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Jeremias Flöte Eine Fantasy-Kurzgeschichte von Fabienne Siegmund
Denn einst, als er noch in den Wäldern Irlands gelebt hatte, war Jerry ein Faun gewesen. Mit Hörnern, Eselsohren und Ziegenbeinen und dem Namen, den er hier in New York abkürzte, weil Jeremias nicht nach dem klang, das er jetzt war – ein Straßenmusiker mit einer Panflöte, der die Menschen der Brooklyn Bridge auf dem Weg nach Manhattan verzauberte und am Abend auf die andere Seite ging, um ihnen den Weg zurück nach Brooklyn zu versüßen, wenn sich in Manhattan wieder einmal Träume nicht erfüllt hatten. Das geschah oft, Jerry sah es in den Gesichtern der Menschen und oft hatte er gedacht, dass man die Brooklyn Bridge in die Brücke der zerbrochenen Träume umbenennen sollte – zumindest den Weg, der von Manhattan kam. Der, der dorthin führte verdiente diesen Namen nicht. Denn auf ihm erwachten die Träume und Hoffnungen der Menschen wieder, Morgen für Morgen, nachdem sie Abend für Abend zerbrachen. In Irland, als er noch ein Faun war, hatte er sich darum nicht gekümmert. New York, das waren für ihn nur zwei fremde Worte gewesen. Nie hatte er eine Stadt der Menschen betreten, stets hatte er nur auf den grünen Ländereien der Insel gelebt, sich in kleinen Wäldern verborgen gehalten wie all die anderen Geschöpfe, an die die Menschen längst nicht mehr glaubten. Doch etwas hatte ihn damals dazu bewogen, sich umzudrehen und Marisil noch einmal anzusehen. Sie schwieg immer noch, aber ein Blick in die Augen der Elfe verriet ihm, dass er auch ihr Herz gebrochen hatte. Und eine ungute Ahnung war in ihm aufgestiegen, dass gebrochene Elfenherzen etwas ganz anderes waren als gebrochene Faunherzen. Und seine Ahnung sollte ihn nicht täuschen. Warum auch. Er war ein Faun, jedenfalls zu diesem Zeitpunkt noch. Denn schon ein paar Minuten später war er ein junger Mann mit einem Faunwesen. Marisil hatte ihm alles genommen, was Faun an ihm war und es mit Dingen vertauscht, die ihn zum Menschen machten. Und viel schlimmer noch, sie hatte ihn verflucht. »Du hast mein Herz gebrochen.« Mit diesen Worten hatte sie begonnen zu sprechen, und ihre Stimme war weder weich noch warm wie sonst. Jeremias hatte sie angeschaut. Er war versucht zu sagen, dass Herzen brechen müssen, damit Licht hineinkommen kann, aber er wagte es nicht. Marisil sah nicht so aus, als wäre sie derselben Meinung, und als die erste Träne ihre Wange herunter rann – die sie gleich schnell fortwischte – war er froh, es nicht gesagt zu haben, denn sie tat ihm leid. Fast schien es ihm, als könnte er ihren Schmerz fast körperlich spüren. Dann aber hatte er bemerkt, dass ihm tatsächlich alles wehtat. Der Kopf, die Ohren und die Beine. Und als er an sich hinabsah und seinen Kopf betastete, war er ein Mensch geworden. In Marisil Augen lag ein bitteres Lächeln. »Ich sehe, dass es dir fast Leid tut«, sagte sie, als sie das Entsetzen in seinen Augen wahrnahm. »Aber ich kann es nicht ungeschehen machen. Du hast mein Herz gebrochen. Elfenherzen bricht man nicht ungestraft.« Ihr bitteres Lächeln wich einem traurigen Ausdruck. »Aber ich kann dir die Chance geben, wieder ein Faun zu werden.