seinem Hinrichtungsinstrument. Das Öl und das eigene Körpergewicht sorgen dafür, dass er tiefer und tiefer gleitet, der Pfahl Organe beiseiteschiebt und ihn irgendwann durchbohrt.
Ein Tod, der Stunde oder Tage dauern kann und mit zu den grässlichsten Hinrichtungsmethoden zählt, die Kemet kennt.
Pfählen wird bei zwei Verbrechen verhängt – Mord am Pharao oder einem Angehörigen des Gott-Königs sowie Grabräuberei.
Jeder weiß es, die Zeitungen, Rundfunk- und TV-Sender berichten darüber. Und doch scheinen die Schätze in den Gräbern zu verlockend, als dass man sie einfach in Ruhe lassen könnte.
Dumm ist, wer Dummes tut. Mein Mitleid mit Akim hält sich jedenfalls stark in Grenzen. Auch wenn er wieder schreit, während ich Gas gebe und den Ort des Geschehens verlasse. Pharao wartet und es ist nicht höflich, seinen König und Vorgesetzten warten zu lassen.
III
»Nefer-Neferu-Anpu!«, ruft Pharao, als ich den Thronsaal betrete. Er verlässt seinen leicht erhobenen Platz und kommt mir entgegen. Seine Diener eilen herbei, um mir einen Platz sowie einen Kelch Wein anzubieten, eine junge Frau bringt einen Teller mit frischen Früchten.
Mein Blick gleitet an ihr herab, ehe ich mich von Pharao umarmen lasse.
»Du siehst gut aus!«, stellt er fest. »Deine Eltern wären sehr stolz auf dich.«
»Danke«, erwidere ich das Lob. »Du siehst ebenfalls gut aus. Auch wenn mir scheint, dass du ein bisschen zugelegt hast. Der Thron biegt sich noch nicht unter dir?«
Er lacht leise, während er gleichzeitig mit dem Finger droht. »Noch nicht. Aber bei all diesen köstlichen Speisen …« Er streichelt meine Wange. So wie stets, wenn wir einander treffen. Pharao ist nicht nur mein Vorgesetzter und König, sondern auch mein Onkel; der Bruder meines zu den Westlichen gegangenen Vaters. Er war es, der mich vor einigen Jahren wie eine Tochter aufnahm, als meine Eltern allzu früh in den Duat gingen. Ich hätte ihn heiraten und so zu einer Prinzessin, vielleicht sogar zur Großen Königlichen Gemahlin werden können.
Angeboten hatte er es mir, und dies mehrfach. Ein Leben im Palast, Sklavinnen und Unterhaltung, aber auch hohe Politik – all das stand mir offen.
Ich hatte mich dagegen entschieden. Zum einen, weil ich nicht mit einem Mann liiert sein wollte, zum anderen weil Prinzessinnen nicht dem Sicherheitsdienst dienen dürfen. Ich sehnte mich nicht nach der Geborgenheit, die der Palast bot, sondern nach den Abenteuern dort draußen in Kemet.
Vor allem aber sehnte ich mich nach den sanften, weichen Händen einer jungen Frau, in deren Armen ich Erfüllung und Liebe finden konnte.
Pharao verstand, dass ich mir ein anderes Leben wünschte. Ohne Groll gab er mich frei, sorgte jedoch dafür, dass ich als Sonderagentin des Königlichen Sicherheitsdienstes eine ziemlich gute Stellung bekam.
So wie er dafür sorgte, dass meine Schwester Leera bereits in jungen Jahren zur Priesterin Amuns geweiht wurde.
Es ist praktisch, Teil der königlichen Familie zu sein. Selbst wenn Pharao lediglich mein Onkel ist und der Adel nur diese eine – seine – Linie umfasst.
Ich schiebe mir eine recht saure Traube in den Mund, während Pharao seine Gedanken sortiert. Er bat um dieses Treffen, und dies auf dem Dienstweg. Also plagen ihn Sorgen, bei denen ihm der Sicherheitsdienst behilflich sein kann.
»Hast du in den letzten Tagen RTM gesehen?«, fragt er nach ein paar Sekunden.
Ich verneine.
Radio Television Memphis ist ein Privatsender der übleren Sorte. Billige Shows, nichtssagende Nachrichten und sensationsgeile Magazine füllen 24 Stunden am Tag die drei Kanäle des Unternehmens. Hinzu kommt Werbung im Überfluss.
Nichts davon interessiert mich. Zum einen bevorzuge ich Filme und Serien ohne Werbeunterbrechung, zum anderen möchte ich echte, wichtige Nachrichten. Dafür zahle ich gerne einen monatlichen Obolus, sodass bei mir nur Pay-TV läuft.
»Nun, dann hast du vermutlich nichts von den blutigen Angriffen auf Touristen am Ramesseum gehört?«
»Nur am Rande. Soweit ich weiß, wurde eine Reisegruppe angegriffen. Drei Menschen starben, vier wurden schwer verletzt. Die Wachen von Theben sind mit der Aufklärung befasst.«
»Das ist richtig. Reporter von RTM wollen jedoch herausgefunden haben, dass es dort nicht mit rechten Dingen zugeht. Es heißt, Schemen haben die Menschen angegriffen. Sollte dem so sein, sind die Wachen machtlos.«
Innerlich verdrehe ich die Augen.
Die Reporter von RTM behaupten bei jedem dritten Verbrechen, Schemen, Dämonen oder die Götter selbst seien die Täter. Einmal erklärte ein Hanswurst von RTM, Sechmeth sei erschienen und habe zwanzig Rucksacktouristen verbrannt, die sich in einem Heiligtum des Re ungebührlich benahmen.
Die Wahrheit war sehr viel unspektakulärer. Einer der Touristen stieß einen frisch gefüllten Topf mit Lampenöl von einem Sockel, die Flüssigkeit ergoss sich auf die Anwesenden und schon standen alle in Flammen.
Man braucht für eine solche Katastrophe keine mächtige Göttin in Löwengestalt. Die Dummheit der Menschen reicht völlig aus.
»Du sagst nichts?«, fragt Pharao, während er nach einer Frucht greift. Er verzieht das Gesicht, denn seine Traube ist nicht süßer als jene, die ich erwischt habe.
»Nun ja – meine Meinung zu den Thesen von RTM sind dir bekannt. Man sollte diese ganze Bande zusammentrommeln und in einem Schiff nach Punt schicken. Das wäre der einzig sinnvolle Weg, sich mit denen zu beschäftigen.« Ich grinse. »Am besten zusammen mit den Journalisten der HIEROGLYPHE.«
Pharao lässt ein Ha hören, ehe er es mit einer Erdbeere versucht. Sie sagt ihm deutlich mehr zu, sodass ich ebenfalls einen Versuch wage. »Glaubst du an die Götter?«
»Natürlich! Wie könnte gerade ich nicht an die Götter glauben. Du weißt, dass meine Mutter Besuch von Anpu erhielt, noch bevor ich geboren wurde. Er sagte, ich würde unter seinem Schutz stehen und seinen Willen erfüllen. Dafür müssen sie und Vater schon früh …«
Es fällt mir schwer, über das zu sprechen, was damals geschah. Kurz gesagt gaben meine Eltern ihr Leben für mich.
»Wenn du an die Götter glaubst, dann musst du auch an die Unterwelt, an die Schemen und Dämonen glauben«, erklärt Pharao bestimmt. »Man kann nicht das Gute sehen, das Böse aber leugnen. Das wäre so falsch, wie jegliche Göttlichkeit zu leugnen.«
»Ich habe kein Problem mit den dunklen Seiten des Glaubens. Ich habe ein Problem mit den Idioten von RTM. Das ist der Unterschied.«
Abermals lacht mein Onkel leise. »Nun, wie dem auch sei«, erklärt er eine Erdbeere später, »ich muss einen meiner Agenten nach West-Theben entsenden, damit er die von RTM aufgeworfenen Fragen beantwortet. Ich wäre erfreut, wenn du diese spezielle Aufgabe übernehmen würdest.«
»Wenn dies dein Wunsch ist …« Lieber würde ich die sauren Trauben essen und einen Nachschlag verlangen, als mir das Ramesseum anzuschauen. Nicht, dass der Tempel nicht hübsch wäre. Abgesehen von den Touristenmassen, der Hitze dort draußen und dem feinen Sand, der einem in jede Ritze kriecht, ist es ein netter Ort.
Ich glaube nur nicht, dass meine Untersuchungen irgendetwas ergeben werden. Schemen und Dämonen sind gut für RTM und die HIEROGLYPHE, mehr aber nicht.
»Dann wünsche ich dir viel Glück. Solltest du vor Ort auf Reporter irgendwelcher Sender stoßen, dann sei nett zu ihnen. Du weißt, dass sie am Ende am längeren Hebel sitzen.«
Ich verziehe das Gesicht auch ganz ohne Traube. »Natürlich – die Feder ist mächtiger als das Schwert.« Unwillkürlich gleiten meine Finger über den Griff des Energieschwertes, das – unscheinbar und gesichert – an der linken Seite meines Gürtels ruht. Rechts sitzt meine Power-Shot II; eine Pistole, wie sie zuverlässiger, eleganter und machtvoller kaum sein könnte. Hm, ob ich den Wahrheitsgehalt dieses Spruchs jemals bei einem Schmierfink der HIEROGLYPHE ausprobieren darf?
Kapitel 2
Nächtliche Aktivitäten
I
Memphis, heute
Den restlichen Tag verbrachte ich in meinem kleinen Büro in der Zentrale des Sicherheitsdienstes. Sofort nach West-Theben aufzubrechen wäre mir nicht in den Sinn gekommen – zum einen wollte ich keine unnütze Hektik an den Tag legen, die irgendwelche Reporter als Notfall interpretierten, zum anderen wollte ich wissen, um was es überhaupt ging. Bislang kannte ich lediglich die sachlichen Berichte der Wachen vor Ort, und die gaben keinen Anlass, an unbekannte Wesen, Schemen oder sonstige Kreaturen zu glauben.
Das Ramesseum wird täglich von unzähligen Touristen aus aller Welt besucht. Sieben von ihnen wurden angegriffen – das ist kaum der Rede wert. Überall in Kemet kommt es zu Diebstählen, Überfällen oder Morden. Es ist ein großes, modernes Land mit Problemen jenseits übernatürlicher Erscheinungen. Arbeitslosigkeit ist ein Thema, hier ebenso wie in den Kolonien jenseits der großen Gewässer. Selbst in Punt klagen die Behörden über ein Ansteigen der Kriminalität.
Und da kommt RTM mit Schemen. Was für Idioten …
Nach einem kurzen Telefonat mit dem Kommandanten der Wache in West-Theben, der meine Einschätzung der Situation teilte, und ein paar Recherchen im weltweiten Datennetz fuhr ich nach Hause, um mich auf den kommenden Tag und meinen Ausflug zum Ramesseum zu freuen.
Schon als ich das Haus betrete, rieche ich den feinen Duft frischer Zitrone, der durch mein Heim zieht. Der Boden blitzt und blinkt, kein Körnchen Staub liegt auf den Kommoden, die im Eingangsbereich stehen und meine Schuhe ebenso aufnehmen wie andere Kleinigkeiten.
Ich werfe einen Blick in den Andachtsraum.
Anubis sah nie besser aus.
Während ich in mein Schlafzimmer gehe, um die Uniform abzulegen, erklingen hektische Geräusche aus der Küche. Offenbar war meine Sklavin so mit der Reinigung des Hauses befasst, dass sie mein Abendessen vergaß.