« Und dann hatte sich Marisil einfach aufgelöst. In Nebel und Sternenschimmern, wie es Elfen immer taten. Und Jeremias war zurückgeblieben, als Mensch mit einer Panflöte in der Hand. Irgendwie war er von Irland hierher gekommen, ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten und seither spielte er Tag für Tag auf der Brooklyn Bridge auf der magischen Flöte. Und wie es Marisil beschworen hatte, lockten die Melodien Frauen an, eine schöner und verführerischer als die andere, und wenn er abends eine von ihnen in sein kleines Loft in Brooklyn mitnahm, gab es nicht eine, die ihn enttäuschte. Doch am Morgen, wenn die Sonne aufging, musste er ihnen stets sagen, dass es nicht mehr war, als diese eine Nacht und jedes Mal stand in ihren Augen geschrieben, dass ihr Herz gebrochen war. Und Jerry, der den Namen Jeremias in Irland gelassen hatte, litt, wie Marisil gesagt hatte. Wörter wie »Mistkerl«, »Drecksack«, »Arschloch« und »fieses Schwein« waren nur die harmlosesten, mit denen man ihn allmorgendlich betitelte. Jedes Mal, wenn die Tür sich hinter einer Blonden, Brünetten oder Schwarzhaarigen schloss, weinte Jerry für ein paar Minuten, ehe er sich aufmachte zur Brooklyn Bridge, wo er die Klänge seiner Flöte mit dem Wehen des Windes zur Melodie der Träume vermischen würde um damit ein neues Mädchen in seine Arme zu locken. Jetzt legte Jerry die Flöte an die Lippen und begann eine leise Melodie zu spielen. Der Wind über ihm heulte kurz auf, und mit seinen Faunaugen konnte er sehen, dass sich die Richtung, in die er durch die spinnennetzartigen Verstrebungen der Brücke pfiff, gedreht hatte. Sie wehte nach Manhattan, dorthin, wo die Menschen mit ihren Träumen rannten. Jerry überlegte, was für eine Frau ihn wohl heute begleiten würde. Insgeheim hoffte er, dass eine bestimmte wieder vorbeikommen würde – eine dunkelhäutige Schönheit, mit ebenholzfarbenen Augen und wilden Locken. Bislang war sie den Verlockungen seiner Flöte immer entwichen. Seit Tagen lief sie an ihm vorbei, morgens wie abends, und immer schenkte sie ihm ein Lächeln, aber nie blieb sie stehen. Es waren immer andere, die stehen blieben und ihn schließlich begleiteten. Jerry aber sehnte sich nur nach dieser einen fremden jungen Frau, und immer, wenn er sie in ihrem schillernd roten Mantel über die Brücke kommen sah, entlockte er seiner Flöte noch zauberhaftere Töne als sonst, aber sie schien sie nicht zu hören, und damit blieb ihr auch die Sehnsucht verborgen, die der verfluchte Faun in dieses Lied legte. Er setzte die Flöte kurz ab und stieß einen Seufzer aus. Dann sah er in der Ferne, am Beginn der Brücke auf der Brooklyner Seite, einen roten Mantel aufblitzen und sofort setzte er die Flöte wieder an. Vielleicht würde sie heute stehen bleiben. Immerhin war er, auch wenn er nicht mehr so aussah, ein Faun. Und musste ein Faun, selbst ein Wunderwesen, nicht an Wunder glauben? Doch wie auch die Tage zuvor ging die junge Frau mit der Schokoladenhaut und den Ebenholzaugen einfach weiter. Aber immerhin – sie schenkte ihm ein Lächeln, und das allein ließ Jerry mit den Tönen seiner Flötenmelodie in den Himmel schweben. Dieses Mal sah er sie nicht auf dem Rückweg, vielleicht hatte sie noch in Manhattan zu tun. Am Abend war es eine Blondine, die ihn begleitete und am Morgen waren es die mit Tränen untermalten Worte »Mistkerl« und »Arschloch«, mit der die Tür der kleinen Wohnung ins Schloss fiel. Ihm blieben danach nur die Tränen, die am Anfang noch nach Marisil geschmeckt hatten, über die Jahre aber nur noch salzig geworden waren. Auch der nächste Tag begann auf der Brücke, die Leute gingen an ihm vorbei, viele schenkten ihm ein Lächeln, und auch die Frau im roten Mantel kam wieder. Ihre Schritte waren langsamer als sonst und dann blieb sie vor Jerry stehen, der gerade seine Panflöte zu neuen Melodien führte. Um die Zeit zu vertreiben, spielte er weiterhin Flöte, und die Melodie kam ihm heute beschwingter vor als sonst, und der Wind spielte mit seinen Haaren und trug die Melodie davon, wie immer in die Herzen der vorbeieilenden Passanten. Gegen Nachmittag bliebe eine Schwarzhaarige vor ihm stehen und in ihren grünen Augen stand der Ausdruck, den