Nun, in Anbetracht des Glanzes sei es ihr verziehen.
Zehn Minuten später verlasse ich mein Zimmer wieder, bekleidet nur mit einem dünnen Umhang. Ich möchte ein Bad nehmen – das dritte. Meine Mutter nannte mich einst ihren kleinen Fisch, weil ich über Stunden in dem großen Becken verbringen konnte.
Nun bin ich erwachsen und liebe das nasse Element noch immer.
Sanft umschmeicheln mich Öle und Milch. Mein Aussehen mag höchstens durchschnittlich sein, meine Haut ist es sicherlich nicht. Tägliche Bäder und sanfte Lotionen sorgen dafür, dass sie sich samtig weich anfühlt.
Noch während ich über das Leben als solches und meines im Speziellen nachdenke, betritt meine Sklavin das Bad. In der Hand trägt sie ein Tablett, welches sie neben dem Becken abstellt.
Der Duft von gebratenem Fleisch dringt mir in die Nase, unterstrichen von dem Aroma frischen Gemüses.
Meine Sklavin lässt ihr safranfarbenes Gewand zu Boden gleiten, kommt zu mir in das Wasser und verteilt die Speisen auf zwei Teller. Einen reicht sie mir, den anderen behält sie.
»Du hast gute Arbeit geleistet«, lasse ich sie wissen, während wir essen. »Das Haus war nie sauberer.«
Sie errötet und senkt den Kopf. Dennoch kann sie ihre Freude über das Lob nicht verbergen. Ein sanftes Lächeln huscht über ihre Lippen, ehe sie etwas von dem Fleisch verzehrt.
Ich kaufte Alysha, so ihr Name, vor knapp einem Jahr und habe es bislang nicht bereut. Sie ist stets zur Stelle, wenn ich sie brauche. Fleißig, bescheiden, demütig. Sie verrichtet ihre Arbeit klaglos, ist mit dem Lohn zufrieden, den sie dafür bezieht, und kennt keine Scham mir gegenüber.
Auch jetzt, da wir gemeinsam im Becken speisen, stört sie weder meine noch ihre Nacktheit. Ihre Brüste ruhen auf der Wasserlinie, ihre Füße berühren die meinen.
»Ich muss morgen nach West-Theben. Kannst du bitte zivile Kleidung bereitlegen? Die Geier von RTM müssen nicht wissen, dass der Sicherheitsdienst vor Ort ermittelt.«
Sie nickt, ihre dunklen Augen ruhen auf mir. »Der Angriff auf die Touristen?«
»Du hast davon gehört?«
Abermals nickt sie. »Die Memphis Post schrieb darüber. Sie geht davon aus, dass es sich um einen Anschlag der Separatisten vom oberen Nil handelt.«
»Das ist jedenfalls wahrscheinlicher als die Annahme, Schemen und Dämonen könnten die Menschen angegriffen haben.«
»Vielleicht waren es separatistische Dämonen«, scherzt sie. Wir lachen, ehe wir das Essen fortsetzen.
Alysha ist nicht nur demütig und fleißig, sondern auch intelligent. Das macht sie zu einer perfekten Sklavin. Es gibt andere, die den ganzen Tag schweigen. Entweder aus Angst oder aber, weil sie schlicht nichts zu sagen haben.
Mit ihren Ansichten hatte mir Alysha mehr als einmal geholfen. Sie zu verlieren wäre ein herber Verlust.
»Möchtest du mit Lotion eingerieben werden?«, fragt meine Sklavin, nachdem sie das Geschirr versorgt hat.
»Ja, das wäre schön«, erwidere ich, verlasse das Becken und lasse mir ein Handtuch reichen. Gemeinsam gehen wir in mein Schlafzimmer. Nackt lege ich mich auf das Bett, mein Kopf ruht auf dem weichen, wohl duftenden Kissen.
Kurz darauf spüre ich die Hände der Sklavin auf meinem Nacken, dem Rücken, den Lenden – bis hinab zu den Füßen.
Nach einer Weile drehe ich mich um, sodass sie auch meine Vorderseite einölen kann. Sie trägt noch immer ihr Gewand, ihr Blick wirkt ein wenig verträumt.
Während ihre Hände meine Brüste massieren, greife ich nach ihren Schultern und ziehe sie zu mir hinab. Unsere Lippen treffen sich zu einem sanften Kuss, ihre Finger reiben meine Nippel.
Ich schäle sie aus ihrem Kleid, ertaste ihren jungen, weiblichen Körper. Der Duft, der von ihr ausgeht, betört meine Sinne.
Unsere Küsse werden hungriger, gieriger. Ihre Hand gleitet zwischen meine Schenkel, und noch während ich mich ihr öffne, schiebt sie mir ihre linke Brust über den Mund, damit ich an ihrer steifen Knospe saugen kann.
Nicht lange, und Alysha liegt auf mir, ihr Unterleib gegen meinen Mund gepresst. Für ein paar Stunden sind die Rollen aufgehoben, gibt es nur zwei Frauen, die sich Lust schenken.
Erst, als das Mondlicht mein Zimmer in einen silbrigen Schein taucht, liege ich erschöpft und zufrieden auf dem durchfeuchteten Laken und schaue hinauf in den Spiegel. Mein Körper glänzt, denn noch immer klebt Schweiß auf ihm.
Neben mir, nicht minder erschöpft und glücklich, ruht Alysha. Ihre helle Haut bildet einen Kontrast zu meinem kupfernen Aussehen, ihr glitzernder Blick verleiht ihr eine Erotik, die sie nur in Momenten wie diesen ausstrahlt.
»Danke«, flüstere ich, wende mich ihr zu und schiebe meinen Arm unter ihren Kopf. Ich möchte ihre Nähe spüren, ihren Atem auf meiner Haut fühlen und sie küssen, während sie die Grenze zwischen Wachen und Schlaf überschreitet.
Überrascht lässt sie es geschehen. Mehr noch, sie schmiegt sich an mich, demütig und glücklich.
Alysha ist mit Sicherheit die beste Sklavin, die ich jemals hatte. Mit ihr in meinem Haus bleibt kein Raum für Einsamkeit.
Oder ist da mehr? Ein Gefühl, das ich mir nicht eingestehen will, da es nicht zu der Beziehung zwischen Sklavin und Herrin passt? Wir haben Sex, wir unterhalten uns und sie sorgt für mich.
Nichts anderes würde eine Gefährtin tun.
Sie ist aber keine Gefährtin, sondern eine Sklavin. Daher sollte eine gewisse Distanz zwischen uns herrschen. Eine, die für die Stunden ungezügelter Leidenschaft aufgehoben werden kann, anschließend aber wieder vorhanden sein muss.
Eine Distanz, die es mir verbieten würde, sie in den Arm zu nehmen und ihr verbieten müsste, an meiner Seite, in meinem Bett zu schlafen.
Dies tun Sklavinnen weder bei ihren Herrinnen noch bei ihren Herren. Obgleich immer wieder Geschichten über Liebesbeziehungen zwischen Sklaven und ihren Besitzern die Runde machen, glaubte ich bislang nicht daran. Allein schon, weil dies der natürlichen Ordnung der Dinge widerspräche.
Herren beschützen ihre Leibeigenen, sie geben ihnen ein Dach über dem Kopf, Kleidung und Nahrung.
Sie schenken ihnen keine Liebe, nur Zuneigung.
Und doch, während mein Blick über das nun entspannte Gesicht der jungen Frau gleitet, ihre feinen Züge erforscht und schließlich bei den sinnlichen Lippen hängen bleibt, spüre ich sehr viel mehr in mir als bloße Zuneigung.
Wie unzulänglich dieses Wort doch sein kann.
Müde beschließe ich, diese lächerliche Anwandlung sentimentaler Gefühlsduselei beiseitezuschieben und stattdessen endlich eine Mütze voll Schlaf zu nehmen. Die Sonne wird mich früh genug wecken, der Ausflug nach West-Theben ist keine Vergnügungsreise.
II
Noch graut der Morgen nicht, als mich ein ungewöhnliches Geräusch aus dem Schlaf reißt. Ich blinzele in das Zwielicht, welches im Raum herrscht. Einzig ein Nachtlicht brennt neben der Tür.
Was hat mich geweckt?
Reglos lausche ich in die Stille der Nacht. Das Ticken der Uhr dringt aus dem Salon an mein Ohr, ebenso das Knistern von Sand, der von einem warmen Wüstenwind gegen das Haus geblasen wird.
Aber all das kann mich nicht geweckt haben. So wenig wie Alyshas leises, gleichmäßiges Atmen.
Meine Sinne sind gespannt. Etwas stimmt nicht, auch wenn ich nicht sagen kann, was genau das ist.
Doch dann höre ich es.
Schritte!
Sie erklingen im Gang vor der Tür.
Einbrecher. Bei Anpu, wer kann so verwegen sein, und in das Haus einer Agentin des Sicherheitsdienstes eindringen?
So leise und rasch wie möglich gleite ich aus dem Bett, greife nach meinem Umhang und schlüpfe hinein, während die Schritte lauter durch den Gang hallen.
Meine Waffen liegen auf der Kommode neben der Tür. Ich greife gerade nach dem Griff des Energie-Schwerts, als zwei Männer in langen, roten Kutten in den Raum stürmen, lange Dolche in den Händen.
Verdammt!
Im letzten Moment gelingt es mir, mich zurück und damit auf das Bett zu katapultieren. Damit entgehe ich zwar dem Stich, der meiner Kehle galt, stürzte aber gleichzeitig Alysha in Panik. Die junge Frau stößt einen schrillen Schrei aus und tut das einzig Richtige – sie wirft sich zur Seite und rollt zu Boden, um unter dem Bett Schutz zu suchen.
»Du bist des Todes!«, lässt mich einer der Angreifer wissen. Erst jetzt fällt mir auf, dass seine Kutte nicht einfach schwarz ist. In dunklem Rot prangt ein Symbol auf der linken Brustseite, das mich entfernt an das Zeichen des Seth erinnert.
Was soll der Mist?
Wieder sticht einer der Angreifer nach mir, hat aber das Pech, dass mein Fuß schneller ist. Ich erwische sein Handgelenk, sein Arm wird abgelenkt und schon trifft die Klinge seinen Kumpan.
Gerne würde ich behaupten, dass dies ein geplanter, eiskalt kalkulierter Schachzug von mir war, aber das wäre übertrieben.
Zumal der Verletzte nicht ausgeschaltet ist. Wie ein waidwundes Tier wirft er sich nach vorne, um mich mit seinem Körpergewicht niederzudrücken. Seine Hand mit der Klinge fährt in die Höhe, Hass blitzt mir aus seinen Augen entgegen.
Mit einer raschen Drehung gelingt es mir, dem Angriff zu entgehen. Sekunden später erklingt ein leises Summen, als ich endlich das Energieschwert aktivieren kann.
Das Geräusch ist derart charakteristisch, dass die beiden Angreifer zurückweichen. Sie sehen mich das Schwert in Händen halten. Mein Umhang liegt auf dem Bett, ich bin splitternackt. Aber das interessiert in diesem Moment weder mich noch sie.
»Was ist? Kein Mut mehr? Es ist leichter eine unbewaffnete Frau anzugreifen, oder?« Meine Worte klingen hasserfüllt.
Wie auf ein geheimes Kommando hin stecken beide ihre Dolche ein – und ziehen klobige PAXX-Pistolen aus ihren Kutten hervor.
Fuck.