er alltäglich in den Augen derer lesen konnte, die er mitnahm. Doch heute, heute würde er auf die Ebenholzaugen warten um ihnen ihr Schlaflied zu flöten. Die Schwarzhaarige zog einen enttäuschten Schmollmund, als er nicht auf ihre herausfordernden Blicke einging, und zog dann von dannen. Eliza kam erst spät, und sie sah müde aus. Doch als er sie mit seinem Flötenspiel begrüßte, lächelte sie. Als er die Flöte sinken ließ, stand sie vor ihm. Die Brücke war inzwischen leerer, auch wenn New York niemals schlief. Vielleicht, dachte Jerry, schläft diese Stadt für diesen einen Moment, in dem wir uns treffen, wie Städte es manchmal zu tun scheinen, wenn sich Wünsche erfüllen. Dann standen sie vor dem Hauseingang, über dem irgendwo Elizas Wohnung lag. Keiner von beiden machte Anstalten, den anderen zu verlassen, aber genauso wenig machte einer eine Geste der Einladung oder eines nächsten Schrittes. Sie standen einfach nur so da. Dann, vielleicht Ewigkeiten, vielleicht auch nur Minuten später, reckte sich Eliza ein wenig und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange, so zart wie die Berührung eines Schmetterlingflügels. Und dann verabschiedete sie sich und ging hinein. Als sich die Tür schon fast schloss, sagte sie: »Bis morgen.« Am Abend aber traf er Eliza wieder, und erneut brachte er sie nach Hause. Dieses Mal trafen sich ihre Lippen und hielten einander fest, doch als er in ihr weiches, nach Vanille duftendes Haar hineingriff, löste sie sich von ihm und flüsterte erneut: »Bis morgen.« Eines Tages – die Wochen und Monate waren so verronnen, mit Elizas Küssen und den Frauen, denen er das Herz brach, war er wieder mit Eliza unterwegs zu ihrer Wohnung. Es war Sommer, und sie hatte den roten Mantel gegen einen dünnen Blazer eingetauscht. Ihre schmalen Beine steckten in engen Jeans und unter dem Blazer trug sie nichts weiter als ein Top. Als sie vor Elizas Tür wieder in einem innigen Kuss versanken und sie sich in dem Moment wieder von ihm löste, als er sie an sich drücken wollte, fragte er leise: »Warum darf ich nie mit rauf kommen?« Als Jerry in dieser Nacht nach Hause spazierte, spielte er nicht Flöte, ja, er merkte noch nicht einmal, wie er sich zum allerersten Mal allein in sein breites Bett legte, dessen Laken immer noch zerwühlt von der letzten Nacht waren. In seinem Kopf gab es nur Raum für einen einzigen Gedanken: Woher wusste Eliza von dem Fluch? Er kam erst wieder zu sich, als er schon längst ins Reich der Träume getaucht war. Marisil stand vor ihm, und wieder lag ihm Rosenduft in der Nase. »Sie weiß es«, hauchte sie mit der gleichen Stimme, mit der sie damals den Fluch ausgesprochen hatte, »weil die Flöte es ihr gesagt hat. Es lag in der Melodie.« Aber jetzt stand die Sonne schon hoch am Himmel und Jerry fluchte. Bestimmt hatte er Eliza bereits verpasst, sie jagte schon nach ihren Träumen in Manhattan. Dennoch rannte Jerry los, immer noch die Panflöte in der Hand, durch die Straßen, die für ihn heute wie undurchdringbare Schluchten wirkten, hinauf auf die Brücke, zwischen deren Eisenspinnenweben der Wind pfiff und auf seine Melodien wartete. Als er auf der Brücke ankam, wirbelte der Wind bereits ungeduldig zwischen den Stahlseilen umher. Er zerstrubbelte seine Haare, obwohl er sie nicht einmal gekämmt hatte. Die Hörner fehlten ihm immer noch, aber er wusste, dass sie ihm niemals so sehr fehlen konnten wie Eliza. Und als sie vor ihm stand, ließ er die Flöte sinken und zerbrach sie mit einem lauten Knacken. Er spürte, wie der Faun in ihm für immer verging, aber es war ihm egal, denn er sah nur Elizas Lachen. Copyright © 2009 by Fabienne Siegmund
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