Der erste Schuss donnert auf. Der Energiestrahl rast auf mich zu. Im letzten Moment gelingt es mir, das Schwert in die Höhe zu reißen und den Strahl abzulenken. Dieser rast in den Spiegel über mir, wird dort aufgefächert und hundertfach reflektiert.
Die Strahlen treffen nicht nur mich, sondern auch die Männer, sind aber nun ungefährlich.
Zu einem weiteren Schuss lasse ich die Männer nicht kommen.
Ein kurzer Sprung, eine Rolle vorwärts und schon liege ich vor ihnen.
Sie sehen mich, ahnen die Gefahr und können ihr dennoch nicht entgehen. Das Schwert rast von links nach rechts, Hände und Pistolen fallen zu Boden und Blut spritzt aus den Stümpfen.
Unartikulierte Schreie erklingen, als den Männern klar wird, was geschehen ist.
Sekunden später endet das Geschrei, denn nicht nur ihre Hände liegen auf dem Boden, sondern auch ihre Köpfe. Verdrehte Augen starren leer hinauf in den Spiegel, Blut bildet eine große Lache auf dem Teppich.
Alysha kriecht unter dem Bett hervor. Abscheu steht in ihren Augen geschrieben, während sie die Leichen mustert. Sie zittert am ganzen Leib, Tränen schimmern in ihren Augen.
»Es ist vorbei«, flüstere ich ihr zu und nehme sie in den Arm. Sofort sucht sie meine Nähe und ergibt sich mit einem lauten Schluchzen ihren Gefühlen.
Ja, die Distanz zwischen Herrin und Sklavin ist deutlich zu spüren …
Kapitel 3
Attraktionen
I
West-Theben, heute
Die Athena-2500 brachte mich klaglos an mein Ziel; wenn auch mit mehreren Stunden Verspätung.
Zwei tote Attentäter im Schlafzimmer sind auch für Agentinnen des Sicherheitsdienstes keine Selbstverständlichkeit, und so hatten die Mitglieder der Stadtwache die eine oder andere Frage an mich.
Anschließend, nachdem die braun gebrannten Männer mit den kurzen Haaren und den rasierten Brüsten gegangen waren, recherchierte ich ein wenig im Daten-Netz und suchte nach den Symbolen, welche auf den Kutten der Attentäter zu sehen gewesen waren.
Vergebens.
Nach ein paar Stunden Schlaf machte ich mich schließlich auf den Weg, um meinen Auftrag zu erfüllen.
Alysha blieb zurück, um das Haus und vor allem mein Schlafzimmer wieder in einen vernünftigen Zustand zu versetzen. Da ich jedoch ein weiches Herz habe und die unglückliche junge Frau nicht alleine mit all dem Blut zurücklassen wollte, hatte ich ihr eine Assistentin zur Seite gestellt. Zu zweit sollte ihnen gelingen, was für eine Sklavin zu viel Arbeit wäre.
Nun befinde ich mich in West-Theben und stehe zwischen all den Touristen, die den Weg zum Ramesseum fanden. Die Sonne scheint von einem strahlend blauen Himmel, die Temperaturen klettern unaufhörlich in die Höhe und feiner Sand reibt an meinen Füßen und unter den Armen.
Es ist genau, wie ich es befürchtet habe.
Was zur Hölle soll das alles? Nur weil sich RTM eine Geschichte aus den Fingern gesogen hat, stehe ich nun hier und glotze auf eine Sehenswürdigkeit, die ich bereits als junges Mädchen besuchte. Mit der Kindergartengruppe, der Basis-Schule, der Aufbau-Schule und dann noch einmal im Final-Jahr. Hat sich nicht verändert!
Gelangweilt gehe ich an den Ständen mit Andenken vorbei, ignoriere die Bettler am Rande des Monuments und verscheuche mit meinem Fuß eine Katze, als sie an meinen Schuhen schnüffelt.
Das Ramesseum ist eine Attraktion. Es gehört zu den Millionenjahrhäusern und lockt aufgrund seiner Unversehrtheit die Touristen an wie Honig die Fliegen.
»Wollen Sie ein T-Shirt?«, spricht mich ein fliegender Händler an. »Nur vier Deben.« Er hält eines der Shirts hoch. Das Ramesseum ist darauf abgebildet, darunter die Jahreszahl – 2009/RPZ1.
Mit einem unwirschen Kopfschütteln vertreibe ich den Händler. Wenn schon, dann steht mir der Sinn nach ein paar Datteln und eiskalter Honig-Milch.
Nicht nach noch mehr Kleidung.
»Also schön, sagen wir dreieinhalb Deben!«, ruft mir der Händler nach. »Drei? Nein? Schlampe!«
Die Händler sind auch nicht mehr das, was sie mal waren.
Ich gehe die Stufen zum Ramesseum hinauf. Menschen kommen mir entgegen, andere drängen sich an mir vorbei, um hineinzugelangen.
»Haben Sie eine Karte?«, fragt ein grobschlächtiger Mann im kurzen Rock. Er trägt eine traditionelle Kleidung. So, wie es die Wachen vor 3000 Jahren taten. Seine Hand ruht auf meiner Schulter, sein Blick ist stechend.
»Natürlich.« Mit einem maliziösen Lächeln zücke ich meinen Ausweis und zeige ihn dem Mann. »Die gilt immer und überall.«
Sofort nimmt er die Hand weg. »Natürlich. Kann ich Ihnen behilflich sein?«
»Waren Sie da, als die Touristen …?«
Er schüttelt den Kopf. »Nein, ich war nicht im Dienst. Wenn, dann wären die armen Schweine nicht abgeschlachtet worden, das kann ich Ihnen …«
Er schweigt, da hinter mir, dort, wo sich die Stände und Besucher befinden, Tumult entsteht. Erstaunt drehe ich mich um und lasse meinen Blick über die Menschenmenge schweifen. Manche weichen erschrocken zurück, andere fliehen panisch.
Drei Menschen liegen auf dem Boden und krümmen sich wie Würmer am Angelhaken. Sie halten ihre Hände auf die Kehlen gepresst. Blut dringt zwischen ihren Fingern hindurch und bildet Lachen, die sich langsam zu einer großen Pfütze vereinen.
Das darf doch nicht wahr sein!
Männer in schwarzen Kutten fallen mir auf. Sie stehen unbeteiligt neben den Leichen und blicken in meine Richtung, Dolche in den Händen.
Herausfordernd.
Triumphierend.
Ohne zu zögern ziehe ich meine Power-Shot II. Hochgeschwindigkeitsgeschosse jagen aus dem Lauf und treffen die drei Attentäter.
Die Wucht der Einschläge ist so groß, dass sie mehrere Nebi durch die Luft geschleudert werden, ehe sie aufschlagen. Sie sind tot, lange bevor ihre Körper den Boden berühren.
Das hat meine Fragen auch nicht beantwortet. Was bei Anpu wollen die?
Noch während ich darüber nachdenke, wird das schwere Tor des Ramesseums von innen aufgestoßen.
Nein, das trifft es nicht.
Die Wucht ist so groß, dass das Tor aus den Angeln gerissen und in meine Richtung geschleudert wird.
Der Wachmann des Tempels stößt mich zur Seite. Er selbst schafft es gerade so, aus der Flugbahn zu kommen. Mit einem lauten, donnernden Dröhnen kracht das Tor auf die Stufen und rutscht einige Nebi, ehe es zur Ruhe kommt.
Entsetzt blicke ich zum Eingang des Tempels. Was in aller Welt war das? Eine Explosion? Eine Ramme?
Zuerst sehe ich sechs Personen in schwarzen Kutten durch den zerstörten Eingang treten. Deutlich ist das rote Symbol auf ihrer Kleidung zu sehen.
Es sagt mir noch immer nichts.
Hinter ihnen, und das entsetzt mich weitaus mehr als die gesprengte Tür, schwebt ein Wesen, wie ich es noch nie in meinem Leben gesehen habe.
Okay, niemand hat solch eine Kreatur jemals gesehen. Das zumindest entnehme ich den Reaktionen der Touristen. Sie sehen die Kreatur – und fliehen in schierer Panik.
Einzig der breitschultrige Tempelwächter bleibt standhaft, obwohl auch ihm ungläubiges Entsetzen ins Gesicht geschrieben steht.
Wenn das hier vorbei ist, leiste ich RTM öffentlich Abbitte und schaue mir ein Wochenende lang jede dämliche Show an, die sie mir vorsetzen. Das schwöre ich!
II
»Bleiben Sie zurück!«
Es steckt kein Segen darin, mutige, aber schlecht ausgebildete Personen in Gefahr zu bringen. Ich bin Mitglied des Sicherheitsdienstes, und neben der Sicherheit des Pharaos gehört die Sicherheit der Bevölkerung Kemets sowie seiner Kolonien überall auf der Welt zu meinen Aufgaben.
Das klingt gewaltig, reduziert sich aber in den meisten Fällen auf Leute wie den Tempelwächter, dessen Hand bereits auf seiner Pistole ruht.
»Sind Sie sicher?«, will er wissen und kassiert dafür einen schiefen Blick. Ich bin mir nicht einmal sicher, tatsächlich vor dem Ramesseum zu stehen. Am Ende ist das nur ein beschissener Traum.
»In Ordnung«, nuschelt der Mann nach ein paar Sekunden und geht die Stufen hinab.
»Was soll das?«, rufe ich den Kuttenträgern ebenso zu wie dem Wesen. Da es den Tempel verlassen hat, kann ich es deutlich erkennen.
Auf einem gedrungenen Körper sitzt ein riesiger Schlangenkopf. Es besitzt keine Glieder im eigentlichen Sinne, dafür aber Fortsätze, die aus seinem geschuppten Leib ragen. Kleidung trägt es nicht, ebenso wenig besitzt es Genitalien. Nun ja, vielleicht doch, aber wenn, dann sind sie nicht zu erkennen.
Die Augen funkeln in einem tückischen Gelb, zwischen den schmalen Lippen erscheint hin und wieder eine gespaltene Zunge. Ohren sind in Form kleiner Löcher realisiert, die immer dann zu erkennen sind, wenn die Kreatur den Kopf nach links oder rechts dreht – was sie eigentlich ständig tut.
Ein Schlangengott? Was bei Anpu ist das?
Die Kuttenträger bleiben stehen, Sie fixieren mich, sagen aber vorerst nichts. Auch die Kreatur schweigt.
»Mein Name ist Nefer-Neferu-Anpu!«, rufe ich ihnen entgegen, »Agentin des Sicherheitsdienstes. Ich verlange zu wissen, was das ...«
Das Wesen lässt ein Zischeln hören. Sofort verneigen sich seine Anhänger. Einer von ihnen tritt vor.
»In den Staub mit dir. In den Staub, auf dass du vor Leemur Demut zeigst.«
»Leemur?«,
»Leemur!« Er deutet auf das Schlangenwesen. »Gekommen aus den Tiefen des Westlichen Reichs, gefürchtet von den Westlichen, gehasst von Anpu und Osiris.«
»Nicht nur von denen.« Ich sehe, dass die Stadtwache anrückt und in einiger Entfernung Barrikaden errichtet. Die Panik der Touristen hielt nur ein paar Nebi. Dann überwog die Neugier und nun bilden sie eine homogene, gaffende Masse.
»Du kannst dich uns nicht in den Weg stellen. Das Ba der Getöteten nährte Leemur. Er ist gekommen, um ein neues Zeitalter einzuläuten. Seine Macht wird erstrahlen und den Glanz der Götter beiseite fegen.
»Was für ein elender Mist!«
Einer der Kuttenträger kommt auf mich zu – und entschied damit, wen ich zuerst erschieße.
Die Power-Shot II bellt auf und schickt ihre Hochgeschwindigkeitsgeschosse auf die Reise.
Vier von den Spinnern erwische ich, dann schiebt sich Leemur vor seine Anhänger und schützt sie. Von ihm prallen die Kugeln ab.
Wieder zischelt das Wesen.
»Du hast dein Todesurteil gesprochen«, ruft mir einer der Männer aus sicherer Deckung zu, während das Schlangenbiest über den Boden schwebt.
Ein Dämon aus dem Duat. Das gibt’s doch alles nicht. Wütend stecke ich die Pistole ein und ziehe das Schwert. Die Energieklinge schießt aus dem Griff. Sie funkelt in einem tiefen Rot, was anzeigt, dass die Waffe Maximum-Energie liefert. Damit könnte ich ein Loch in die Mauer des Ramesseums brennen, wenn es notwendig wäre. Oder in ein Eisentor, in Gold ... Ganz egal.
Brennt es auch Löcher in Leemur?
Die Kreatur scheint sich nicht um meine Waffe zu kümmern. Sie zischelt und nähert sich mir mit fließenden Bewegungen. Sie berührt dabei zwar nicht den Boden, schlängelt sich aber doch vorwärts.
Die Stadtwache rückt auf. Sie halten schwere Pulse-Gewehre in den Händen, tragen gepanzerte Uniformen und wirken entschlossen.
Vielleicht sollte ich ihnen den Vortritt lassen?
»Du wirst Kemet nicht regieren«, lasse ich das Wesen wissen. »Ganz egal, ob ich heute zu den Westlichen gehe oder nicht.«
Abermals zischelt das Wesen. Hinter mir durchbrechen Reporter von RTM und Kemet One die Absperrung. Sie wollen ein besonders gutes Bild von der Bestie einfangen.
»Du gehst nicht zu den Westlichen!«, lässt mich Leemurs Anhänger wissen. Noch immer verbirgt er sich hinter dem Biest. »Dein Ba wird meinen Meister stärken.«
»Ah.« Mit einem beherzten Sprung werfe ich mich Leemur entgegen, reiße den Arm empor und will die Klinge in den Leib der Kreatur stoßen.
Sie ist schneller.
Noch bevor ich sie erreiche, trifft mich ein Schwall stinkender, grüner Flüssigkeit, die aus ihrem Rachen schießt und mich nicht nur stoppt, sondern zur Seite schleudert.
Allein der Geruch dreht mir bereits den Magen um. Angewidert wische ich mich ab.
Verdammt.
Meine Kleidung ist über und über mit diesem elenden Zeug besudelt. Es läuft mir in den Kragen, über die Hände und etwas davon ist sogar in meinen Mund geflossen.
Was für ein elender Mist!
Langsam komme ich wieder auf die Beine. »Toll, du hast mich angespuckt. So hat noch niemand versucht, mich in die Flucht zu schlagen. Aber bei dem Gestank, den deine Spucke verströmt ...«
»Du solltest tot sein!«, lässt mich einer der Leemur-Anhänger wissen. Noch immer kauert er hinter seinem Herrn und Meister, um mir kein Ziel zu bieten. »Diese Flüssigkeit ist tödlich.«
»Wenn du meinst ...« Abgesehen von dem Geruch geht es mir gut. Darum lasse ich das Schwert in der Hand kreisen. »Mal sehen ...«
Ich will wieder angreifen, doch Leemur kommt mir zuvor. Er schickt einen weiteren Schwall seiner Spucke auf die Reise. Gleichzeitig schnellt sein Kopf in meine Richtung.
Diesmal erwischt er mich nicht!
Mit einer raschen Drehung entgehe ich dem Angriff, drehe das Schwert erneut in der Hand und stoße es gegen die Schnauze des Wesens.
Sie reißt eine tödliche Wunde.
Nun ja, wenn sich die Verletzung infiziert und das Wundfieber seinen Lauf nimmt, könnte die Wunde in ein paar Monaten oder Jahren tödlich sein.
Das ist ein Anfang!
Scherz beiseite – mir wird klar, dass ich Leemur auf diese Weise nicht besiegen kann. Da sowohl die Pistole als auch das Schwert kaum etwas bewirken, gehen mir die Alternativen aus.
Abermals schnellt Leemurs Kopf vor. Nur knapp entgehe ich dem Angriff.
Die Wachen bleiben zum Glück ruhig. Nicht auszudenken, wenn sie die Nerven verlieren. Freundliches Feuer ist so tödlich wie feindliches.
»Anpu, ich könnte hier ein bisschen Hilfe gebrauchen!«, rufe ich verzweifelt. Es gibt Leemur, vielleicht kann auch Anpu diese Welt betreten und mir, die ich ihm geweiht bin, zur Seite stehen. Meiner Mutter erschien er schließlich auch.
Hoffnung, dass mir der Totengott tatsächlich seine Hilfe angedeihen lässt, habe ich keine. Umso mehr erstaunt es mich, dass plötzlich, aus dem Nichts, mehrere halbnackte Männer rechts und links von mir erscheinen.
In Händen halten sie goldene Lanzen, ihre Gesichter verschwinden hinter schwarzen Schakalmasken.
Es sind zehn, und sie bewegen sich mit erstaunlicher Behändigkeit.
Plötzlich befindet sich Leemur auf dem Rückzug. Er sieht die Männer nicht nur, er scheint sie auch zu kennen.
Fast schon erschrocken zischelnd zieht sich das Wesen zurück, ins Innere des Ramesseums. Die Maskierten folgen ihm. Zurück bleiben die noch lebenden Diener der Kreatur. Sie wurden von dem Rückzug ihres Dämons überrascht, sodass sie nicht folgen können.
»Stopp!«, donnere ich ihnen entgegen, gebe dann aber der Stadtwache einen Wink. Sollen sie die Männer einsperren und vor Gericht stellen lassen.
Ich hingegen eile ins Innere des Tempels. Dort hat der Kampf bereits begonnen. Er wird verbissen geführt, wie sich zeigt. Drei der Maskierten sind tot, andere verletzt.
Aber auch Leemur ist angeschlagen. Seine Gegner dringen auf ihn ein.
Plötzlich sieht das Wesen nur noch eine Möglichkeit, sein Leben zu retten; es verpufft in einer grünen Wolke.
Einer der Maskierten tritt auf mich zu. »Leemur ist zurückgekehrt in den Duat. Dort wird sich Anubis seiner annehmen.«
»Danke.« Ich will mich verbeugen, aber der Maskierte schüttelt den Kopf.
»Danke nicht uns. Dir wurden die Augen geöffnet, Nefer-Neferu-Anpu. Anubis liebt dich, er wacht über deine Geschicke. Er gibt, erhofft und verlangt viel.« Damit reicht er mir eine Kette mit Anhänger in Form eines sitzenden Schakals. »Trage den Schmuck, denn er verbindet dich mit Anpu.«
Er streift mir die Kette über. Ein sanftes Prickeln geht von dem Anhänger aus. Es erfasst meinen Körper, ehe es zu verblassen scheint. Erst nach ein paar Sekunden wird mir klar, dass ich mich bereits daran gewöhnt habe. Auch wenn dies weder logisch noch vernünftig klingt, trifft es doch zu.
Die Männer nicken mir zu, dann verschwinden sie so rasch, wie sie gekommen sind. Auch die Toten nehmen sie mit.
Verwirrt bleibe ich zurück. Abgesehen von der Verwüstung deutet nichts mehr auf das hin, was hier geschehen ist.
Ich glaube, das ist erst der Anfang. Das dicke Ende kommt noch.
Auf dem Weg hinaus ignoriere ich die fragenden Blicke der Wache ebenso wie das Gebrüll von Reportern. Ich weiß ja selbst nicht, was genau geschehen ist.
Leemur verließ den Duat, tötete, um an die Seelen zu gelangen und in seiner Form in Erscheinung zu treten. Anubis schickte seine Helfer, um mich zu retten.
So wird es in meinem Bericht an die Vorgesetzten und Pharao stehen. Sollten sie mich deswegen in die Anstalt einliefern, dann bitte.
Epilog
Die Ruhe nach dem Sturm
I
Memphis, heute
Alysha ist nackt. Sie steht vor mir, erneut berühren ihre Brüste die Wasserlinie des Beckens, in dem ich mein abendliches Bad nehme. Ihre Zehen berühren meine Füße, ihr Blick ist demütig, aber auch zärtlich.
Das Essen, welches sie bereitete, schmeckte einmal mehr köstlich. Nun sind die Teller und Tassen leer.
Sie schaut mir in die Augen, ihre Hände liebkosen meine Schultern. Zuvor ließ sie sich von meinem Kampf gegen Leemur berichten, doch nun will sie nicht mehr sprechen.
Wie bizarr. All die Geschichten, Filme und Bücher über Liebe zwischen Sklaven und Besitzern erschienen mir stets lächerlich. Billiger Kitsch, der mich nicht erreichen konnte.
Nun ist es, als ob mir eine höhere Macht meinen Spott von einst mit Anlauf in den Rachen schieben möchte.
Isis vielleicht, die mich Demut vor der Liebe lehren will?
Alysha gehört mir. Ich kann sie nutzen, wie es mir in den Sinn kommt. Sie bei Nacht verführen und bei Tage das Haus reinigen, mein Essen zubereiten und meine Kleider waschen lassen.
Sie weiß, dass dem so ist, und ich weiß es. Schließlich ist Alysha nicht meine erste Sklavin. Schon als Kind besaß ich eine Leibeigene, die mir zur Hand ging. Einst, aber das ist schon lange her, misshandelten die Besitzer ihre Sklaven, ließen sie hungern oder frieren.
Dies ist aus gutem Grunde illegal. Sklaven geben sich in die Hände ihrer Besitzer und genießen einen besonderen Schutz.
Das bedeutet jedoch nicht, dass man sich nicht mit ihnen vergnügen darf.
Hier aber ist es anders. Das wird mir klar, je länger ich in die braunen Augen der jungen Frau schaue.
Mir ist wichtig, dass Alysha glücklich ist. Dass sie meine Nähe genießt, meine Küsse begehrt und sie nicht aus Pflichterfüllung über sich ergehen lässt.
Sie kommt näher, sodass sich unsere Brüste berühren. Ich kann ihre steifen Nippel auf meiner Haut spüren, sehe die Lust in ihrem Blick. Sie bittet mich, auf dem Beckenrand Platz zu nehmen. Ich tue es, lege meine Beine auf ihre Schultern und spüre ihre Lippen an meiner Schnecke.
Für die nächsten Stunden vertreibt die Lust meine Überlegungen, ist nichts anderes wichtig, als zu fühlen, zu nehmen und zu geben.
Dann aber werden meine Gefühle wieder in den Vordergrund treten. In naher Zukunft werde ich eine Entscheidung treffen müssen. Gemeinsam mit Alysha, denn auch wenn sie meine Sklavin ist, darf ich nicht ihre Liebe, ihr Vertrauen in mich oder gar ihr Leben zerstören.
Aber das ist eine andere Geschichte und soll an anderer Stelle erzählt werden ...
Ende
Fußnoten:
1 Das Jahr 2009 nach der Restauration des Pharaonischen Zeitalters – 30 Jahre nach dem Tode von Kleopatra VII. und dem Ende der Ptolemäischen Phase.
Copyright © 2010 by Gunter Arentzen
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